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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Löwenzahn

Foto: Mies

Unkraut mit Heilkraft

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

In Europa wächst der Löwenzahn fast überall, und jeder kennt ihn. Wenn im Frühjahr seine gelben Blüten auf den Wiesen leuchten, erfreut sein Anblick. Gartenbesitzer verwünschen ihn hingegen oft als lästiges Unkraut. Dabei ist der Löwenzahn nicht nur ein schmackhaftes gesundes Wildkraut, sondern auch eine wertvolle Heilpflanze.

Mit schätzungsweise über 500 Bezeichnungen ist der Löwenzahn, Taraxacum officinale, wahrscheinlich die Pflanze mit den meisten volkstümlichen Namen: Butterblume, Pfaffenkopf, Hundeblume, Milchdistel, Sonnenwurzel, Kuhblume, Märzblume, Pusteblume oder gar Bettpisser sind nur einige davon. Manche Bezeichnung weist auf einen Inhaltsstoff, die Wirkung oder die Verwendung des Löwenzahns hin. Der Name Butterblume geht zum Beispiel auf den Gebrauch der gelben Blüten zur Färbung von Butter zurück, Milchdistel auf den in allen Pflanzenteilen enthaltenen milchigen Saft und Bettpisser auf die harntreibende Wirkung wie auch der französische Trivialname »pissenlit«. Löwenzahn ist die Übersetzung des lateinischen »Dens leonis« und bezieht sich auf die tief eingeschnittenen, gezähnten Blätter der Pflanze. Die botanische Bezeichnung »Taraxacum« ist vermutlich dem arabischen »al-taraxacon« entlehnt und bedeutet bitteres Kraut.

Arabische Ärzte erwähnten den Löwenzahn im elften Jahrhundert erstmals als Heilpflanze.  Noch im Mittelalter galt die Pflanze in ganz Europa wegen ihrer geringen Verbreitung als seltenes Gewächs. Erst zum Ende des Mittelalters wurde sie von Kräuterkundlern als Heilpflanze entdeckt. Der Arzt und Botaniker Adam Lonitzer (genannt Lonicerus) beschreibt die Pflanze um 1550 in seinem Kräuterbuch als heilkräftig bei Fieber und Seitenstechen, aber auch bei Abszessen und Augengeschwüren. Wegen seiner gelben Blütenfarbe wurde der Löwenzahn nach der Signaturenlehre gegen Gelbsucht eingesetzt. Der Berliner Arzt Christoph Wilhelm von Hufeland (1762 bis 1836) schätzte ihn als kräftiges Mittel bei Leber- und Gallenleiden. Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) empfahl ihn bei Verschleimung verschiedener Organe, bei Leberleiden und Hämorrhoiden.

In der Volksmedizin ist der Löwenzahn bekannt für seine anregende Wirkung auf Galle, Leber, Niere und Blase. Tee oder Saft sollen den Körper im Frühjahr entschlacken. Die Löwenzahnwurzel diente früher nach dem Trocknen, Rösten und  Mahlen als Kaffee-Ersatz.

Manche Anwendung gehört eher in den Bereich des Aberglaubens: So soll der Milchsaft des Löwenzahns, bei abnehmendem Mond auf die betroffene Hautstelle geträufelt, Warzen zum Verschwinden bringen und ein Bündel Löwenzahnblätter, bis zur vollständigen Trocknung um den Hals gehängt, soll von Zahnschmerzen befreien.

Auch Künstler schätzten den Löwenzahn als attraktives Motiv. Er inspirierte Albrecht Dürer (1471 bis 1528) im Jahre 1503 zu dem wunderschönen Bild »Das große Rasenstück«, auf dem er seine noch geschlossenen Blütenköpfe zwischen Wegerich und Gräsern empor streckt. Der Nachkriegsautor Wolfgang Borchert hat die Kurzgeschichte »Die Hundeblume« nach ihm benannt. Zu Zeiten der deutschen Mark zierte ab 1992 ein Löwenzahn die Rückseite von 500-DM-Scheinen.

Der Löwenzahn gehört zu den Cichorioideae, einer Unterfamilie der großen Familie der Asteraceae (Korbblütler). Seine vielen Unterarten und Varietäten sind auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel verbreitet. Zur explosionsartigen Verbreitung der mehrjährgen Pflanze trug die Jauchedüngung entscheidend bei. Je nach Standort und Nährstoffangebot wird der Löwenzahn manchmal über fünfzig Zentimeter hoch. Auf Wiesen und an Wegrändern, auf Schutthalden und selbst in Mauerritzen findet die mehrjährige Pflanze mit ihrer kräftigen Pfahlwurzel Halt.

Nahrung für Bienen

Die tief eingeschnittenen, schrotsägeförmig gelappten Blätter sind oberseits kahl oder kurz behaart, dagegen unterseits nur auf dem Mittelnerv behaart. Die Blätter bilden eine grundständige Rosette, aus der von März bis in den Herbst die Blüten treiben. Zur Hauptblütezeit im Mai locken die leuchtend gelben Blüten zahlreiche Bienen an, die hier reichlich Nahrung finden. Die Blütenköpfe sitzen einzeln am Ende von hohlen und kahlen aufrechten Stängeln. Das nur aus Zungenblüten bestehende Köpfchen ist von zwei Reihen kurzer graugrüner Hüllblätter umgeben. Morgens öffnet sich die Blüte, zum Nachmittag schließt sie sich und bleibt auch nachts und bei trübem Wetter geschlossen. Als Blumenschmuck in der Vase ist der Löwenzahn ungeeignet, da sich seine Blütenköpfe schon bald nach dem Pflücken schließen. Alle Pflanzenteile scheiden bei Verletzung einen bitteren Milchsaft aus, der entgegen einer weit verbreiteten Meinung selten Allergien auslöst.

Bei Menschen, die Löwenzahn über Jahre sammeln, zum Beispiel als Kaninchenfutter, wurden gelegentlich Fälle einer Kontaktdermatitis beobachtet, die sich in einer starken Schwellung der Hände und der Unterarme äußert. Wenn die Samen reif sind, entsteht die »Pusteblume«. Dann trägt der Wind die kleinen graubraunen, gerippten Früchte (= Achänen) mit Hilfe ihres weißen Fallschirms, dem Pappus, oft kilometerweit davon.

Ernte vor der Blütezeit

Arzneilich verwendet werden die Wurzeln und das Kraut des Löwenzahns. Als Droge führt ihn der Deutsche Arzneimittel-Codex (DAC 2004) in der Monographie »Löwenzahn – Taraxaci herba cum radice«. Die Droge des DAC besteht aus den im Frühjahr vor der Blüte geernteten und getrockneten, gesamten Pflanzenteilen von Taraxacum officinale Weber. Sie schmeckt bitter und riecht schwach eigenartig. Das Homöopathische Arzneibuch (HAB 2000) verwendet dagegen die frischen ganzen Pflanzen von Taraxacum officinale Wiggers zur Blütezeit. Das für die Droge benötigte Pflanzenmaterial stammt aus Wildvorkommen und aus Kulturen. Hauptlieferanten sind die osteuropäischen Länder.

Die Droge enthält neben Flavonoiden, Phenolkarbonsäuren, Sterolen und Triterpenen vor allem Bitterstoffe, die nach bisherigen Erkenntnissen für die Wirkung des Löwenzahns als Amarum verantwortlich sind. Sie steigern die Sekretion der Verdauungsdrüsen, vor allem der Galle. Der relativ hohe Kaliumgehalt des Krautes erklärt seine schwach diuretische Wirkung. Der Inulin-Gehalt der Löwenzahnwurzeln steigt von 2 Prozent im Frühjahr auf etwa 40 Prozent im Herbst an.

Löwenzahn hilft als mild wirkendes Choleretikum bei Störungen des Gallenflusses, als Appetit anregendes Amarum und als Adjuvans bei Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und Blähungen. Tierexperimentelle und klinische Untersuchungen belegen diese Wirkungen, so dass auch die Kommission E das Löwenzahnkraut positiv bewertete.

Blatt- und Wurzeldroge

Die ESCOP (European Scientific Cooperative for Phytotherapy) verabschiedete 1996 zwei getrennte Monographien für Taraxaci folium und Taraxaci radix. Die Blattdroge wird bei Erkrankungen, bei denen ein verstärkter Harnfluss wünschenswert ist, zum Beispiel bei Nierengrießbildung oder Rheuma, empfohlen. Die Wurzeldroge soll den Appetit anregen, dyspeptische Beschwerden lindern und eine gestörte Leber- und Gallefunktion wiederherstellen.

Für einen Teeaufguss wird ein Esslöffel fein geschnittene Droge mit etwa 150 ml kaltem Wasser angesetzt, kurz aufgekocht und nach 10 bis 15 Minuten durch ein Teesieb gegeben. Bei Appetitmangel und Verdauungsbeschwerden sollen die Betroffenen eine Tasse Löwenzahntee zwei- bis dreimal täglich eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten trinken.

Blähungen oder Völlegefühl lindert eine Tasse Tee zu oder nach den Mahlzeiten. Patienten, denen die Teebereitung zu aufwändig ist, können in der Apotheke einen Presssaft aus frischem Löwenzahn kaufen, zum Beispiel florabio naturreiner Heilpflanzensaft Löwenzahn.

Löwenzahn ist Bestandteil von Fertig-Teemischungen, meist von Gallen- und Lebertees. Auch einige wenige Gallenwegstherapeutika enthalten Löwenzahn, zum Beispiel Gallemolan® forte Kapseln, Carmol® Magen-Galle-Darm Tropfen oder Salus Gallexier® Kräuter Dragees. Patienten, die ihre Beschwerden homöopathisch behandeln möchten, stehen einige Präparate mit Taraxacum zur Verfügung, zum Beispiel Bomagall N Tropfen, Chol-Do® Tropfen und Galloselect-Tropfen.

Löwenzahn ist ein gut verträgliches Phytotherapeutikum. Über Neben- oder Wechselwirkungen ist bei bestimmungsgemäßem Gebrauch nichts bekannt. Wie bei anderen Amara treten vereinzelt säurebedingte Magenbeschwerden auf.

Bei Entzündungen oder Verschluss der Gallenblase sowie Darmverschluss ist Löwenzahn kontraindiziert. Patienten mit Gallensteinleiden sollten vor der Anwendung sicherheitshalber mit ihrem Arzt sprechen.

In der Volksmedizin gilt die Droge als Blutreinigungsmittel und wird als mildes Laxans sowie zur Behandlung von Gicht und rheumatischen Erkrankungen eingesetzt. Gegen Frühjahrsmüdigkeit soll eine vier- bis sechswöchige Löwenzahn-Kur wahre Wunder wirken.

Bereicherung der heimischen Küche

Zunehmend schätzen kreative Köche den Löwenzahn. Besonders in den romanischen Ländern sind im Frühjahr gesammelte junge Blätter beliebt, denn aus ihnen lässt sich ein vitaminreicher Salat zubereiten. Die etwas älteren und bitter schmeckenden Blätter können unter andere Salate gemischt werden und geben diesen eine pikante Würze. Ob angerichtet wie Blattspinat, als schmackhafte Suppe zusammen mit Brennnesseln, als Beigabe zu Kräuterquark oder gedünstet als Füllung für ein Omelett bereichert der Löwenzahn auch die heimische, naturnahe Küche. Die essbaren gelben Blüten eignen sich zu wunderschönen Dekorationen oder zur Herstellung eines honigähnlichen Sirups.

 

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schulte-loebbert@t-online.de 



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