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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Arnika

Foto: Sertürner

Arnika ist ein Gedicht bei stumpfen Verletzungen

von Ulrich Meyer, Berlin

Für Märchen über Heilpflanzen scheint in unserer nüchternen Zeit kein Platz mehr zu sein, hat doch die rationale Phytotherapie der so genannten Indikationslyrik den Kampf angesagt. Indessen bewies der Schweizer Maler und Dichter Ernst Kreidolf (1863-1956) mit seinem Kinderbuch "Alpenblumenmärchen" 1922, dass es gelingen kann, Naturwissenschaft und Dichtung miteinander zu versöhnen.

Neben Pulsatilla, Aconitum und Veratrum wird in dem Buch die Arzneipflanze Arnika mit sicherer Hand charakterisiert: Das typische Blütenköpfchen, der natürliche Standort und die heilkräftige Wirkung waren Kreidolf offensichtlich bestens vertraut.

Arnika

Arnika, die freundliche Schwester,
Wohnt auf der Alpen sonnigen Triften,
Reicht ihre köstlich herben Würzen
Leidenden dar als heilenden Trank.

Und sie nahen von allen Seiten,
Die der Krieg verletzt und gebrochen,
Schleppen sich mühsam, humpeln an Krücken,
Keuchen: "Hilf uns, Gütige, hilf!"

Mildes Lächeln der freundlichen Schwester
Sänftiget schon der Verwundeten Leiden,
Wandelt zu Honig das bittere Tränklein,
Wandelt zu Balsam den brennenden Saft.

Ruhiger sinken zum Schlummer sie nieder.
Weckt sie morgen die goldene Sonne,
Dürfen sie alle heil sich erheben,
Jubeln der Arnika freudigen Dank!

Ernst Kreidolf

(Auszug aus dem Buch "Alpenmärchen", Seite , erschienen im ars-edition-Verlag, München. Für 24,90 DM auch zu beziehen über den GOVI-Verlag, Carl-Mannich-Str. 26, 65760 Eschborn.)

62 Jahre später bestätigte die Kommission E beim Bundesgesundheitsamt die von Kreidolf humorvoll skizzierten Indikationen: Hämatome, Prellungen, Quetschungen, Verrenkungen, Ödeme nach Knochenbrüchen, entzündete Insektenstiche sowie rheumatische Muskel- und Gelenkbeschwerden sind bis heute die Domäne der Arnika-Therapie. Gerade Wanderer, denen die Pflanze womöglich unterwegs begegnet, sollten die Wirkung der Arnika bei allen stumpfen Traumen kennen. Für die Akut-Behandlung empfiehlt sich die Anwendung einer kühlenden Kompresse mit verdünnter Arnika-Tinktur, das Auftragen eines Geles oder die Verwendung eines gebrauchsfertigen Arnika-Wundtuches, das in jede Rucksacktasche passt. Zur Nachbehandlung sowie für die eher chronisch verlaufenden rheumatischen Beschwerden kommen Salben oder ölige Arnika-Auszüge in Frage.

Erst die Tinktur verdünnen, dann den Umschlag tränken

Schnellstmöglich aufgebracht entfaltet die Arnika bei einer Prellung verblüffende Effekte. Ihre Anwendung kann sogar die für Blutergüsse typische Blau-, Rot- oder Grünfärbung unterbinden. Rasch bemerkbar macht sich zudem die intensive schmerzstillende Wirkung der Pflanze. Stets sollte auf eine ausreichende, das heißt drei- bis zehnfache Verdünnung der Arnika-Tinktur geachtet werden, denn die Inhaltsstoffe - Flavonoide und besonders Sesquiterpenlaktone vom Helenalin-Typ - sind pharmakologisch außerordentlich potent. Ihre antiphlogistische Aktivität übersteigt in manchen Versuchsmodellen die des Indometacins. Bei Überdosierung können sie allerdings primär-toxische Hautreaktionen wie Rötung und ödematöse Ekzeme mit Bläschenbildung auslösen, was es natürlich zu vermeiden gilt. In Bezug auf die oft erwähnte Arnika-Allergie nach wiederholter oder längerfristiger Anwendung darf jedoch Entwarnung gegeben werden: Sie ist viel seltener, als man früher dachte, und vielfach handelte es sich bei den Hauterscheinungen in Wirklichkeit um die geschilderte primär-toxische Reaktion. Liegt bei einem Patienten eine Allergie gegen andere Compositen wie Ringelblume, Schafgarbe oder Kamille vor, muss wegen der Gefahr einer Kreuzreaktion natürlich vom Einsatz der Arnika abgeraten werden.

In den Alpen ist Arnika selten geworden

In zwei Punkten ist Kreidolf aus heutiger Sicht zu korrigieren beziehungsweise zu ergänzen. Die perorale Anwendung der Arnika - vom Maler wohl eher symbolisch dargestellt - gilt wegen der geringen therapeutischen Breite der Droge als obsolet. Und längst nicht alle Arnikablüten stammen mehr aus der "Alpen sonnigen Triften". Weil der Bedarf gestiegen ist und Arnica montana vielerorts unter Naturschutz gestellt wurde, ist heute auch die Verwendung von Arnica chamissonis ssp. foliosa, der Wiesen-Arnika zulässig. Diese aus Nordamerika stammende Art lässt sich im Gegensatz zu Arnica montana leicht kultivieren, und zumindest die Subspecies foliosa ähnelt in ihrer Sesquiterpenzusammensetzung der Arnica montana. "Chamissonis" weist auf Adelbert von Chamisso (1781-1838) hin, Dichter, Weltreisender und exzellenter Beobachter, nach dem etwa 50 Pflanzen und Tiere benannt wurden. Viel berühmter als Ernst Kreidolf war auch Chamisso gleichermaßen in Naturwissenschaft und Kunst zu Hause.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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