Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Buchweizen

Foto: GSK Consumer Healthcare

Knöterichkraut schützt die Gefäße

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst 

Einige Jahrhunderte lang gehörte Buchweizen in Deutschland als Getreideersatz zu den Grundnahrungsmitteln. Als Brei, Grütze oder Graupen zubereitet galten seine Samenkörner bisweilen als "Arme-Leute-Essen". Erst Ende der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann seine zweite Karriere als Heilpflanze. 

Der Buchweizen stammt ursprünglich aus Zentralasien und wächst noch heute wild vom Baikalsee bis in die Mandschurei. Als Nutzpflanze ist er in China schon seit circa 4000 v. Chr. bekannt. Im 14. Jahrhundert gelangte er mit den Mongolenzügen über die heutige Ukraine nach Mitteleuropa und wurde in Deutschland erstmals 1396 in einem Nürnberger Archiv erwähnt. Chronisten berichten darin von seinem Anbau auf den Feldern des dortigen Spitalhofs. Zu dieser Zeit hatte der Buchweizen bereits einen festen Platz im Speiseplan. Im 16. Jahrhundert bauten ihn dann auch Schweizer, Holländer, Franzosen und Engländer an. Seine größte Bedeutung erreichte er als Nahrungslieferant in Europa im 17. und 18. Jahrhundert. Diese ging danach mit zunehmendem Kartoffel-Anbau deutlich zurück. Niederländische Siedler brachten den Buchweizen während der Kolonisation nach Nordamerika, wo er unter dem Namen "buckwheat" noch heute bekannt ist.  

Buchweizen wird seit alters in Form von Brei, Grütze oder Graupen zubereitet. Zum Brotbacken ist das Buchweizen-Mehl ungeeignet, da es nicht das Klebereiweiß Gluten enthält. 

Dass sich der Buchweizen vom Nahrungs- zum Arzneimittel wandelte, verdankt er intensiver Forschung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Bereits in ersten phytochemischen Untersuchungen stellte sich das Kraut als äußerst flavonoidreich mit besonders hohem Rutingehalt heraus. Da die pharmakologischen Wirkungen des Rutins bekannt waren, erschien es nahe liegend, Buchweizen bei Gefäßerkrankungen einzusetzen. Eine besondere Auszeichnung erhielt der Echte Buchweizen mit der Wahl zur "Arzneipflanze des Jahres 1999". Dadurch sollte diese wenig bekannte, aber als Therapeutikum anerkannte Arzneipflanze mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Der für die medizinische Wirkung wichtigste Inhaltsstoff des Buchweizenkrauts ist das zu den Flavonoiden gehörende Rutosid, auch Rutin genannt. Mit einem durchschnittlichen Rutosid-Gehalt von circa 5 Prozent in Blättern, Blüten und Stängeln gehört Buchweizen zu den flavonoidreichsten Pflanzen.  

Rutosid besitzt mehrere kapillarwirksame Eigenschaften. Es verbessert den Flüssigkeits- und Stoffaustausch der feinen Blutgefäße und dichtet die Gefäßwände ab. Stauungen durch Flüssigkeitseinlagerung (Ödembildung) gehen zurück, Spannungsschmerz und Schweregefühl in den Beinen lassen nach. Klinische Studien aus den Jahren 1992 bis 1996 belegen eindrucksvoll die positive Wirkung von Buchweizenkraut bei chronisch venöser Insuffizienz (CVI) der Stadien I und II (siehe Kasten). Demnach schützen die antioxidativen Eigenschaften der Flavonoide die Zellen und das Gewebe vor den Angriffen freier Radikale, verhindern so Ablagerungen an den Gefäßwänden und können einer Arteriosklerose vorbeugen.



Die drei Stadien der chronisch venösen Insuffizienz (CVI)

Stadium I   Kleine Venen zeigen sich in der Knöchelregion. Die Beine, besonders die Unterschenkel, können anschwellen. 
Stadium II   Braune Hautverfärbungen im Bereich des Unterschenkels und der Knöchel treten auf. Sie entstehen durch den erhöhten Veneninnendruck, der rote Blutkörperchen aus den Venen in das Gewebe presst. Dort werden die eisenhaltigen Blutfarbstoffe der roten Blutkörperchen abgebaut. Die Haut glänzt. 
Stadium III   In der Knöchelregion treten offene Hautgeschwüre auf. 


Photosensibilisierender Farbstoff 

Neben den Flavonoiden enthalten Buchweizenkraut und die Randschichten des Samens den roten Farbstoff Fagopyrin. Dieser ähnelt in seiner photosensibilisierenden Wirkung dem Hypericin des Johanniskrauts. Er kommt vorwiegend in den frischen Blüten vor, in der Droge ist er fast nicht mehr nachweisbar. Bereits im 16. Jahrhundert beobachtete man beim Verfüttern der frischen Pflanzen an Haustiere, dass sich insbesondere bei hellhäutigen Tieren die Haut rötete und entzündete, solange sie dem Tageslicht ausgesetzt waren. Diese Erscheinungen nannte man Buchweizenkrankheit oder auch Fagopyrismus. Da Buchweizen-Tee-Zubereitungen und -Tabletten kein Fagopyrin enthalten, ist nach deren Einnahme keine phototoxische Wirkung zu befürchten.

Laien bezeichnen Buchweizen gelegentlich als Getreide, obwohl er nicht mit Weizen oder anderen Gräsern verwandt, sondern ein Knöterichgewächs (Polygonaceae) ist. Landwirte bauen sowohl Echten (Fagopyrum esculentum) als auch Tataren-Buchweizen (F. tataricum) an, pharmazeutisch spielt aber wegen seines höheren Rutingehalts nur Fagopyrum esculentum eine Rolle. Der Gattungsname "Fagopyrum" setzt sich aus den lateinischen Wörtern fagus = Buche und pyros = Weizen zusammen. Ebenso wie der deutsche Name erinnert er zum einen an die den Bucheckern ähnliche Form der Samen und zum anderen an deren Verwendung als Getreideersatz.

Buchweizen ist eine einjährige, aufrechte, krautige Pflanze mit wechselständigen, herzpfeil förmigen Blättern. Als Wildpflanze erreicht sie eine Höhe von etwa 60 cm, im landwirtschaftlichen Anbau durchaus auch 120 cm. Die unteren Blätter sind gestielt, die oberen sitzend. Die Nebenblätter sind zu der für Polygonaceen typischen Blattscheide, der Ochrea, verwachsen. Auffallend ist die Gliederung des häufig rot gefärbten Stängels durch zahlreiche Knoten, die für den Familiennamen der Knöterichgewächse verantwortlich ist.
Von Juli bis in den Oktober entwickeln sich in den Blattachseln und an den Zweigenden weiße bis rosarote, Scheintrauben bildende Blüten. Eine Pflanze trägt etwa 300 bis 1800 kleine Blüten, die jeweils nur einen Tag blühen. Aus ihnen reifen die rotbraunen, dreikantigen Nussfrüchte heran.  

Ernte zur Blütezeit

Der Buchweizen ist eine sehr anspruchslose Pflanze. Den in manchen Gebieten gebräuchlichen Namen "Heidekorn" verdankt er seinem Wachstum auch auf kargsten Heide- und Sandböden. Seine Vegetationszeit ist sehr kurz, von der Aussaat bis zur Fruchtreife benötigt er nur zehn bis zwölf Wochen. Noch kürzer ist die Zeit bis zur Ernte des pharmazeutisch verwendeten Krauts: im allgemeinen nur sieben bis acht Wochen. Da der Rutosid-Gehalt die Qualität des Arzneikrauts bestimmt, spielt der Erntezeitpunkt eine wichtige Rolle. Mit der Länge der Sonnenscheindauer steigt der Rutosid-Gehalt, der um die Zeit des längsten Tages, also um den 20. Juni, sein Maximum erreicht. Da neben den jüngsten Blättern die Blüten den höchsten Rutosidgehalt aufweisen, sollte mit der Ernte begonnen werden, sobald der Bestand in voller Blüte steht, sich aber noch keine Früchte gebildet haben. Mit Beginn der Samenreife geht die Rutosid-Bildung nämlich deutlich zurück.

Die Hauptanbaugebiete und Lieferanten für die Droge sind die osteuropäischen Länder, wo der Buchweizensamen als Nahrungsmittel noch eine bedeutende Rolle spielt. 

Monographie-Entwurf für EuAB

Für homöopathische Zubereitungen fordert das Homöopathisches Arzneibuch (HAB) die frische Pflanze, während in der Phytotherapie das getrocknete Kraut verwendet wird. Die Trocknung muss rasch bei Temperaturen von 60 bis 80 Grad Celsius erfolgen, um eine Keimbildung zu verhindern. Die British Herbal Pharmacopoeia 1990 (BHP 90) führt Buchweizenkraut als Monographie unter der Bezeichnung "Fagopyri herba". Die Europäische Arzneibuch-Kommission plant die Aufnahme von Buchweizenkraut in das Europäische Arzneibuch und hat den Monographie-Entwurf unter dem Namen "buckwheat herb" zur Stellungnahme veröffentlicht.

Die Droge besteht aus den Blättern, Blüten und Stängeln, häufig auch Früchten in unterschiedlichen Reifegraden, da diese bei der Ernte zur Zeit der Vollblüte teilweise schon ausgebildet sind. Je höher der Blatt- und Blütenanteil ist, um so besser ist die Qualität.

Zur Teebereitung werden zwei Gramm Droge mit 200 ml kochendem Wasser übergossen, drei Minuten gekocht und nach zehnminütigem Ziehenlassen abgeseiht. Auf diese Weise gehen etwa 90 Prozent des Rutosids in den Tee über, während das phototoxische Fagopyrin nicht nachweisbar ist. Der Geschmack ist leicht bitter. So zubereitet und eventuell gesüßt, dreimal täglich getrunken, erzielte die Droge in klinischen Studien die besten Ergebnisse bei Gefäßerkrankungen.

Buchweizenkraut ist auch in Tablettenform im Handel. Ein Beispiel für ein Fertigpräparat ist das nicht apothekenpflichtige Fagorutin® mit 500 mg Buchweizenkraut und 30 mg Troxerutin. Buchweizenkraut ist frei von Nebenwirkungen, magenfreundlich und sehr gut verträglich. Daher können PTA oder Apotheker Patienten mit Venenproblemen Buchweizen-Tee oder -Tabletten zur unterstützenden Behandlung der CVI als Dauertherapie empfehlen. Dies gilt auch für ältere CVI-Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen müssen. Dabei ist eine Tagesdosierung von fünf bis sechs Gramm Buchweizenkraut sinnvoll. Das entspricht dreimal täglich zwei Tabletten oder dem Gehalt von drei Teebeuteln. Gerade in den Sommermonaten, wenn das Tragen von Kompressionsstrümpfen besonders unangenehm ist, beugen Buchweizen-Präparate unterstützend einer Ödembildung vor. 

Glutenfreies Mehl

Anders als das medizinisch wirksame Kraut, dient der an Stärke, Eiweiß und B-Vitaminen reiche Buchweizen-Samen als Nahrungsmittel. Auf Grund seines hohen Gehalts an essentiellen Aminosäuren ist er ernährungsphysiologisch besonders empfehlenswert. Buchweizenmehl ist glutenfrei und spielt daher eine wichtige Rolle bei der Ernährung von Zöliakie-Patienten.



Stichwort Zöliakie

Zöliakie ist eine durch Gluten, das Klebereiweiß verschiedener Getreidearten, hervorgerufene Entzündung der Dünndarmschleimhaut im Säuglings- und Kindesalter. Das entsprechende Krankheitsbild beim Erwachsenen heißt Sprue. Die Schädigung der Schleimhaut führt zu einer gestörten Resorption aller Nährstoffe einschließlich der Mineralien und Vitamine mit der Folge von Unterernährung und lebensbedrohlichen Mangelerscheinungen. Die ersten Symptome, wie gehäufte wässrige Durchfälle, zeigen sich mit beginnender Ergänzung der Säuglingsnahrung um Getreideprodukte, also etwa ab dem zweiten Lebenshalbjahr.  

Nach heutigen Erkenntnissen ist die Krankheit nicht heilbar. Die Grundlage jeder Behandlung ist die Umstellung auf eine konsequent glutenfreie Ernährung. Weitere Informationen stellt die Deutsche Zöliakiegesellschaft unter www.dzg-online.de bereit.



Anschrift der Verfasserin:
Monika Schulte-Löbbert
Mozartstraße 1
41564 Kaarst



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=37