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Wildes Stiefmütterchen

Schön und artenreich


Von Gerhard Gensthaler / Im Altertum und Mittelalter nutzten die Menschen das Feldstiefmütterchen medizinisch sowohl äußerlich als auch innerlich. Später geriet die Pflanze in Vergessenheit. ­Allerdings blieb bis heute ihr vielfacher Einsatz in der Volksmedizin erhalten. Es wäre zu wünschen, dass klinische Studien die dort seit vielen hundert Jahren beschriebenen Wirkungen bestätigten.

 

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Zahlreiche Botaniker und Kräuterbuchautoren der frühen Neuzeit führten Anwendungsgebiete des Stiefmütterchens (Viola tricolor L.) auf. So berichtete beispielsweise der deutsche Botaniker Otto Brunfels (circa 1489 bis 1534) im »Contrafayt Kreuterbuch« aus dem Jahr 1532 über das Stiefmütterchen: »Das gebrannte Wasser ist gut den jungen Kindern, wann sie die unnatürliche Hitz überfällt, daß mans ihnen zu trinken geb. Ist auch gut denen so dämpfig seind um die Brust, denn es raumet und macht weit um die Brust und vorab zu den Lungengeschwären ist es sehr gut.« Des Weiteren beschrieb Theodorus Tabernaemontanus (circa 1520 bis 1590), Botaniker in Heidelberg, in seinem »Neuw vollkommentlich Kreuterbuch« die blutreinigenden Eigenschaften des Stiefmütterchens und seine heilsame Wirkung bei Hautkrankheiten.




Die Farbe der Kronblätter variiert von Unterart zu Unterart.

Foto: Ullrich Mies


Viele Namen, große Verbreitung

Der deutsche Name geht auf den Volksmund zurück. Die beiden oberen Blütenblätter sollen zwei Stühle darstellen, die der Mutter beziehungsweise der Stiefmutter zustehen. Die beiden seitlichen darunter werden von ihren eigenen Töchtern besetzt, während sich die Stieftöchter mit dem untersten Blütenblatt begnügen müssen. Der Volksmund hat für Viola tricolor viele Namen: Ackerveilchen, Dreifaltigkeitsblume, Muttergottesschuh, Sinnviole, Tag- und Nachtveigerl, um nur die häufigsten zu nennen. Das Stiefmütterchen gehört zur Gattung Veilchen (Viola) in der Familie der Veilchengewächse (Violaceae). Die Pflanze ist in fast ganz Europa weit verbreitet, vor allem in Mitteleuropa, aber auch beheimatet im Norden Asiens, Amerikas und Afrikas. Zu ihren nördlichsten Vorkommen zählen Island und Lappland und als östlichste das Altaigebirge. Das Wilde Stiefmütterchen bevorzugt Ödland und Äcker, aber auch Feld- und Waldränder, liebt leicht saure Böden und sonnige Standorte und ist bis in eine Höhe von über 2000 m anzutreffen.

Heute wird die Droge hauptsächlich in Frankreich, Deutschland und der Tschechoslowakei sowie in den Balkanländern kultiviert. Es existieren vier Unterarten sowie sehr viele Spielarten; zahlreiche Kulturformen schmücken deutsche Gärten und Balkone. Viola tricolor ist beim Getreideanbau ein typischer Begleiter des Roggens. Offensichtlich fördern Wurzelausscheidungen des Roggens das Wachstum des Feldstiefmütterchens.

Das meist mehrjährige Stiefmütterchen wird 10 bis 40 cm hoch. Die zarte Pflanze bildet aufrechte, gelblichgrüne, kantige Stängel, die auch verästelt sind. Meist ist der Stängel kurzhaarig, manchmal kahl. An seinem Grund befinden sich die wechselständigen Blätter, von denen die unteren herzeiförmig, die oberen elliptisch länglich oder auch manchmal lanzettlich mit gekerbten Rand sind. Die meist dreifarbige Blüte steht an einem langen Stiel und hat fünf lanzettlich spitze, ungleiche Kelchblätter mit einem Anhängsel und fünf ungleichen Kronblättern, deren größtes gespornt ist. Die beiden oberen Kronblätter sind meist blauviolett gefärbt, die beiden seitlichen weiß und das untere gelb. Als Frucht bilden Stiefmütterchen eine ellipsenförmige Kapsel, die mit drei Klappen aufspringt. An den etwa 1 mm großen Samen befindet sich eine kleine Samenschwiele, ein fettreiches Anhängsel, das sogenannte Elaiosom. Dies fressen Ameisen besonders gerne, die so für die Verbreitung der Pflanze sorgen.

In der Volksmedizin wohl bekannt

Verwendet wird das ganze Kraut unter der Bezeichnung Violae tricoloris herba, früher auch bekannt unter den Namen Herba Jaceae, Herba Trinitatis und Herba Violae. Die Droge besteht aus den getrockneten oberirdischen Teilen der wild wachsenden Pflanze. Gesammelt wird das Kraut zur Blütezeit in den Monaten Mai bis Oktober. Die geruchlose Droge schmeckt süßlich-schleimig.

Die Pflanze enthält vor allem in der Blüte zahlreiche Flavonoide, in der Hauptsache Rutin, Violanthin, Quercitin- und Luteolinglykoside, Carotinoide, ferner Anthocyanine. Im blühenden Kraut finden sich außerdem geringe Mengen ätherischen Öles (0,01 Prozent) mit Salicylsäuremethylester, dazu noch Gerbstoffe und Schleimstoffe (9,5 Prozent) und Triterpensaponine (5 Prozent).

Die Triterpene, Flavonoide und das Methylsalicylat erklären auch die traditionelle Anwendung von Viola tricolor zur Entzündungshemmung und als Sekretolytikum. Doch müssen diese Effekte noch durch klinische Studien belegt werden. Der Wirkmechanismus ist im Einzelnen nicht geklärt. Im Tier­versuch besserte die langfristige orale Gabe ekzematöse Hautveränderungen. So existiert eine positive Monographie der deutschen Kommission E beim früheren Bundesgesundheitsamt (BGA), aber lediglich für die äußerliche Anwendung bei leichten seborrhoischen Hauterkrankungen und Milchschorf bei Kindern.

Aufguss als Tee oder zu Umschlägen

Traditionell wird ein zehnprozentiger Aufguss, Infus Violae tricoloris herba, bei Milchschorf von Säuglingen sowie auch als Umschlag bei Juckreiz, nassen und trockenen Exanthemen empfohlen. Hierzu wird ein Teelöffel (etwa 1,5 Gramm) Stiefmütterchenkraut auf eine Tasse Wasser heiß aufgebrüht und fünf Minuten ziehen gelassen und dann abgeseiht. Dieser Aufguss eignet sich sowohl für die innerliche als auch für die äußerliche Verwendung.

Auf weitaus ältere Quellen der Volksmedizin geht die Anwendung des Stiefmütterchens vor allem als Expectorans bei Katarrhen der oberen Luftwege, bei Halsentzündungen und sogar bei Keuchhusten zurück. Hierzu werden 1,5 Gramm Herba Violae tricoloris herba mit 150 ml Wasser als Tee aufgebrüht und bis zu dreimal täglich eine Tasse zwischen den Mahlzeiten getrunken. In der Volksmedizin gilt die Droge außerdem als »blutreinigend«. Daher findet sich Viola tricolor in Tees dieser Indikation.

In der Homöopathie werden die frischen, oberirdischen Teile blühender Pflanzen zu Viola tricolor HAB1 verarbeitet. Das homöopathische Mittel wird bei Hautausschlägen, Diarrhöen, Drüsenschwellungen, Meteorismus und Blasenbeschwerden eingesetzt.

Nebenwirkungen beziehungsweise Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind bisher nicht bekannt. Lediglich bei Einnahme größerer Mengen über längere Zeit können Übelkeit und Erbrechen auftreten.

Die Blüten des Wilden Stiefmütterchens schmecken kampferähnlich und sind essbar. Sie eignen sich daher zur Dekoration von Salaten, Suppen und Getränken und können kandiert, gekocht zu Gelee verarbeitet oder in den Teig für Süßgebäck gegeben werden. /


E-Mail-Adresse des Verfassers

gerhard.gensthaler@t-online.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2012

 

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