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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Birke

Foto: Schöpke

Maigrün spült die Blase

von Ursula Sellerberg, Berlin

Die frischen Blätter der Birke gelten als Symbol der neu erwachenden Vegetation im Frühjahr. Bräuche, wie den Maibaum aufzustellen und "Maien", also Birkenzweige, aus dem Wald zu holen, sind Sinnbild für Jugend und Lebensfreude. Die Volksmedizin schätzt die Birke noch heute und verwendet ihre Blätter als Harn treibendes Mittel.

Den griechischen Ärzten der Antike war die in ganz Europa und Sibirien verbreitete Baumart lichter Wälder offenbar nicht bekannt. Der römische Schriftsteller Plinius (23 bis 79 n. Chr.) berichtet in seiner Naturgeschichte nur flüchtig von der Birke, als dem "Gallica arbor", dem Baum der Gallier. Demnach stellten die Germanen eine Art Gummi aus dem klebrigen Birkensaft her und verwendeten diesen als Pflaster. Sie schrieben der Birke überdies magische Kräfte zu: Hexenbesen bestanden angeblich immer aus Birkenreisig.

Die Chinesen verwenden die Birke medizinisch seit dem 10. Jahrhundert, in Europa beschrieb zuerst Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert ihre Wirkung. Im 13. und 14. Jahrhundert empfahlen Heilkundige vor allem den süßen Birkensaft als Mittel gegen Nierensteine und Leberbeschwerden, gegen Mundfäule und Hautflecken. Die Nutzung der Birke als Harn treibendes Arzneimittel (Diuretikum) geht auf Beobachtungen im 16. Jahrhundert zurück. Wegen der erfolgreichen Behandlung von Nieren- und Blasenkrankheiten wurde sie auch "europäischer Nierenbaum" genannt und fand Eingang in fast alle Kräuter- und Heilpflanzenbücher.

Birkenblätter für die pharmazeutische Nutzung stammen sowohl von der Hängebirke (Betula pendula) als auch der Moorbirke (Betula pubescens) aus der Familie der Birkengewächse (Betulaceae). Diese beiden Birkenarten können bis zu 25 Meter hoch werden. Besonders charakteristisch ist ihre weiße bis gelbliche Rinde, die sich in horizontalen Streifen abschält oder sich im Laufe der Zeit in eine schwarze, härtere Borke verwandelt. Die jungen Zweige der Moorbirke sind behaart, die der Hängebirke kahl und mit warzigen Harzdrüsen besetzt. Beide Birkenarten gedeihen auf magersten Standorten. Wie der Name sagt, bevorzugt die Moorbirke feuchte Wälder, Sümpfe oder Moore als Standort, die Hängebirke trockenere Böden. Unter anderem besiedelt sie sandige Heideböden, weshalb sie auch Sandbirke genannt wird. Die eingeschlechtigen Blüten der Birken sitzen in walzlichen Kätzchen mit einem Durchmesser bis zu einem und einer Länge von vier Zentimetern. Sie sind zuerst gelblich-grün, später hellbraun. Die fein gezähnten, spitz zulaufenden Blätter werden meist im Mai geerntet und an der Luft getrocknet. Feinschmecker genießen sie gerne als Salat, ähnlich wie junge Löwenzahn- oder Brennnesselblätter.

Flavonoidkonzentration wichtig

Birkenblättertee regt die Wasserausscheidung an. Nach wie vor ist allerdings umstritten, ob der Harn treibende Effekt durch die Inhaltsstoffe der Blätter oder nur durch die zusätzliche Flüssigkeitsmenge entsteht. Birkenblätter enthalten Flavonoide, Triterpensaponine, Proanthocyanidine und geringe Mengen ätherisches Öl. Tierversuche zeigten, dass die Flavonoide der Birkenblätter diuretisch wirken. Unterstützt wird der Harn treibende Effekt möglicherweise durch den relativ hohen Gehalt an Vitamin C. Allerdings enthält eine Tasse Birkenblättertee zu geringe Mengen der Flavonoide. Die Tagesdosis sollte etwa 150 bis 200 Milligramm Flavonoide betragen. Empfehlenswert sind daher drei bis vier Tassen Birkenblättertee täglich oder Präparate mit festgelegtem Flavonoidgehalt. Mit bis zu zwei Prozent Gehalt sind Frischpflanzenpresssäfte relativ reich an diesen Naturstoffen.

Birkenblätter sind als getrocknete Arzneidroge, als Frischpflanzenpresssaft sowie als Trockenextrakte in Kapseln, Dragees und Brausetabletten (wie Urorenal®) erhältlich. Zur Teebereitung werden zwei bis drei Teelöffel Birkenblätter mit einer Tasse kochendem Wasser übergossen und zehn Minuten ziehen gelassen. Um den Durchspülungseffekt zu verstärken, sollten Patienten zusätzlich jeweils ein Glas Wasser trinken.

Der Klärung der Frage nach der diuretischen Wirkung der Birkenblätter widmete sich eine Dissertation aus dem Jahr 2002 mittels einer Pilotstudie an 14 gesunden Menschen. Sie tranken Birkentee oder Leitungswasser, anschließend wurde die Harnmenge und -qualität untersucht. Das Ergebnis: Bei der Hälfte der Versuchspersonen stieg die Harnmenge durch Birkenblättertee stärker an, als durch Leitungswasser, bei der anderen Hälfte hingegen nicht. Allerdings war die Stichprobe mit 14 Fällen zu klein, um hiervon statistisch abgesicherte Ergebnisse abzuleiten. Fazit für die Beratungspraxis: Bei der Abgabe von Birkenblättern, egal ob als Teedroge oder als Fertigarzneimittel, dazu raten, sehr viel zu trinken. Die Art der Flüssigkeit spielt keine entscheidende Rolle, nur Alkohol ist zu meiden.

Gegen Nieren- und Blasensteine

Je größer die Harnmenge, umso besser werden Bakterien, Kristallisationskeime für Steine und Entzündungsstoffe ausgespült. Daher wird Birkenblättertee gegen bakterielle und entzündliche Erkrankungen der Harnblase und der Nieren angewendet. Die verstärkte Harnbildung beugt außerdem Harnsteinen und Nierengrieß vor. Birkentee eignet sich auch für eine Spültherapie, wenn sich Nieren- und Blasensteine bereits gebildet haben. Demgegenüber ist der Tee ungeeignet zur Ausschwemmung von Wasseransammlungen (Ödemen). Ein Ödem ist leicht erkennbar: Drückt man kurz mit dem Finger auf die Haut und lässt dann los, bleibt die Haut noch einige Zeit eingedellt. Schildert ein Kunde dies, so sollte er einen Arzt konsultieren. Dieser kann die Ursache, beispielsweise eine eingeschränkte Herz- oder Nierenfunktion, erkennen und behandeln.

Nebenwirkungen bei Einnahme von Birkenblättern sind nicht bekannt. Aber wie bei jeder Selbstmedikation gilt, dass bei länger anhaltenden Beschwerden ein Arzt aufzusuchen ist, der schwer wiegende Ursachen ausschließen kann.

Tagesdosis beachten

Birkenblätter sind oft Bestandteil von Teemischungen mit anderen Harn treibenden Drogen. Bei allen Kombinationen ist zu beachten, dass die Tagesdosis jeder Droge erreicht werden muss. Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes hat einige Teedrogen zur Behandlung von entzündlichen Erkrankungen der Harnwege anerkannt und Dosierungen empfohlen (siehe Tabelle).



Auswahl an Phytopharmaka zur Behandlung von Harnwegsinfekten

Droge   Empfohlene Tagesdosis in g 
Ackerschachtelhalmkraut   6 
Bärentraubenblätter   10 
Birkenblätter   12 
Brennnesselkraut   8-12 
(Riesen-) Goldrutenkraut   6-12 
Hauhechelwurzel   6-12 
Liebstöckelwurzel   4-8 
Löwenzahnwurzel mit Kraut   3-4 
Orthosiphonblätter   6-12 
Petersilienkraut und -wurzel   6 
Queckenwurzelstock   6-9 
Sandelholz   10 


Die Volksmedizin verwendet Birkenblätter auch zur "Blutreinigung", vor allem in Frühjahrskuren. Die Anwender versprechen sich eine Wirkung gegen Rheuma und Gicht und einen allgemeinen Abbau von "Schlacken". Auch sollen durch das regelmäßige Trinken von Birkenblättertee die Harnsäurewerte gesenkt werden. Wissenschaftlich belegt ist dies bisher allerdings nicht.

Birkenteer in der Tiermedizin

Ein heute nicht mehr verwendetes Birkenprodukt ist der Birkenteer. Zuletzt wurde er im DAB 6 offizinell genannt. Pflanzenteere entstehen durch die trockene Destillation von Pflanzenteilen, bei der Birke sind es die Rinde und Zweige. Die gewonnenen dicklichen Flüssigkeiten riechen intensiv und enthalten Phenole.

Birkenteer enthält vor allem Phenole wie Guajakol oder Kresol und andere Kohlenwasserstoffe. Früher wurde Birkenteer gegen Hautparasiten, beispielsweise Krätze-Milben äußerlich angewendet. Teere stehen jedoch im Verdacht, die Entwicklung eines Krebsgeschwürs zu begünstigen. Wegen dieses schlechten Verhältnisses von Nutzen und Risiko ist von der Verwendung von Birkenteer beim Menschen abzuraten. In der Tiermedizin wird er gegen Räude und andere Hauterkrankungen eingesetzt. 


Beispiele für Fertigarzneimittel (nach Roter Liste 2004)

Mono-Präparat
Urorenal®
Kombinationen
BioCyst®
Canephron® novo
Cystinol® Lösung
Erysidoron® 2
Harntee 400 TAD®
Harntee Stada® 400
Harntee-Steiner®
Heumann Blasen- und Nierentee Solubitra® uro
Hevert® Blasen-Nieren-Tee N
Heweberberol-Tee
Nephronorm Med Tee
Nephroselect® M
Renob®



Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13a
10405 Berlin



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