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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Wermut

Foto: Schöpke

Magenbitter und Kultgetränk

von Gerhard Gensthaler, München

Die Ägypter kannten die Heilwirkungen des Wermutkrautes schon vor fast 4000 Jahren, das Papyrus Ebers aus der Zeit um 1500 vor Christus gibt darüber genaue Auskunft. Auch die griechischen Ärzte der Antike schätzten Wermut und verwendeten das Kraut gegen viele Krankheiten. Bis heute ist die Anwendung gegen Appetitlosigkeit, dyspeptische Beschwerden und bei gestörter Galleproduktion verbreitet.

Wermut täte nicht nur "dem schmerzenden Kopf gut, sondern lindert auch Gliederschmerzen". Saft mit Honig und Wein, nüchtern getrunken, "klärt die Augen, stärkt das Herz und die Lunge, wärmt den Magen, reinigt die Eingeweide und bringt gute Verdauung", lobte Hildegard von Bingen das Kraut als wahres Wundermittel. Die Menschen im Mittelalter glaubten, mit Hilfe von Wermutsbüscheln Regen herbeizaubern zu können. Später schätzte Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) die Heilpflanze, denn er schrieb: "… aber es schwächten die vielen wässrigen Speisen so den Magen, dass jetzt Pfeffer und Wermut nur hilft".

Wermut ist ein westgermanisches Wort mit der Bedeutung "Erhalter der Sinne". Es weist auf die Anwendung des Krauts zur Stärkung der Geisteskraft hin. Der botanische Name Artemisia absinthium L. deutet auf die griechische Göttin Artemis, die Göttin der Jagd und Fruchtbarkeit, hin. Umgangssprachlich existieren viele Namen für Artemisia absinthium: Absinth, bitterer Beifuß, Kampferkraut, Heilbitter, Wurmtod, Grab- oder Wiegenkraut. Engländer nennen es wormwood, Franzosen grande absinthe, Spanier ajenjo und Italiener assenzio.

Wermut gehört zu den bittersten Kräutern. Seit Luthers Zeiten ist die Bezeichnung Wermutstropfen bekannt. Poeten gebrauchen den Namen oft symbolisch für Bitterkeit und Trauer.

Unscheinbar im Aussehen

Artemisia absinthium L. gehört zur Gattung Artemisia in der Familie der Korbblütler (Asteraceae, früher Compositae). Die mehrjährige Pflanze wird bis zu 1,20 m hoch und besitzt einen ästigen, buschig verzweigten Stängel mit wechselständigen, mehrfach fiederteiligen, graugrünen Blättern. Die ganze Pflanze ist silbrig behaart. Die kleinen, fast kugelrunden, blassgelben Blüten sitzen in endständigen langen Rispen. Die Pflanze blüht von Juli bis September und riecht extrem herb.

Wermut wächst wild in Südeuropa, Nordafrika, Nord- und Südamerika sowie in Asien. Er liebt karge trockene Grasflächen, Wegraine, Felshänge, Bach- und Flussufer. Die Handelsware stammt meist aus Osteuropa. Die Droge enthält 1,5 bis 2 Prozent ätherisches Öl, darin viele Mono- und Sesquiterpene, besonders a-Thujon, ferner b-Thujon und Chrysanthenylacetat. Hauptbestandteil bis zu 80 Prozent ist Thujon.

Im Unterschied zu den meisten anderen Bitterstoffdrogen sind auch die Bitterstoffe zu 0,15 bis 0,4 Prozent im ätherischen Öl enthalten. Der Bitterwert muss mindestens 10.000 betragen, so die Vorgabe der Ph. Eur. 4. Ausgabe. Er ist der Kehrwert derjenigen Konzentration einer Droge oder einer Arzneisubstanz, in der diese gerade noch bitter schmeckt. Im Falle des Wermuts schmeckt eine Verdünnung von 1 zu 10.000 noch bitter.

Die beiden Hauptbitterstoffe sind Absinthin und Artabsin, ferner Anabsinthin und Anabasin aus der Gruppe der Sesquiterpenlactone. Diese erregen die Bitterrezeptoren in den Geschmacksknospen des Zungengrundes. Zusätzlich finden sich Flavone, Ascorbinsäure und Gerbstoffe in der Droge.

Gift und Heilung zugleich

Im 18. Jahrhundert wurde Absinthschnaps, ein aus Wermut, Anis und anderen Kräutern hergestellter Schnaps mit grünlicher Farbe sehr beliebt und als das "Gift der Grünen Stunde" bekannt. Die Zeit von vier bis sechs Uhr nachmittags nannten die Parisern damals "l' heure de l'absinth", die Stunde des Absinth oder auch "l' heure verte", die Grüne Stunde, nach der Farbe des Getränks. Das Thujon des Wermutkrauts verstärkt die Wirkung von Alkohol und ist ein Krampfgift. Auf Dauer greift Thujon das Nervensystem an und führt zu Lähmungen und Verwirrtheit. Das Getränk zerstörte die Schaffenskraft und letztendlich das Leben berühmter Maler und Musiker. So schuf beispielsweise Vincent van Gogh (1853-1890) einige seiner Meisterbilder im Absinthrausch, ebenso wie Toulouse-Lautrec (1864-1901). Als die Langzeitfolgen und die Zusammenhänge deutlich wurden, verbot das Absinthgesetz seit 1923 in Deutschland die Herstellung von Absinthschnaps, ähnliche Verbote erließen Frankreich, Belgien, die Schweiz und Italien. In Ländern wie Spanien oder Portugal blieb Absinth jedoch ein legales Getränk. Seit 1991 ist der Ansinth in Deutschland, seit 2005 in der Schweiz wieder erlaubt. Im Zuge der Harmonisierung innerhalb der Europäischen Union wurde in Deutschland 1998 die Aromenverordnung geändert. Der Zusatz von reinem Thujon ist nach wie vor verboten, nicht aber die Verwendung thujonhaltiger Pflanzen und Pflanzenteile. Aktuell gilt laut EG-Aromenrichtlinie allerdings ein Grenzwert von 35 mg Thujon pro Liter Bitterspirituose.

Als Cocktail beliebt

Nach fast 80 Jahren Verbannung feiert der Absinthschnaps derzeit sein Comeback in den Bars mitteleuropäischer Großstädte. Deutsche Barmixer servieren Absinth vor allem als Cocktail oder Longdrink, manchmal kann der Absinthliebhaber unter mehr als zwanzig verschiedenen Cocktails auswählen. Bei manchen Jugendlichen hat der Schnaps sogar den Aufstieg zum Kultgetränk geschafft. Auch das Internet füllen zahlreiche Seiten der Absinthfreaks und Händler.

In der Volksmedizin fand Wermut als so genanntes Purgatium Einsatz, das heißt, zur "Ausleitung" von krank machenden Giftstoffen über den Darm. Außerdem diente das Kraut früher als gynäkologisches Mittel zur Abtreibung oder zur Geburtseinleitung. Da die Droge bei bestehender Schwangerschaft zur Abstoßung oder zur Schädigung des Fötus führen kann, dürfen Frauen im gebärfähigen Alter nach wie vor die Droge nicht anwenden. Der Einsatz der Droge ist nicht nur bei bestehender Schwangerschaft, sondern auch während der Stillzeit und bei kleinen Kindern kontraindiziert. Weil Thujon in hohen Dosen als Krampfgift wirkt, sollte das ätherische Öl nicht isoliert eingenommen werden.

Aus dem hohen Gehalt an Bitterstoffen ergibt sich seine heutige Anwendung als Bittermittel (Amarum). Bitterstoffe lösen in der Mundhöhle reflektorisch eine Steigerung der Magensekretion aus, infolge steigt die Säurekonzentration an.

Pharmazeutisch wird Wermut daher zur Anregung der Magenfunktion, bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und Meteorismus, aber auch bei Dyskinesien der Gallenwege verwendet. Wie andere Bitterstoffdrogen wird Wermut Carminativa, Cholagoga und Magen-Darm-Mitteln zugesetzt.

1937 gelang der Nachweis eines antagonistischen Effektes von Thujon bei Vergiftungen mit Narkotika. Dies macht eine Anmerkung des römischen Schriftstellers Plinius des Älteren (23 bis 79 n. Chr.) verständlich, der Wermut als Antidot gegen Opium empfahl. 1955 wiesen Wissenschaftler die Wirksamkeit von Thujon gegen den Rundwurm (Ascaris lumbricoides) nach. Dies erklärt vermutlich auch den englischen Namen für Wermut "wormwood" (= Wurmholz). Zusätzlich wurden insektizide Eigenschaften festgestellt. Das ätherische Öl soll außerdem antimikrobiell wirken. Äußerlich findet Wermut traditionell Anwendung bei schlecht heilenden Wunden, Insektenstichen, Geschwüren und Hautflechten.

Auch in der Homöopathie

Bei den Arzneimittelprüfungen in der Homöopathie nehmen gesunde Menschen geringe Dosen einer Urtinktur ein, und anschließend beobachten Homöopathen, welche Symptome das Mittel hervorruft. Wermut führte dabei zu Halluzinationen, schrecklichen Visionen, Gedächtnisverlust und Verwirrtheit.

Homöopathen verordnen daher Absinthium von der Urtinktur bis zu den Potenzen D12 beziehungsweise C1 bis C6 bei Erregungszuständen und Krampfleiden sowie bei Magenschleimhautentzündungen. Auch hier verbietet sich die Anwendung in Schwangerschaft, Stillzeit und bei kleinen Kindern. Für homöopathische Zubereitungen werden die Blätter und Blüten oder auch nur die basalen Laubblätter verarbeitet.

Nur zwei Tassen täglich

Die Monographie zu Wermutkraut findet sich in der 4. Ausgabe des Europäischen Arzneibuchs. Die Droge wurde sowohl von der Kommission E als auch der European Scientific Coopertive on Phytotherapy (ESCOP) positiv beurteilt. Wermutkraut (Absinthii herba) besteht aus den ganzen oder geschnittenen, getrockneten, basalen Laubblättern oder den getrockneten, zur Blütezeit gesammelten oberen Sprossteilen und Laubblättern oder einer Mischung der angeführten Pflanzenteile von Artemisia absinthium L. Die getrocknete Droge muss mindestens 2 ml ätherisches Öl pro Kilogramm enthalten.

Aus der geschnittenen Droge werden Aufgüsse und Abkochungen, Fluidextrakte und Tinkturen bereitet. Feste Arzneiformen zur oralen Anwendung enthalten Wermutkraut in Form von Drogenpulver oder Trockenextrakt.

Für die Teezubereitung wird 1 Teelöffel Droge (entspricht circa 1,5 g) mit einer Tasse Wasser heiß übergossen und nach 10 Minuten abgeseiht. Soll der Tee den Appetit anregen, dann empfiehlt es sich, eine Tasse frisch bereiteten Tees eine halbe Stunde vor dem Essen zu trinken, zur Förderung des Galleflusses nach dem Essen. Von einer Tinktur (1:10) werden dreimal täglich fünf Tropfen in etwas Wasser eingenommen. Als mittlere Tagesdosis gelten 2 bis 3 Gramm getrocknete Droge, das heißt, maximal zwei Tassen täglich. Überdosierungen können Erbrechen, starke Durchfälle, Benommenheit und Krämpfe verursachen.

In der traditionellen Medizin werden mehrere Artemisia-Arten genutzt. Artemisia abrotanum (Eberraute) diente in der Vergangenheit ebenfalls häufig als bitteres Tonikum und zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden. Ähnlich wie Artemisia vulgaris (Gemeiner Beifuß) wurde sie außerdem als Entwurmungsmittel für Kinder bei Madenwurmbefall eingesetzt.

Artemisia-Art feiert Comeback

Seit 2000 Jahren verwenden Chinesen Artemisia annua L. gegen Fieber. Als Tee getrunken verschwindet das Fieber innerhalb weniger Tage. Quing hao heißt dieses Wunderkraut in China, in Deutschland einjähriger Beifuß, botanisch Artemisia annua L. Diese einjährige Pflanze gehört wie alle Artemisia-Arten zur Familie der Asteraceae, wird bis zu 2 m hoch, hat frischgrüne, stark zerteilte Blätter und trägt winzige cremefarbene Blütenköpfe.



Wermutjauche

Wermutjauche ist als Bekämpfungsmaßnahme gegen Blattläuse, Säulenrost an Johannisbeeren, Raupen und Ameisen im Garten erprobt. Hergestellt wird sie durch das Vergären entweder von 300 Gramm frischen oder von 30 Gramm getrocknetem Wermutkraut in 10 Liter Wasser.

Die fertige und ökologisch unbedenkliche Flüssigkeit spritzen Gärtner im Frühling unverdünnt auf Blattläuse, Säulenrost und Ameisen. Im Juni bis Juli wirkt die dreifach verdünnte Mischung gegen Blattläuse und Apfelwickler. Im Herbst hilft die zweifach verdünnte Brühe gegen Brombeermilben.



Neben seiner ursprünglichen Heimat China ist die Pflanze als Unkraut in Nordamerika und Afrika weit verbreitet, in Tansania wird es auch kommerziell angebaut. In der Traditionellen Chinesischen Medizin gilt Artemisia annua als "kühlendes Mittel". Daher ihr Einsatz als Fiebermittel beziehungsweise zur Prophylaxe und Therapie der Malaria.

Die Pflanze enthält ätherisches Öl und Flavonoide. Der Hauptwirkstoff ist mit bis zu 1 Prozent das Artemisinin, ein Sequiterpenlacton. Neben seiner Effizienz bei Malaria wirkt es in Studien auch signifikant antibiotisch.

Traditionell werden Aufgüsse und Tinkturen der Pflanze verwendet. Seit wenigen Jahren sind für die Malariatherapie standardisierte Extrakte der Pflanze in Tabletten- und Zäpfchenform verfügbar. Zur Gewinnung des Hauptwirkstoffs werden die getrockneten oberirdischen Teile der Pflanze zunächst mit Hexan extrahiert und anschließend wird aus dem dabei entstandenen gelben, öligen und hochviskosen Produkt das Artemisinin durch Umkristallisation gewonnen.

Von der WHO empfohlen

Stärker als das Artemisinin wirken dessen halbsynthetische Derivate Dihydroartemisinin und Artemisiten in Form ihrer Ester und Ether, die unter der Bezeichnung Artemether zusammengefasst werden. Da Artemisinin und seine Derivate gegen multiresistente Stämme von Plasmodium falciparum wirken, empfiehlt die WHO diese Wirkstoffe zur Therapie von Chloroquin- und Mefloquin-resistenter Malaria.

Artemether (in Kombination mit Lumefantrin in Riamet®) ist in Deutschland zur Behandlung der akuten, unkomplizierten Malaria durch Plasmodium falciparum zugelassen. Die Effektivität und Sicherheit dieser Kombination wurde in Thailand 1998 in einer offenen randomisierten Studie an 200 Kindern und Erwachsenen nachgewiesen. Die Anwendung von Kombinationstherapien ist weltweit eine wichtige Strategie, um die Resistenzzunahme zu verzögern.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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