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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Isländisches Moos

Von der Moos-Pasta zur Halspastille

von Gerhard Gensthaler, München 

Blätter- und Lungenflechte, Feuerkraut und Fiebermoos sind volkstümliche Bezeichnungen für Isländisches Moos. Die Isländer nutzen ihr Fjallagrös schon sehr lange sowohl als Heilmittel als auch als Nahrungsmittel. 

Eigentlich ist die Bezeichnung Isländisches Moos falsch, da es sich botanisch um eine Flechte handelt. Trotz ihres bitteren Geschmacks diente die Flechte in Notzeiten Tieren und Menschen der arktischen Länder als Nahrung, denn sie enthält das Polysaccharid Lichenin. Auch als Arzneimittel ist das Isländische Moos in den nordischen Ländern seit langem bekannt.  

Bereits seit dem Altertum verwendeten die Chinesen und Ägypter Flechten als Heilpflanzen. Auch dem griechischen Naturforscher und Philosophen Theophrastus von Eresos (374 bis 288 v. Chr.), dem römischen Arzt Dioskurides (Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.) und dem römischen Naturphilosophen Plinius Secundus (23 bis 79 n. Chr.) waren Flechten als Heil- und Färbepflanzen wohl bekannt. 

Bekannt als "Fjallagrös"

Als erste Europäer verwendeten die Isländer das Isländische Moos medizinisch. Generationen von isländischen Frauen sammelten die Pflanze für den häuslichen Bedarf. Sie nannten es "Fjallagrös", zu Deutsch "Felsgras". Erst später wurde seine Heilkraft in Mitteleuropa bekannt. Der schwedische Gelehrte Hjärne erwähnte die isländische Flechte 1683 als Arzneimittel, danach dauerte es noch einmal rund 150 Jahre, bis sie auf Empfehlung Linnés in den allgemeinen medizinischen Gebrauch aufgenommen wurde. Die Droge gehörte besonders am Ende des 18. Jahrhunderts zu den wichtigen Heilmitteln. In östlichen Ländern diente und dient sie sogar zur Spiritusgewinnung.

Isländisches Moos, Cetraria islandica (L.) Acharius s.l., gehört zu den Schüsselflechten, den Parmeliaceen. Die Pflanze stellt wie alle Flechten eine Lebensgemeinschaft zwischen einem höheren Fadenpilz und einer Alge dar. Ihr aufrechter Flechtenkörper (Thallus) ist strauchartig, bis zu 10 cm hoch und blattartig gelappt. Diese Lappen sind 5 bis 20 mm breit, geweihartig verzweigt, rinnig oder fast röhrenförmig eingerollt. Sie sind unterseits weißgrün bis hellbraun und mit fadenförmigen Haftorganen besetzt, auf der Oberseite braun oder braungrün. Die kleinen, schüsselartigen Fruchtkörper (Apothecien) bilden sich meist erst nach Jahren und stehen nur auf der Oberseite der Lappenenden. Der innere Teil des Thallus, die Markscheide, besteht aus lockerem Pilzgeflecht und enthält Flechtenstärke. 

Gesammelt wird die ganze Pflanze von April bis Oktober. Das von allen Verunreinigungen und schadhaften Teilen befreite Sammelgut wird in dünner Schicht in der Sonne ausgebreitet und getrocknet. Bislang gibt es keinen gezielten Anbau in Kulturen, so dass aus Wildbeständen gesammelt wird. 1996 exportierte Island drei Tonnen der Droge - ausschließlich nach Deutschland. 

Die Droge hat einen eigenartigen Geruch und schmeckt bitter und schleimig. Nach dem Europäischen Arzneibuch, Ph. Eur. 4. Ausgabe, Grundwerk 2002, besteht Isländisches Moos/Isländische Flechte, auch Lichen islandicus genannt, aus dem ganzen oder geschnittenen Thallus von Cetraria islandica (L.) Acharius s.l. Die Droge soll dicht verschlossen und möglichst in dunklen Gläsern aufbewahrt werden.

Das Isländische Moos ist besonders in den nördlichen Gebieten Europas, Nordasiens und Nordamerikas verbreitet. Es wächst sogar in der Antarktis. Dass es früher ganz anders gewesen sein mag, darüber berichtet folgende Alpensage: "Vor Zeiten wuchs Isländisch Moos auch in den Tälern. Die Kühe fraßen es gern und gaben viel Milch, die Bauern wurden reich. Aber als Gott als Bettler durch Tirol ging, wurde er abgewiesen und vom Hof gejagt. Daraufhin verbannte er das Kraut bis an die Schneegrenze, so dass die Menschen es fortan nur unter großen Mühen sammeln können." 

Isländisches Moos besteht zu 55 bis 66 Prozent aus zwei Polysaccharid-Schleimstoffen: das nur in heißem Wasser lösliche Lichenin und das schon in kaltem Wasser lösliche Isolichenin. Weiterhin enthält die Droge etwa 3 bis 6 Prozent der bitter schmeckenden Fumarprotocetrarsäure, bis zu 1,5 Prozent Protolichesterinsäuren, Spuren von Usninsäure und jeweils rund 4,5 Prozent Lipide und Proteine. 

Die kräftigende Moos-Chokolade

Das "Neue Journal der Pharmacie für Aerzte, Apotheker und Chemiker von D. Johann Bartholomäus Trommsdorff" aus dem Jahre 1867 berichtet von einer besonderen Arzneiform der Droge, der Moos-Chokolade. "Die Moos- oder eigentlich Flechtenchokolade ist ein Arzneymittel von großer Wirksamkeit. Es wird von schwachen Personen leicht vertragen und ist sehr nährend. Die Bestandteile derselben sind, isländische Flechte, Cacao, Saleppulver und Zucker; das Verhältnis der Bestandtheile ist öfters abgeändert worden, allein gegenwärtig sind wir bey dem stehen geblieben, welches ich hier mittheile. Diese Zusammensetzung ist in den hiesigen Apotheken gleichförmig eingeführt, und ich kann sie aus Erfahrung empfehlen." 

Bereits 1837 schreibt der Frankfurter Konditor und Maler Philipp Rumpf die Rezeptur für "Ackermännische Caramel mit Isländisch Moos" in sein Konditoreibuch. Sein Schwiegersohn Apotheker Karl Philipp Engelhard kam auf die Idee, aus dieser Kombination ein Arzneimittel zu machen und fertigte ab 1860 in seiner Rosen-Apotheke die "Isländisch Moos-Pasta" und damit eines der ersten Fertigarzneimittel Deutschlands. Die heutigen Pastillen werden als Medizinprodukt auch mit Minzölzusatz angeboten.Die Kommission E empfiehlt: Die zerkleinerte Droge wird entweder für Aufgüsse, Kaltmazerate und andere galenische Zubereitungen zum Einnehmen verwendet. 

Bewährt bei Reizhusten 

Die Droge wird wegen ihres Gehalts an Flechtensäuren als mildes Bittermittel zur Anregung des Appetits und Förderung der Verdauung verwendet. Haupteinsatzgebiet sind jedoch Entzündungen und Reizungen des Mund- und Rachenraumes und trockener Reizhusten. Durch "Filmbildung" wirken die Schleimstoffe beruhigend und reizmildernd auf die Schleimhäute des Rachenraums und im Magen-Darm-Bereich. Leicht antibiotisch wirksame Bestandteile ergänzen das Wirkspektrum. Äußerlich wurde das Isländische Moos bei schlecht heilenden Wunden und in der Volksheilkunde früher auch bei Lungentuberkulose eingesetzt. 

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sind weder Neben- und Wechselwirkungen, noch Gegenanzeigen bekannt. Die Droge war nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl lange Zeit radioaktiv erheblich belastet.  

Isländische Forscher wiesen in den letzten Jahren in Laborversuchen Aktivitäten gegen die Keime Helicobacter pylorus und Staphylococcus aureus nach. Die europäische Phytotherapie-Gesellschaft ESCOP (The European Scientific Cooperative on Phytotherapy) konnte im Reagenzglas signifikante immunstimulierende Effekte der Droge feststellen. In einer offenen Studie untersuchte ESCOP 160 mg eines wässrigen Extraktes bei 100 Patienten mit entzündlicher Reizung der oberen Luftwege, Laryngitis oder Bronchitis. 86 Patienten berichteten bereits nach kurzer Zeit über eine deutliche Besserung ihrer Beschwerden. 

Eine Anwendungsbeobachtung bei 3143 Kindern im Alter von vier bis zwölf Jahren mit Reizhusten und Entzündungen des Mund- und Rachenraumes ergab, dass vier bis sechs Pastillen mit Flechtenextrakt pro Tag bei fast 90 Prozent der kleinen Patienten nach sieben Tagen zur Beschwerdefreiheit führten. 

Als Tagesdosis gibt die Kommission E in der Monographie 4 bis 6 g Droge in entsprechender Zubereitung an. Eingesetzt werden ein Infus mit 150 ml Wasser, 4 bis 6 ml eines Fluidextrakts im Verhältnis 1:1 (g/ml) oder 20 bis 30 ml einer Tinktur im Verhältnis 1:5 (g/ml). Isländisch Moos hilft als Teezubereitung bei Reizhusten, als Gurgelwasser bei gereizten oder entzündeten Mandeln sowie bei Entzündungen im Mund und am Zahnfleisch. Zusätzlich gibt es als Standardrezepturen einen Hustentee und einen Brusttee mit Isländisch Moos.  

Lichen islandicus pulvis subtilis ist zudem Bestandteil einer Salbe, die anthroposophisch heilende Ärzte bei Ekzemen, Ulcus cruris und Dekubitus anwenden. Die Hausmedizin verwendet Isländisch Moos bei annähernd allen Lungen- und Bronchialbeschwerden.


Vulkanasche in der Homöopathie

Auch ein allgemein wenig bekanntes homöopathisches Arzneimittel kommt aus Island: Hekla Lava. Das Mittel wird aus der feinen Lavaasche des Vulkans Hekla hergestellt.  

Im 19. Jahrhundert beobachtete der Londoner Arzt J. Garth Wilkinson (1812 bis 1899) massive Knochenveränderungen und Geschwulste bei Tieren, die in der Nähe des Vulkans weideten. Pferde, Schafe und Rinder litten an erheblichen Knochenauftreibungen an Kiefer und Kopf, Hüfte und Unterschenkeln. Bei manchen Tieren fand der Arzt an den brüchigen Knochen sowie unter geschwollenem, sich zersetzenden Gewebe sogar Hohlräume bis zum Knochenmark. Sein Fazit: "Die Symptome dieser unvollständigen Pathogenese deuten klar auf Krankheiten der Knochen und Zähne hin." Genau dagegen setzen Homöopathen das Mittel heute ein: bei Knochenentzündung und -auftreibungen (so genannte Exostosen), Osteoporose und Zahnfleischabszessen. Als Geheimtipp gilt es beim Fersensporn. Die Patienten nehmen dreimal eine Tablette Hekla Lava D6 über drei Wochen oder länger und berichten über teils sensationelle Erfolge. Auch Tieren soll das Mittel aus der isländischen Vulkanasche helfen. 

Die Suche im Internet führt schnell zu verschiedenen Indikationen: Osteoporose bei Katzen, Kieferknochentumoren bei Hunden sowie Knochenauftreibung, Zahnfleischabszesse und Karies bei Pferden. Die Deutsche Homöopathische Union (DHU) bietet beispielsweise Hekla Lava als Dilution ab D6 und als Tablette ab D2 an.


Anschrift des Verfassers:
Dr. Gerhard Gensthaler
Fafnerstraße 33
80639 München



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