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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Bärentraube

Foto: Schöpke

Blätter für die Blase

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Was Heilkundige schon im Mittelalter wussten, hat die moderne Arzneipflanzenforschung inzwischen wissenschaftlich bestätigt: Die Blätter der Bärentraube wirken antibakteriell und helfen bei entzündlichen Erkrankungen der Blase und der ableitenden Harnwege.

Die Heimat der Bärentraube erstreckt sich von der Iberischen Halbinsel über ganz Mitteleuropa bis Skandinavien, Sibirien, zum Altaigebirge und Himalaja. Auf dem amerikanischen Kontinent ist sie in Nordamerika verbreitet. Sie bevorzugt saure, kalk- und nährstoffarme Böden, liebt sonnige und warme Stellen. In den nördlichen Regionen findet sich der dicht am Boden wachsende immergrüne Zwergstrauch sowohl in Heiden und lichten Kiefernwäldern des Flachlandes als auch auf steilen, felsigen Partien der Gebirge bis in Höhen oberhalb der Baumgrenze. In Südeuropa wächst die Bärentraube nur in den Bergregionen. Ihr höchster Standort in Europa ist mit 2780 Metern der Monte Vago in den Alpen.

Der wissenschaftliche Name der Stammpflanze Arctostaphylos uva-ursi (L.) ist eine Tautologie, das heißt: Beide Wörter haben die gleiche Bedeutung. Der Gattungsname Arctostaphylos kommt vom griechischen "arctos" = Bär und "staphyle" = Traube, also Bärentraube. Die lateinische Bezeichnung uva-ursi setzt sich zusammen aus: uva = Traube und ursus = Bär. Die für den Menschen ungenießbaren mehligen Beerenfrüchte sollen für Bären eine Delikatesse sein, was vermutlich zum Namen der Pflanze geführt hat. Eine andere Namensdeutung bezieht sich auf das Hauptvorkommen der Pflanze in nördlichen Regionen, wo das Sternbild des Großen Bären am Firmament zu sehen ist. Der Bär ist auch in den volkstümlichen Namen etlicher Länder enthalten wie im Englischen "bearberry", im Französischen "raisin d'ours" oder im Italienischen "uva d'orso". Weitere Namen wie Sand- oder Heidebeere erinnern an bevorzugte Standorte der Pflanze.

Die Bärentraube gehört zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae). Die zu mehreren aus einer Wurzel entspringenden, bis zu 1,5 Meter langen rotbraunen, reichverzweigten Stämmchen kriechen flach über den Boden und bilden oft dichte Matten. Die immergrünen Laubblätter sind ledrig und derb, verkehrt-eiförmig und ganzrandig. Ihre Oberseite glänzt dunkelgrün, die Unterseite ist matt und blassgrün. Zwischen April und Mai erscheinen an aufwärts gerichteten Zweigenden die Knospen angeordnet in Trauben mit wenigen Blüten. Aus den glockenähnlichen, rötlich-weißen Blüten reifen bis zum Herbst die kugelrunden scharlachroten Beeren heran.

Am besten im Winter ernten

Arzneilich verwendet werden nur die Laubblätter, die getrocknet als Droge und zur Extraktherstellung in den Handel kommen. Bärentraubenblätter schmecken anfangs zusammenziehend bitter, dann metallisch süßlich. Die beste Erntezeit sind die Monate Dezember und Januar, da der Gehalt des Hauptwirkstoffs Arbutin dann seinen Höchstwert erreicht.

Da sie stark gefährdet und in manchen Regionen bereits ausgestorben ist, steht die Bärentraube wie in den meisten anderen europäischen Ländern auch in Deutschland unter strengem Artenschutz. Trotzdem stammt die Droge überwiegend aus Wildsammlungen in Spanien oder Italien. Aus osteuropäischen Ländern darf sie nicht mehr importiert werden.

Die Bärentraube wird erstmals in dem englischen Kräuterbuch "Meddygon Myddvai" aus dem 13. Jahrhundert erwähnt und darin schon als Heilpflanze bei Erkrankungen der Harnwege empfohlen. In den folgenden Jahrhunderten ging das Wissen über ihre Wirkung als Harndesinfiziens wieder verloren, und es erschienen nur noch vereinzelt Berichte über ihre medizinische Wirkung. Der Apotheker und Pharmakologe Philipp Lorenz Geiger (1785 bis 1836) erwähnte 1830 in einer Publikation nur noch den Gebrauch der Pflanze zum Gerben, Schwarzfärben von Wolle und als Beigabe zu Rauchtabak. Auch in Nordamerika mischten Indianer die "kinnikinnick" genannte Bärentraube in ihren Tabak und rauchten die Mischung bei Stammeszeremonien, um in Ekstase zu geraten und mit dem Rauch Krankheitsgeister zu vertreiben. Aus den Zweigen und Blättern brauten sie einen Tee gegen Kopfschmerzen und Skorbut.

Ihre Verbreitung als Arzneimittel fand die Bärentraube erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Lange Zeit wurden die in den Blättern hoch konzentrierten Gerbstoffe für deren arzneiliche Wirkung verantwortlich gemacht. Als der Pharmakologe Lewin 1883 nach dem Genuss von Bärentraubenblättertee in seinem Harn Hydrochinon nachwies, stellte er eine neue Theorie auf: Arbutin, aus dem im Organismus Hydrochinon abgespalten wird, sei der entscheidende Inhaltsstoff der Bärentraubenblätter. Dennoch widersprechen sich bis etwa 1970 die Angaben über die Wirksamkeit der Pflanze als Harndesinfiziens und das wirksame Prinzip. Erst jüngere wissenschaftliche Studien belegten die antibakterielle Wirkung der Bärentraubenblätter. Das führte 1994 zu einer positiven Bewertung der für Heilpflanzen zuständigen Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes. Eine Monographie über Bärentraubenblätter (Uvae ursi folium) führt das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 4. Ausgabe, 2002).

Arbutin als Prodrug

Der wichtigste und für die desinfizierende Wirkung verantwortliche Inhaltsstoff der Bärentraubenblätter ist das Arbutin. Es gehört zu der Gruppe der Phenolglykoside. Von Bedeutung ist auch der mit 20 Prozent recht hohe Gehalt an Gerbstoffen. Die Gerbstoffe verursachen den bitteren Geschmack der Droge und wirken adstringierend. Neben diesen Hauptwirkstoffen enthält die Pflanze unter anderem noch Terpene und Flavonoide.

Das Arbutin selbst wirkt nicht desinfizierend, sondern ist ein Prodrug. Erst in den unteren Darmabschnitten spalten es Enzyme in das Aglykon Hydrochinon und Glucose. Das relativ toxische Hydrochinon wird gut resorbiert und in der Leber an Glucuron- und Schwefelsäure gebunden. So entstehen ungiftige Hydrochinonkonjugate, die mit dem Harn ausgeschieden werden. Antibakteriell wirksam ist nur das freie Hydrochinon.

Diskutiert wird, dass Enzyme von Mikroorganismen im Harntrakt das Hydrochinonglucuronid wieder spalten. Nachgewiesen ist, dass Escherichia coli, der Haupterreger von Harnwegsinfekten, das Hydrochinon freisetzen kann. Außerdem entsteht im alkalischen Harn Hydrochinon durch Verseifung. Das heißt, dass bei entsprechendem pH-Wert die antibakterielle Substanz unmittelbar am Wirkort gebildet wird. In einer Studie aus dem Jahre 2001 gelang der Nachweis, dass Bärentraubenblätterextrakt außerdem die Wirkung von Antibiotika verstärkt.

Die Harnwegsinfektion ist die zweithäufigste bakterielle Erkrankung. Besonders oft sind Frauen betroffen. Fast jede fünfte Frau erkrankt einmal im Jahr an einer Blasenentzündung, die Hälfte aller Frauen wenigstens einmal im Leben. Der Grund hierfür liegt in der weiblichen Anatomie: Die Harnröhre der Frau ist wesentlich kürzer als die des Mannes. Deshalb können Bakterien leichter bis zur Blase vordringen. Einmal dort angekommen, führen sie zu einer Entzündung der Schleimhaut der Blase und auch der Harnröhre. Wenn keine tieferen Gewebeschichten betroffen sind, sprechen Ärzte von einer "unkomplizierten Blasenentzündung". Sie lässt sich mit Phytopharmaka gut behandeln. Aber nicht selten steigen die Bakterien bis in die Nieren auf. Dort können sie eine Nierenbeckenentzündung auslösen. Daher sollte eine Blasenentzündung (Zystitis) sofort behandelt werden, um Komplikationen zu verhindern.

Häufiger und starker Harndrang sowie Schmerzen beim Wasserlassen sind die ersten typischen Anzeichen einer akuten Blasenentzündung. Der Urin kann unangenehm riechen und sich durch geringe Blutbeimengungen rötlich verfärben. Hinzu kommen oft krampfartige Schmerzen im Unterleib. Dann sind eine Wärmflasche, reichliche Flüssigkeitszufuhr und die Einnahme von Zubereitungen aus Bärentraubenblättern eine gute Therapie. PTA oder Apotheker sollten solche Arzneimittel empfehlen, die den von der Kommission E geforderten hohen Gehalt an Arbutin aufweisen (Einzeldosis von 100 bis 210 mg und Tagesdosis von 400 bis 840 mg Hydrochinon-Derivate, berechnet als wasserfreies Arbutin). Dazu zählen zum Beispiel Arctuvan® Bärentraubenblätter Filmtabletten, Cystinol akut® Dragees und Uvalysat® Bürger Dragees oder Lösung. Bei der Abgabe von Bärentraubenblättertee sollten PTA und Apotheker den Patienten auf die richtige Zubereitung hinweisen. Ein wie üblich gekochter Tee enthält sehr viel Gerbsäure, die bei Patienten mit empfindlicher Magenschleimhaut Übelkeit und Erbrechen auslösen kann. Dagegen enthält ein Kaltwasserauszug (Kaltmazerat) bei gleichem Arbutingehalt weniger Gerbstoffe. Dazu werden 3 Gramm Droge pro 150 ml kaltem Wasser mehrere Stunden angesetzt, gelegentlich umgerührt und nach kurzem Erhitzen abgeseiht. Von diesem Tee sollten die Patienten bis zu viermal täglich eine Tasse trinken und zusätzlich zwei bis drei Liter Flüssigkeit, da Bärentraubenblätter nicht diuretisch wirken.

Eine Kombination aus Bärentraubenblättern und Echtem Goldrutenkraut ist als Cystinol® N Lösung im Handel; das Präparat lindert akute Beschwerden der Reizblase und Entzündungen der Harnröhre bei Katheterpatienten.

Den Harn alkalisieren

Da Bärentraubenblätter bei alkalischem Harn am besten wirken, sollten die Patienten dies bei ihrer Ernährung berücksichtigen. Ein hoher Anteil an pflanzlicher Nahrung alkalisiert den Harn (siehe auch Kasten). Ein Viertel Teelöffel Natron (Natriumhydrogencarbonat), aufgelöst in einem Glas Wasser, führt zum gleichen Ziel.

Schwangere, Stillende sowie Kinder unter 12 Jahren sollten weder Präparate mit Bärentraubenblättern einnehmen noch den Tee trinken, da hierzu keine Untersuchungen vorliegen.

Die Kommission E empfiehlt vorsorglich, arbutinhaltige Arzneimittel ohne ärztlichen Rat nicht länger als eine Woche und höchstens fünfmal jährlich einzunehmen. Diese Anwendungseinschränkung beruht auf Untersuchungen mit reinem Hydrochinon, das in vitro in größeren Mengen mutagene Effekte zeigte. Nach der Gabe eines hoch dosierten Bärentraubenblätterextraktes enthält der Harn jedoch nachweislich so geringe Mengen an freiem Hydrochinon, dass für die Patienten weder ein mutagenes, noch kanzerogenes Risiko besteht. Ein weiterer Hinweis sollte bei der Arzneiabgabe nicht fehlen: Während der Einnahme arbutinhaltiger Arzneimittel kann sich der Urin grün bis blaugrün verfärben.

Hält der Patient die Empfehlungen zur Dosierung und Anwendungsdauer ein, sind Bärentraubenblätter bei Harnwegsinfekten eine pflanzliche Alternative zu oft voreilig verordneten Antibiotika. Halten die Beschwerden jedoch länger als zwei Tage unvermindert an, tritt Blut im Urin auf oder kommt Fieber hinzu, muss der Patient den Arzt aufsuchen. Bei häufig wiederkehrenden Harnwegsinfekten ist die Konsultation eines Urologen ratsam. Dies gilt besonders für Männer, da der Facharzt abklären muss, ob eventuell eine Prostatavergrößerung oder eine andere Harnabflussstörung besteht.



Ernährungstipp

Bärentraubenblätter können ihre Wirkung besonders gut entfalten, wenn der Harn leicht basisch ist. Das lässt sich mit der Wahl der Lebensmittel direkt beeinflussen. Von Bedeutung ist nicht, wie viel Säure ein Nahrungsmittel enthält, sondern wie viel Säure während des Verdauungsprozesses gebildet wird. So enthalten zum Beispiel Zitrusfrüchte relativ viel Säure, die jedoch im Körper schnell abgebaut wird.

In einer Studie wurden 114 Nahrungsmittel auf ihre potentielle Säurebelastung der Niere (PRAL, potential renal acid load) und ihren Einfluss auf den Urin-pH getestet. Anhand der Ergebnisse wurden so genannte PRAL-Werte erstellt. Auf der Basis dieser Werte entstand eine Tabelle der Nahrungsmittel, in der die stark Säure bildenden über die neutralen bis hin zu den Base bildenden gelistet wurden. Die Tabelle mit den PRAL-Werten der 114 Nahrungsmittel steht unter www.saeure-basen-forum.de/print/tabelleprint.htm. Zu den Säure bildenden Lebensmitteln zählen in erster Linie Hartkäsesorten, gefolgt von Fisch, Fleisch und Wurstwaren. Auch Getreideprodukte bewirken einen leicht sauren pH-Wert des Urins. Neutral verhalten sich pflanzliche Öle, Butter und Vollmilch.

Besonders empfehlenswert als Basen bildende Nahrungsmittel sind Gemüse und Früchte, vor allem Rosinen, getrocknete Feigen sowie Nüsse. Der Ernährungstipp für die Patienten heißt also: Essen Sie wenig Fleisch, Wurst und Käse, aber viel Obst und Gemüse.



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