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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Maiglöckchen

Foto: Mies

Betörender Duft und bittere Medizin

von Gerhard Gensthaler, München

Die schneeweißen Blüten und der berauschende Duft der Maiglöckchen verzauberten schon immer die Menschen und ließ sie die Gefährlichkeit der Pflanze vergessen. Der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben widmete im 19. Jahrhundert den Frühjahrsboten sogar ein Lied: »Maiglöckchen läutet aus dem Tal, das klingt so hell und fein: So kommt zum Reigen allemal, Ihr lieben Blümelein.«

Bis zum 15. Jahrhundert war das Maiglöckchen (Convallaria majalis L.) den arabischen und europäischen Ärzten als Heilpflanze unbekannt. Die ersten Hinweise auf die Wirkung der Pflanze enthält die Handschrift »Von den gebrannten Wässern« des Gabriel von Lebenstein aus dem 15. Jahrhundert. Er erwähnt darin das Destillat einer Blume, »lilium convallium«, dem er eine große Wirkung zuschreibt. So helfe ein Trank bei Wehenschwäche, Schlaganfall, Epilepsie, Wassersucht, Geschlechtskrankheiten, Ohnmacht, Lepra, Insektenstichen, Wurmbefall und Atemwegsbeschwerden. Erst seit dem 1491 gedruckten »Hortus sanitatis« von Jakob Meydenbach ist sicher, dass »lilium convallium« das Maiglöckchen bezeichnet. Das Buch enthält erstmals eine farbige Abbildung dieser Pflanze.

Im 16. Jahrhundert berichten verschiedene Kräuterbücher über die Wirkung des Maiglöckchens. So empfehlen Hieronymus Bock, Brunfels und Fuchs »Meyenblumen« bei Schwindel, Fallsucht und Augenleiden und erwähnen die herzstärkende Wirkung. Im Jahr 1546 nimmt Valerius Cordus das Maiglöckchen in das Dispensatorium Valerii Cordi aus Nürnberg auf, das erste amtliche Arzneibuch in deutschen Landen. Das sogenannte »Goldene Wasser« galt lange Zeit als Allheilmittel.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wird die Palette der Indikationen des Maiglöckchens in der medizinischen Literatur immer vielfältiger. So soll es auch bei allgemeinem Zittern, Hypochondrie, Malaria, Skorbut, Erbrechen, Durchfall und Ruhr helfen. Da seine getrockneten Blüten Niesreiz verursachen, wurden sie dem Schneeberger Schnupftabak zugesetzt, der die verstopften Nasen der Bergarbeiter reinigte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts verschwinden die Maiglöckchen fast vollständig aus den Lehrbüchern der Arzneimittellehre.

Frühlingslüfte, Maiendüfte

Das Maiglöckchen ist eine weit verbreitete Art aus der Familie der Convallariaceae. Der botanische Name weist auf sein hauptsächliches Vorkommen hin: Convallis bedeutet »in den Tälern vorkommend«. Der lateinische Artname »majalis« bezieht sich auf die Blütezeit. Die Beliebtheit der Pflanze schlägt sich in Deutschland in über 200 verschiedenen Namen nieder. So heißt sie unter anderem Faltrianblume, Mairöschen, Maiblume, Maililie, Maischelle, Niesekraut, Springauf, Talblume und Zauke.

Die mehrjährige Pflanze mit einem kriechenden Rhizom und zahlreichen Wurzeln erreicht eine Wuchshöhe von 10 bis 25 Zentimetern. Der aufrecht wachsende, kantige Stängel wird meist von zwei glattrandigen, breit-lanzettlichen, elliptischen Laubblättern umhüllt. Die dunkelgrünen und auf ihrer Blattoberseite glänzenden Blätter sind in etwa genauso lang wie der Stängel.

Zwischen Mai und Juni entwickeln sich die weißen, glockenförmigen und betörend duftenden Blüten. Die nickenden Blüten stehen in einer einseitigen Blütentraube aus fünf bis zehn Einzelblüten. Aus den Blüten entwickeln sich im Sommer kleine rote Beeren, die zahlreichen Vögeln als Nahrung dienen. Da die Tiere ihre Samen verbreiten, siedelt sich das Maiglöckchen neben der Vermehrung über das Rhizom auch an anderen Standorten an.

Laien verwechseln die Blätter des Maiglöckchens leicht mit Bärlauch. Beim Sammeln dieses wertvollen Wildgemüses und Gewürzes ist daher ein Geruchstest unerlässlich. Bärlauchblätter riechen stark nach Knoblauch, Maiglöckchenblätter dagegen nicht.

Pflanzenteppich in dichten Wäldern

Die Heimat von Convallaria majalis ist Europa, wo es in lichten Laub- und Nadelwäldern und auf Bergmatten bis in eine Höhe von knapp 2000 Metern vorkommt. Inzwischen hat sich die Pflanze auch in Nordamerika eingebürgert. Das Maiglöckchen bevorzugt sommerwarmes Klima und halbschattige Standorte. Es gedeiht sowohl auf kalkreichen als auch auf sauren Böden. Meist stehen die Pflanzen sehr dicht beieinander. Maiglöckchen sind auch beliebte Gartenpflanzen.

Verwendung finden die zur Blütezeit gesammelten und getrockneten oberirdischen Teile beziehungsweise Blüten. Monographien stehen im DAB und der Ph. Eu. unter Convallariae herba und Convallariae flos. Die Droge stammt in der Hauptsache aus Wildsammlungen, vor allem aus Osteuropa.

Die ganze Pflanze ist giftig. Typische Vergiftungserscheinungen sind Haut- und Augenreizungen, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckanstieg und rasender Puls. Da der Körper die giftigen Inhaltsstoffe nur schlecht resorbieren kann, kommt es in der Regel nur zu Übelkeit und Erbrechen. Wegen ihres geringen Körpergewichtes sind Kinder allerdings stärker gefährdet als Erwachsene.

Auf Giftigkeit hinweisen

Die Pflanze enthält zahlreiche Herzglykoside und Saponine. Die Herzglykoside steigern die Kontraktionskraft des Herzens und verlangsamen seine Frequenz. Daher finden sie meist Verwendung bei der Behandlung der Herzinsuffizienz.

Der Gehalt an herzwirksamen Glykosiden ist zur Blütezeit am höchsten. Der Hauptinhaltsstoff (etwa 40 Prozent der Gesamt-Herzglykoside) ist das Convallatoxin, das eine ähnliche Struktur hat wie die ebenfalls enthaltenen Glykoside Convallosid, Convallatoxol und Lucundjosid. Wurzeln und Rhizom enthalten die toxische Azetidin-2-carbonsäure.

Das Glykosid Convallamarin wurde im Jahr 1858 durch den Heidelberger Chemiker Walz entdeckt. Schon bald kam die Substanz in pulverisierter Form auf den Markt. Durch den schwankenden Wirkstoffgehalt des Pulvers und die geringe therapeutische Breite des Glykosids traten häufig Vergiftungen auf. 1929 gewannen Wissenschaftler ein kristallisiertes Glykosid aus dem Maiglöckchen. Nun konnte man Tabletten mit immer gleichem Wirkstoffgehalt herstellen.

Im Vergleich mit den aus der Pflanze gewonnenen Extrakten hatten die Präparate mit dem isolierten Glykosid den Vorteil, gleiche Wirkung bei niedrigerer Dosis und geringerem Risiko zu erzielen. Doch das verbleibende Restrisiko einer Überdosierung führte dazu, dass die beliebten Arzneimittel in den 1950/60er Jahren durch besser dosierbare, synthetische Arzneimittel abgelöst wurden. Heute sind Extrakte aus Maiglöckchen nur noch in Mischpräparaten mit anderen Pflanzendrogen enthalten. Homöopathen verordnen Convallaria als Mittel, das die Herzarbeit verstärkt und regelmäßiger macht.

Anfang des Jahres 2003 versprach die Erkenntnis »Maiglöckchen lockt Spermien an« den Einsatz in der Fertilitätsmedizin. Die Forscher hatten jedoch lediglich nachgewiesen, dass die Riechrezeptoren auf den Spermien auf starke Düfte mit verstärkter Aktivität reagieren.
Heute findet Convallaria majalis noch Anwendung bei milden Formen von Herzschwäche, die mit Altersherz oder chronischem Cor pulmonale (= Rechtsherzhypertrophie) einhergehen. Üblicherweise nehmen die Patienten ein auf Convallatoxin eingestelltes Pulver mit 0,2 Prozent Convallatoxin in drei Dosen à 0,2 g ein. Die Tagesdosis beträgt 0,6 g. Zusätzlich finden Tinkturen und Extrakte Verwendung.

Nach jahrzehntelangem Gebrauch gegen schwaches »Altersherz« verlieren die Herzglykoside zunehmend an Bedeutung, denn Studien haben gezeigt, dass sie lediglich die Symptomatik günstig beeinflussen, aber nicht die Mortalität.

Gefährliche Wechselwirkungen

Vor Beginn einer Selbstbehandlung mit Präparaten, die Maiglöckchen enthalten, sollten Patienten die Ursachen ihrer Herzbeschwerden unbedingt von einem Arzt abklären lassen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten, die den Elektrolythaushalt stören wie Diuretika, eventuell Abführmittel oder Medikamente, die auf den Herzschlagrhythmus wirken wie Chinidin, können gefährliche Wechselwirkungen auftreten. Bei Schwangeren und Stillenden sind Präparate mit Convallaria majalis kontraindiziert. Die Einnahme verbietet sich ebenfalls, wenn der Patient bereits ein anderes Arzneimittel mit Herzglykosiden einnimmt.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de 



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