Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Cynara scolymus

Foto: PZ/Archiv

Feines Gemüse senkt Fettwerte

von Gerhard Gensthaler, München

Seit der Antike gelten Artischocken als besonderer Genuss für Feinschmecker. Aus alten Schriften geht hervor, dass bereits um 500 v. Chr. die Ägypter die Pflanze als Gemüse und Diätmittel schätzten. Doch Artischockenblätter und -böden schmecken nicht nur köstlich, Extrakte aus den Blättern lindern auch Verdauungsbeschwerden und regen den Gallefluss an. 2003 wurde die Artischocke zur Arzneipflanze des Jahres gewählt.

Die Artischocke (Cynara scolymus L.) gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Die distelartige Kulturpflanze stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Manche Quellen geben das östliche Mittelmeer, Nordafrika und sogar Äthiopien als Heimat der sehr frostempfindlichen Pflanze an. Das deutsche Wort Artischocke soll sich von dem arabischen Ausdruck »ardi-schauki«, das heißt Erddorn oder Erddistel, ableiten. Die Engländer nennen sie »globe artichoke«, die Franzosen »artichaut«, die Italiener »carciofo« und die Spanier »alearrhofa«.

Pflanze der Noblen und Reichen

Römer und Griechen schätzten die Pflanze nicht nur wegen des Geschmacks, sondern auch wegen ihrer verdauungsfördernden Eigenschaften. Im 2. Jahrhundert n. Chr. wurde sie auf römischen Märkten teuer verkauft und galt daher als Gemüse der Reichen. Ab 1400 bereitete der neapolitanische Gärtner Phillip Strozzi durch aktive Vermarktung den Siegeszug der Artischocke in Frankreich und England vor. Bis zur französischen Revolution schmückte der Landadel seine Gärten mit der dekorativen Pflanze als Zeichen von Reichtum und gutem Geschmack. Erst im 20. Jahrhundert erforschten Wissenschaftler genauer die medizinischen Wirkungen von Cynara scolymus und die dafür verantwortlichen Inhaltsstoffe.

Die Artischocke wird heute als Kulturpflanze hauptsächlich in den USA, Italien, Spanien, Ägypten, Argentinien und Frankreich angebaut. Die mehrjährige Pflanze bevorzugt sonnige, warme Plätze und benötigt für ein gutes Wachstum circa einen Quadratmeter Platz. Im ersten Jahr treibt sie eine Blattrosette aus dem kräftigen Wurzelstock und erst im zweiten Jahr einen bis zu zwei Meter hohen Stängel, an dem sich weitere Blattrosetten bilden. Die lanzettlich, stacheligen Blätter sind stiellos, mehrfach fiederschnittig, oben grün und von unten etwas heller bis weißlich gefärbt. Zum Verzehr als Gemüse werden die faustgroßen, ebenfalls stacheligen Blütenköpfe geerntet, wenn sie noch geschlossen sind und die äußeren Schuppen leicht abstehen. Nach diesem Zeitpunkt entfaltet sich eine große violette Blüte mit vielen fünfzipfeligen Röhrenblüten, die wegen ihrer Schönheit auch von Floristen geschätzt wird. Die mehrschichtigen, schuppenartigen Hüllblätter der Blüte spitzen sich nach oben hin zu. Unten bilden sie einen fleischigen Boden. Die Hüllblätter und der Boden des Blütenstandes sind ein beliebtes Feinschmeckergemüse.

Artischockenblätter (Cynarae folium) bestehen aus den frischen oder getrockneten Grundblättern der Pflanze. Hauptsächlich die grünen Blätter und der Blütenboden enthalten zahlreiche Phenolcarbonsäuren, darunter Kaffeesäure, Caffeoylchinasäurederivate wie Chlorogen- und Neochlorogensäure und Dicaffeoylchinasäurederivate wie das bittere Cynarin. Zusätzlich findet sich in der Droge auch bis zu 4 Prozent das bittere Sesquiterpenlacton Cynaropicrin, verschiedene Flavonoide (insbesondere Glykoside des Luteolins) und Sesquiterpene.

Bitter und anregend

Die Kommission E bewertete in ihrer Monographie von 1988 die Droge als positiv und befürwortete ihre Anwendung bei dyspeptischen Beschwerden. Artischockenextrakte werden seitdem zur Behandlung von Völlegefühl, Blähungen oder Übelkeit sowie Appetitlosigkeit angewendet. Beschwerden des Gastro-Intestinal-Traktes besserten sich in einer Studie um durchschnittlich 71 Prozent. In einer anderen Studie schilderten zwei Drittel der Patienten die Linderung von Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Blähungen und Völlegefühl.

Klinische Studien belegen aber auch eindeutig, dass Artischockenblätterextrakt die Gallenproduktion anregt und den Triglycerid- und Cholesterolspiegel im Blut senkt. Cynarin, das ursprünglich für das wirksame Prinzip gehalten wurde, kommt aber nur in geringen Mengen in der frischen Pflanze vor. Es entsteht erst durch Wärmebehandlung, zum Beispiel bei der Extraktbereitung.

Mittlerweile führen Wissenschaftler die blutfettsenkenden Effekte der Artischocke auf den in den Blättern enthaltenen Gesamtkomplex an Flavonoiden und Chinasäurederivaten zurück.

Gut für die Blutfettwerte

Die Senkung der Cholesterol- und Triglyceridspiegels beruht auf mehreren, sich ergänzenden Effekten: Artischockenextrakt hemmt die Biosynthese des Cholesterols in der Leber und sorgt dafür, dass das Cholesterol verstärkt mit der Gallenflüssigkeit in den Dünndarm ausgeschieden wird. Artischockenextrakt steigert die Bildung von Gallenflüssigkeit in der Leber und erhöht somit den Gallefluss. Außerdem verschiebt sich unter der Therapie mit Artischockenextrakt das Verhältnis aus HDL- und LDL-Cholesterol zugunsten des als schützend eingestuften HDL-Cholesterols. Die ESCOP-Monographie aus dem Jahre 2003 führt sechs multizentrische, randomisierte, placebokontrollierte, offene und auch doppelblinde Studien auf. In einer Studie nahmen die Teilnehmer sechs Wochen lang Artischockenblätter-Extrakte ein. Nach dieser Zeit war der Wert des Gesamt-Cholesterols durchschnittllich um 11 Prozent bis 18 Prozent gesunken, das LDL-Cholesterol um 16 Prozent bis 23 Prozent, und das HDL-Cholesterol stieg um 20 Prozent.

Weitere positive Studienergebnisse sind zu erwarten, zumal die gleichzeitige Ballaststoffgabe den cholesterolsenkenden Effekt von Artischockenextrakt noch verstärkte. Nach Ansicht einiger Forscher eignet sich diese Arzneipflanze daher als Mittel zur Prävention der Arteriosklerose und ihrer typischen Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Zusätzlich erwähnen einige Wissenschaftler antioxidative Effekte der Extrakte, die die Leber vor Schädigung durch freie Radikale schützen soll. Eine Zulassung für diese Indikationen besteht allerdings noch für kein Präparat.

Die mittlere Tagesdosis zur Behandlung dyspeptischer Verdauungsbeschwerden beträgt 6 Gramm getrocknete Blätter. Verwendung finden überwiegend wässrige Trockenextrakte, aber auch Frischpflanzensaft und andere galenische Zubereitungen zum innerlichen Gebrauch. Ein Teeaufguss ist nicht üblich. Volksmedizinisch wird sogenannter Medizinalwein bei Verdauungsbeschwerden und als stärkendes Mittel in der Rekonvaleszenz eingesetzt. Weltweite Bekanntheit dürften alkoholische Magenbitter wie der »Cynar« erlangt haben, die seit 1953 in Padua als dunkelbrauner Aperitif hergestellt werden. Auch Homöopathen verordnen Zubereitungen aus Cynara scolymus bei Patienten mit chronischen Leber-Galle-Störungen.

Vorsicht bei Gallensteinen

Menschen mit einer Allergie gegen Korbblütler sollten Zubereitungen aus Artischocke nicht anwenden. Ebenfalls Vorsicht ist geboten bei Patienten mit einer Erkrankung der Galle, insbesondere bei Gallensteinleiden. Da Artischockenblätter die Gallebildung anregen und den Gallefluss fördern, besteht die Gefahr, dass sich ein in der Gallenblase ruhender Stein in Bewegung setzt und dann die Gallengänge blockiert. Diese Patienten sollten unbedingt vor der Einnahme den behandelnden Arzt um Rat fragen. Außerdem können Artischockenpräparate die Wirkung von blutgerinnungshemmenden Arzneimitteln vom Cumarintyp beeinflussen. Auch diese Patienten sollten unbedingt den Arzt konsultieren. Eventuell löst eine Anpassung der Dosierung das Problem.

Für Schwangere und Stillende sowie bei Kindern unter 12 Jahren liegen keine Daten vor, so dass PTA oder Apotheker diesen Kunden kein Artischockenpräparat empfehlen sollten.

Auch für Diabetiker ein Genuss

Die Hüllblätter und der Boden des Blütenstandes, vereinfacht als Artischockenböden oder Artischockenherzen bezeichnet, sind ein beliebtes Feinschmeckergemüse. Hierzu wird die Artischocke 20 bis 30 Minuten in Salzwasser mit etwas Zitrone gekocht. Der untere fleischige Teil der Hüllblätter wird abgezupft, in verschiedene Saucen gedippt und gegessen. Eine andere Zubereitungsart ist die »à la Romana«. Dabei wird zwischen die Blätter eine Paste aus frischen gehackten Minzeblättern, Petersilie, Knoblauch, Semmelbrösel und Olivenöl mit Salz und Pfeffer gegeben. Die Artischocken müssen dann mit den Stielansätzen nach oben in einer Auflaufform eine Stunde lang  im Backofen gegart werden. Auch Diabetiker können diese Köstlichkeit unbedenklich essen: Wie alle Korbblütler enthält die Artischocke als Speicherkohlenhydrat das unverdaubare Inulin anstelle von Stärke.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de 



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=247