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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Weihrauch

Foto: Mies

Zur Ehre Gottes und zum Nutzen Kranker

von Ursula Sellerberg, Berlin

Ob zu Ostern oder an Fronleichnam: Den Weihrauchgeruch kennt jeder katholische Christ aus dem Gottesdienst. Die Geschenke der Heiligen Drei Könige, Weihrauch, Gold und Myrrhe, zeigen, dass Weihrauch zu den kostbarsten Gütern des Altertums gehörte.

Weihrauch galt als Gottesduft und ist auch heute noch für viele Christen ein Zeichen für Vergeistigung und Emporstreben. Sein Aufsteigen während der Messe soll die Anwesenheit Gottes sinnlich erfahrbar machen.

Auch medizinisch wird Weihrauch seit dem Altertum genutzt. Die antiken Ärzte setzten ihn zur Blutstillung, Wundbehandlung und gegen Rheuma ein. Im Mittelalter wurde er zusätzlich gegen Husten, Erbrechen, Ruhr und zahlreiche Hauterkrankungen verwendet. Wegen seines hohen Preises wurde Weihrauch häufig mit Fichtenharz vermischt. Erst im 19. Jahrhundert verschwand er aus der abendländischen Heilkunst.

Große Bedeutung in Indien 

In der traditionellen indischen Medizin, Ayurveda, spielt Weihrauch eine wichtige Rolle. Er wird eingesetzt gegen Husten, Atemnot und Erstickungsanfälle, bei schmerzenden Gelenken, bei Durchfall, Stuhlverhalten und verfärbtem Stuhl sowie gegen Verwirrtheit, Wahnsinn und zur Vertreibung von Dämonen. Gegenwärtig werden in der westlichen Medizin folgende Einsatzgebiete untersucht: chronische Darmentzündungen, Asthma und rheumatische Erkrankungen.

Der Weihrauchbaum gehört zur Familie der Burseraceae. Die Stammpflanzen des Weihrauchharzes sind Boswellia sacra, der in Südarabien wächst, Boswellia carteri und Boswellia frereana aus Somalia und Boswellia serrata, der in Indien heimisch ist. Boswellia serrata wird auch Salai- oder Saphalbaum genannt. Unterschieden wird zwischen dem arabischen Harz, Olibanum, und dem indischen Harz, Salai Guggal.

Um das Harz zu gewinnen, wird die Rinde des Baumes eingeritzt. Es tritt eine Flüssigkeit aus, die nach dem Härten an der Luft als Weihrauchharz geerntet wird. Je nach Herkunftsgebiet unterscheiden sich die Erntemengen und damit die Preise deutlich voneinander. Afrikanischer Weihrauch ist in der Regel preiswerter als indischer. Pharmazeutisch werden Harzstücke verwendet, die mindestens drei Zentimeter lang und weißlich-grün sind. Das Harz hat die Form von Tropfen oder Kolben. Schlechtere Qualitäten weisen vermehrt braune oder dunkle Anteile auf. Weihrauchharz enthält verschiedene Terpene und ätherisches Öl. Zu den Terpenen gehören auch die als Wirkstoffe angesehenen Boswelliasäuren.

Der als Gartenzierstrauch beliebte "Weihrauch" ist nicht identisch mit den pharmazeutisch verwendeten Boswellia-Arten. Die Zierpflanze stammt aus der Familie der Lippenblütler. Ihre Blätter verströmen allerdings beim Zerreiben einen weihrauchartigen Geruch.

Säuren hemmen Entzündungen 

Die Boswelliasäuren greifen in die Entzündungsreaktionen des Körpers ein. Entzündete Gewebe setzen als Botenstoffe unter anderem Leukotriene frei. Boswelliasäuren hemmen das für die Bildung von Leukotrienen verantwortliche Enzym 5-Lipoxygenase. In ausreichend hohen Dosierungen können sie die Bildung und damit auch die Wirkungen der Leukotriene unterdrücken, im Gegensatz dazu fördern geringe Mengen die Entzündung. Die Boswelliasäuren hemmen auch die Bildung gewebeschädigender Sauerstoffradikale sowie die Aktivität der humanen Elastase, eines wichtigen Botenstoffs bei Polyarthritis. 

Außerdem wirken die Boswelliasäuren auf weitere Botensysteme in der Zelle ein, die beispielsweise für deren programmierten Selbstmord (Apoptose) verantwortlich sind. In Tierversuchen hemmten Weihrauchextrakte unter anderem Entzündungen, Schmerzen oder Wasseransammlungen (Ödeme).

Studien mit chronisch Kranken

Diese Beobachtung lässt eine Wirksamkeit bei Asthma, rheumatischen Erkrankungen oder chronischen Darmerkrankungen vermuten. Diese Anwendungsgebiete wurden an mehreren tausend Patienten untersucht. Die Studien liefern erste Anhaltspunkte. Ein Beispiel: In einer Doppelblindstudie nahmen 102 Patienten mit der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn acht Wochen lang täglich 3,6 Gramm Weihrauchextrakt oder 4,5 Gramm des synthetischen Wirkstoffs Mesalazin ein. Der Weihrauchextrakt war dem anerkannten Therapeutikum ebenbürtig, zeigte aber weniger Nebenwirkungen.

Auch bei Mukoviszidose, allergischem Schnupfen, Schuppenflechte, Multipler Sklerose und Gehirntumoren spielen Leukotriene eine wichtige Rolle. Eine therapeutische Wirksamkeit von Weihrauchextrakt ist somit denkbar, bislang aber nicht bewiesen. Der Einsatz von Weihrauch kann im Einzelfall gerechtfertigt sein, wenn klassische Behandlungsmethoden nicht möglich sind oder versagt haben.

Ausreichend hoch dosieren

Wichtig ist auf jeden Fall, Weihrauchextrakt ausreichend hoch zu dosieren. In geringen Dosierungen können sich die entzündungshemmenden Effekte umkehren, da mehr Leukotriene gebildet werden. In klinischen Studien wurden Dosierungen über 1,2 Gramm täglich untersucht. Nebenwirkungen sind relativ selten, es treten vor allem allergische Komplikationen oder Beschwerden des Magen-Darm-Trakts auf. Sie können durch die Einnahme nach den Mahlzeiten verringert werden.

In Deutschland gibt es kein zugelassenes Weihrauchpräparat. Weltweit ist nur in Indien ein Präparat unter den Namen Sallaki oder H15 registriert, der Import aus Indien ist juristisch erlaubt. Sallaki/H15 wird in Indien von der Firma Gufic hergestellt und von Pharmasan in Freiburg unter dem Namen "H15 Gufic" importiert - allerdings mit englischsprachigem Beipackzettel. Die Herstellerfirma nennt als Indikationen chronische rheumatische Beschwerden mit entzündlicher Aktivität, aktive chronische Polyarthritis und jugendliche chronische Arthritis. Eine Tablette enthält 400 Milligramm eines Trockenextraktes mit dem Droge-Extrakt-Verhältnis 4,2 bis 5,9 zu 1.

Weihrauch war auch im Schweizer Kanton Appenzell-Außerrhoden zugelassen. Zu Beginn des Jahres 2002 wurde diese Zulassung widerrufen, allerdings können die Präparate noch bis Ende 2006 in den Handel gebracht werden. Da Weihrauch nicht in der gesamten Schweiz zugelassen war, billigen die zuständigen Überwachungsbehörden den Import nach Deutschland im Regelfall nicht. Daher sollten Apotheker sich vor einem möglichen Import bei der zuständigen Landesapothekerkammer informieren.

Vorräte nicht erlaubt

Arzneimittel mit Weihrauchextrakten dürfen in der Apotheke nicht vorrätig gehalten werden. Der Apotheker braucht für die Einzelbestellung nach § 73, Absatz 3 des Arzneimittelgesetzes eine Verschreibung des Arztes. Auch für die Anfertigung einer Individualrezeptur muss ein Rezept vorliegen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nur in Ausnahmefällen.

Bei rezepturmäßigen Anfertigungen sollte man genau auf die Herkunft des gelieferten Harzes achten. Das im Apothekengroßhandel verfügbare Olibanum-Harz stammt überwiegend vom preiswerteren afrikanischen Weihrauch. Diese Ware entspricht nicht dem in Studien untersuchten indischen Weihrauchharz von Boswellia serrata. Die Zusammensetzung der beiden Handelssorten kann sehr stark voneinander abweichen, auch ist eine Standardisierung von Weihrauchpräparaten noch nicht endgültig geklärt. Daher können die Untersuchungsergebnisse des einen Extrakts nicht unkritisch auf einen anderen übertragen werden.

Die mit Weihrauchextrakten potenziell behandelbaren Krankheiten sollten auf keinen Fall selbst therapiert werden. Die Abgabe in der Selbstmedikation ist nicht empfehlenswert, da sich die Erkrankung verschlimmern könnte. Insbesondere Schwangere und Stillende sollten keine Weihrauchpräparate einnehmen, denn der Einfluss auf die Entwicklung des Ungeborenen oder Säuglings ist unklar.

Als Nahrungsergänzung fraglich

Als Nahrungsergänzungsmittel deklarierte Produkte mit Weihrauch sind keine Arzneimittel und dürfen daher ohne Rezept abgegeben werden. Eine Tablette "Weihrauch H 15" enthält 400 Milligramm Weihrauch. Die vertreibende Firma gab auf Anfrage keine Auskunft über den Extrakt oder zur Herkunft der Droge. Angesichts der fehlenden Studien und des hohen Preises sollte eine Empfehlung kritisch überdacht werden: Bei drei Tabletten täglich kostet die Monatspackung knapp 60 Euro.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13 a
10405 Berlin



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