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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Engelwurz

Foto: Wala

Wurzel des Heiligen Geistes

von Gerhard Gensthaler, München

Die Echte Engelwurz war bereits in frühen Zeiten bei den Völkern Nordeuropas als Allheilmittel beliebt. Sie wurde auch als Gewürz in der Küche verwendet, und Mönche verarbeiteten sie zu »himmlischen« Likören. Heute ist sie vor allem bei Magenbeschwerden und Blähungen geschätzt.

Den Heilkundigen der Antike war die Echte Engelwurz nicht bekannt, da die Pflanze ursprünglich nur im Norden Europas wuchs. Die ältesten Schriftzeugnisse stammen daher aus Skandinavien, Island und Grönland. Auf Island existierten früher gesetzliche Bestimmungen, wo und wann Sammler die Wurzel von Angelica archangelica L. ausgraben durften. Im 10. Jahrhundert importierten die Wikinger die Engelwurz nach Mitteleuropa. Pächter eines Engelwurzelfeldes durften im Mittelalter bei Beendigung der Pacht vorher noch die Pflanzen abernten und mitnehmen. Zahlreiche Klöster, vor allem die der Benediktiner und später auch die der Kartäuser, machten sich in ihren Gärten um den Anbau dieser Pflanze verdient. Paracelsus lobte ihren Saft als »höchste Arznei« gegen innere Infektionen.

Schon früh schrieb man der Pflanze große Heilwirkungen zu. Einer Legende nach soll der Erzengel Michael einem frommen Mann Engelwurz als Rettung gegen die Pest empfohlen haben. Daher stammt der Name Engelwurz. Die botanische Bezeichnung Angelica bezieht sich ebenfalls darauf (angelus = Engel). Das aromatische Kraut galt einst als Mittel zum Schutz vor Hexenzauber, Tollwut und anderen Bedrohungen und wurde jungen Leuten zur Zerstreuung wollüstiger Gedanken empfohlen. Ihre Verwendung als Allheilmittel bezeugen die vielen volkstümlichen Namen wie Zahnwurz, Brustwurz, Heiligenbitter, Heiliggeistwurzel, Giftwürze und Glückenwurzel. 

Die Echte Engelwurz, Angelica archangelica L., gehört zu den Doldengewächsen, der Familie der Apiaceae. Die schnellwachsende, meist zweijährige Pflanze (selten bis vierjährig) bildet im ersten Jahr eine fast rübenförmige Wurzel aus. Erst im zweiten Jahr entwickelt sich daraus ein etwa 5 cm dicker, schwammiger Wurzelstock, der mit vielen zum Teil zopfigen Wurzeln besetzt ist und innen einen gelblichen Milchsaft führt. Die ein bis zwei aufrechten, meist bis zu 2,5 Meter hohen, markig-röhrigen Stängel sind fein gerillt, rotbraun überlaufen und oben ästig verzweigt. Am unteren Teil sitzen die 60 bis 90 Zentimeter großen, dreifach fiederschnittigen Laubblätter, die nach oben hin kleiner werden.

Die Halbrosettenpflanze blüht nur ein einziges Mal, meist in den Monaten Juni bis August und stirbt dann ab. Die Blüten stehen in großen, halbkugeligen Dolden auf langem Stiel.

Bei Angelica archangelica sowie bei der Waldengelwurz (Angelica sylvestris) ist der Stängel unten rund, bei der Sumpfengelwurz (Angelica palustris) scharfkantig gefurcht. Die Kronblätter der Echten Engelwurz sind gelb-grünlich, die der Waldengelwurz nach dem Aufblühen weiß oder rötlich. Verwechslungsgefahr besteht mit dem giftigen Wasserschierling (Cicuta virosa).

Die Monographie »Angelikawurzel – Angelicae radix« in Ph. Eur. 5. Grundwerk 2005 definiert die Droge als das ganze oder geschnittene, sorgfältig getrocknete Rhizom und die Wurzeln von Angelica archangelica L. (Archangelica officinalis Haffm.). Gelegentlich werden auch die ganze Pflanze (Angelicae herba), die Früchte oder das ätherische Öl (Oleum Angelicae) verwendet. Der Wurzelstock und die Wurzeln von zweijährigen Pflanzen werden im Oktober ausgegraben, gewaschen, längs gespalten und bei 40 °C unter guter Belüftung getrocknet. Die Droge stammt heute ausschließlich aus dem Anbau. Sie riecht stark würzig und schmeckt anfangs süßlich, später brennend und würzig-bitter.

Die Echte Engelwurz wächst wild auf feuchten Wiesen und Flachmooren, an Gräben und Flussufern, in Gebüschen und Erlenwäldern. Die Pflanze ist im nördlichen Europa bis Grönland, Island und zu den Färöer-Inseln anzutreffen. Im Osten kommt sie bis zum Altai-Gebirge und Baikalsee und im Süden bis nach Transsilvanien vor.

Die Angelikawurzel enthält zwischen 0,3 und 1,5 Prozent ätherisches Öl, Cumarinderivate und Bitterstoffe sowie Harze und Zucker. Das Europäische Arzneibuch fordert einen Gehalt von mindestens 2,0 ml ätherisches Öl pro Kilogramm der getrockneten Droge. Die Pflanze hat einen hohen Gehalt an Furanocumarinen, darunter Xanthotoxin, Imperatorin, Angelicin sowie Cumarinen wie Umbelliferon und Osthol. Osthol ist der Hauptinhaltsstoff der Wurzeln, Imperatorin der Früchte. Das ätherische Öl aus Wurzeln und Früchten enthält alpha- und beta-Phellandren sowie alpha-Pinen als Hauptinhaltsstoffe. Für den typischen Geruch verantwortlich sind makrozyklische Lactone. Das ätherische Öl riecht intensiv und charakteristisch. Der Geruch erinnert an »Magenbitter« und verflüchtigt sich schnell.

Vom Allheil- zum Magenmittel

Die Droge ähnelt in ihrer Wirkung der Kalmuswurzel; sie ist also ein Amarum aromaticum und Karminativum. In der Volksmedizin wurde Engelwurzel gegen Magenleiden, Fieber, Typhus, Lungen- und Rippenfellentzündung sowie als schweißtreibendes und schleimlösendes Mittel eingesetzt. Pfarrer Kneipp empfahl die Angelikawurzel bei kleinen Geschwüren als zusammenziehendes und wundschließendes Mittel. Ein Tee aus den getrockneten Wurzeln sollte der Grippe vorbeugen, Kneipp schrieb: »Trinke den Tee, und die gefürchtete Krankheit entweicht durch den rauchenden Schornstein.«

Angelikawurzel wird heute nur noch als Magenmittel, bei Appetitmangel, Magenkrämpfen und Blähungen empfohlen. Die Echte Engelwurz wirkt spasmolytisch an der glatten Muskulatur des Magen-Darm-Traktes. Ihre Wirkung bei Blähungen hat ihr in einigen Gegenden Deutschlands auch den spöttischen Namen »Engelpfurz« eingebracht. Die Inhaltsstoffe wirken entkrampfend und schmerzlindernd. Magenschmerzen und Völlegefühl bessern sich. Die Bitterstoffe und das ätherische Öl steigern die Magensäure- und Pepsinsekretion und fördern somit Appetit und Verdauung. Die Wurzel regt den Gallefluss bei Gallenbeschwerden und -steinen an und wirkt schleimlösend bei Husten und Erkältungskrankheiten. Die Pflanzenauszüge haben einen harn- und schweißtreibenden Effekt.

Wurzelextrakte sind ein wichtiger Bestandteil von Magen- und Bitterlikören wie Bénédictine, Boonekamp und Chartreuse. Auch Klosterfrau Melissengeist enthält unter anderem Engelwurzel. Engelwurzelöl gehört zu den Bestandteilen, die dem Cointreau-Likör seinen Duft verleihen. Reiner Angelika-Likör wird in Deutschland nur in einer einzigen Likörfabrik in Bockau im Erzgebirge hergestellt.

Äußerlich kann ein Badezusatz aus Wurzelöl rheumatische Beschwerden, Verschleißerscheinungen der Gelenke und Muskelschmerzen lindern. Weder zur innerlichen noch zur äußerlichen Anwendung existieren klinische Studien.

Vorsicht vor der Sonne

Die in der Pflanze enthaltenen Furanocumarine sind phototoxisch und können in hohen Dosierungen Hautreizungen und allergische Reaktionen auslösen. Während der Einnahme von Engelwurz-Präparaten sollten die Patienten vorsichtshalber längere Sonnenbäder und intensive UV-Bestrahlung meiden. Menschen mit Magen- und Darmgeschwüren dürfen die Droge nicht anwenden, da die Engelwurz die Säureproduktion anregt.

Badende an Flussufern oder Binnenseen sollten wissen: Der Saft der frischen Pflanze kann zu »Brandwunden«, zur sogenannten Badedermatitis oder Berloque-Dermatitis, mit Bläschenbildung führen. Vergiftungen durch Engelwurz sind nur bei übermäßigem Genuss möglich. Aus diesem Grund wurde die Droge wahrscheinlich früher auch als Abortivum verwendet.

Für die Echte Engelwurz gibt es auch eine Positivmonographie der Kommission E. Als Tagesdosis für die getrocknete Wurzel empfiehlt die Kommission 4,5 Gramm, für einen Fluidextrakt (1:1) 1,5 bis 3 Gramm und für die Tinktur (1:5) 1, 5 Gramm. Die Wurzelextrakte sind in verschiedenen Handelspräparaten gegen Verdauungsbeschwerden enthalten.

Tee richtig zubereiten

Ein halber Teelöffel fein geschnittener Engelwurz, circa 1,5 g, werden mit 150 ml Wasser kalt angesetzt und kurz aufgekocht oder mit siedendem Wasser übergossen und nach 10 Minuten abgeseiht. Der Patient soll eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten eine Tasse mäßig warmen Tees trinken. Bei dyspeptischen Beschwerden mit mangelhafter Magensaftsekretion empfiehlt sich folgende Teemischung:

Angelikawurzel
Erdbeerblätter ana 25,00 g
M.f.species
D.S. 1 Esslöffel pro 1/2 Liter Wasser.

 

E-Mail-Adresse der Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de 



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