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Nahrungsergänzungsmittel

Wie riskant sind »neue« Pflanzen?


Von Ursula Sellerberg / Gojibeeren, Kudzuwurzel oder Erdstachelnuss: Bislang in Deutschland eher unbekannte Pflanzen kommen in immer neuen Nahrungsergänzungsmitteln auf den Markt. Um besser beurteilen zu können, ob diese »neuen« Pflanzen ein Risiko bergen, hat das Bundesinstitut für Risikobewertung 16 dieser Pflanzen genau unter die Lupe genommen.

 

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Nahrungsergänzungsmittel (NEM) sind rechtlich gesehen Lebensmittel. Auf viele Verbraucher wirken die als Tabletten, Kapseln oder Tinktur angebotenen Präparate jedoch wie Arzneimittel. Von diesen unterscheiden sie sich jedoch grundsätzlich. Arzneimittel müssen ein strenges Zulassungs­verfahren durchlaufen, bevor der Hersteller sie auf den Markt bringen darf. Voraus­setzung für die Zulassung ist der Nachweis, dass das neue Arzneimittel wirksam, sicher und unbedenklich ist.




Wer sich im Markt der Nahrungs­ergänzungsmittel auskennen möchte, braucht häufig fachkundigen Rat.

Foto: Fotolia/ Tyler Olson


Im Gegensatz dazu werden NEM nicht behördlich zugelassen. Sie dürfen allerdings auch kein medizinisches Anwendungsgebiet beanspruchen. Der Hersteller trägt die Verantwortung dafür, dass sein Produkt der Gesundheit nicht schadet. Die Sicherheit der im Handel befindlichen NEM wird von den Behörden der Lebensmittelüberwachung kontrolliert. Die Frage, ob sich durch relativ unbekannte Pflanzen oder neue Zuberei­tungen Risiken für die Gesundheit der Anwender ergeben, bleibt daher vor der Vermarktung eines NEM oft unbeantwortet.

Das gesundheitliche Risiko von Lebensmitteln zu beurteilen ist eine der zentralen Aufgaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), das zum Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gehört. In einem 300-seitigen Bericht hat das BfR verschiedene in Deutschland bisher eher unbekannte Pflanzen ausführlich bewertet und zwei Listen zugeteilt.


Empfehlung nach Stoffliste des Bundes und der Länder nach BfR-Bewertung

Liste A

Stoffe, für die eine Verwendung in Lebensmitteln nicht empfohlen wird (aufgrund bekannter Risiken ist eine Verwendung in Lebensmitteln unabhängig von der Dosierung ausgeschlossen)

Osterluzei (Aristolochia-Arten) Eisenhut-Arten (Aconitum spp.) Fingerhut-Arten (Digitalis spp.) Meerträubel-Arten (Ephedra spp.) Stechapfel (Datura-/Brugmansia-Arten) Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) Schlangenwurzel (Rauvolfia serpentina) Yohimbe (Pausinystalia yohimbe) Kath (Catha edulis) Aztekensalbei (Salvia divinorum)

Liste B

Stoffe, für die eine Beschränkung bei der Verwendung in Lebensmitteln empfohlen wird (aufgrund von Risiken durch Inhaltsstoffe oder durch nachgewiesene pharmakologische Wirkungen)

Gojibeeren (Lycium barbarum) Rosenwurz (Rhodiola rosea) Schlafbeere (Withania somnifera) Kudzuwurzel (Pueraria lobata) Erdstachelnuss (Tribulus terrestris) Blutwurz (Potentilla erecta)

Quelle: Bericht des BfR, Link zum Bericht: www.bfr.bund.de/cm/350/risikobewertung-von-pflanzen-und-pflanzlichen-zubereitungen.pdf


Viele Pflanzen ungeeignet

Die in Liste A aufgeführten Pflanzen sollten nicht als NEM verwendet werden. Wie das Bundesinstitut für Risikobewertung die 16 Pflanzen bewertete, ist für das Beratungsgespräch in der Apotheke hilfreich. Die in Liste B genannten sechs Pflanzen sind nur mit Einschränkung in Lebensmitteln verwendbar, da ihre Inhaltsstoffe eine nachgewiesene pharmakologische Wirkung haben oder Gesundheitsrisiken nicht ausgeschlossen sind.

Gojibeeren stärken das Yin

Gojibeeren sind die getrockneten Früchte von Lycium barbarum aus der Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae), in Deutschland auch Gemeiner Bocksdorn oder Teufelszwirn genannt. Die Pflanze wird in China in Plantagen angebaut. In Europa werden Gojibeeren etwa seit dem Jahr 2000 über das Internet, in Reformhäusern oder Asia-Märkten verkauft.

Die Chinesen verzehren Gojibeeren als Lebensmittel, zum Beispiel in Säften, Keksen oder Suppen in einer üb­lichen Menge von 20 bis 30 Gramm, etwa eine Handvoll. 120 ml eines Gojibeeren-Saftes (»GoChi«) werden aus 150 Gramm frischen Früchten gewonnen, das entspricht etwa 50 Gramm getrockneten Gojibeeren.




Gojibeeren (Lycium barbarum)

Foto: dpa


Die rot-orangen Gojibeeren gehören zum Arznei­schatz der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Die TCM nutzt Gojibeeren seit Jahrhunderten als Arzneidroge und empfiehlt bis zu 50 Gramm Gojibeerren täglich unter anderem bei Erschöpfung, Potenzstörungen, Unfruchtbarkeit, Schwindel, Tinnitus und Sehschwäche. Nach der Yin-Yang-Lehre erhöhen Gojibeeren das Yin und sollen unter anderem gegen Benommenheit, Nachtschweiß, Müdigkeit oder vorzeitiges Altern helfen. Bei Erkältungen als Folge eines Mangels an Yin in der Lunge werden Gojibeeren ebenfalls angewendet.

Als mengenmäßig wichtigen Inhaltsstoff enthalten Gojibeeren das orangegelbe Zeaxanthin, das als gelber Farbstoff in Maiskörnern, Spinat, Eigelb und in vielen Gemüsesorten vorkommt und von dem jeder Mensch aus natürlichen Quellen rund ein bis zwei Milligramm pro Tag zu sich nimmt. 50 Gramm Gojieeren enthalten 66 Milligramm Zeaxanthin. Bislang liegt keine wissenschaftliche Bewertung vor, welche täglichen Mengen Zeaxanthin unbedenklich sind.

Gojibeeren abschließend gesundheitlich zu beurteilen, ist derzeit nicht möglich, denn es gibt nur wenige wissenschaftliche Studien zu Gojibeeren. Laut BfR fehlen Angaben zu der Häufigkeit und Dauer der Anwendung, zu messbaren Wirkungen oder Nebenwirkungen. Bislang sind bei Goji­beeren keine Vergiftungsfälle bekannt geworden, Daten für Risikogruppen wie Kinder oder Schwangere sind nicht vorhanden.

Ein arktisches Gemüse

Die Rosenwurz, Rhodiola rosea L., gehört zur Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae). Die Pflanze wächst in arktischen Regionen oder den Gebirgsregionen Zentral- oder Nordeuropas. Die Wurzeln enthalten ätherisches Öl und riechen rosenartig. Als Leitsubstanzen dienen die beiden Inhaltstoffe Rosavine und Salidroside, die aber nicht für die Wirkung verantwortlich sind. Welche Inhaltsstoffe die Wirkung bestimmen, ist bislang nicht wissenschaftlich erforscht.

Seit rund 3000 Jahren essen die Bewohner Sibiriens, Alaskas und Grönlands Zubereitungen aus den Wurzeln beziehungsweise dem Rhizom als Lebensmittel. Rosenwurz gilt außerdem in Ost­europa und Asien traditionell als Heilpflanze zur Behandlung von Erschöpfungszuständen, als ZNS-Stimulanz und Antidepressivum.

Rhodiola wird ferner eine adaptogene Wirkung zugesprochen: Ähnlich wie die Arzneidroge Ginsengwurzel soll sie den Körper dabei unterstützen, besser mit Stress fertig zu werden. Zu den weiteren traditionellen oder volksmedizinischen Anwendungsgebieten gehören unter anderem Kopfschmerzen, Blutarmut, Impotenz, gastrointestinale Erkrankungen, Erkältungen und Infek­tionen.




Rosenwurz (Rhodiola rosea)

Foto: Thomas Schöpke


In der Europäischen Union wird Rosenwurz als NEM vermarktet. Studien mit Menschen, die täglich zwischen 100 und 1800 mg meist Rhodiola-Wurzelextrakt erhielten, ergaben kein Gefährdungs­potenzial – allerdings sind die Daten unvollständig.

In Österreich wurde im Jahr 2008 ein Trockenextrakt aus der Rosenwurz als traditionelles Arzneimittel (Vitango®) zugelassen, dessen Anwendung ausschließlich auf langjähriger Erfahrung beruht. Die Tagesdosis beträgt 400 mg des Trocken­extraktes. Das Produkt ist mit dem Warnhinweis versehen, dass Patienten mit eingeschränkter Leber- und Nierenfunktion die Tabletten nicht einnehmen sollten, da diesbezüglich keine hinreichenden Daten vorliegen. Daten fehlen auch zur Einnahme in Schwangerschaft und Stillzeit, zu Wechselwirkungen oder zur Beeinflussung des Reaktionsvermögens.

Je nach Herkunft unterscheiden sich die Inhaltsstoffe der Wurzeln deutlich. Unter anderem enthält Rosenwurz das cyanogene Glykosid Lotaustralin. Bei einer Verletzung der Pflanze können aus cyanogenen Glykosiden Cyanide (Salze der Blausäure) abgespaltet werden. Die für den Menschen letale Dosis an Blausäure wird mit 0,5 bis 3,5 mg/kg Körpergewicht angegeben. Bezogen auf einen 60 kg schweren Menschen sind das 30 bis 210 mg Blausäure. Bei NEM ist meist nicht angeben, welche Mengen an Lotaustralin sie enthalten. Unter der theoretischen Annahme, dass Blausäure im menschlichen Körper zu 100 Prozent aus Lotaustralin freigesetzt wird, enthielten 2,4 bis 17 kg der Wurzel die tödlichen Blausäuremengen.

Schlafbeeren aus Indien

Die Schlafbeere gehört zur Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Verwendet werden die Wurzeln von Withania somnifera, die deutsch auch Winterkirsche oder Pferdewurzel heißt. Die Wurzel wird als neuartiges Lebensmittel (novel food) für die Herstellung von Teegetränken und NEM verwendet.

Angebaut wird die Schlafbeere vor allem in Indien. Seit mehr als 3000 Jahren wird die Pflanze im Ayurveda, der traditionellen indischen Medizin verwendet. Die Wurzeln enthalten unter anderem Steroide (Withanolide) und Alkaloide. Zwar sind die Wurzeln Bestandteil von mehr als 200 verschiedenen Zubereitungen, doch existieren über die Wirkung der Wurzel und deren Inhaltstoffe nur wenige Informationen. Klassifiziert werden sie in der ayurvedischen Medizin als Mittel zur »Geweberegeneration« oder »Verjüngungsmittel«. Daneben sollen die Wurzeln beruhigend und gedächtnisfördernd wirken. Volksmedizinische Anwendungsgebiete sind unter anderem Bronchitis, Verdauungsstörungen, Impotenz, Krätze, Rheuma, Gedächtnisverlust, Erschöpfung und Geschwüre. Die traditionelle chinesische Medizin (TCM) setzt das Rhizom als Analgetikum, Antipyretikum und Malariamittel ein.


Beratungswissen zu Pflanzen der Liste A

Wirkungen der Pflanzen, die nicht in Lebensmitteln enthalten sein dürfen:

Aztekensalbei (Salvia divinorum) kann unter anderem Halluzinationen hervorrufen. Es besteht ein Missbrauchspotenzial. Salvia divinorum ist ein nicht-verkehrsfähiges Betäubungsmittel (Anlage I BtmG).

Eisenhut (Aconitum napellus) ist eine bekannte einheimische Giftpflanze.

Fingerhut (Digitalis) wirkt bereits in sehr geringen Mengen toxisch auf das Herz.

Kath-Blätter (Catha edulis) enthalten Alkaloide und werden wegen ihrer euphorisierenden Wirkung gekaut. Die Pflanze ist in Deutschland wegen der Suchtgefahr nicht verkehrsfähig.

Meerträubel (Ephedra) enthält das Alkaloid Ephedrin. Die Zubereitungen werden unter anderem gegen Atemwegserkrankungen eingesetzt und sind verschreibungspflichtig.

Sie werden aber auch als Ausgangsstoff für die Herstellung illegaler Suchtmittel verwendet, deshalb wird der Handel mit ihnen überwacht. Allerdings enthalten nicht alle Ephedra-Arten Alkaloide.

Osterluzei (Aristolochia) wirkt bereits in sehr geringen Mengen nieren­toxisch und sollte deshalb nicht ein­genommen werden.

Schlangenwurzel (Rauvolfia serpentina) enthält unter anderem das Alkaloid Reserpin. Früher wurde Rauvolfia unter anderem gegen Bluthochdruck, Angst und Spannungszustände eingesetzt. Rauvolfia und ihre Zubereitungen sind verschreibungspflichtig.

Stechapfel-(Datura- und Brugman­sia)-Arten enthalten Tropan-Alkaloide. Bereits geringe Mengen können zum Tod führen.

Wurmfarn (Dryopteris filix-mas) wurde früher gegen Wurminfek­tionen verwendet. Nachdem Vergiftungsfälle auftraten, wurde der Handel mit Wurmfarn verboten.

Yohimberinde (Pausinystalia yohimbe) enthält das Alkaloid Yohimbin und wird gegen sexuelle Störungen eingesetzt.


Für die Wurzel von Withania somnifera hat die WHO im Jahr 2009 eine Positivmonographie für die arzneiliche (ayurvedische) Nutzung veröffentlicht. Darin empfiehlt sie als Dosierung 3 bis 6 Gramm am Tag beziehungsweise als Antistress-Mittel zweimal täglich 250 mg der getrockneten und gemahlenen Wurzel. In einigen NEM werden diese Konzentrationen überschritten.

Gemäß der WHO kann die Einnahme zu Übelkeit, Erbrechen und Durchfall führen. Schwangere und Stillende sollten keine Präparate mit Schlafbeere einnehmen, da abortive Effekte vermutet werden. Aufgrund einer möglichen Wirkung auf das ZNS sollten Anwender keinen Alkohol trinken und nicht gleichzeitig Sedativa und Anxiolytika einnehmen. Außerdem bestehen Sicherheitsbedenken wegen einer möglichen Beeinflussung der Schilddrüsenfunktion.

Kudzuwurzeln für Sportler

Die Kudzuwurzel stammt von Pueraria lobata aus der Familie der Schmetterlingsblütler (Fabaceae). Die Pflanze wuchs ursprünglich in Asien und wird heute weltweit angebaut. Kudzuwurzeln sind Bestandteil verschiedener Nahrungsmittel für Sportler. Hersteller einzelner Präparaten benennen die Raucher- und Alkoholentwöhnung als Anwendungsgebiete. Die TCM empfiehlt die Pflanze zur Behandlung von Erkältungskrankheiten, Fieber, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Schwindel, Herzrhythmusstörungen, steifem Nacken und Rücken, Mundtrockenheit und Durchfall. Nach dem Chinesischen Arzneibuch sind Dosierungen von 9 bis 15 Gramm des Wurzelpulvers üblich.

Wesentliche Inhaltsstoffe der Kudzuwurzeln sind Isoflavone. NEM enthalten die pulverisierte Wurzel und empfehlen Dosierungen von 2 bis zu 18 Gramm pro Tag, das entspricht etwa 900 mg Iso­flavone. Zum Vergleich: Mit der Nahrung nehmen Europäer üblicherweise 2 mg Isoflavone pro Tag auf. Damit liegt die Aufnahme an Isoflavonen durch ein NEM mit Kudzuwurzel im Extremfall um den Faktor 450 höher.

Auf der Grundlage der vorliegenden wissenschaftlichen Daten sind gesundheitliche Risiken insbesondere bei längerfristigem Verzehr von Kudzuwurzeln und deren Zubereitungen nicht auszuschließen. Mangels Daten sollte Schwangere und Stillende, ebenso wie Kinder und Frauen in der Postmenopause Kudzuwurzel und deren Extrakte nicht einnehmen.

Erdstachelnuss für Männer

Die Erdstachelnuss, Tribulus terrestris L., gehört zur Familie der Jochblattgewächse (Zygophyllaceae) und wächst im Mittelmeerraum, in Afrika und Asien. Als wesentliche sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe enthalten ihre Früchte Steroidsaponine, Alkaloide und Flavonoide.




Erdstachelnuss (Tribulus terrestris)

Foto: Thomas Schöpke


Die WHO hat im Jahr 2009 eine Monographie zur medizinischen Verwendung der Früchte ver­öffentlicht. Demnach wird keine arzneiliche Anwendung durch klinische Daten gestützt. Das Chinesische Arzneimittelbuch empfiehlt die Einnahme der Erdstachelnuss bei Husten, Kopfschmerzen und Entzündungen der Brust­drüsen. In der TCM und im Ayurveda werden die Früchte traditionell angewendet bei Blähungen, Durchfall, Nierensteinen, Nasenbluten, als Aphrodisiakum und Diuretikum, aber auch das Kraut, die Blätter oder die Wurzeln. Als Tagesdosis empfiehlt das chinesische Arzneimittelbuch 6 bis 9 Gramm, das ayurvedische Arzneimittelbuch Indiens 3 bis 6 Gramm der Früchte. In der Regel wird aus den Früchten ein Dekokt bereitet.

Die Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln mit Erdstachelnuss vermarkten ihre Produkte oft für Sportler, häufig wegen angeblich anaboler Wirkungen. Sie sollen die Testosteronbildung erhöhen und dadurch unter anderem Kraft- und Muskelzuwachs fördern sowie die Libido und die Potenz steigern. Bei den meisten NEM fehlt die Angabe, welcher Pflanzenteil der Erdstachelnuss verwendet wurde. Meist enthalten die Produkte Extrakte, die wegen ihres hohen Saponin-Gehalts beworben werden.

Trotz des gegenwärtigen lückenhaften Kenntnisstands schätzen die Experten des BfR mögliche gesundheitliche Schäden bei den zu erwartenden Aufnahmemengen als unwahrscheinlich ein. Die WHO rät Schwangeren, Stillenden ebenso wie Kindern unter 12 Jahren, keine Produkte mit Erd­stachelnuss einzunehmen.

Blutwurz in Likören

In der Liste B des BfR ist zwar die Tormentillwurzel ebenfalls aufgeführt, sie ist jedoch hierzulande keine neue Pflanze. In Europa werden die Rhizome von Potentilla erecta L. aus der Familie der Rosaceae seit Jahrhunderten als Arzneidroge verwendet und sind im Europäischen Arzneibuch monographiert. Bekannte deutsche Namen sind Blutwurz, Aufrechtes Fingerkraut oder Bauchweh­wurz.




Blutwurz (Potentilla erecta)

Foto: Thomas Schöpke


Als wesentliche Inhaltsstoffe enthält Tormentill­wurzel Gerbstoffe und Triterpene, die adstrin­gierend, entzündungshemmend und heilungs­fördernd wirken. Für den Teeaufguss mit Tormentillwurzel existiert eine Standardzulassung. Die Anwendungsgebiete sind unspezifische akute Durchfallerkrankungen und Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut. Als Neben­wirkungen können bei empfindlichen Personen Magenreizungen auftreten. Die Tages­dosis liegt bei 4 bis 6 Gramm Droge. Bislang sind keine Vergiftungsfälle beschrieben.

In Deutschland listet die sogenannte Inventarliste der WKF (Wirtschaftsvereinigung Kräuter- und Früchtetee e.V.) die Tormentillwurzel als Lebens­mittelbestandteil. Mit der Wurzel werden unter anderem Liköre aromatisiert. In einigen Regionen Bayerns ist das alkoholische Getränk »Blutwurz« beliebt. Dafür wird zerkleinerte Tormentillwurzel zusammen mit Kräutern in 50-prozentigem Alkohol eingelegt. Der Genuss von drei Likörgläsern à 20 ml entspricht einer Aufnahme von bis zu 6 g Tormentillwurzel.

Expandierender Markt

Sicher werden auch in Zukunft immer wieder NEM mit weiteren »neuen« Pflanzen auf den Markt kommen. Dazu eine Faustregel: Kritisch bleiben – und das gilt für PTA und Apotheker genauso wie für Patienten. /


Weitere Listen

Im Jahr 2009 veröffentlichte die europäische Lebensmittelaufsichtsbehörde EFSA (European Food Safety Authority) eine Leitlinie zur Bewertung von rund 1000 Pflanzen. Weil es in Europa große Unterschiede bei der Verwendung von NEM gibt, hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im Rahmen einer Arbeitsgruppe die sogenannte Stoffliste des Bundes und der Bundesländer mit mehr als 600 Pflanzen und Pflanzenteile erarbeitet, die hierzulande als Lebensmittel beziehungsweise als NEM in Verkehr gebracht werden. Der Entwurf dieser Liste kann über die Website des BVL eingesehen werden. Die Stoffliste gilt nicht für Zubereitungen der Pflanzen wie Extrakte. Bei Extrakten muss im Einzelfall geprüft werden, ob die Einstufung übertragbar ist.


E-Mail-Adresse der Verfasserin

ursula.sellerberg@yahoo.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 01/2013

 

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