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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Bittere Schleifenblume

Foto: Steigerwald

Zarte Pflanze mit großer Wirkung

von Gerhard Gensthaler, München

Schon der große griechische Arzt Hippokrates von Kos (circa 460 bis 370 v. Chr.) förderte mit der Bitteren Schleifenblume den Verschluss von Wundrändern, und der viel gerühmte römische Autor Gajus Plinius Secundus (23 bis 79 n. Chr.) berichtet über die Heilung eines befreundeten Arztes von einem Lungenleiden durch ständige Verwendung dieser Pflanze.

Da die Schleifenblume in Deutschland nicht vorkam, erwähnten die zahlreich erscheinenden Kräuterbücher des 15. und 16. Jahrhunderts sie nicht. Auch wurde sie damals noch häufig verwechselt. Erst im 16. Jahrhundert konnte die Art sicher bestimmt werden, und so wurde Iberis amara in die Familie der Kreuzblütler eingeordnet. Als Erster beschrieb der Arzt und Apotheker und spätere Professor für Medizin und Botanik Jacob Theodor Tabernaemontanus (1522 bis 1590) diese Pflanze und nannte sie "Bitter Baurensenff". Interessant ist das Anwendungsgebiet, das in einer späteren Ausgabe seines Kräuterbuches vom Jahre 1731 angegeben wird: "... wann man den Saame mit Wein eintrincket: treibe er die Gall oben und unten aus / er auch die innerliche Geschwär des Laibs aufetze und zerbrechet. Wird auch äußerlich gebrauchet wider die Schmertzen der Hufft." Erst der schwedische Botaniker Carl von Linné (1707 bis 1778) hat die heute gültige botanische Namensgebung für Iberis amara 1753 in seinem großen Werk "Species Plantarum" veröffentlicht.

Die meist einjährige, selten zweijährige Pflanze, kann 10 bis 40 Zentimeter hoch werden. Sie hat viele Namen und heißt im deutschen Sprachraum Bitterer Bauernsenf oder Bittere Schleifenblume. Sie gehört zur Familie der Brassicaceae, ist also eine Verwandte von Rettich, Kohl und Senf. Die Stängel von Iberis amara sind aufrecht und flaumig behaart mit länglichen, gezähnten Blättern. Die Blüten in traubigen Blütenständen sind klein, weiß oder blass-rötlich geädert. Die Samen befinden sich in fast kreisrunden Schötchen mit zwei spitzen Flügellappen. Medizinische Verwendung findet die frische, blühende Pflanze unter der Bezeichnung "Iberidis herba", selten die Samen.

Verwandte im Garten beliebt 

Iberis amara kommt in Mittel- und Südeuropa sowie im gesamten Mittelmeerraum vor, ist aber trotz des großen Verbreitungsgebietes eher selten. Die Pflanze bevorzugt Getreideäcker und warme, meist kalkhaltige Böden. Auch auf steinigem Lehm- oder Lössboden fühlt sie sich wohl. Verwandte der Pflanze, also andere Iberis-Arten, sind als Gartenblumen sehr beliebt, haben aber keine therapeutische Wirkung. Zu arzneilichen Zwecken wird Iberis amara nur in geringem Unfang angebaut.

Erst vor 50 Jahren gelang es Wissenschaftlern, die Inhaltsstoffe von Iberis amara zu analysieren. Daraus ergab sich, was diese Pflanze am besten kann: einen trägen Magen in Schwung bringen.

Iberis amara enthält bittere Triterpene (Ibamarin), vorwiegend Cucurbitacin E und I, zusätzlich Flavonoide (von Kampferöl und Quercetin abgeleitete Glykoside), Glucosinolate sowie die korrespondierenden Isothiocyanate, die bei enzymatischer Hydrolyse entstehen, ferner Amine, hier vorwiegend 3-Methylthio-N-propylamin.

Geeignet bei Reizmagen und -darm

Die Bitterstoffe regen die Magensaftsekretion an und wirken zusätzlich leicht Galle fördernd. Das erleichtert die Verdauung von Eiweiß und Fett. Flavonole wirken entzündungswidrig und Reiz mildernd. Iberis amara Kombinationen werden zur Behandlung von Verdauungsstörungen (funktionelle Dyspepsie) eingesetzt, die nicht durch eine organische Erkrankung bedingt sind. Die Präparate regen außerdem den Nahrungstransport im Magen- und Darmtrakt an. Ein gestörter Transport äußert sich durch Völlegefühl oder krampfartige Beschwerden.

In Versuchen wirkte der Extrakt aus Schleifenblume gegen Krämpfe und Magengeschwüre, außerdem wurden antiexsudative, entzündungshemmende und antimikrobielle Aktivitäten festgestellt. Die Wirkung der Isothiocyanate gegen Viren und Pilze beruht auf ihrer Fähigkeit, Proteine kovalent zu binden.

Schon immer sehr geschätzt  

Iberis amara ist in der Apotheke nicht als Tee erhältlich. Denn für die Anwendung als Tee fehlen ausreichende Daten sowie eindeutige Empfehlungen zur richtigen Dosierung und Zubereitung. Volksmedizinisch wird ein Extrakt von Iberis amara als bitteres Tonikum (Amarum) angewendet, um die Produktion von Verdauungssäften anzuregen. Vor oder zu den Mahlzeiten sollen die Patienten bis zu 20 Tropfen des Tonikums auf ein Glas warmes Wasser trinken. Bittermittel, auch Amara oder Stomachika genannt, und Karminativa sind noch immer die wichtigsten Phytotherapeutika gegen Dyspepsie. Zahlreiche traditionelle Anwendungen zu den verschiedensten Krankheitsbildern sind zusätzlich überliefert. Funktionelle Dyspepsie ist eine häufige Erkrankung, die etwa ein Drittel der Bevölkerung betrifft. Auf Grund der vielfältigen Ursachen ist sie jedoch schwer zu behandeln.

Insbesondere pflanzliche Mehrfachkombinationen können von großem Nutzen sein, wenn das Zusammenspiel ihrer Wirkstoffe die Behandlung vereinfacht, so der Gasteroenterologe Professor Dr. Hans-Dieter Allescher aus Garmisch-Partenkirchen.

Zur Einzeldroge Iberis amara existieren keine Studien. In 15 klinischen Studien wurde hingegen die Wirksamkeit eines Kombinationspräparats mit Iberis amara (Iberogast®) wissenschaftlich geprüft. Das Fertigpräparat enthält neben dem ethanolischen Frischpflanzenauszug von Iberis amara noch Drogenauszüge aus Kamille, Pfefferminze, Schöllkraut, Mariendistel, Melissen, Kümmel, Süßholz und Angelikawurzel. Die Neunerkombination zielt im Sinne einer Multi-Target-Therapie auf die verschiedenen Symptome des Reizdarms und Reizmagens, was Gastroenterologen von einer optimalen Behandlung fordern. In einer zweiwöchigen multizentrischen Doppelblindstudie mit der Vergleichsmedikation Metoclopramid schnitt bei 77 Patienten das pflanzliche Präparat bei funktioneller Gastroenteropathie gleich gut ab; hierbei wurde hinterfragt, wie schnell die Wirkung eintrat und wie stark die Symptome der Erkrankung beeinflusst wurden. Das Phytopharmakon wurde als eindeutig verträglicher beurteilt.

Die klinischen Daten korrelieren mit den experimentellen Beobachtungen. Extrakte aus Iberis amara erhöhten in vitro bei erschlaffter bis leicht kontrahierter Muskulatur den Basistonus. Bei bereits stark kontrahierter glatter Muskulatur konnte der Extrakt hingegen keine weitere Tonussteigerung bewirken. Die anderen Inhaltsstoffe des Pflanzenextrakts wirkten signifikant spasmolytisch.

Erst kürzlich ergab die Metaanalyse von vier multizentrischen Studien einen deutlichen Therapieeffekt bei gastrointestinalen Symptomen für das Kombi-Phytopharmakon mit Iberis amara als Hauptbestandteil. Die Analyse bestätigte außerdem dessen tonisierende Wirkung bei erschlaffter bis leicht kontrahierter Muskulatur. Außerdem wurde die Säure hemmende Wirkung, die Radikalfängerfunktion und eine antibakterielle Wirkung nachgewiesen. Somit eignet sich das Kombinationspräparat mit Iberis amara zur Behandlung der vielfältigen Ursachen der funktionellen Dyspepsie.

Homöopathen wenden Iberis amara in der Potenz D4 bei Herzbeschwerden, bei unregelmäßigem Puls sowie bei Schwindelgefühl, Atemnot und Meteorismus an. Aus dem Arzneimittelbild der Pflanze leitet sich außerdem die homöopathische Verwendung bei Herzmuskelschwäche, Koronarinsuffizienz, Stenocardie und Herzarrhythmie ab. Unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen von Iberis amara sind nicht bekannt.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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