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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Anisfrüchte

Foto: Mies

Helfer für Bronchien und Magen

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Anis entstammt dem großen Kräutergarten des Orients. Schon der griechische Philosoph Pythagoras bezeichnete im 6. Jahrhundert vor Christus mit Anis gewürztes Brot als Delikatesse, und die Römer reichten Anisgebäck bei hohen Festlichkeiten. Anis ist nicht nur ein wohlschmeckendes und aromatisches Gewürz, sondern auch ein altes Heilmittel. Es entfaltet seine wohltuende Wirkung vor allem im Verdauungs- und Bronchialtrakt.

Die Geschichte der Anispflanze (Pimpinella anisum L.) als Gewürz und Heilmittel lässt sich bis ins Altertum zurückverfolgen. Ägypter, Kreter und die Bewohner Vorderasiens bauten sie bereits vor 4000 Jahren an. Davon zeugt die Erwähnung des Anis im Papyrus Ebers, einer altägyptischen medizinischen Rezeptsammlung aus der Zeit um 1500 vor Christus.

Auch die Griechen der Antike schätzten mit Anis gewürztes Brot, wie sie es noch heute zu Ostern backen. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jahrhundert nach Christus) empfahl Anisfrüchte zur Behandlung von Atembeschwerden, Schmerzen und Blähungen. Selbst gegen Bisse und Stiche giftiger Tiere sollten sie helfen. Anis war auch Bestandteil des über die Grenzen Griechenlands hinaus bekannten Wundertranks "Theriak", der nahezu alle Krankheiten kurieren sollte.

Die Römer schätzten Anisfrüchte vor allem als Gewürz und verfeinerten damit zum Beispiel Festtagskuchen. Bei Ausgrabungen im römischen Kolosseum fanden Archäologen Anis zwischen den Sitzreihen. Wahrscheinlich knabberten damals die Zuschauer der grausamen Gladiatorenkämpfe Anisgebäck zur Beruhigung ihrer Nerven. Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) lobte in seinen Schriften die wohltuende Wirkung des Anis bei Verdauungsstörungen.

Die Benediktinermönche brachten den Anis vermutlich im achten Jahrhundert über die Alpen nach Deutschland. Anis gehört zu den 73 Pflanzen der "Capitulare de villis", der Landgüterordnung Karls des Großen, die der Benediktinerabt Ansegnis etwa 795 verfasste. Ausgehend von den Klostergärten eroberte Anis im Verlauf des Mittelalters allmählich die deutschen Küchen.

In alten deutschen Kräuterbüchern werden den aromatischen Anisfrüchten viele Heilwirkungen zugeschrieben. Die Volksmedizin verwendet bis zum heutigen Tage Aniszubereitungen vorwiegend als Husten- und Verdauungsmittel. Darüber hinaus soll Anis laut Volksglauben noch ganz andere Eigenschaften besitzen. So schätzten die Bewohner ländlicher Gegenden Anis als Aphrodisiakum. Wenn sich die Männer im Herbst nach der Feldarbeit wieder mehr den häuslichen Pflichten zuwandten, verwöhnten ihre Frauen sie mit anishaltigen Getränken. Am 30. November, dem Andreastag (in Böhmen "Anischtag" genannt), sollte er besondere Zauberkräfte entwickeln. Vielerorts sind die Früchte heute noch eine wichtige Zutat des Hochzeitskuchens.

Die genaue Heimat der Anispflanze ist unbekannt. Vermutlich stammt sie aus dem östlichen Mittelmeerraum. Sie beansprucht sonnige und windgeschützte Lagen. Je gemäßigter und kühler das Klima, desto weniger Samen reifen. In größerem Umfang wird Anis in Südeuropa, der Türkei, Südrussland sowie in Indien, Mittel- und Südamerika angebaut, in Deutschland ziert er manchen Garten.

Anis, Pimpinella anisum L., gehört wie Dill, Fenchel und Kümmel zur artenreichen Familie der Doldengewächse, den Apiaceen. Die Geschichte des botanischen Namens ist äußerst verwickelt. Das Wort "Pimpinella" soll im Mittelalter aus dem lateinischen "bipinnula" (= zweifaches Federchen) entstanden sein. Es erinnert an die mehrfach gefiederten Blätter im oberen Stängelabschnitt. Die Bezeichnung "anisum" geht auf den griechischen Namen "aneson" für Dill zurück, mit dem der Anis oft verwechselt wurde.

Drei Arten von Blättern

Auffällig sind die drei verschiedenen Blattformen des 50 bis 70 cm hohen einjährigen Krauts mit hohlem Stängel. Während die Grundblätter gestielt, fast rund, ungeteilt und am Rande gezähnt sind, sind die mittleren dreilappig eingeschnitten und die oberen fein, zwei- bis dreifach gefiedert. Sie sitzen außerdem fast ungestielt am Stängel und erinnern an Petersilienblätter. Im Juli und August erscheinen die weißen bis leicht rosafarbenen Blüten in Doppeldolden und breiten sich wie Schirme über der Pflanze aus.

Obwohl auch Wurzeln und Kraut der Anispflanze ätherisches Öl enthalten, ist für die Drogen- und Ölgewinnung nur die Frucht von Bedeutung. Die drei bis fünf Millimeter langen, zweiteiligen Spaltfrüchte (Doppelachänen) reifen im September ober Oktober heran. Geerntet werden sie, wenn sich die Früchte der mittleren Dolden braun und die Stängel gelb färben. Nach dem Mähen der Pflanzen bleibt das Kraut vor dem Dreschen noch eine Weile liegen, damit die Früchte nachreifen und trocknen können. Die gerieften, kurz und dicht behaarten hellgraugrünen bis graubräunlichen Anisfrüchte haben eine ei- bis birnenförmige Gestalt und zerfallen selten in ihre Teilfrüchte. Oft befindet sich an der Frucht noch ein kleines Stück des dünnen, leicht gebogenen Fruchtstiels (Karpophor). Die Droge schmeckt süßlich und riecht nach Anethol.


Anis als Gewürz

Anis hat auch als Gewürz eine lange Tradition. Beliebt ist er als Kuchen- oder Biskuitgewürz besonders zur Weihnachtszeit: Anis ist charakteristischer Bestandteil der Aachener Kräuterprinten. Aber auch ähnlich wie Kümmel dienen die Früchte zum Würzen von Brot. Manche Köche setzen Anis Marinaden für Fisch und Fleisch zu. Außerdem zählt er zu den Einlegegewürzen für Gurken und Rote Rüben und dient als Beigabe zu süßsauren Soßen, Suppen, Gemüsegerichten, Salaten und Kartoffeln. Obstsalaten und Obstkompotten, besonders Pflaumenmus, verleiht er ein besonderes Aroma.

Das ätherische Öl ist Bestandteil der hochprozentigen Anisschnäpse Süd- und Osteuropas: des Ouzo der Griechen, des Pastis der Franzosen (unter den Marken Pernod und Ricard bekannt), des Pacharan der Spanier, des Raki der Türken und des Sambucco der Italiener. Vor dem Essen als Aperitif getrunken regen diese Schnäpse den Appetit an, und als Digestif fördern sie die Verdauung.

Ursprünglich wurden die anishaltigen Spirituosen von Mönchen und Apothekern als Medizin gereicht, aber heute schätzen die Menschen eher ihren Geschmack als ihre arzneiliche Wirkung. Werden die klaren Schnäpse wie häufig üblich mit Wasser verdünnt, fällt das Anethol des ätherischen Öls aus, und das Getränk wird milchig. Da Anisöl sehr teuer ist, wird es mittlerweile bei der Getränkeherstellung oft durch das preiswertere, ähnlich schmeckende Sternanisöl ersetzt. 



Wirksame Früchte

Anisfrüchte enthalten in den Ölgängen des Mesokarps 2 bis 6 Prozent ätherisches Öl, außerdem im Endosperm 30 Prozent fettes Öl sowie Proteine und Zucker. Für den charakteristischen Geruch und die pharmakologische Wirkung ist allein das ätherische Öl (Anisi aetheroleum) mit etwa 85 bis 95 Prozent trans-Anethol verantwortlich. Begleitet wird dieses Phenylpropanderivat von leicht giftigen cis-Anethol, das in Anisöl nach Arzneibuchforderung nur zu höchstens 0,5 Prozent enthalten sein darf, und Estragol, das zwar ebenfalls anisartig riecht, aber nicht süß schmeckt. Ein kleiner Anteil entfällt auf Anisaldehyd und auf verschiedene Terpene. Anisöl ist klar, farblos bis blassgelb.

Als traditionelle Arzneipflanze hat Anis auch in der aktuellen 5. Ausgabe des Europäischen Arzneibuchs mit den Monographien "Anis - Anisi fructus" und "Anisöl - Anisi aetheroleum" wieder seinen Platz erhalten. Der Kommentar zur 4. Ausgabe des Europäischen Arzneibuchs ließ für die Gewinnung des Anisöls zwei Stammpflanzen zu: Pimpinella anisum und Illicium verum (Sternanis). Beide ätherischen Öle, das preiswertere Sternanisöl und das Anisöl, setzen sich ganz ähnlich zusammen. Im Unterschied dazu führt die 5. Ausgabe jeweils eigene Monographien für Anisöl und Sternanisöl auf. Anisöl wird durch Wasserdampfdestillation aus den trockenen reifen Früchten von Pimpinella anisum L. gewonnen, Sternanisöl aus den Früchten von Illicium verum Hook.

Wichtig für die Qualität der Anisfrüchte und des -öls ist die richtige, vor Licht geschützte Lagerung. Bei Lichteinfluss isomerisiert das trans-Anethol zum leicht giftigen cis-Anethol. Um Zersetzungen durch Luftsauerstoff zu vermeiden, fordert das Arzneibuch für Anisöl zusätzlich die Aufbewahrung in dicht verschlossenen, dem Verbrauch angemessenen und möglichst vollständig gefüllten Gefäßen.

Nachgewiesene Wirkungen

Anisfrüchte und Anisöl sind ein traditionelles Heilmittel bei Atemwegskatarrhen. Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts bewertete 1988 Anis positiv und befürwortete ebenso wie die ESCOP seine Anwendung bei Bronchitis oder Rachenentzündungen sowie bei Magen-Darm-Beschwerden.

Auf die Bronchien wirkt Anisöl sekretolytisch und sekretomotorisch. Die expektorierende Wirkung beruht darauf, dass Anethol die Zilienbewegung des Bronchialepithels stimuliert. Daher ist Anisöl Bestandteil vieler Hustenpastillen, -tees und -tropfen, zum Beispiel in Bronchoforton® Kapseln und Ephepect® Pastillen. Die empfohlene Tagesdosis zur inneren Anwendung liegt bei 3 Gramm Droge oder 0,3 Gramm ätherischem Öl, das allerdings nicht unverdünnt eingenommen werden darf.



Erkältungstrunk vor dem Schlafengehen

In ein Glas heiße Milch einige Tropfen Anisöl und Honig nach Geschmack geben und schluckweise trinken. Dabei gleichzeitig die aufsteigenden Dämpfe des ätherischen Öls tief inhalieren.


Bei der Abgabe der ganzen Früchte sollten PTA oder Apotheker den Kunden darauf hinweisen, die Droge kurz vor dem Aufguss etwas anzuquetschen, damit das wirksame Öl besser austreten kann. Die zerstoßenen oder grob gepulverten Früchte übergießt man mit kochendem Wasser und lässt sie im bedeckten Gefäß 10 bis 15 Minuten ziehen. Nach dem Abseihen ist der Tee trinkfertig. Da die Bestandteile ätherischer Öle lipophil sind, werden sie mit Wasser nur teilweise aus der Droge extrahiert. Dagegen erhöht ein Aufguss des frisch angestoßenen Anis mit heißer Milch den Gehalt und damit die Wirkung des ätherischen Öls. Mit etwas Honig schmeckt diese Anismilch besonders gut.

Die lipophilen Eigenschaften des Anisöls machen eine äußerliche Anwendung, zum Beispiel als Inhalation, sinnvoll. Die Lösungen sollten mindestens fünf bis zehn Prozent Anisöl enthalten.

Auf Grund seiner spasmolytischen und karminativen Eigenschaften hilft Anis bei Beschwerden des Magen- und Darmtrakts. Er wirkt beruhigend auf die Muskulatur, Völlegefühl, Blähungen und Krämpfe lassen nach. Besonders Säuglingen und Kleinkindern bringt ein Teeaufguss sanfte Linderung. Praktisch sind aromageschützte Teebeutel, die zum Beispiel die Firmen H&S und Sidroga anbieten und die meist die Kombination mit Fenchel und Kümmel enthalten. Wie andere ätherische Öle wirkt auch Anisöl in höherer Dosierung antiseptisch. Diese Eigenschaft wird bei der Herstellung von Mundwässern und Halstabletten genutzt wie auch bei Mitteln gegen Kopfläuse.

Gelegentlich kommt es nach der Anwendung von Anis zu allergischen Reaktionen der Haut, der Atemwege und des Gastrointestinaltraktes. Patienten mit einer Allergie auf Apiaceen sollten Anis deshalb meiden.

Auch Aromatherapeuten schätzen das ätherische Öl und schreiben ihm zusätzlich wärmende und entspannende Wirkungen zu. Sie empfehlen die Anwendung daher unter anderem bei nervöser Anspannung und nervös bedingten Magen-Darm-Beschwerden. Wegen der estrogenen Wirkung des Anethols soll es auch bei Menstruationskrämpfen und gegen die verschiedenen Beschwerden im Klimakterium helfen. Allerdings wird vor seinem Einsatz bei Epileptikern gewarnt.

Neben der medizinischen Anwendung wird das aromatische Anisöl auch in der Kosmetik- und Parfümindustrie eingesetzt. Es verbessert beispielsweise den Geschmack von Zahnpasten. Sein würziger Duft verleiht Parfums eine besondere Note, sogar mancher Pfeifentabak wird mit Anisöl veredelt.

 

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