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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Symphytum

Foto: Mies

Beinwell heilt Sportverletzungenie Frucht

von Ulrich Meyer, Berlin

Im Sommer sind sie alle unterwegs: die Jogger, Spaziergänger und Wanderer. Entsprechend oft suchen sie wegen leichter Verletzungen Apotheken auf. Bei Verstauchungen, Prellungen und Blutergüssen gibt es einen Heilpflanzen-Tipp: Beinwell, botanisch Symphytum officinale. 

"Was blüht denn da?" heißt das bekannteste und auflagenstärkste Bestimmungsbuch, das sich auch für interessierte Nicht-Botaniker im deutschen Sprachraum eignet. Wenn Laien damit Pflanzen bestimmen, weckt zunächst die Farben- und Formenvielfalt der Blüten ihre Aufmerksamkeit. Raublattgewächse lassen sich - wie der Name schon verrät - ganz anders erkennen: Fährt man mit der Hand über die Blätter von Vergissmeinnicht, Borretsch oder Beinwell, so fühlt man sogleich eine Vielzahl stark borstiger Haare. Sie sind hart und rau auf Grund der darin enthaltenen Kieselsäure. Beinwell gehört zu dieser Familie der Boraginaceen.

Beinwell wächst an sonnigen bis halbschattigen, feuchten und tendenziell nährstoffreichen Standorten, oft in Nachbarschaft zur Brennnessel (Urtica dioica) oder Pestwurz (Petasites hybridus). Seine Heimat ist fast ganz Europa und Sibirien. Die mächtige Staude kann bis zu 1,2 Meter hoch werden und entwickelt nach einem üppigen Blattwerk rotviolette Blüten, wie sie bei den Boraginaceen häufig vorkommen. Gelegentlich sind auch Exemplare mit weißlich-gelben Blüten anzutreffen.

Wie bei vielen deutschen Heilpflanzen, so deutet auch bei Beinwell der Name auf die medizinische Verwendung hin. "Bein" hieß früher nicht nur das Bein im engeren Sinne, sondern es wurden Knochen jeder Art so bezeichnet - man denke an Elfenbein, Schlüsselbein und Eisbein. Noch heute trennt der Metzger beim Entbeinen eines Stückes Fleisch den Knochen heraus. "Bein"well kann somit auch Hand, Schulter oder Arm gut tun.

"Well" leitet sich nicht von der englischen Vokabel für well = gut ab. Vielmehr ist "wallen" ein altes deutsches Verb für das Zuwachsen von Pflanzenwunden, wobei man in den aufsteigenden Pflanzensäften die Ursache der Heilung sah. Dieselbe sprachliche Wurzel haben übrigens auch die so genannten "Hitze-Wallungen" während der Wechseljahre, wenn den Frauen "das Blut in den Kopf steigt".

Geeignet für stumpfe Traumen

Beinwell ist also ein jahrhundertealtes Wundheilmittel, wobei er neben oberflächlichen Läsionen vor allem bei stumpfen Verletzungen wie Prellungen, Quetschungen und Zerrungen zum Einsatz kam und nach wie vor kommt. Im Unterschied zu Arnika und Calendula wurde ihm eine spezielle Beziehung zum Knochen beziehungsweise der Knochenhaut nachgesagt, weshalb Symphytum früher sogar bei Brüchen und Knochenhautentzündungen Verwendung fand.

Wirkstoffe stecken in der Wurzel

Pharmazeutisch genutzt wird die bis zu 1,5 Meter lange, außen schwarz gefärbte Pfahlwurzel, das blühende Kraut spielt als Droge nur noch eine geringe Rolle. Als wirksamkeitsbestimmende Inhaltsstoffe gelten Allantoin, Rosmarinsäure, Schleime (Fructosane) und Gerbstoffe. Rosmarinsäure zeigt in verschiedenen pharmakologischen Modellen eine entzündungshemmende (antiphlogistische) Aktivität. Allantoin ist eine mit der Harnsäure verwandte Substanz, die der Beinwell als Vehikel für den Transport und die Speicherung des von ihm reichlich benötigten Stickstoffs nutzt. Auf der Haut fördert Allantoin die Wundheilung, so dass es gelegentlich auch als isolierte Substanz in dermatologischen Präparaten Verwendung findet.

Probleme mit Alkaloiden gelöst

Während das Allantoin eine therapeutisch "erwünschte" Stickstoff-Verbindung darstellt, bildet der Beinwell auch potentiell problematische Substanzen: die Pyrrolizidin-Alkaloide (PA). Besitzen Alkaloide dieser Klasse ein 1,2-ungesättigtes Necin-Grundgerüst, gelten sie auf Grund tierexperimenteller Langzeituntersuchungen als kanzerogen, mutagen und hepatotoxisch.

Die Alkaloide im Falle des Symphytums liegen allerdings vielfach in Form der weniger giftigen N-Oxide vor; zudem werden sie bei topischer Applikation kaum resorbiert. Außerdem ist es in den letzten Jahren durch Selektion und Züchtung gelungen, praktisch PA-freie Sorten zu gewinnen. Die aus dem Jahr 1990 stammende Beinwell-Monographie der Kommission E ist daher nicht mehr ganz aktuell. Sie schreibt noch einen inzwischen "überflüssigen" Grenzwert von 100 Mikrogramm Pyrrolizidin-Alkaloiden pro Tag für äußerlich anzuwendende Symphytum-Zubereitungen vor und beschränkt die Anwendungsdauer auf vier bis sechs Wochen pro Jahr. Altpräparate wurden damals vom Markt genommen, und die Hersteller mussten für die Nachfolge-Präparate einen Alkaloid-Gehalt unterhalb des Grenzwertes mittels spezieller Verarbeitungsverfahren erreichen. Inzwischen ist das dank der Neuzüchtung einfacher geworden.

Die Einschränkung hinsichtlich der Anwendungsdauer entfällt deshalb bei den heute apothekenüblichen Präparaten. Nach wie vor gilt jedoch die Empfehlung, Symphytum-Zubereitungen nur auf intakter Haut zu verwenden. Vor der peroralen Einnahme wird gewarnt.

Eine Empfehlung für Sportler

Als Tee sollte Symphytum aus den genannten Gründen nicht mehr empfohlen werden. Symphytum kann allerdings noch Bestandteil in homöopathischen Dilutionen sein. Hauptsächlich finden aber Fertigarzneimittel zur topischen Applikation Verwendung. Die Wirksamkeit von Beinwell-haltigen Dermatika ließ sich bei Verstauchungen des Sprunggelenks - eine der häufigsten Sportverletzungen durch Umknicken - im Doppelblindversuch nachweisen. Schmerz und Schwellung des Gelenkes gingen signifikant schneller zurück, die Beweglichkeit war rasch wiederhergestellt.

Symphytum-Präparate stellen somit für sportlich aktive junge Kunden, die an Phytopharmaka interessiert sind, eine gute Empfehlung dar. Auch Allergiker mit bekannter Überempfindlichkeit gegen Arnika oder andere Compositen werden PTA und Apotheker dankbar sein, wenn diese Beinwell-Zubereitungen als Alternative empfehlen.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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