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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Mäusedorn

Foto: Takeda-Pharma

Im Sommer schlanke Beine

von Ursula Sellerberg, Berlin

Über Probleme mit den Venen klagt jede zweite Frau und jeder sechste Mann. Gegen leichte Beschwerden wie müde oder geschwollene Beine helfen pflanzliche Extrakte, allein oder zusammen mit einer Kompressionstherapie. Die Deutschen bevorzugen Extrakte aus Rosskastaniensamen, die Bewohner der romanischen Länder behandeln leichte Venenbeschwerden bevorzugt mit den gut wirksamen und verträglichen Extrakten des Mäusedorns.

Der Stechende Mäusedorn, Ruscus aculeatus, gehört zur Familie der Mäusedorngewächse (Ruscaceae, Ordnung: Spargelartige/Asparagales, Unterklasse: Lilienähnliche/Liliidae).

Einige Botaniker ordnen die Pflanze auch den Familien der Spargelgewächse (Asparagaceae) oder der Liliengewächse (Liliaceae) zu. Das Wort Ruscus leitet sich entweder aus dem lateinischen rusticus für »ländlich« oder aber von russus oder ruber für »rot« ab, denn die Beeren des Mäusedorns sind rot gefärbt. Die Artbezeichnung aculeatus bedeutet stechend oder dornig, ein Aspekt, der sich ebenfalls in den deutschen Namen Dornmyrte oder Myrtendorn wiederfindet.

Die Bezeichnung Mäusedorn verdankt der Halbstrauch wahrscheinlich den Metzgern: Sie hängten früher die dornigen Zweige neben ihre Fleischvorräte, um Mäuse fernzuhalten. In England heißt der Mäusedorn deshalb auch butcher’s broom, übersetzt: Metzgerbesen. Denn die Metzger fegten einst mit den gebündelten Zweigen ihre Hackblöcke.

Die Menschen der Antike nutzten  bereits verschiedene Mäusedorn- Arten als Medizin und Nahrungs- quelle. Sie kochten die oberirdischen Teile oder die Wurzel und tranken den Sud, um Wasser aus dem Körper zu schwemmen, Blasensteine auszuspülen, die Monatsblutung einzuleiten, Kopfschmerzen zu bekämpfen oder eine Gelbsucht zu lindern. Die unterirdischen Sprosse bereiteten sie wie Spargelgemüse zu, mit den Blütenknospen würzten sie die Speisen. Die Ordensschwestern und Mönche des Mittelalters empfahlen die Wurzeln gegen Harnwegs- und Menstruationsbeschwerden sowie Leberleiden, Äußerlich legten sie diese auf Wunden und Geschwüre. In späterer Zeit geriet der Mäusedorn in Vergessenheit. Erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckten Wissenschaftler die gefäßtonisierenden Eigenschaften des Wurzelstocks (Rhizoms).

Der Mäusedorn ist im Mittelmeerraum an sonnigen, steinigen Hängen heimisch, wächst aber auch in Deutschland als Kübelpflanze. Der Strauch wird maximal ein Meter hoch. Im Laufe der Evolution reduzierten sich die Blätter zu kleinen Schuppen. Was auf den ersten Blick wie Blätter aussieht, sind Flachtriebe oder Phyllokladien. Mäusedorn blüht zwischen April und Mai und bildet in dieser Zeit auf den immergrünen, zwei bis drei Zentimeter langen Seitensprossen weiße Blüten aus. Aus den Blüten entstehen im September rote, etwa kirschgroße kugelige Früchte. Sie scheinen mitten auf dem »Blatt« zu wachsen – auch dies ist eine botanische Besonderheit. Die Zweige des Mäusedorns sind auch im Winter sehr attraktiv, da er die Früchte im Herbst nicht verliert.

Saponine im Wurzelstock

Pharmazeutisch interessant ist nur der Wurzelstock mit den Wurzeln. Er enthält Flavonoide sowie 4 bis 6 Prozent Steroid-Saponine. Deren Aglyka (synonym: Aglykone) Ruscogenin und Neo-Ruscogenin sind an ein oder mehrere Zucker gebunden und gelten als die typischen Grundstrukturen der Inhaltsstoffe im Mäusedornextrakt. Nach Hydrolyse des Extraktes entsteht das Gemisch der beiden Saponinaglyka, das traditionell ebenfalls als Ruscogenin bezeichnet wird.

Im Jahr 2002 wählte der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg den Mäusedorn zur Arzneipflanze des Jahres. Die Vernichtung mediterraner Wälder hat den Lebensraum des Mäusedorns stark eingeschränkt. Deshalb stellen ihn einige Länder inzwischen unter Artenschutz.

Die ehemalige Kommission E empfiehlt den Mäusedorn zur unterstützenden Therapie bei Beschwerden durch chronisch venöse Insuffizienz (CVI) wie Schmerzen oder Schweregefühl in den Beinen, bei nächtlichen Wadenkrämpfen, Juckreiz und Schwellungen. Außerdem hilft er unterstützend gegen Juckreiz und Brennen durch Hämorrhoiden.


Klassifikation der chronisch venösen Insuffizienz

In Deutschland ist die Klassifikation nach Widmer verbreitet. Sie berücksichtigt vor allem die klinisch sichtbaren Veränderungen. Die Stadien I und II eignen sich für den Einsatz von Mäusedornextrakt-Präparaten.

Stadium I: Neigung zu Schwellungen, Wassereinlagerungen (Ödeme), Blaufärbung der Haut, Stauungsflecken
Stadium II: zusätzlich verhärtete Hautstellen durch das Ausschwitzen von Eiweiß. Braune Flecken auf der Haut entstehen durch Hämoglobin, statt gesundem rosigen Gewebe bilden sich minderwertige, weiße Zellen.
Stadium III: zusätzlich Geschwüre, »offenes Bein«


Bei Tieren gegen Ödeme wirksam

In Tierversuchen wirkten alkoholische Mäusedorn-Extrakte antiödematös und antiinflammatorisch (entzündungshemmend). Deshalb untersuchen Forscher derzeit in klinischen Studien, ob der Extrakt auch bei Ödemen und äußerlich bei Quetschungen und Verstauchungen wirksam ist.

Mäusedorn kommt nur in Fertigarzneimitteln zum Einsatz. Der Gesamtextrakt wird auf den Gehalt an Saponinen (Ruscogenin) eingestellt. Die empfohlene Tagesdosis liegt bei 7 bis 11 Milligramm Gesamtruscogenin. Die Kapseln, Filmtabletten oder Tropfen müssen nicht nur ausreichend hoch dosiert, sondern auch langfristig über mehrere Monate eingenommen werden. Um Venenbeschwerden in der Sommerzeit vorzubeugen, sollte die Behandlung bereits im Frühjahr starten. Als Nebenwirkungen der oralen Anwendung treten in seltenen Fällen Magenschmerzen, Übelkeit und Durchfall auf. Durchfall zwingt zum Absetzen des Präparates. Gegenanzeigen sind nicht bekannt, als Kontraindikationen nennen die Beipackzettel Schwangerschaft und Stillzeit.

In den medizinischen Leitlinien wird dagegen die topische Applikation von Venenmitteln nicht mehr empfohlen. Salben, Cremes und Gele kühlen zwar, was Betroffene als angenehm empfinden, aber der Nachweis ihrer Wirksamkeit fehlt. Bei lokaler Anwendung können sie zudem leicht brennen. Ein Fertigpräparat zur Therapie von Hämorrhoiden ist derzeit in Deutschland nicht im Handel.

Wie wirken die Steroidsaponine des Mäusedorns in den Venen? Die Venen, insbesondere die kleinsten unter ihnen, die Venulen, sind innerlich mit einer Schicht aus Endothelzellen überzogen. Solange das Blut in normaler Geschwindigkeit an diesen Zellen vorbeiströmt, können sich Blutplättchen und weiße Blutkörperchen dort nicht anlagern. Erst wenn der Blutfluss nachlässt, bleiben Blutbestandteile am Endothel haften und verursachen die Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen. Das Endothel zieht sich daraufhin zusammen, und zwischen den Zellen reißen kleine Löcher, später sogar Spalten auf. Flüssigkeit und Eiweiße sickern aus dem Blut ins Gewebe.


Fertigarzneimittel mit Mäusedornextrakten (nach Roter Liste 2007)

Cefadyn Filmtabletten/Tropfen
Fagorutin® Ruscus Weichkapseln
Phlebodril® mono Kapseln
Ruscus Venen Kapseln
Venelbin ruscus® Filmtabletten
Venen Ruscus-Kapseln N


Extrakte des Mäusedorns gehören zur Gruppe der Ödemprotektiva: Sie steigern den Venentonus, wirken also vasokonstriktorisch (tonisierend). Indem sie die Alpha-Rezeptoren der glatten Muskulatur aktivieren, wird der Botenstoff Noradrenalin freigesetzt, die Gefäßwände ziehen sich zusammen, und die Kapillarrisse im Endothel verengen sich.

Ödemprotektiva schützen außerdem vor neuen Endothelschäden. Die Gefäßwände werden insgesamt widerstandsfähiger. Zu den Ödemprotektiva gehören neben den Saponindrogen Mäusedorn und Rosskastanie auch das Rote Weinlaub und die Zaubernuss mit den wirksamkeitsbestimmenden Flavonoiden sowie Buchweizen (Rutoside) und Steinklee (Cumarine).

Kombination mit Kompression

Die erste Wahl bei der Therapie von Venenerkrankungen ist die Kompression durch Stützstrümpfe oder Verbände. Diese sind allerdings kontraindiziert bei Patienten mit Bluthochdruck, arterieller Verschlusskrankheit oder koronarer Herzkrankheit. Außerdem lehnen einige Patienten die Behandlung ab, weil sie die Kompressionsverbände hässlich finden oder ihnen im Sommer der Wärmestau zu schaffen macht. Die Folge: Nur etwa die Hälfte aller Betroffenen tragen die vom Arzt verordneten Strümpfe konsequent! In diesen Fällen oder auch begleitend zur Kompressionstherapie können die Patienten auf pflanzliche Venenmittel zurückgreifen.

In Studie besser als Placebo

In einer multizentrisch randomisierten Doppelblindstudie überprüften Mediziner die Wirksamkeit von Mäusedornextrakt bei 110 Frauen zwischen 30 und 89 Jahren mit chronisch venöser Insuffizienz (CVI) der Stadien I und II. Alle Patientinnen nahmen keine weiteren Medikamente ein und lehnten die Kompressionstherapie ab. Die Studie dauerte zwölf Wochen. Die Probandinnen schluckten täglich zwei Kapseln mit umgerechnet 4,5 Milligramm Gesamtruscogeninen (Fagorutin® Ruscus Kapseln) oder ein Placebo. Das Ergebnis: Das Unterschenkelvolumen nahm bei den Patientinnen der Mäusedorngruppe signifikant stärker ab als in der Placebogruppe. Auch das subjektive Befinden wie Kribbeln oder Spannungsgefühl besserte sich unter Mäusedorntherapie deutlicher.

Zusammenfassend beurteilten 58 Prozent der behandelnden Ärzte das Ergebnis in der Mäusedorngruppe als gut, in der Placebogruppe waren es nur 37 Prozent.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13 A
10405 Berlin



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