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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Echte Kamille

Foto: Mies

Blume des Sonnengottes

von Gerhard Gensthaler, München 

Im Arzneischatz der Völker nimmt die Echte Kamille seit der Antike eine Vorrangstellung ein. Vermutlich hatte sie auch schon vor dieser Zeit eine große Bedeutung. Medizinisch verwendet werden die Kamillenblüten, aus denen das ätherische Öl durch Destillation gewonnen wird. Das Wirkspektrum der Inhaltsstoffe des Öls ist sehr groß. Daher gilt die Kamille seit alters als Allheilmittel gegen zahlreiche Erkrankungen. 

Bereits Hippokrates (459 v. Chr. bis Mitte 4. Jh. v. Chr.) schätzte die Kamillenblüten als wertvolle Arznei, und auch Galenus (129 n. Chr. bis 199 n. Chr.) wies darauf hin, dass sie bereits in der altägyptischen Heilkunde bekannt war. Bei den Ägyptern galt die Kamille als Blume des Sonnengottes, weil sie Fieber senken und Hitze dämpfen konnte. 

Den Wurzeln, dem Kraut und den Blüten der Kamille, die auch Anthemis genannt wurde, schrieb Dioskurides (Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr.) im ersten europäischen Kräuterbuch eine Vielzahl von Heilwirkungen zu. Sie treibe Urin und Steine, helfe bei der Geburt, bei Blähungen und Leberleiden sowie bei Blasenentzündungen. Das "Leipziger Kräuterbuch", ungefähr um 1435 entstanden, lobt die Pflanze nahezu überschwänglich: ihre Kraft sei, dass "sie auflöst und weich macht und verfeinert und was sie auflöst, das wird auch fließend gemacht". 

Neben der Behandlung von entzündeten Geschwüren nennt Konrad von Megenburg (1309 bis 1374), Gelehrter und Verfasser eines "Buches der Natur", noch weitere Wirkungen: Sie soll auch die Glieder kräftigen, das Hirn stärken und aus dem Haupt die schlechten Säfte treiben. Der Wundarzt Hieronymus Brunschwig (um 1500) beschrieb im "Liber de arte distillandi" erstmals die Destillation des Kamillenöls.

Der deutsche Botaniker Hieronymus Bock (1489 bis 1554) modifizierte in seinem Werk "New Kreutterbuch" die bis dahin bekannten Anwendungen. Er empfahl Kamille als Trank oder auch als Umschlag für die Leber und Milz, gegen Epilepsie, Gebärmutter-, Leib-, Nieren- und Blasenschmerzen, Lungenleiden, Atembeschwerden, Steinleiden, als Stomachikum und als Einreibung gegen Kopfschmerzen und bei eiternden Wunden. Die Pharmakopöe Wirttembergensis von 1741 beschreibt die Wirkung der Blüten als Tonimum sowie Karminativum und in gewissem Sinne als Allheilmittel. 

Alle Kräuterbücher erwähnen übrigens drei Kamillen-Arten, die sich nur durch ihre Blütenfarbe unterscheiden: Eine blüht weiß, die zweite gelb und die dritte purpurfarben. Nach heutiger Kenntnis ist die Weißblühende die Echte Kamille, die gelbe die Färber-Hundskamille (Anthemis tinctoria) und die dritte Art bleibt unklar, vielleicht ist Anthemis rosea gemeint. 

Als erstes deutsches Arzneibuch erwähnt das DAB 2 im Jahre 1882 die Blüten der Echten Kamille (Matricaria recutita L. oder Chamomilla recutita (L.) Rauschert). 1921 wurde der erste Kamillenextrakt patentiert, und die ersten pharmakologischen Studien stammen bereits aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts. 

Es ist schon eigenartig, dass diese so beliebte Pflanze keinen eigenen deutschen Namen erhielt, denn "Kamille" leitet sich vom lateinischen Wort Chamaemelum ab, was soviel bedeutet wie Erdapfel. Im Englischen ist sie bekannt als chamomile beziehungsweise German chamomile, im Französischen als camomille, im Italienischen als camomilla ebenso wie im Spanischen, wo sie außerdem noch manzanilla heißt.  

Anspruchslos, aber sehr wirksam 

Die Kamille gehört zu den Korbblütengewächsen (Asteraceae) und ist mit den Anthemis-Arten (Hundskamille-Arten) verwandt. Die Pflanze ist einjährig und kann 20 bis 50 cm hoch werden. An den Stängeln sitzen zwei- bis dreifach gefiederte, grüne Blätter. Der spitz-kegelförmige Blütenstandsboden ist hohl. Das unterscheidet die Echte Kamille von der Hundskamille, deren Blütenboden gefüllt ist. Ihre goldgelben Röhrenblüten werden von weißen Zungenblüten umrahmt und erscheinen im Mai bis Juni. Die Blütenköpfe stehen endständig und lang gestielt.  

Die frischen und auch die getrockneten Kamillenblüten (Matricaria flos) enthalten die arzneilich wichtigen Inhaltsstoffe der Kamille. Die Droge riecht charakteristisch angenehm aromatisch und schmeckt schwach bitter. 

Die Kamille stellt keine großen Ansprüche an Boden und Klima und ist in fast ganz Europa heimisch. Auf Ödland und Schuttplätzen, an Wegrändern und Feldrainen ist sie zu finden. Sie bevorzugt leichte, tonhaltige Böden. Die wild wachsende Pflanze wird in Deutschland allmählich selten. Daher wird das Rohmaterial zur Gewinnung des ätherischen Öls (der jährliche Bedarf liegt bei über 5000 Tonnen) inzwischen aus Kulturen gewonnen. Die Hauptanbauländer sind neben Deutschland Spanien, Ungarn, Argentinien und Ägypten. 

Ätherisches Öl sehr wirkstoffreich 

Das ätherische Öl befindet sich hauptsächlich in den Blütenköpfen der Pflanze. Sein Gehalt schwankt zwischen 0,3 und 1,4 Prozent. Sein Hauptinhaltsstoff ist mit bis zu 50 Prozent das α-Bisabolol, ein ungesättigter monozyklischer und spasmolytisch wirkender Sesquiterpenalkohol. Außerdem enthalten sind Bisabololoxide, Matricin, En-in-Dicycloether, Flavonoide (Apigenin-, Luteolin- und Patuletin-7-glykoside), Phenolpropanderivate wie Hydroxycumarine und Schleimstoffe. Laut Europäischem Arzneibuch darf die Arzneidroge nicht weniger als 4 ml/kg, der Fluidextrakt nicht weniger als 0,3 Prozent ätherisches Öl enthalten. Chamazulen bildet sich erst bei der Wasserdampf-Destillation aus Matricin und verleiht dem Öl seine tiefblaue Farbe. Zunächst nannte der französische Chemiker Piesse im Jahre 1863 die blaue Substanz aus dem Kamillenöl Azulen (franz. azur = himmelblau). Die Struktur des Chamazulens wurde erst 1953 aufgeklärt. 

Das Wirkspektrum der Inhaltsstoffe des ätherischen Öls ist groß. Vor allem das Matricin, das α-Bisabolol und seine Oxide sowie die Flavonoide blockieren unter anderem die Freisetzung und die Bildung entzündungsvermittelnder Botenstoffe und heilen so Entzündungen. Apigenin, ein Flavonoid, sowie Bisabolol und En-in-Dicycloether lösen Verkrampfungen der Muskulatur, da sie, so wird vermutet, den Calciumeinstrom in die Muskelzellen hemmen. Bisabolol und der En-in-Dicycloether schützen die Schleimhaut des Magens vor dem Verdauungsenzym Pepsin und hemmen das Wachstum bestimmter Bakterien und Pilze. So erwies sich α-Bisabolol als hemmend auf grampositive Keime und auf Dermatophyten (zum Beispiel Candida albicans). 

Als Allheilmittel geschätzt 

Die Klostermedizin ordnete die Kamille als wärmend und trocknend ein. Stets wird auch ihre auflösende, "fließend machende" Kraft beschrieben. Zubereitungen aus Kamillenblüten wirken entzündungshemmend und wundheilend. Äußerlich werden sie deshalb angewendet bei Haut- und Schleimhautentzündungen, Zahnfleischentzündungen, zur Unterstützung bei Mundsoor und Vaginalpilz sowie bei bakteriellen Hauterkrankungen. Bei Erkrankungen der Atemwege, der Stirn- und Nebenhöhlen hilft die Inhalation des ätherischen Öls. Weiterhin findet die Kamille Verwendung als Sitzbad bei Entzündungen im Anal- und Genitalbereich (50 Gramm Droge auf 10 Liter Wasser) sowie bei Hämorrhoiden und Menstruationsbeschwerden. Kamillenzubereitungen helfen wegen ihrer keimhemmenden und hautberuhigenden Inhaltsstoffe bei oberflächlichen Hautverletzungen, bei offenen Wunden durch Wundliegen bei Bettlägerigen ebenso wie zur Reinigung von Wunden, da Kamille im Gegensatz zu herkömmlichen Desinfektionsmitteln zusätzlich die Wundheilung fördert.

Seit langem ist die innerliche Anwendung bei Magen- und Darmentzündungen bekannt, gerade wenn sie mit Blähungen und Krämpfen einhergehen (zum Beispiel als Rollkur), und bei krampfartigen Unterleibsbeschwerden der Frau. Die Kommission E beschreibt die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Kamillenblüten in einer Positivmonographie aus dem Jahre 1990 und nennt ihre antiphlogistischen, muskelotropen, spasmolytischen, wundheilungsfördernden, desodorierenden, antibakteriellen und bakterientoxinhemmenden Wirkungen. Dieses Spektrum an Indikationen ist erfahrungsmedizinisch belegt.  

Aktuell für Deutschland und Europa maßgeblich sind die Monographien des Europäischen Arzneibuches aus dem Jahre 1997 zu Kamillenblüten (Matricaria flos) und Kamillenfluidextrakt (Matricaria extractum fluidum) sowie die Monographie zu Kamillenöl (Matricaria aetheroleum) aus dem Jahre 2004. Band 6 der European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) aus dem Jahre 1999 enthält ebenfalls eine entsprechende Monographie, ebenso wie Band 1 der WHO-Monographien aus dem gleichen Jahr. Für wenige Arzneipflanzen liegen so viele pharmakologische und klinische Studien vor; allerdings entsprechen die meisten nicht den GCP-Standards von 1994 und den Richtlinien der EU.

Extrakt kontra Teeaufguss 

Volksmedizinisch bewährt und sehr beliebt ist der Teeaufguss, der aufgrund der Flavonoide hauptsächlich spasmolytisch wirkt. 1 bis 2 Teelöffel Droge in einer Tasse werden mit heißem Wasser überbrüht und 10 Minuten ziehen gelassen. Davon täglich drei Tassen trinken. Alternativ können 1 bis 4 ml einer Tinktur in der gleichen Menge Wasser verdünnt und dreimal täglich eingenommen werden. Bei einem Aufguss bleiben allerdings circa 70 Prozent des ätherischen Öles im Drogenrückstand zurück. Empfehlenswert sind daher standardisierte Auszüge, deren Qualität entscheidend vom Extraktionsverfahren abhängt. Den ersten Kamillenextrakt stellte die Firma Chemiewerke Homburg im Jahre 1921 her. Cremes und halbfeste Produkte sollen 3 bis 10 Prozent Drogenextrakt enthalten. Für die Anwendung von Kamillenzubereitungen sind weder Beschränkungen zur Dauer, bei Schwangerschaft und Stillzeit oder im Straßenverkehr gegeben, noch sind Neben- und Wechselwirkungen bekannt.  

Keine Angst vor Allergien 

Relativ lange schon hält sich das Vorurteil über das allergene Potential der Kamille. Allergische Reaktionen beruhen meistens auf Verfälschung der Echten Kamille mit Antheris cotula, in denen das Anthecotulid als Kontaktallergen vorkommt. Menschen mit Pollenallergien sollten allerdings keine Kamillenzubereitungen inhalieren, da eine Reaktion auf die Kamillenpollen nicht auszuschließen ist.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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