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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Brennnessel

Foto: Truw

Ein Unkraut mit vielen Seiten

von Ursula Sellerberg, Frankfurtam Main

Auf den ersten Blick ist die Brennnessel ein klassisches Gartenunkraut. Jeder hat sich schon mal an ihr verbrannt und sie verflucht. Dabei ist die Brennnessel eine traditionelle Heilpflanze. Noch heute wird sie gegen Blasenentzündungen, aber vor allem bei rheumatischen Erkrankungen und gegen leichte Prostata-Beschwerden eingesetzt.

Zur Brennnesselfamilie, den Urticaceen, gehören über 30 Arten. Die Große Brennnessel (Urtica dioica) kommt hierzulande am häufigsten vor. Sie wird bis zu 1,2 Meter groß. Die Kleine Brennnessel (Urtica urens) ist mit 50 Zentimeter Höhe weniger imposant. Beide Arten sind auf der ganzen Erde in den gemäßigten Zonen verbreitet. Vor allem die Kleine Brennnessel wächst fast überall - auf Wegen, Feldern, Wiesen, Schutthalden und natürlich auch in Gärten. Die Pflanzen blühen von Mai bis in den späten Herbst mit Ähren aus kleinen, grünlichen Blüten.

Die Große Brennnessel ist eine diözische, das heißt zweihäusige Pflanze: Es gibt männliche und weibliche Individuen. Das Geschlecht ist an den Blüten erkennbar. Das ist eine botanische Seltenheit, denn die meisten anderen Pflanzen vereinen in der Blüte männliche und weibliche Anteile.

Ihren Namen verdankt die Brennnessel den mikroskopisch kleinen einzelligen Haaren, die beim Berühren sehr leicht brechen. Ihre Zellwand ist verkieselt, deshalb sind sie spröde. Die entstehende scharfe Kante an der Haarspitze ritzt die Haut oberflächlich an. Dabei entleert sich der giftige, eiweißhaltige Inhalt der Haare. Das "Nesselgift" besteht unter anderem aus Histamin und Serotonin. Es reizt die Haut; bei besonders empfindlichen Menschen entstehen sogar Blasen. Folgerichtig nutzt die Homöopathie die Kleine Brennnessel gegen Sonnenbrand und andere brennende Hautausschläge.

Baumwolle ersetzt Nesselstoff

Schon Hildegard von Bingen empfahl die Brennnessel zur Steigerung des Gedächtnisses: Sie zerstieß die Blätter, vermischte sie mit Olivenöl und ließ sie auf die Schläfen auftragen. Die Stängel der Großen Brennnessel enthalten sehr feste, lange Bastfaserzellen. Im Mittelalter stellte man deshalb Gewebe daraus her, und es gab verschiedene Ansätze, die Brennnessel als Faserpflanze zu etablieren. Nesselgewebe ist jedoch unangenehm rau. Importierte Baumwolle ersetzte später die Brennnessel. Der Name "Nesselgewebe" übertrug sich daher auf Baumwollgewebe. 

Ökologisch orientierte Landwirte und Hobbygärtner benutzen einen Brennnesselsud als biologisches Pflanzenschutzmittel. Dazu wird die ganze Pflanze in Wasser eingelegt und einige Wochen stehen gelassen. Die entstandene Jauche wird über die von Schädlingen befallenen Pflanzen gegossen und soll diese abtöten. 

Tee spült die Harnwege

Ins deutsche Arzneibuch aufgenommen wurden Brennnesselblätter (Urticae folium) und Brennnesselwurzel (Urticae radix). Der deutsche Arzneimittelcodex (DAC) führt das Brennnesselkraut auf. Die Drogen dürfen aus Urtica dioica, Urtica urens, deren Hybriden oder aus Mischungen von diesen bestehen. Brennnesselblätter und -kraut wirken leicht wassertreibend. Empfehlenswert ist ein Teeaufguss, um Blasenentzündungen und Nierengrieß vorzubeugen. Zur Teebereitung wird ein Esslöffel getrocknete Droge mit einer Tasse siedenden Wassers übergossen und zehn Minuten ziehen gelassen. Wichtig: Der Teetrinker soll zusätzlich reichlich andere Getränke zu sich nehmen, um die Harnwege durchzuspülen. Vorsicht bei Patienten mit Herz- oder Nierenschwäche oder Wassereinlagerungen im Gewebe: Bei diesen Personengruppen ist nur eine bestimmte Flüssigkeitsmenge erlaubt.

Standardisierte Fertigpräparate sind oft hochwertiger als die lose Teedroge, da das Kraut häufig mit Stängelstücken versetzt ist. Diese Bestandteile enthalten weniger Inhaltsstoffe und verschlechtern die Droge. Frischpflanzen-Presssäfte enthalten eine besonders große Menge an Flavonoiden. Sie sollen Botenstoffe hemmen, die an Entzündungsprozessen beteiligt sind.

Kraut bekämpft Rheuma

Was Wanderer mit kurzen Hosen auf Abstand hält, ist Arthrose-Patienten willkommen. Das Kraut unterstützt äußerlich und innerlich die Behandlung rheumatischer Beschwerden. Für die Wirkung werden unter anderem selten vorkommende Fettsäuren verantwortlich gemacht. Auf der Suche nach dem Wirkprinzip fand man unter anderem die Fettsäure 13-Hydroxyoctadecadiensäure.

Sollen unpolare Inhaltsstoffe wie Fettsäuren aus einer Heilpflanze herausgelöst werden, sind unpolare Lösungsmittel wie Paraffin geeigneter als polare Ethanol- oder Methanol-Wasser-Mischungen. Deshalb wirken Fertigarzneimittel, deren Extrakte mit unpolaren Extraktionsmitteln hergestellt wurden (zum Beispiel Hox®alpha) vermutlich stärker entzündungshemmend als mit polaren Lösungsmitteln gewonnene Extrakte. In einer klinischen Studie nahmen Arthrose-Patienten diesen Extrakt ein. Die Stärke der Schmerzen sank etwa um die Hälfte, Arthrose-Schübe traten seltener auf.

Durch Brennnesselkraut können Schmerzmittel gegen rheumatische Beschwerden eingespart werden. In einer Anwendungsbeobachtung verringerte Brennnesselextrakt (Rheuma Hek®) die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen von Patienten mit einer rheumatischen Gelenkerkrankung (Osteoarthrose).

Extrakte aus Brennnesselkraut sind gut verträglich. Sie können auch langfristig eingenommen werden. Brennnesselkraut unterstützt damit eine antirheumatische Behandlung. Bei akuten rheumatischen Beschwerden, zum Beispiel mit Rötung oder Schwellung, sollte die PTA dem Kunden raten, einen Arzt aufzusuchen.

Kneipp lobte Nesselpeitschen

Auch äußerlich hilft Brennnessel gegen rheumatische Erkrankungen. Dazu muss der Patient das schmerzende Gelenk vorsichtig mit einigen Tropfen eines Brennnesselspiritus einreiben. 

Pfarrer Kneipp lobte das Nesselpeitschen ("Urtikation") zur Behandlung von Rheuma. Doch diese Anwendungsform ist äußerst drastisch: Der Patient muss seinen nackten Körper mit dem frischen Kraut auspeitschen oder sich auspeitschen lassen. Diese extreme Methode kannten schon die Römer. Um sich vor der nordischen Kälte zu schützen, peitschten sich die Soldaten gegenseitig mit Brennnesselkraut aus. 

Wurzel hilft der Prostata 

Der Extrakt aus der Brennnesselwurzel hilft gegen leichte Prostata-Beschwerden. Er entfaltet seine Wirkung allerdings erst nach einigen Wochen. Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Noch ist unklar, welche Inhaltsstoffe der Wurzel auf die Prostata wirken: Fettsäuren, Phytosterole, Lektine oder andere Substanzen. 

Meist kommen Fertigarzneimittel zum Einsatz, nur selten Tees. Die Fertigarzneimittel untereinander sind nur begrenzt vergleichbar, da unterschiedliche Extrakte verwendet werden. Die Wirkung der Brennnesselwurzel auf die Prostata wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen. Ein Beispiel: 525 Patienten nahmen Wurzelextrakt (Serless®) ein. Die Männer litten an leichten bis mittelschweren Prostata-Vergrößerungen mit nächtlichem Harndrang. Nach drei Monaten mussten sie nur noch halb so oft nachts aufstehen, um Wasser zu lassen. Auch die anderen für eine vergrößerte Prostata typischen Beschwerden wie Restharnmenge oder verminderter Harnfluss besserten sich deutlich. Insgesamt beurteilten Patienten und Ärzte die Brennnesselwurzel als gut wirksam und verträglich.
Phytopharmaka bilden die Basis der Therapie bei Prostata-Beschwerden. Etwa drei Viertel der verordneten Prostatamittel enthalten Pflanzenextrakte. Außer der Brennnessel werden auch Präparate mit Extrakten aus Kürbissamen, aus der Sabalpalme, Roggenpollen oder Hypoxiswurzel eingesetzt. 

Prostata-Beschwerden sind bei älteren Männern häufig. Bei etwa 80 Prozent aller 70-Jährigen ist die Vorsteherdrüse vergrößert. Eine gutartige Vergrößerung der Prostata heißt wissenschaftlich BPH; die Abkürzung steht für benigne Prostata-Hyperplasie. Zu den Beschwerden durch eine BPH zählen: vermehrter Harndrang, vor allem nachts, Brennen beim Wasserlassen, Restharngefühl, verzögerter Beginn und verlängertes Wasserlassen, schwacher Harnstrahl und Nachträufeln. Phytopharmaka können eine Vergrößerung nicht rückgängig machen, sie lindern nur die Symptome. Eine Prostata-Vergrößerung kann auch zu einem Krebsgeschwür entarten. Daher ist es notwendig, dass die Patienten zur Kontrolle regelmäßig den Arzt aufsuchen.



Kulinarische Tipps

  • Leckeres Frühjahrsgemüse
    Zusammen mit frischen Löwenzahn- und Birkenblättern ergeben Brennnesselblätter einen vitaminreichen Frühlingssalat. Gegessen werden nur die obersten, kleinen Blätter und die Triebspitzen. Die Blätter brennen nicht mehr, sobald sie durch die Zubereitung leicht anwelken.
     
  • Brennnesselcremesuppe
    Eine Zwiebel hacken und in Öl anschwitzen. Mit drei Esslöffeln Mehl binden und mit 750 Millilitern heißer Gemüsebrühe aufgießen. 250 Gramm Brennnesselblätter waschen und zugeben. Das ganze pürieren und mit Salz, Muskat, Knoblauch und Pfeffer abschmecken und heiß servieren.



Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Schwalbacher Straße 49
60326 Frankfurt am Main



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