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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Ackerschachtelhalm

Foto: Wala/Schneider

Heilpflanze aus der Urzeit

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Schon vor 400 Millionen Jahren wuchsen Schachtelhalme auf der Erde, lange bevor Dinosaurier lebten. Wie Bärlappe, Farne und Moose gehört der Ackerschachtelhalm zu den entwicklungsgeschichtlich alten Gefäßsporenpflanzen. Diese bilden keine Blüten aus, sondern vermehren sich durch Sporen. Bereits im Altertum schätzten Araber und Griechen seine harntreibende und blutstillende Wirkung.

Der unscheinbare Schachtelhalm ist der letzte lebende Zeuge einer ehemals artenreichen Gruppe innerhalb der Gefäßsporenpflanzen (Pteridophyta). Im Karbon, vor etwa 400 Millionen Jahren, wuchsen die prähistorischen Schachtelhalme zu stattlichen, bis zu 30 Meter hohen Bäumen heran und bildeten mit Riesenfarnen die ersten Wälder der Nordhalbkugel. Aus ihren Überresten entstand die Steinkohle, die in meterdicken Flözen im Ruhrgebiet und andernorts tief in der Erde lagert.

Die Familie der Equisetaceae, der Schachtelhalmgewächse, umfasst derzeit nur noch etwa 15 Arten. Außer in Australien sind die Arten auf allen Kontinenten zu finden. Alle Vertreter vermehren sich vegetativ: zum einen durch ihr im Boden kriechendes Rhizom, zum anderen durch Sporen. Der Ackerschachtelhalm, Equisetum arvense L., ist in den gemäßigten Zonen der nördlichen Erdhalbkugel weit verbreitet. Der botanische Name Equisetum setzt sich aus zwei Wortstämmen zusammen: aus dem lateinischen equus = Pferd und seta = Borste oder Tierhaar und spielt auf den borstigen Wuchs der Triebe an. »Arvense« leitet sich vom lateinischen arvum = Acker ab und bezeichnet den Standort. Im englischen Sprachraum heißt Equisetum arvense »field horsetail«.

Sein deutscher Name weist darauf hin, dass der Schachtelhalm gerne Äcker besiedelt, er ist aber auch an lehmigen, feuchten Wiesenrändern, in Gräben und auf Böschungen zu finden. Im Gartenbau und in der Landwirtschaft gilt er als Zeigerpflanze, das heißt: Wenn er sich ausbreitet, ist der Boden mangelhaft belüftet und verdichtet. Hat er erst einmal den Garten erobert, kann er sehr hartnäckig sein. Landwirte betrachten ihn als Schädling und bekämpfen ihn mit Herbiziden.

Frühjahrs- und Sommertriebe

Im Frühjahr treiben aus dem tief im Boden verankerten, weit verzweigten Rhizom zunächst blasse, etwa 20 cm hohe Stängel mit braunen, sporentragenden »Zapfen« (Sporophyllständen) an der Spitze. Diese sind unverzweigt, enthalten kein Chlorophyll und sind daher nicht zur Photosynthese fähig. Die braunen Stängel ernähren sich aus den Rhizomknollen, die im Vorjahr Nährstoffvorräte gespeichert haben. Sind die Sporen reif, trägt der Wind sie fort. Damit männliche und weibliche Vorkeime zusammenfinden, und es zur Befruchtung kommt, hat die Natur vorgesorgt: Vor ihrem Flug aus dem Sporenbehälter verhaken sich mehrere Sporen mit feinen Bändern ineinander und keimen dadurch dicht nebeneinander. So können männliche und weibliche Sporen verschmelzen. Auf feuchter Erde wachsen dann die Vorkeime, winzige, moosähnliche Pflänzchen heran.

Nach dem Absterben der Frühjahrstriebe erscheinen im Mai und Juni die unfruchtbaren grünen Sommertriebe. Sie ähneln kleinen Tannenbäumchen und können bis zu 50 cm hoch werden. Der Stängel sowie die quirlig stehenden Seitentriebe des Ackerschachtelhalms sind aus ineinandergefügten (geschachtelten) Gliedern aufgebaut – daher der deutsche Name. Die einzelnen Glieder bestehen aus einem Blattknoten und dem zugehörigen Sprossstück, dem Internodium, die Wachstumszone an der Stängelbasis aus weichem Gewebe. Bei Zugbelastung reißen die Glieder an dieser Stelle leicht auseinander. Die Blätter eines Knotens sind zu einer kleinen, kronenartigen Hülle verwachsen, die die empfindliche Wachstumszone umschließt. 

Putzmittel für Zinngeschirr

Eine Besonderheit des Ackerschachtelhalms ist sein hoher Gehalt an Kieselsäure und ihren Salzen, den Silikaten. Frische Pflanzen enthalten bis zu 10 Prozent. Als winzige Kristalle sind sie in den Zellen der Epidermis eingelagert, stärken und festigen die Zellwand. Früher nutzten die Hausfrauen die durch die Silikate bedingte hervorragende Poliereigenschaft der Pflanze und gebrauchten sie als sanftes Scheuermittel für Zinngeschirr. Die noch heute gebräuchliche Bezeichnung »Zinnkraut« erinnert an diese Verwendung. Neben der Kieselsäure, die teilweise in wasserlöslicher Form vorliegt, enthält der Ackerschachtelhalm Flavonoide, verschiedene Kaffeesäurederivate und Spuren von Alkaloiden, darunter Nicotin.

Ackerschachtelhalm wurde bereits in der Antike als Heilpflanze geschätzt. Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) lobte seine blutstillende Wirkung, und sein Zeitgenosse Plinius der Ältere behauptete sogar, man müsse die Pflanze nur in der Hand halten, um eine Blutung zum Stillstand zu bringen. Danach geriet der Ackerschachtelhalm als Heilpflanze für lange Zeit in Vergessenheit. Erst Pfarrer Sebastian Kneipp entdeckte ihn wieder und empfahl seinen Patienten Equisetum zur Behandlung von Rheuma und Gicht sowie zur Wundheilung.

Die Kommission E bewertete Schachtelhalmkraut positiv und empfahl es innerlich zur Durchspülungstherapie bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und bei Nierengrieß, einer Vorstufe von Nierensteinen. Für die harntreibende Wirkung sind zum großen Teil die Flavonoide verantwortlich. Als Phyto-Aquaretikum unterstützt das Kraut die Wasserausscheidung und damit die Nierendurchspülung, ohne in den Elektrolythaushalt einzugreifen – im Gegensatz zu Diuretika. Mit der erhöhten Harnmenge werden bakterielle Erreger aus den Harnwegen und der Blase ausgespült.

Außerdem eignet sich die Droge zur Ausschwemmung verletzungsbedingter (posttraumatischer) Ödeme. Bei Ödemen, die durch eine eingeschränkte Herz- oder Nierentätigkeit entstehen, ist Schachtelhalm kontraindiziert. Darauf sollten PTA oder Apotheker die Patienten, die nach Schachtelhalm zur inneren Anwendung fragen, unbedingt hinweisen.

Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 5. Ausgabe, Grundwerk 2005) fordert in der Monographie »Schachtelhalmkraut – Equiseti herba« einen Gehalt von mindestens 0,3 Prozent Gesamtflavonoiden, bezogen auf die getrocknete Droge. Die Arzneibuchdroge besteht nur aus den ganzen oder geschnittenen, getrockneten, sterilen, oberirdischen Teilen von Equisetum arvense L., das heißt aus den unfruchtbaren grünen Sommertrieben. Das Drogenmaterial wird aus den osteuropäischen Ländern und vor allem aus China importiert.

Tee oder standardisierter Extrakt

Zur Teebereitung übergießt der Patient zwei bis drei Teelöffel Droge mit kochendem Wasser, kocht 5 Minuten lang, lässt den Auszug 15 Minuten ziehen, seiht dann ab und trinkt den Tee mehrmals täglich zwischen den Mahlzeiten. Zusätzlich zum Tee sollten Patienten mit einer Harnwegs- oder Blasenentzündung über den ganzen Tag verteilt reichlich trinken.

Neben dem Schachtelhalm-Tee stehen in der Apotheke auch Fertigpräparate mit standardisierten Extrakten zur Verfügung. Dazu gehören zum Beispiel die Mono-Präparate Nieron® E Kapseln und Redaxa fit Dragees oder die Kombi-Präparate Hevert® Blasen-Nieren-Tee N, Nephroselect® M Liquidum und Solidagoren® N Tropfen. Alle Präparate sind sehr gut verträglich, Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt.

Neben seiner entwässernden Wirkung wird Schachtelhalmkraut weiterhin zur unterstützenden Behandlung schlecht heilender Wunden verwendet. Dazu werden getränkte Umschläge auf den Wundbereich gelegt. Für diese Umschläge nutzen die Patienten eine Abkochung, bereitet aus zehn Gramm Droge auf ein Liter Wasser. Die blutstillende und wundheilende Wirkung beruht vermutlich auf den im Kraut enthaltenen adstringierenden Flavonoiden und der Kieselsäure. Als Badezusatz soll Schachtelhalm die Durchblutung der Haut anregen und die Muskulatur lockern.

Traditionell wird Schachtelhalm auch pflanzlichen Expektoranzien beigemischt. Eine Mischung schleimlösender Drogen enthält das Fertigpräparat Equisil® N Saft. Schachtelhalm soll die Schleimlösung im Bereich der Atemwege unterstützen und zur Besserung des Hustens beitragen.

Homöopathen und anthroposophisch orientierte Therapeuten wenden Equisetum ebenfalls als Harnwegstherapeutikum an. Daneben setzen sie ihn zur Linderung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Arthrose, Rheuma und Gicht ein. Das Komplex-Homöopathikum Lymphomyosot® N enthält unter anderem Winterschachtelhalm, Equisetum hiemale L., und soll bei Infektanfälligkeit, Drüsenschwellungen und chronischer Tonsillitis helfen. Winterschachtelhalm wird nur in der Homöopathie eingesetzt. Equisetum hiemale ist immergrün, da seine Triebe im Winter nicht absterben.



Auswahl homöopathischer Arzneimittel bei Harnwegserkrankungen

  • Cysto-Gastreu®
  • Cysto Hevert®
  • Enuroplant® N
  • Pascorenal® N



Auswahl homöopathischer Arzneimittel bei rheumatischen Beschwerden

  • Araniforce® rheuma
  • Mandragora comp. RP
  • Solum Öl
  • Steirocall® N

Quelle: Rote Liste, Stand Juli 2007


Hersteller von Naturkosmetik nutzen Schachtelhalm wegen seines hohen Kieselsäuregehaltes zur Remineralisierung. Silikate sind Bausteine für Haare, Nägel und Bindegewebe, ein Mangel kann zu brüchigen Nägeln und Haarproblemen führen. Deshalb enthalten zahlreiche Kosmetika, vor allem Haarpflegeprodukte, Schachtelhalmextrakte.

Neben der medizinischen und kosmetischen Anwendung schätzen auch Bio-Gärtner den Schachtelhalm. Eine Jauche aus dem Kraut soll andere Pflanzen stärken und sie vor Schädlingen schützen, so soll beispielsweise das Besprühen mit der Jauche Obstgehölze und Tomatenpflanzen von Mehltau und Rost befreien.

Für Pferde und Rinder toxisch

So nützlich und hilfreich der Ackerschachtelhalm für Menschen ist, so schädlich ist er für Weidevieh und Pferde. Das gilt besonders für den Sumpfschachtelhalm, Equisetum palustre. Dieser bevorzugt feuchte Standorte und bildet zur selben Zeit fruchtbare (sporangientragende) und unfruchtbare Sprosse, die gleich aussehen. Seine Toxizität für Rinder und Pferde ist seit langem bekannt. Bei Pferden äußert sich die Vergiftung in gesteigerter Erregbarkeit, Zuckungen der Gesichtsmuskeln und taumelndem Gang, bis die Tiere schließlich verenden. Rinder geben weniger Milch, verlieren an Gewicht, haben Durchfall und Lähmungserscheinungen. Auch Todesfälle wurden beobachtet. Früher machten Wissenschaftler das Alkaloid Palustrin im Sumpfschachtelhalm für die Giftwirkung verantwortlich. Jüngere Untersuchungen ergaben jedoch, dass die Wirkung auf einer Zerstörung des Vitamins B1 beruht. Pferde reagieren besonders empfindlich auf den Vitamin-B1-Mangel.

Obwohl bisher keine Hinweise vorliegen, dass der Sumpfschachtelhalm für Menschen toxisch ist, dürfen Humanarzneimittel nur Equisetum arvense enthalten. Da der Sumpfschachtelhalm dem Ackerschachtelhalm sehr ähnelt, fordert das Europäische Arzneibuch die Prüfung auf andere Equisetum-Arten.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de



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