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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Schwarze Tollkirsche

Foto: Schöpke

Schöne Dame der Natur

von Gerhard Gensthaler, München

In der Steinzeit nutzten Jäger Pflanzenteile der Schwarzen Tollkirsche als Pfeilgift. Die Ärzte der Antike wussten bereits um ihr schmerzlinderndes Potenzial. Doch Atropa belladonna L. war nicht nur als Gift und Heilmittel beliebt, sondern machte auch als Schönheitsmittel Karriere. Da die enthaltenen Alkaloide die Pupillen erweitern, benutzten die Frauen der Renaissance Auszüge aus der Tollkirsche und versuchten mit ihren glänzenden, dunklen Augen der Männerwelt zu gefallen.

Der Gebrauch der Tollkirsche zieht sich durch die Epochen: Im Mittelalter enthielten "Hexensalben" verschiedene Drogen aus der Familie der Nachtschattengewächse. Die Frauen rieben die Salben hochdosiert in die Haut ein und erzeugten so Wahnzustände. In Büchern aus dem 15. Jahrhundert ist lediglich die Giftigkeit der Tollkirsche erwähnt. Erst im 18. Jahrhundert fand die Tollkirsche wieder häufiger Einsatz zu Heilzwecken, beispielsweise zur Behandlung der Gelbsucht, Bauchwassersucht, des Keuchhustens, von Nervenkrankheiten, Scharlach und Epilepsie. Viele Rumänen glauben noch heute, dass eine Tollkirsch-Staude im Garten den Hausgeist beherbergt.

Wegen der starken Giftwirkung der Beeren und deren Ähnlichkeit mit Kirschen erhielt die Pflanze den Namen Tollkirsche, mundartlich abgewandelt in Dollwurz, Irrbeere, Schwindelkirsche, Schlafkirsche, Teufelskirsche, Deiwelskersche, Wutbeere oder Wolfsbeere. Der Name stammt ab von dem Begriff Tollheit. Die wissenschaftliche Benennung Atropa erfolgte nach der griechischen Göttin Atropos, die den Lebensfaden durchschneidet. Das weist auf die tödliche Wirkung der Tollkirsche hin. Der Beiname "bella donna" (ital. "schöne Frau") bezieht sich auf den Inhaltsstoff Hyoscyamin; wird er in die Augen geträufelt, erweitert er die Pupillen. Doch Vorsicht: Durch die Lähmung des Zilliarmuskels ist das Sehen erheblich beeinträchtigt. Vielleicht kommt daher auch der Spruch "Liebe macht blind"?

Im Schatten lichter Buchenwälder

Die Tollkirsche ist eine Schattenpflanze und bevorzugt humusreichen Boden in lichten Buchenwäldern und Kahlschlägen. In den Alpen gedeiht sie noch in Höhen bis zu 1650 Metern. Die Pflanze ist über das südliche, mittlere und westliche Europa verbreitet, im Osten vom Kaukasus bis zum Iran und Kleinasien, ebenso in Nordafrika. Nach Nordamerika haben Seefahrer sie eingeschleppt.

Die 0,5 bis 2 Meter hohe mehrjährige Staude hat einen saftigen Stängel und einen dicken, walzenförmigen Wurzelstock, mit dem sie mehrere Jahre überdauert. Ihre Blätter sind groß, ungeteilt ganzrandig und oft violett überlaufen. Die Pflanze blüht in den Monaten Juni bis Oktober. Die gestielten, überhängenden Blüten stehen einzeln in den Blattachseln der aufrechten Stängel. Die glockige Blütenkrone ist außen braunviolett, innen schmutziggelb und purpurrot geädert. Der fünfspaltige Kelch vergrößert sich während der Fruchtreife und breitet sich sternförmig aus. Er umschließt die Frucht, eine etwa kirschgroße, schwarz glänzende, saftige Beere.

Die Gattung Tollkirsche (Atropa) gehört zu den Nachtschattengewächsen (Solanaceae). Pharmazeuten verwendeten sowohl ihre Blätter (Belladonnae folium Ph. Eur.), als auch die Wurzel (Belladonnae radix DAC). Gesammelt wurde das Kraut in den Monaten Juni bis Juli, die Wurzeln von Juni bis August. Das Kraut oder die längs gespaltenen Wurzeln werden bei 50 bis 60 °C möglichst rasch getrocknet und sind geruchlos. Frisches Kraut riecht schwach betäubend. Die Wurzeln schmecken anfangs süßlich, später wie das Kraut scharf und bitter. Von einem Selbstversuch ist dringend abzuraten, weil alle Teile der Tollkirsche äußerst giftig sind!

Warnung vor Vergiftungen

Die Droge enthält L-Hyoscyamin als Hauptalkaloid, weiterhin DL-Atropin sowie geringe Mengen Scopolamin, Apotropin, Belladonnin, Tropin und Scopin. Die Hauptalkaloide gehören der Tropan-Reihe an und sind Tropansäureester des Tropin-3a-ol dar. Beim Trocknen geht L-Hyoscyamin teilweise in das unwirksame D-Hyoscyamin über; das entstehende Racemat heißt Atropin. Daher überwiegt zum Erntezeitpunkt im frischen Kraut das L-Hyoscyamin, in den Drogen und galenischen Zubereitungen das Atropin.

Getrocknete Blätter enthalten 0,3 bis 1 Prozent Gesamtalkaloide (Tropanalkaloide). Die Alkaloidkonzentration in den Wurzeln ist etwas höher (mindestens 0,5 bis zu 2 Prozent). Die Biosynthese der Alkaloide findet in den Wurzeln statt, daher ist das Alkaloidmuster dort komplexer als in den oberirdischen Pflanzenteilen.

Vorsicht: In den Statistiken der Giftnotrufzentralen stehen Vergiftungen mit Tollkirsche an führender Stelle. Jeder Zehnte stirbt an den Folgen der Tollkirschvergiftung. Menschen vergiften sich vor allem nach dem Genuss der saftigen und gut schmeckenden Beeren. Je nach Körpergewicht führen bei Kindern bereits 3 bis 5, bei Erwachsenen 10 und mehr Beeren innerhalb von 14 Stunden zum Tod. Zunächst lösen sie Erbrechen, Herzjagen, erweiterte Pupillen, Erregung, Verwirrtheit, Halluzinationen und schließlich Bewusstlosigkeit aus. Der Tod tritt durch Atemlähmung ein. Die tödliche Dosis von Atropin beträgt 0,1 Gramm. Nach Einnahme bestehen über 3 bis 4 Stunden maximale Plasmaspiegel, am Auge hält die Wirkung 3 bis 4 Tage an. Vögel vertragen die Beeren problemlos.

Das Wirkprinzip der Alkaloide

1831 isolierte der Apotheker Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783 bis 1841) Atropin aus Atropa belladonna. Hyoscyamin sowie Atropin wirken als kompetitive Antagonisten von Acetylcholin an den m-Cholinrezeptoren (auch Muscarin-Rezeptoren genannt). Deshalb schwächen sie alle Acetylcholin-Wirkungen ab und hemmen den Parasympathikus.

Diese parasympatholytische Wirkung äußert sich an verschiedenen Organen: Atropa-Belladonna-Inhaltsstoffe lähmen das periphere, vegetative Nervensystem und die glatte Muskulatur. Dadurch verringern sich Tonus und Motilität der Muskeln im Magen-Darm-Trakt, so dass Krämpfe und Schmerzen nachlassen. Aus diesem Grund helfen Belladonna-Extrakte gegen Magen-, Darm-, Galle- und Blasenkrämpfe sowie Koliken. Weiterhin erschlaffen die Alkaloide die Bronchialmuskulatur bei Bronchialasthma und Keuchhusten. Sie hemmen die Sekretion von Drüsen, also den Speichelfluss und die Schweißproduktion. Sie stillen Brechreiz und beschleunigen die Herzfrequenz.

Die Droge wird nicht mehr verwendet. Dennoch enthält das Europäische Arzneibuch 2005 die Monographie "Belladonnablätter, Belladonnae folium", "Eingestellter Belladonnablättertrockenextrakt, Belladonnae folium extractum siccum normatum", "Eingestelltes Belladonnapulver, Belladonnae pulvis normatus" und "Eingestellte Belladonnatinktur, Belladonnae folii tinctura normata". In der Hand eines erfahrenen Arztes könnte die Rezeptur einer Kombination aus Belladonnatinktur und anderen pflanzlichen Drogen durchaus sinnvoll sein.

Im Gegensatz dazu ist reines Atropin aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken und wird regelmäßig angewendet. Heute überwiegen Fertigarzneimittel mit standardisierten Extrakten, isolierten Reinalkaloiden oder partialsynthetisch abgewandelten Derivaten des Hyoscyamins beziehungsweise Scopolamins.

Fertigpräparate im Einsatz

Am Auge wirken Atropin und sein Derivat Tropicamid als Mydriatikum: Sie lähmen den Musculus ciliaris und den Musculus sphincter pupillae, die Pupille erweitert sich, so dass Augenärzte das Auge besser untersuchen oder behandeln können. Zahlreiche Drüsen schränken unter dem Einfluss von Atropin ihre Tätigkeit stark ein und bilden weniger Sekret. Am empfindlichsten reagieren die Speichel- und Hautdrüsen, aber auch die Bronchialdrüsen. Die Magensaftsekretion vermindern dagegen erst relativ hohe Dosen.

Daher verabreichen Anästhesisten Atropin zu Beginn einer Inhalationsnarkose, um den Speichelfluss, die Magensäureproduktion und die Hypersekretion von Bronchialschleim zu reduzieren, weil der intubierte Patient während der Narkose nicht mehr abhusten kann.

Reines Atropin hilft außerdem als Antidot bei Vergiftungen mit Pflanzenschutzmitteln wie Insektiziden vom Organophosphat-Typ. Am Herzen reduziert der Atropin-Abkömmling Ipratropiumbromid den Einfluss des Nervus vagus und erhöht damit die Herzfrequenz. Daher ist Ipratropiumbromid als Filmtablette gegen bradykarde Herzrhythmusstörungen im Handel. Als Asthmamittel kommt Atropin selbst nicht mehr zum Einsatz. Sein besser verträgliches Derivat Ipratropiumbromid ist allerdings in zahlreichen Dosieraerosolen enthalten.

Außerdem lösen die Belladonna-Abkömmlinge, zum Beispiel N-Butylscopolaminbromid, Spasmen der glatten Muskulatur. Aus diesem Grund bieten sich Dragees oder Zäpfchen mit dem Wirkstoff zur Therapie krampfartiger Schmerzen im Magen-Darm-Trakt oder der Gallenwege sowie bei Nierenkoliken an.

Die antiemetische Wirkung ist beim Scopolamin besonders stark ausgeprägt, so dass es in Form eines TTS (transdermales therapeutisches System) vor der Reisekrankheit schützt. Dazu kleben Betroffene das kleine Pflaster hinter das Ohr; es setzt 1,0 mg Scopolamin in 72 Stunden frei. Für Kinder unter 10 Jahren ist das Medikament nicht geeignet.

Trockene Haut und Schleimhaut

Als Nebenwirkungen von Atropin und seinen Derivaten werden in den Beipackzetteln häufig die Symptome Mundtrockenheit, Abnahme der Schweißdrüsensekretion, Akkommodationsstörungen, Hautrötung und -trockenheit, Tachykardie und Miktionsbeschwerden genannt. Außerdem bestehen Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln: Die anticholinerge Wirkung von trizyklischen Antidepressiva, Amantadin oder Chinidin wird verstärkt. In toxischen Dosen erregt Atropin das Zentralnervensystem und führt zu Halluzinationen, Krampfzuständen und Tobsuchtsanfällen.

Auch Homöopathen schätzen die Tollkirsche im Anfangsstadium plötzlich einsetzender Beschwerden, so beispielsweise bei kolikartigen Unterbauchschmerzen, beginnenden Entzündungszeichen mit Hitzegefühl und brennenden, pulsierenden Schmerzen, bei fieberhaften Erkrankungen wie Otitis, Konjunktivitis und Laryngitis sowie als Initialtherapie bei viralen und bakteriellen Hauterkrankungen.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
Gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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