Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Frauenmantel

Foto: Mies

Symbolpflanze der Fruchtbarkeit

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Lange Zeit galt der Frauenmantel als Allheilmittel bei Leiden und Beschwerden der Frauen sowie als Garant für die weibliche Gesundheit. Die zahlreichen arzneilichen Wirkungen der Pflanze in der Frauenheilkunde konnten Wissenschaftler jedoch nicht bestätigen. Ihr Einsatz als Adstringens bei leichten Durchfallerkrankungen ist dagegen wissenschaftlich abgesichert.

Der Frauenmantel, botanisch Alchemilla, gehört zur Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die etwa 300 Arten der Gattung Alchemilla sind in ganz Europa, Asien und Nordamerika verbreitet und für Laien häufig nur schwer zu unterscheiden. Von medizinischer Bedeutung ist vor allem der Gemeine Frauenmantel (Alchemilla vulgaris), der oft als Sammelname für insgesamt 21 Unterarten dient. Der Gelbgrüne Frauenmantel (Alchemilla xanthochlora) ist eine dieser Unterarten. In alten Arzneipflanzenbüchern werden beide botanischen Namen oft gleichwertig nebeneinander gebraucht. Gelegentlich wird auch Alchemilla alpina arzneilich genutzt, da diese alpine Art sehr gerbstoffreich ist.

Der Name Alchemilla ist dem arabischen Wort »al-kemelih« entlehnt und bedeutet Alchemie. Im Mittelalter erregten vor allem die silbrig glänzenden Tautropfen der Blätter, die sich über Nacht am Blattrand bilden und dann am Grund des Blattkelches zu einem großen Tropfen sammeln, das Interesse der Alchimisten. Diese Tropfen sind keine »gewöhnlichen« Tautropfen, sondern von der Pflanze »ausgeschwitzte« Wassertröpfchen. Kleine Drüsen an den Zähnchen des Blattrandes, so genannte Hydathoden, wirken wie winzige Überdruckventile und geben in Abhängigkeit von der Luftfeuchtigkeit überschüssiges Wasser ab. Botaniker nennen diesen Vorgang »Guttation«. Fasziniert von diesem Phänomen sammelten die Alchimisten morgens bei Sonnenaufgang dieses »Himmelswasser«, um daraus magische Essenzen und den »Stein der Weisen« zu bereiten. Das kristallklare Guttationswasser entsprach ihren Vorstellungen eines besonders reinen Wassers. Auf diese einzigartige Tropfenbildung beziehen sich auch die volkstümlichen Namen Tränenschön, Taublatt oder Tauschüsselchen.

Den Liebesgöttinnen geweiht

Das schalenförmige Blatt mit dem glitzernden Tropfen in der Mitte regte seit jeher die Phantasie der Menschen an, stets verglichen sie es mit dem Geburtsschoß der Frau und stellten die Pflanze unter den Schutz einer weiblichen Gottheit. Bei den Germanen war dies Freja, auch Frigga genannt, die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit. Der bei abnehmendem Mond gesammelte Frauenmantel wurde ihr in rituellen Zeremonien geopfert, damit sie den Gebärenden beistand. Die Römer nannten die Pflanze Venusmantel und weihten sie der Liebesgöttin Venus. Ihre Priesterinnen verwendeten sie zu kultischen Waschungen und Sitzbädern, um ihren Genitalbereich wieder in eine Art jungfräulichen Zustand zu versetzen und die Brüste straff zu erhalten. Aus dieser Zeit stammen wahrscheinlich Namen wie Jungfernmantel oder Jungfernwurz.

Wie aus heidnischen Kulturen überliefert, sollen die um den Augustvollmond gesammelten Kräuter besondere Zauberkräfte besitzen. Auch der Frauenmantel sollte seine heilende Wirkung vor allem dann entfalten, wenn er am 15. August zu Mariä Himmelfahrt gesammelt wird. In katholischen Gegenden pflegen die Gemeindemitglieder bis heute die alte Tradition der Kräuterweihe. Dazu bringen sie am Himmelfahrtstag prächtige Kräutersträuße, zu denen auch Heilkräuter wie der Frauenmantel gehören, in die Kirche, um diese segnen zu lassen.

Heilwirkung lange unerwähnt

Die ersten schriftlichen Überlieferungen des Frauenmantels als Heilpflanze stammen aus dem Mittelalter. Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) empfahl ihn gegen Kehlgeschwüre. In seinem New Kreuterbuch von 1588 bezeichnet der Apotheker und Botaniker Tabernaemontanus die Pflanze als »eins der rechten und berühmten Wundkräuter«.

Der Frauenmantel ist eine mehrjährige, etwa 50 Zentimeter hohe Halbrosettenstaude mit unterschiedlich behaarten, verzweigten Sprossen. Die Pflanze bevorzugt nährstoffreiche, leicht feuchte Böden. Sie wächst daher meist auf saftigen Kuh- und Pferdeweiden, auf halbschattigen Wiesen, an Bachufern und Waldwegen. Gärtner pflanzen sie auch gerne in Parkanlagen als Bodendecker unter Bäumen und auf schattige Staudenbeete.

Vor allem die charakteristisch handförmig gelappten Blätter erregten schon im Mittelalter das Interesse der Menschen. Die Blattspreiten besitzen eine feine Fältelung, die den Betrachter an einen einen Mantel beziehungsweise Umhang erinnern. Der Name Frauenmantel leitet sich von dieser Ähnlichkeit ab und ist seit dem 14. Jahrhundert gebräuchlich. Aus dieser Zeit stammt auch der volkstümliche Name Marienmantel. Auch die englische und französische Bezeichnung »Lady’s mantle« und »manteau de Notre-Dame« verweisen auf die Jungfrau Maria. In der Literatur ist mitunter die Bezeichnung Löwenfuß sowie Herba Leontopodii für Frauenmantelkraut zu finden, da die Blattspreite an den Abdruck einer Löwentatze erinnert.

Die grundständigen Blätter des Frauenmantels sind langgestielt und sieben- bis neunlappig, die kleineren stängelständigen dagegen nur kurz gestielt bis fast sitzend. Der Blattrand ist immer grob gezähnt. Die Blattoberseiten sind spärlich, die Unterseiten und der Blattrand reich behaart. Bei den jungen Blättern fällt die weißsilbrig glänzende, seidige Behaarung der Unterseite besonders auf.

Zur Blütezeit, von Mai bis September, erscheinen die kleinen gelblich grünen Blüten. Sie stehen am Ende der kahlen Blütenstängel in oft reichblütigen Rispen. Alchemilla vulgaris pflanzt sich wie alle Frauenmantelarten ohne Bestäubung (apomiktisch) fort. Die Samen reifen aus diploiden Zellen der Mutterpflanze heran, funktionsfähige Pollen bildet sie nicht.

Gerbstoffreiche Droge

Der Gerbstoffgehalt des Frauenmantelkrauts ist mit 6 bis 8 Prozent relativ hoch und für die Hauptwirkung verantwortlich. Daneben enthält das Kraut etwa 2 Prozent Flavonoide, geringe Mengen ätherisches Öl und Spuren an Bitterstoffen. Die Kommission E bewertete Frauenmantelkraut positiv und empfahl es bei leichten unspezifischen Durchfallerkrankungen. Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 5. Ausgabe, Grundwerk 2005) führt die Monographie »Frauenmantelkraut – Alchemillae herba«.

Die Arzneibuchdroge besteht aus den zur Blütezeit gesammelten, ganzen oder geschnittenen, getrockneten, oberirdischen Teilen von Alchemilla vulgaris L. sensu latiore.

Die Droge wird überwiegend aus den osteuropäischen Ländern eingeführt. Das Arzneibuch fordert einen Gerbstoffgehalt von mindestens 6 Prozent, berechnet als Pyrogallol und bezogen auf die getrocknete Droge. Verfälschungen kommen praktisch nicht vor, da sich Frauenmantelkraut sowohl makroskopisch als auch mikroskopisch gut identifizieren lässt.

Die Wirkung von Alchemillae herba beruht im Wesentlichen auf den adstringierenden Effekten der Gerbstoffe. Indem sie mit dem Eiweiß des Gewebes reagieren und eine fest zusammenhängende oberflächliche Membran bilden, dichten Adstringentien die obersten Zellschichten ab und hemmen dadurch die Sekretion aus entzündetem Gewebe. Gerbstoffe wirken auch mild antibakteriell.

Frauenmantelkraut eignet sich gut zur Teebereitung. Laut Empfehlung der Kommission E beträgt die mittlere Tagesdosis fünf bis zehn Gramm Droge. Frauenmanteltee wird bereitet aus zwei Teelöffeln Droge (etwa zwei Gramm). Diese werden mit circa 150 ml siedenden Wassers übergossen und nach etwa zehn Minuten abgeseiht. Der Tee sollte frisch zubereitet und getrunken werden. Je nach Intensität der Beschwerden können die Betroffenen ihn drei- bis fünfmal täglich ungesüßt trinken, da Zucker die Durchfallneigung verstärken kann. Neben der losen Droge wird Frauenmantelkraut auch als fertiger Tee und in Kombination mit anderen Arzneidrogen angeboten.

Frauenmantelkraut ist gut verträglich. Es sind weder Nebenwirkungen noch Wechselwirkungen bekannt. Besteht der Durchfall jedoch schon länger als drei bis vier Tage, müssen PTA oder Apotheker dem Patienten zum Arztbesuch raten.

Der hohe Gerbstoffgehalt beziehungsweise die adstringierende Wirkung der Droge lässt sich auch bei äußerlicher Anwendung nutzen. So können wässrige Auszüge von Frauenmantelkraut als Lokaltherapeutikum bei Entzündungen des Mund- und Rachenraumes sowie des Genital- und Analbereiches eingesetzt werden. Auch zur Behandlung von nässenden Wunden und Geschwüren eignen sie sich. Für diese äußerlichen Indikationen liegt allerdings keine Positiv-Monographie der Kommission E vor.

Naturheilkundler traditionsbewusst

Einige homöopathische Kombinationspräparate gegen Arthrosen, Bandscheibenschäden und degenerative Prozesse der Gelenke, zum Beispiel Araniforce® rheuma Mischung, Colchicum comp. Gelenk- und Rheumatropfen und Steirocall® N Lösung, enthalten Alchemilla vulgaris aufgrund des entzündungshemmenden Effekts. Dem Urologicum Vollmers präparierter grüner Hafertee N ist der gerbstoffreiche Alpen-Frauenmantel (Alchemilla alpina) beigemischt.

Die Tradition, Alchemilla vulgaris als Allheilmittel bei den unterschiedlichsten Frauenkrankheiten anzuwenden, setzen Anhänger der alternativen Heilverfahren fort. Frauenmantelkraut soll Menstruationsbeschwerden, Ausfluss und Unterleibsentzündungen lindern, die weiblichen Organe stärken, den Aufbau der Vaginalflora unterstützen und zahlreichen Frauenkrankheiten vorbeugen. Sogar der Neigung zu Fehlgeburten soll das Kraut entgegenwirken, nach Schwangerschaft und Geburt der Erholung dienen und die Milchbildung fördern. Schulmediziner lehnen dagegen Alchemilla in der Frauenheilkunde ab, da die gynäkologischen Indikationen auf volksmedizinische, wissenschaftlich nicht gesicherte Vorstellungen zurückgehen.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de 



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=383