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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Ananas

Foto: Christina Brunner

Die Frucht des Kolumbus

von Ulrich Meyer, Berlin

Der berühmte Entdecker Amerikas hat auch die Ananas aufgespürt: Cristoforo Kolumbus kostete als erster Europäer eine Ananasfrucht! Danach vergingen mehr als 400 Jahre, bis sich in Europa Mitte des letzten Jahrhunderts Pflanzenforscher für die Bromeliacee interessierten und in den Arzneischatz aufnahmen.

Als Cristoforo Kolumbus (1451-1506) am 4. November 1493 die Antilleninsel Guadeloupe betrat, begrüßten die freundlichen Eingeborenen ihn mit Früchten, die er nie zuvor gesehen hatte. Sie glichen mächtig aufgetriebenen Kiefernzapfen, die auf einem Blätterkranz thronten. Nachdem Kolumbus seine anfängliche Skepsis überwunden und vom saftigen Fleisch der "Zapfen" probiert hatte, zeigte er sich "von ihrem vorzüglichen Aroma ... höchst begeistert".

Botanisch geheimnisvoll

Die Frucht erschien nicht nur Kolumbus fremdartig, auch die Fachgelehrten hatten Schwierigkeiten mit ihrer botanischen Klassifizierung. Heute weiß man, wie sie entsteht: Stängel, Blüten-Deckblätter und einzelne kleine Beerenfrüchte verwachsen kompliziert miteinander, werden fleischig und bilden die Frucht.

Die Indianer der Karibik sowie Mittel- und Südamerikas hatten schon lange vor Kolumbus Landung die Bromeliacee Ananas comosus angebaut. Sie widmeten sich sogar der Züchtung wohlschmeckender, faserarmer und samenfreier Varietäten. Spanier und Portugiesen verbreiteten den Anbau der köstlichen Ananas rasch in den gesamten Tropen, doch scheiterten ihre Freiland-Versuche auf der Iberischen Halbinsel weitestgehend.

Nachdem es gegen Ende des 17. Jahrhunderts gelang, die Ananas-Pflanzen in europäischen Treibhäusern zu kultivieren, schmückten die Früchte viele festliche Bankette. Sie waren so begehrt, dass man sie sogar als dekorativen Blickfang mieten konnte. Erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wurden so viele Früchte beziehungsweise Konserven importiert, dass die Preise sanken und nicht nur wohlhabende Europäer die köstliche Ananas genießen durften.

Enzymatisch wirksam

Erst Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde man auf die medizinischen Einsatzmöglichkeiten der Pflanze aufmerksam. 1957 zeigte sich, dass in den Früchten, mehr aber noch in den Stängeln der Ananas ein eiweißspaltendes Enzym-Gemisch vorkommt, das man Bromelain nannte. Die Bezeichnung leitet sich von der Pflanzenfamilie (Bromeliaceae) und dem bereits aus der Papaya bekannten Enzymgemisch Papain ab. Bromelain lässt sich nach der Ernte der Früchte aus den Abfällen des Ananas-Anbaus gewinnen, indem man das Pflanzenmaterial mit Wasser extrahiert und die Enzyme anschließend mit Methanol oder Aceton ausfällt.

Bei Bromelain handelt es sich um eine Mischung von Glykoproteinen, die im sauren und im alkalischen Milieu Eiweiße spalten können. Deshalb unterstützt das Enzymgemisch die Verdauung sowohl im Magen als auch im Darm. Derzeit dient Bromelain hauptsächlich als entzündungshemmendes Mittel (Antiphlogistikum) zur innerlichen Therapie von Schwellungen durch Ödembildung, wie sie nach Operationen oder starken Verletzungen auftreten.

Einsatzgebiete sind aber auch entzündliche Prozesse, zum Beispiel eine Nebenhöhlenentzündung (Sinusitis) oder eine Venenentzündung mit Thrombose (Thrombophlebitis). Denn: Bromelaine können auch Blutgerinnsel auflösen. Als mittlere Tagesdosis werden bei den genannten Indikationen 80 bis 240 mg Bromelain gegeben, was 200 bis 600 FIP-Einheiten entspricht. FIP ist eine spezielle Einheit für Enzyme, die der internationale Dachverband der Pharmazeuten, die Fédération Internationale Pharmaceutique, vergibt.

Dennoch ist der Einsatz wegen der nicht restlos geklärten Resorption der Enzyme über die Darmschleimhaut etwas umstritten: Denn deren relative Molekularmassen betragen circa 28.000. Befürworter der Ananas-Therapie postulieren deshalb auch eine Aufnahme über die Lymphe.

Die eiweißzersetzende Wirkung des Bromelains lässt übrigens den volksmedizinischen Einsatz von Ananas-Extrakten bei Wurmerkrankungen als durchaus plausibel erscheinen: Die Parasiten werden einfach "verdaut" und dann mit dem Stuhl ausgeschieden. Als wesentliche Nebenwirkungen sind allergische Reaktionen zu nennen, wie sie bei Eiweiß-verwandten Stoffen potenziell immer auftreten können.

Bromelain baut auch das Fibrinnetzwerk ab, aus dem Blutgerinnsel bestehen. Wegen dieses so genannten fibrinolytischen Effekts ist bei einer gleichzeitigen Therapie mit Antikoagulantien wie Phenprocoumon oder Thrombozytenaggregationshemmern wie ASS auf mögliche Wechselwirkungen zu achten. Außerdem erhöht Bromelain den Blutspiegel von Antibiotika wie Tetracylinen.

Lebensmitteltechnologisch interessant

Bromelain spielt neben seiner pharmazeutischen Verwendung eine wichtige Rolle in der Lebensmittelindustrie. Dort dient es als Weichmacher für zähes Fleisch. Außerdem verwenden es die Brauereien, um die unerwünschte Eiweiß-bedingte Kältetrübung des Bieres zu verhindern.

In Kompositionspräparaten der anthroposophischen Therapierichtung finden Auszüge der Ananas in Augen-Präparaten Verwendung: Als Tropfen, Salben und Gelaten zum Auftragen rund um das Auge, in Emulsionen für Kompressen, Globuli und Ampullen sollen sie am Auge den Stoffwechsel anregen und werden deshalb bei Abbauprozessen eingesetzt. Sie sollen gegen altersbedingte Leiden des Auges helfen und dienen folglich der Behandlung von Katarakt, Glaskörpertrübung und Alterssehschwäche.

Königlich beliebt

Ein prominenter Liebhaber der Ananas war übrigens der bayerische Märchenkönig Ludwig II.. Er ließ die Münchner Hofapotheke nach folgender Rezeptur einen Ananaswein zubereiten: "250 g Ananas, 2 kg Zucker, 500 g Bäckerhefe, 10 l Wasser. Die Ananas wird mit der Schale im Fleischwolf zerkleinert und der Brei mit Wasser und Zucker eine halbe Stunde gekocht, abgeschäumt, durch ein Tuch gegossen und abgekühlt. Dann gibt man Hefe zu und füllt die Mischung in einen Gärbottich. Nach vollzogener Gärung wird auf Flaschen gezogen."

Der als üppiger Esser bekannte und stark übergewichtige König wird den Wein als anregende Verdauungshilfe zu schätzen gewusst haben.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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