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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Weide

Foto: Steigerwald Arzneimittel

Rinde gegen Rheuma und Schmerzen

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Seit Jahrhunderten fertigen Korbmacher aus den jungen Ruten der Weide kunstvolle Gefäße. Doch Rinde und Holz dieses Baumes sind weit mehr als nur Material für Flechtwaren. Schon die Menschen in der Antike schätzten die Weidenrinde als Mittel gegen Fieber und Schmerzen. Der Inhaltsstoff Salicin machte 1897 große Karriere, als ein Chemiker der Firma Bayer daraus die Acetylsalicylsäure synthetisierte.

Die Weide, mit lateinischem Namen Salix, gehört zur Familie der Weidengewächse (Salicaceae). Sie weist eine für Holzgewächse einmalige Arten- und Formenvielfalt auf. In der Literatur werden etwa 450 Arten beschrieben. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über Europa und Asien bis in die arktische Tundra. Einige wenige Arten sind sogar in den Tropen heimisch.

Weiden bevorzugen überwiegend feuchte Böden. Sie wachsen zu mächtigen Bäumen heran, aber auch zu Sträuchern verschiedener Größe bis hin zu Zwergformen in hochalpinen Regionen. Die meisten der in Deutschland heimischen Weiden finden sich als Begleiter der Bach- und Flussläufe. Sie bilden kräftige, stark verzweigte Wurzeln und festigen so das feuchte Erdreich.

In den Überschwemmungsbereichen großer Flüsse fühlt sich die Silberweide (Salix alba) besonders wohl. Beeindruckende Exemplare mit Wuchshöhen von 35 Metern prägen viele Uferlandschaften. Silberweiden sind auf regelmäßige Überflutungen angewiesen. Ihr breitflächiges Wurzelsystem trägt dazu bei, die Folgen des Hochwassers abzuschwächen und die Uferzone zu stabilisieren. Der große Verlust ihrer Biotope hat den Bestand von Salix alba erheblich reduziert. Diese Tatsache war Anlass, 1999 die Silberweide zum Baum des Jahres zu wählen. Die in Parks und an Gewässern angepflanzte Trauerweide (Salix alba tristis) mit ihren langen herabhängenden Zweigen ist eine Zuchtform der Siberweide.

Dort, wo Flusstale enger und Auen schmaler werden, löst die Bruchweide (Salix fragilis) die Silberweide allmählich ab. Die Zweige von Salix fragilis brechen leicht, wie der Name schon sagt. Aber Bruchweidenzweige wurzeln auch wieder schnell und tragen so zur Festigung des Uferbereiches bei. Diese ausgeprägte Fähigkeit zur vegetativen Vermehrung haben alle Weiden mit Ausnahme der Salweide (Salix caprea), die als einzige ihrer Art nicht an nasse oder sumpfige Standorte gebunden ist.

Als gefährdet eingestuft

Die biegsamen Triebe bestimmter Weidenarten wurden schon in vorchristlicher Zeit als Flecht- und Bindematerial genutzt. Besonders eignen sich dazu die Korb-Weide (Salix viminalis), die Purpur-Weide (Salix purpurea) und die Mandel-Weide (Salix triandra). Zur Gewinnung der Ruten werden die Bäume regelmäßig in einer Höhe zurückgeschnitten, die ohne Leiter noch bequem erreichbar ist. An diesen Schnittstellen verdickt sich der Stamm allmählich, und es entsteht mit der Zeit die typische Kopfweidenform. Die Kopfweiden prägten früher das Bild feuchter Kulturlandschaften. Heute sind sie selten geworden und nur noch durch Pflegeschnitte zu erhalten.

Auf Grund der Einschränkung ihres Lebensraumes werden derzeit zahlreiche Weidenarten als gefährdet eingestuft. Doch inzwischen sind viele Lebensräume, in denen Weiden vorkommen, durch das Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt. Dazu gehören naturnahe Bach- und Flussabschnitte, Verlandungsbereiche stehender Gewässer und Altarme von Flüssen sowie Bruch-, Sumpf- und Auewälder.

Erste Nahrung für Bienen

Die Weiden gehören zu den zweihäusigen getrenntgeschlechtlichen (= diözischen) Pflanzen, männliche und weibliche Blüten befinden sich also auf verschiedenen Pflanzen. Die als Kätzchen bezeichneten flaumigen Blüten fallen bei manchen Weidenarten besonders ins Auge und erscheinen schon vor oder gleichzeitig mit dem Blattaustrieb. Je nach Geschlecht sehen die Kätzchen unterschiedlich aus: Die eiförmigen, silbrig-glänzenden männlichen enthalten die gelben Staubgefäße, die walzenförmigen weiblichen die grünen Narben. Beide Kätzchen besitzen am Grunde jeder Einzelblüte zwei Nektardrüsen. Ihr süßer Nektar dient den Bienen und anderen honigsuchenden Insekten im Frühjahr als erste Nahrungsquelle.

Nur durch die Insektenbestäubung (= Entomogamie) kann sich die Blüte zur Frucht entwickeln. Die Samenreife ist meist schon Ende Mai oder Anfang Juni abgeschlossen. Die Samen sind nur knapp 1,5 Millimeter lang und mit feinen Härchen versehen, mit denen sie als wollene Flocken übers Land fliegen. Auf geeignetem Boden keimen sie innerhalb weniger Stunden aus, und schon am folgenden Tag hat sich der Keimling entwickelt. Allerdings beträgt die Keimfähigkeit nur wenige Wochen.

Die Blätter der Weidenarten sind sehr unterschiedlich. Ihre Form reicht von fast kreisrund bis schmal lanzettförmig. Sie sind in der Regel hellgrün und an der Blattunterseite mehr oder weniger stark behaart. Das weiche, leichte Holz der Weiden hat nur einen geringen wirtschaftlichen Wert. Es ist nicht witterungsbeständig und zur Verwendung im Freien ungeeignet. Früher wurde es zu Sieben, Schachteln und Holzschuhen verarbeitet, heute nur noch zur Herstellung von Dübeln und Holznägeln. Wegen ihrer leichten Biegsamkeit dienen die Ruten immer noch zur Anfertigung von Korb- und Flechtwaren.

Von medizinischer Bedeutung ist allein die Rinde. Sie enthält das Salicin, ein Phenolglykosid, sowie viele weitere Polyphenole, darunter Flavonoide, Gerbstoffe und Phenolcarbonsäuren. Verwendung findet sie als Tee und zur Extraktherstellung.

Tontafel mit Rezepturen

Schon die Assyrer und Babylonier kannten die Weide als fiebersenkende und schmerzstillende Arznei. Den ältesten Beleg hierfür liefert eine Tontafel aus der Zeit um 700 v. Chr., auf der neben Rezepturen auch Weidenblätter abgebildet sind. Die Heilkundler der Antike nutzten ebenfalls die Wirkung der Rinde bei Schmerzen und Entzündungen. Bereits im Corpus Hippocraticum, einer von alexandrinischen Gelehrten um 300 v. Chr.  verfassten Sammlung medizinischer Schriften, wurde Weidenrinde beschrieben. Der griechische Arzt Dioskurides (40 bis 80 n. Chr.) empfiehlt in seiner »De Materia Medica« Zubereitungen aus der Weide bei unterschiedlichen Leiden, beispielsweise Saft oder Rinde als Adstringens bei Blutungen, Gelenkschmerzen, Rheuma und Gicht.

Heilmittel aus der Weidenrinde nehmen auch im Mittelalter einen festen Platz im Arzneischatz der Volksmedizin und in den Kräuterbüchern der Heilkundler ein. Nach der damals vorherrschenden Signaturenlehre sollte die Weidenrinde wegen ihrer biegsamen Zweige bei steifen Gelenken helfen und wegen des sumpfigen Standortes das Sumpf- und Wechselfieber heilen.

Im 17. und 18. Jahrhundert verdrängte die Chinarinde aus Südamerika die einheimische Weidenrinde als fiebersenkendes Mittel. Dennoch blieb die bitter schmeckende Weidenrinde die Fieberarznei der armen Leute. Als die napoleonische Kontinentalsperre von 1806 bis 1813 die Chinarinden-Importe aus Peru zum Erliegen brachte, erlebte die Weidenrinde aber ihr Comeback.

Intensive Forschungen führten 1828 zur Identifizierung des Salicins. Bald darauf isolierte der italienische Chemiker Raffaele Piria durch Oxidation des Salicins die gut kristallisierende Salicylsäure. Piria ging als ihr Entdecker in die Geschichte ein. Dem deutschen Chemiker Hermann Kolbe gelang es schließlich 1859, die Salicylsäure relativ einfach und preiswert zu synthetisieren. Diese synthetische Herstellung ermöglichte die breite Anwendung der Salicylsäure als Antipyretikum und Analgetikum und damit verlor die Weidenrinde therapeutisch an Bedeutung. Die Salicylat-Präparate verursachten jedoch bei vielen Patienten erhebliche Nebenwirkungen, sie reizten den Magen und führten bei einigen zum Erbrechen. Wegen der Linderung ihrer Schmerzen nahmen die Patienten diese unerwünschten Effekte  allerdings in Kauf. Wegen dieser unerwünschten Wirkungen beschäftigten sich mehrere Chemiker damit, die Struktur der Salicylsäure abzuwandeln und die Substanz verträglicher zu machen. Erst 1897 gelang es dem Apotheker und Chemiker Felix Hoffmann in seinem Wuppertaler Labor, aus Salicyl- und Essigsäure die Acetylsalicylsäure herzustellen. Auch der Laborleiter Arthur Eichengrün behauptete, der Erfinder der Acetylsalicylsäure (ASS) zu sein. Denn er hatte seinem Mitarbeiter Hoffmann den Auftrag gegeben, Ester der Salicylsäure zu synthetisieren. Unabhängig von diesem internen Streit begann der weltweite Siegeszug des Aspirin®, das die Weidenrinde als pflanzliches Analgetikum vollends verdrängte.

Synergismus der Inhaltsstoffe

Erst in den letzten Jahren rückte die Rinde wieder verstärkt in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses. Die Suche nach nebenwirkungsarmen pflanzlichen Alternativen zu synthetischen Analgetika führte zu einer Renaissance der Weidenrinde. Moderne klinische Studien, die den Qualitätsanforderungen der Richtlinie für Good Clinical Practise entsprechen, dokumentieren die Wirksamkeit und gute Verträglichkeit von Weidenrindenextrakt-haltigen Medikamenten.

Die Weidenrinde enthält als Prodrug das unwirksame Glykosid Salicin. Erst der alkalische Darmsaft spaltet Salicin in Glucose und Saligenin. Das Saligenin wird fast vollständig resorbiert und in der Leber zu Salicylsäure oxidiert. Diese hemmt die Bildung von Prostaglandinen, die an der Entstehung von Schmerzen, Fieber und entzündlichen Reaktionen wesentlich beteiligt sind. Verglichen mit der gebräuchlichen Dosis von 500 Milligramm ASS würde die in Weidenrinden-Präparaten und -Tee enthaltene, relativ geringe Menge Salicin zur Schmerzlinderung nicht ausreichen. Es gilt heute als gesichert, dass Salicylsäure allein die Wirkung der Weidenrinde nicht erklären kann, sondern weitere Inhaltsstoffe beteiligt sind. Neuere pharmakologische Untersuchungen zeigen, dass die Polyphenole, insbesondere im wässrigen Weidenrindenextrakt, einen entscheidenden Beitrag zum Gesamteffekt liefern. Der Synergismus der Wirkstoffe im Weidenrinden-Extrakt erklärt auch die gute Verträglichkeit im Magen-Darm Trakt. Die Aggregation der Thrombozyten beeinflusst die Weidenrinde im Gegensatz zu ASS kaum.

Das Deutsche Arzneibuch nimmt die Monographie der Weidenrinde erst 1991 in die 10. Ausgabe auf, das aktuelle Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 5. Ausgabe, Grundwerk 2005) enthält erneut die Monographie »Weidenrinde – Salicis cortex«. Danach besteht die Droge aus der ganzen oder geschnittenen, getrockneten Rinde junger Zweige oder aus ganzen, getrockneten Stücken junger Zweige des laufenden Jahres verschiedener Salix-Arten. Das Arzneibuch verlangt keine speziellen Weidenarten, sondern fordert einen Gehalt von mindestens 1,5 Prozent Gesamt-Salicylalkohol-Derivate, berechnet als Salicin und bezogen auf die getrocknete Droge. Als Beispiele werden salicinreiche Weidenarten genannt, wie Salix purpurea (Purpurweide), Salix daphnoides (Reifweide) und Salix fragilis (Bruchweide). Das Pflanzenmaterial für die Drogenherstellung wird heute überwiegend aus den osteuropäischen Ländern importiert.

Ausreichend dosieren

Die Kommission E fasste schon 1984 die damaligen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Monographie »Salicis cortex« zusammen und empfiehlt sie zur Behandlung fieberhafter Erkrankungen, rheumatischer Beschwerden und Kopfschmerzen in einer Dosis von täglich 60 bis 120 Milligramm Gesamtsalicin. Diese Monographie wurde 1997 von der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) aktualisiert. Danach beträgt die Tagesdosis für Erwachsene drei bis sechs Gramm pulverisierte Droge oder 240 Milligramm Salicin eines Extraktes. Dieser Dosierungsempfehlung entsprechen zum Beispiel die apothekenpflichtigen Weidenrinden-Monopräparate Assalix® und Assplant® mit je 393,24 mg auf 60 mg Salicin standardisiert sowie Proaktiv® mit 480 mg Weidenrinden-Trockenextrakt auf 120 mg Salicin standardisiert.

Zur Teebereitung werden zwei Teelöffel fein geschnittene Droge mit einer Tasse Wasser kalt angesetzt, dann zum Sieden erhitzt und nach fünf Minuten abgeseiht. Der Patient kann drei- bis fünfmal täglich eine Tasse Tee trinken. Weidenrinde ist Bestandteil einiger Teemischungen gegen rheumatische Beschwerden und von Kombinationspräparaten mit überwiegend homöopathischer Zusammensetzung.

Weidenrinde ist gut verträglich, seltene gastrointestinale Beschwerden sind auf die Gerbstoffe der Droge zurückzuführen. Bei Menschen mit einer Überempfindlichkeit gegenüber Salicylaten können schon geringe Dosen der Rinde allergische Reaktionen auslösen. Daher ist die Droge bei diesen Patienten kontraindiziert. Aufgrund fehlender Erfahrung ist sie nicht für Kinder unter zwölf Jahren geeignet. Schwangere und Stillende sollten nur nach Rücksprache mit dem Arzt Präparate mit Weidenrinde einnehmen.

Für Patienten mit chronischen Hüft-, Knie- und Rückenschmerzen ist die Weidenrinde in ausreichender Dosierung eine sinnvolle Alternative zu synthetischen Salicylaten. Bei akuten Schmerzen können sie jedoch aufgrund der längeren Metabolisierung keine sofortige Schmerzfreiheit erwarten.


Peitschende Weide ärgert Harry Potter

Im Gegensatz zu Patienten mit Schmerzen, die die Weide als segensreiche Pflanze schätzen, macht Harry Potter in seinem abenteuerlichen Leben die Bekanntschaft mit einem recht gewalttätigen Exemplar dieser Gattung. Auf dem Gelände von Schloss Hogwarts steht eine Weide, deren Nähe Harry besser gemieden hätte. Als er und Ron am Ende ihrer Reise mit dem fliegenden Auto von Rons Vater direkt neben der Weide landen, prügelt diese sofort auf das Auto ein. Nur mit viel Glück entkommen die beiden Jungen den furchtbaren Schlägen der peitschenden Weide.

Außerdem hat sie auch noch Harrys ersten Besen auf dem Gewissen: Als der Junge im dritten Buch von Joanne K. Rowling bei einem Quidditchmatch abstürzt, weht der Wind seinen Besen direkt in die Fänge der Weide, die sogleich Kleinholz aus ihm macht.


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