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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Eiche

Foto: Mies

Königin des deutschen Waldes

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Kelten und Germanen, Griechen und Römern hat kein anderer Baum mehr Respekt eingeflößt als die Eiche. In vielen Kulturen gilt sie seit Jahrtausenden als Sinnbild für Wahrheit, Standhaftigkeit und Treue. Noch heute nutzt die moderne Medizin die heilenden Kräfte der Eichenrinde.

Die hoch wachsende und tief wurzelnde Eiche besaß schon immer eine starke Symbolkraft. Da sie häufig Blitze anzog, hielten viele Völker sie für einen mystischen, heiligen Baum. Die alten Griechen sahen in ihr die Verbindung zwischen Himmel und Erde und weihten sie ihrem höchsten Gott Zeus. In dem Eichenorakel von Dodona, einem altgriechischen Heiligtum des Zeus, hörten Priesterinnen Schicksalssprüche aus dem Rauschen der Eichenblätter heraus. Auch die Römer ordneten den Baum ihrem höchsten Gott Jupiter zu, die Kelten dem Himmelsherrscher und Wettergott Tanaris. Die sakrale Bedeutung der Eiche für die Kelten zeigt sich daran, dass sie ihre Priester als Druiden bezeichneten. Duir ist das keltische Wort für die Eiche. Die Germanen hatten die Eiche ihrem Gewittergott Donar geweiht. Unter Eichen lagen ihre Versammlungsplätze, wo sie vor wichtigen Entscheidungen den Rat der Götter anriefen.

Außerdem sahen sie in der Eiche den Weltenbaum, der verhinderte, dass der Himmel auf die Erde herabfallen konnte. So viel heidnische Zuneigung war den christlichen Missionaren ein Dorn im Auge. Im Zuge der Christianisierung soll Karl der Große persönlich eine symbolträchtige mächtige Eiche gefällt haben. Auch der heilige Bonifatius, Apostel der Deutschen, ließ auf einer Missionsreise in Geismar bei Fritzlar (Hessen) eine uralte Eiche, die sogenannte Donar-Eiche, fällen und aus ihrem Holz eine Kirche bauen. Als die Himmelskuppe nicht einstürzte und Donar keinen Blitz auf die Erde herabschleuderte, ließ sich das heidnische Volk bekehren. Der deutsche Name Eiche entwickelte sich möglicherweise aus dem Begriff "Eik", was bei den Germanen so viel wie Baum oder Laubbaum hieß.

Die Menschen des Mittelalters verurteilten Verbrecher im Schatten der Eiche. Eine der ältesten Eichen Deutschlands, die sogenannte Femeiche in Raesfeld im Kreis Borken, diente als ein solcher Gerichtsbaum. Sie ist etwa 1500 Jahre alt und wurde auch Ravenseiche (Rabeneiche) genannt. Der Sage nach saß der Gott Odin als Richter unter der Eiche, während seine Raben in den Zweigen des Baumes hockten, in alle Himmelsrichtungen schauten und dem Gott erzählten, was rundum geschah. Das Femgericht urteilte im Namen des Kaisers über Schwerverbrecher wie Mörder und Räuber. Derzeit misst der Umfang der Femeiche etwa zwölf Meter. Viele Besucher des alten Baums staunen darüber, dass er immer noch wächst und jedes Jahr grüne Blätter trägt. Sein Stamm steht schief, ist völlig hohl und durchlöchert, nur dicke Stützen und Eisenstangen halten ihn aufrecht. Erst im 16. Jahrhundert verlor das Femgericht seine Befugnisse, Ende des 18. Jahrhunderts wurde es völlig abgeschafft.

Wenn auch der Kultcharakter der Eiche nachließ, so blieb ihr Charisma bis in die Neuzeit erhalten. In den Jahren der französischen Revolution avancierte sie zum "Freiheitsbaum". Noch heute zieren Eicheln und Eichenlaub zahlreiche Rangabzeichen, Wappen und Münzen wie die Rückseite der deutschen 1-, 2- und 5-Cent-Münzen.

Hartes Holz für den Schiffsbau

Zur Zeit des Mittelalters erkannten die Menschen zunehmend den Nutzwert der Eiche. Das außerordentlich harte und wetterbeständige Holz eignet sich ideal für den Bau von Häusern, Brücken, Mühlen und vor allem von Schiffen. Eichenholz ist wegen seiner Widerstandsfähigkeit auch heute noch ein begehrter Baustoff. Die Bauern nutzten die Früchte (Eicheln) für die Tiermast: Im Herbst trieben sie ihre Schweine in die Eichenwälder. Die gerbstoffhaltige Rinde wurde bis in die jüngste Zeit in der Ledergerberei verwendet. Erst durch den Einsatz chemischer Mittel wurde sie verdrängt.

Auch in der Heilkunde hatte die Eiche ihren festen Platz. Bereits die Germanen sollen Eichenlaub zu Bädern verwendet haben. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) berichtete über ihre adstringierende Wirkung. Er verordnete sie bei Magenbeschwerden, Ruhr und Blutspeien. Mediziner und Pflanzenkundler des 16. Jahrhunderts wie Hieronymus Bock und Matthiolus empfahlen die Rinde als Adstringens bei Hämaturie, starker Menstruation und Gonorrhoe. Der praktische Arzt Albrecht von Haller aus der Schweiz (1708 bis 1777) verwendete die Rinde äußerlich in Bädern, Gurgelmitteln und Salben. Innerlich verordnete er die Blätter und Früchte gegen Durchfall. In der Volksmedizin wurde die Eichenrinde vielseitig eingesetzt, besonders um Entzündungen im Mund und auf Schleimhäuten zu heilen.

Vier bedeutsame Arten

Die Eiche gehört zur Familie der Buchengewächse, der Fagaceae. Neben der Buche ist sie ein wichtiger Bestandteil der Laub- und Mischwälder Mitteleuropas. Als sehr artenreiche Gattung wachsen Eichen in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel als sommer- oder immergrüne Bäume. Die Stieleiche mit der botanischen Bezeichnung Quercus robur L. ist in Mitteleuropa über Kleinasien bis in die Kaukasusländer weit verbreitet. Sie ist auch bekannt unter den Namen Sommereiche und Deutsche Eiche. Stieleichen wachsen auf nährstoffreichen und sandigen Böden, ertragen auch stauende Nässe, so dass die Art auch in Auenwäldern vorkommt. Ebenfalls heimisch in ganz Europa, der Türkei und im Kaukasus ist Quercus petraea, die Trauben- oder Wintereiche. Sie bevorzugt vorwiegend trockene Gesteinsböden. Beide Arten sind in Deutschland weit verbreitet von der Ebene bis in niedere Gebirgslagen. Quercus pubescens, die Flaumeiche, ist dagegen mehr in den Ländern nördlich des Mittelmeeres und rund um das Schwarze Meer anzutreffen. Alle drei Quercus-Arten sind nach dem Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur. 5. Ausgabe, Grundwerk 2005 ) zugelassen als Lieferanten der Arzneidroge Eichenrinde - Quercus cortex.

Quercus robur, die Stieleiche, ist der mächtigste Baum der drei Arten. Seine Krone wächst breit, unregelmäßig und stark verzweigt. Bereits die Römer gaben der Eiche den Namen "Quercus", das lateinische Wort "robur" steht für Kraft und Stärke. Der Stamm der Stieleiche teilt sich häufig schon wenige Meter über dem Boden in starke, knorrige und gekrümmt-gewundene Äste. Die Rinde des jungen Quercus robur ist glatt und glänzend und wird daher als Spiegelrinde bezeichnet. Ältere Bäume bilden eine graubraune, tief rissige Borke. Manche Exemplare erreichen eine Höhe von 50 Metern, Traubeneichen dagegen nur höchstens 30 Meter. Der Stamm der Traubeneiche ist meist schlanker und in der Regel bis zum Wipfel sichtbar mit breiter, geschlossener, regelmäßiger Krone.

Die charakteristisch buchtig-fiederlappigen Eichenblätter sind kurz gestielt oder fast sitzend und von kräftig grüner Farbe, die im Herbst in ein leuchtendes Gelb und schließlich in Braun übergeht. Besonders kleinere Exemplare behalten die trocken-braune Belaubung oft bis zum nächsten Frühjahr.

Mitte April bis Ende Mai bilden die Eichen eingeschlechtliche, unauffällige Blüten. Die männlichen Blüten sind in locker hängenden Kätzchen angeordnet, die weiblichen Blüten sitzen einzeln oder bis zu fünf in lang gestielten Ähren an den Triebenden. Aus ihnen reifen im Herbst Nussfrüchte, die Eicheln, heran. Die Früchte werden am Grunde etwa bis zu einem Drittel von dem charakteristischen Fruchtbecher, der Cupula, umschlossen. Die Früchte der Stieleiche sitzen einzeln oder bis zu fünf gemeinsam auf einem etwa acht Zentimeter langen Stiel. Im Gegensatz dazu ist der Fruchtstiel von Quercus petraea nur maximal einen Zentimeter lang.

Die typischen Merkmale der wesentlich kleineren Flaumeiche, Quercus pubescens, sind die filzigen jungen Äste, Blattknospen und Blattstiele sowie die auf der Unterseite weichhaarigen Blätter.

Insbesondere Weinliebhaber kennen das Produkt einer weiteren Eichenart: Quercus suber, der Korkeiche. Sie ist in den westlichen Mittelmeerländern heimisch. Für die Herstellung haltbarer Stopfen ist die erste rissige Korkrinde (männlicher Kork) unbrauchbar und wird daher abgeschält. Erst aus der sich wieder neu bildenden Borke (weiblicher Kork) können gute Stopfen geschnitten werden. Damit die Borke ausreichend dick ist, kann die Korkeiche nur alle zehn bis fünfzehn Jahre geschält werden.

Nur die Rinde junger Triebe

Die Arzneibuchware "Eichenrinde - Quercus cortex" besteht aus der geschnittenen und getrockneten Rinde frischer, junger Zweige von Quercus robur L., Quercus petraea (Matt.) Liebl. oder Quercus pubescens Willd. Die Droge muss mindestens 3 Prozent Gerbstoffe, berechnet als Pyrogallol, aufweisen.

Zur Gewinnung der Droge werden etwa zehn Jahre alte Bäume abgeholzt. Aus ihren Wurzeln sprießen neue Triebe, deren borkenfreie, glatte Rinde im Frühjahr vor dem Austreiben der Blätter geerntet und anschließend rasch getrocknet wird. Nur die Rinde junger Zweige enthält eine ausreichend hohe Konzentration an Gerbstoffen. Die Droge stammt überwiegend aus Wildbeständen Ost- und Südosteuropas.

Abhängig von der Eichen-Art, vom Erntezeitpunkt und vom Alter der Zweige enthält die Droge ein sehr heterogenes Gerbstoffgemisch, dessen Gehalt zwischen 8 und 20 Prozent liegen kann. Aufgrund des Gerbstoffgehaltes schmeckt die Droge kräftig adstringierend und leicht bitter.

Bei Entzündungen und Durchfall

Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes bewertete 1990 Eichenrinde als positiv. In der Monographie Quercus cortex (Eichenrinde) beschrieb sie ihre äußerliche Anwendung bei entzündlichen Hauterkrankungen in Form von Bädern oder Umschlägen. Gurgellösungen und Spülungen lindern leichte Entzündungen im Mund- und Rachenraum sowie im Genital- und Analbereich. Als Fußbad lindert die Rinde vermehrte Fußschweißsekretion. Innerlich hilft sie bei unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen.

Für die entzündungshemmende Wirkung der Eichenrinde sind vor allem die Gerbstoffe verantwortlich. Sie wandeln lösliche oder quellbare Proteine in unlösliche und nicht mehr quellfähige Eiweißstoffe um. Dadurch wird die Sekretion oberflächlicher Hautdrüsen gehemmt und die Flüssigkeitsabsonderung aus dem Gewebe herabgesetzt. Als Folge entsteht eine schützende Membran, und Bakterien wird der Nährboden entzogen. Eichenrinde wirkt somit indirekt antibakteriell. Die Gerbstoffe der Rinde wirken außerdem mild oberflächenanästhesierend und juckreizstillend.


Wissenswertes über Eiche, Gallen und Acidum tannicum

Die Eiche ist theoretisch der langlebigste Baum in deutschen Wäldern. Doch bedingt durch ihr langes Wachstum, das ausgedehnte Wurzelsystem und den hohen Wasserverbrauch ist die Eiche von der Versauerung des Bodens besonders stark betroffen. Der deutschen Eiche geht es daher so schlecht wie niemals zuvor, so das Ergebnis des Waldzustandsberichtes 2005. Laut Bericht sind die Hälfte der Bäume (51 Prozent) schwer geschädigt. Nach Einschätzung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald sterben erst die älteren und zuletzt die jüngeren Eichen ab.

Würde die Eiche aus deutschen Wäldern ganz verschwinden, so stirbt auch eine sehr wirtsspezifische Wespenart aus: Die gemeinen Eichengallwespen (Cynips quercusfolii) erzeugen auf der Eiche apfel-, knobbern- oder linsenförmige Gallen. In diesen sitzen die Larven des Insekts und ernähren sich vom wuchernden Pflanzengewebe. Die Eichengallen (Gallae) sind besonders reich an Gallotanninen, wirken stark adstringierend und werden als Lieferant von medizinisch relevanten Gerbstoffen genutzt.

Von der sehr ähnlichen Gall-Eiche, Quercus infectoria OLIV., stammen Türkische Gallen oder auch Aleppogallen, benannt nach ihrem früheren Ausfuhrhafen Aleppo. Sie entstehen als Gewebewucherung durch die Eiablage der Gallwespe Cynips tinctoria auf den Vegetationspunkt der austreibenden Knospen. Die kugeligen, mit Höckern versehenen, braunen Gebilde sind 1,5 bis 2,5 cm groß. Auch die Türkischen Gallen bestehen zu 60 bis 70 Prozent aus Gallotanninen. Früher verwendete man alkoholische Auszüge zur Behandlung von Hauterkrankungen, heute werden die Gallen noch zur industriellen Gewinnung von Acidum tannicum Ph.Eur. genutzt. Das Homöopathische Arzneibuch enthält eine Monographie der Gallae turcicae.


Bei sehr großflächigen Wunden der Haut dürfen Lösungen aus Eichenrinde nicht angewendet werden. Patienten mit fieberhaften und infektiösen Erkrankungen, mit schwergradiger Herzschwäche und schwergradigem Bluthochdruck sollten ganz auf Vollbäder verzichten. Die Einnahme von Präparaten mit Eichenrinde kann die Resorption anderer Arzneimittel vermindern. Insbesondere gilt dies für Alkaloide und andere basische Arzneistoffe.

Tees schmecken nicht

Aus geschmacklichen Gründen werden kaum Tees aus Eichenrinde getrunken. Bei akutem Durchfall eignet sich das Mono-Präparat Traxaton® mit 140 mg Trockenextrakt aus Eichenrinde pro Tablette. Sollte der Durchfall nach drei- bis viertägiger Behandlung noch bestehen, muss der Patient einen Arzt aufsuchen.

Zur Herstellung von Spül- und Gurgellösungen sowie Umschlägen werden 20 Gramm Droge 15 bis 20 Minuten lang in einem Liter Wasser gekocht und anschließend abgegossen. Soweit nicht anders verordnet, gurgeln Patienten mit Entzündungen im Mund- und Rachenraum mehrmals täglich mit der unverdünnten Lösung.

Für die Bereitung von Voll- und Teilbädern reichen 5 Gramm Droge pro Liter Badewasser. Ein Sitz- oder Fußbad sollte Körpertemperatur haben und zweimal täglich zwischen 15 bis 20 Minuten dauern. Je nach Erkrankung können die Patienten anfangs täglich ein Vollbad, danach zwei bis drei pro Woche nehmen. Alle äußerlichen Anwendungen sollten drei Wochen nicht überschreiten. Bei der Abgabe von Eichenrinde zur äußerlichen Anwendung sollten PTA oder Apotheker darauf hinweisen, dass die gerbstoffhaltige Lösung Behälter und Gewebe möglicherweise braun färbt.

 

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