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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Wacholder

Foto: Mies

Beeren für die Blase

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Die Geschichte des Wacholders als Heilmittel reicht weit zurück: Bereits auf dem altägyptischen Papyrus Ebers etwa 1550 v. Chr. wird er als hilfreich gegen Verdauungsbeschwerden, Harnleiden und Wassersucht beschrieben. Der Gemeine Wacholder ist ein immergrüner Strauch oder kleiner Baum. Seine Früchte werden noch heute sehr geschätzt, als pflanzliches Arzneimittel zur Entwässerung und Unterstützung der Verdauung sowie als Küchengewürz. 

Bei Ausgrabungen mitteleuropäischer Siedlungen aus der Jungsteinzeit fanden Archäologen Reste von Wacholderbeeren. Dies bestätigt, wie lange die Menschen die Heilkraft der Pflanze kennen. Hippokrates empfahl Wacholder zur äußerlichen Anwendung bei Wunden und Fisteln und innerlich gegen Wasseransammlungen. Im Mittelalter waren die Beeren gegen eine Reihe von Krankheiten beliebt, unter anderem bei Nieren- und Blasenleiden, Lungenerkankungen und Husten. Wacholder wurde sogar als Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen und gegen die Pest eingesetzt, wie im Kräuterbuch des Apothekers Tabernaemontanus (1520 bis 1590) nachzulesen ist: »Die Wacholderbeeren in Wein gesotten / und darvon getruncken / ist gut den jungen Kindern / so einen starcken schwären athem haben… Den Safft aus den Blättern mit Wein getruncken / ist gut wider die Schlangenbiß… Zur Zeit der Pestilenz soll man die Beere in dem Mund kauen / so widerstehen sie dem giftigen Luft.«

Pfarrer Kneipp empfahl die Beeren gegen Nieren- und Gallensteine sowie bei rheumatischen Beschwerden. Seit jeher hat der Wacholder die Phantasie der Menschen angeregt: So befestigten sie beispielsweise Wacholderzweige über den Stalltüren, um Hexen und Druiden fernzuhalten. Auf Rügen legten sie beim Hausbau einen Wacholderzweig mit ins Fundament, um sich vor dem Teufel zu schützen. In Norddeutschland streuen die Bewohner alter Fachwerkhäuser zur Abwehr von Mäusen noch heute Wacholdernadeln unter die Erdgeschossdielen.

Mehr als 150 Namen

Der Name Juniperus leitet sich ab vom lateinischen juvenis (= Jüngling/Mädchen) und parere (= gebären) und ist auf die abtreibende Wirkung der Beeren zurückzuführen. Der deutsche Name Wacholder ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Er besteht aus dem althochdeutschen »wachal«, was lebensfrisch, munter oder immergrün bedeutet, und aus der Silbe »der«, die einen Baum oder Strauch bezeichnete. Die große Zahl der mundartlichen Namen, insgesamt gibt es über 150, zeigt die Wertschätzung der Pflanze in der Bevölkerung. In manchen Gegenden heißt der Wacholder auch Räucherstrauch oder Weihrauchbaum, weil seine Zweige und Beeren beim Räuchern aromatisch würzig riechen.

In Pommern ist er unter dem Namen Knistebusch bekannt, da seine Zweige im Feuer so herrlich knistern und knacken. Außerdem sind etliche Namen vom Dialekt geprägt wie Machandel, Queckholder oder Kranewitt.

Der Gemeine Wacholder, mit der botanischen Bezeichnung Juniperus communis L., wächst auf der gesamten Nordhalbkugel. In Europa reicht sein Verbreitungsgebiet von der Küste des nördlichen Eismeeres bis in den südlichen Mittelmeerraum, sogar im Küstensaum von Südgrönland ist der Strauch anzutreffen.

An seinen Standort stellt der Wacholder nur geringe Ansprüche. Er gedeiht sowohl auf lehmigen wie auf trockenen sandigen Böden und selbst im feuchten Hochmoor, in der Ebene und im Gebirge, sein Höhenrekord in den Alpen liegt bei 3570 Metern. So hoch »steigt« kein anderes europäisches Gehölz.

Eine bedrohte Pflanzenart

Für ein gutes Wachstum braucht er jedoch offene Landschaften wie Sand-, Fels- und Trockenfluren oder Heiden. Richtig wohl fühlt er sich nur in sonniger exponierter Lage, wo er seinen hohen Lichtbedarf decken kann. Bis ins 16. Jahrhundert war der Wacholder in Mitteleuropa sehr weit verbreitet. Großflächige Abholzung und intensive Nutzung des Bodens als Schafweiden führten zu den lichten Landschaften, wie sie der Wacholder liebt.

Einige Regionen sind auch heute noch von Wacholderheiden geprägt, die bekannteste ist die Lüneburger Heide. Sein Vorkommen galt lange Zeit als gesichert. Intensive Aufforstung und vor allem der Rückgang der Schafwirtschaft hat ihm geschadet. Daher gelten die Wacholderbestände als bedroht, und seit 1936 wurde der Gemeine Wacholder unter Naturschutz gestellt. Erlaubt ist lediglich das Sammeln der Beeren.

Der Wacholder gehört zur Familie der Zypressengewächse (Cupressaceae). Je nach Standort und klimatischen Bedingungen wächst er strauchartig auseinanderfallend oder säulenartig, vergleichbar den Zypressen, zu einem Baum mit einer Höhe von bis zu 15 Metern heran. Wegen der zypressenartigen Wuchsform wird er auch »Zypresse des Nordens« genannt. Im Gegensatz zu vielen anderen Wacholderarten sind die Blätter von Juniperus communis nicht schuppen-, sondern ausschließlich nadelförmig und stehen zu dritt im Quirl. Diese stechenden Nadeln besitzen auf der Oberseite einen blauweißen Wachsstreifen aus Spaltöffnungen. Statt Knospen schützen einige unterentwickelte Nadeln die Triebspitzen. Juniperus communis ist eine außergewöhnliche Pflanze: Selbst an warmen Wintertagen wächst sie, wenn auch nur sehr langsam, maximal zehn Zentimeter im Jahr. Einige Exemplare werden bis zu 600, selten sogar 2000 Jahre alt.

Beeren reifen drei Jahre

Der immergrüne Wacholder ist zweihäusig (diözisch). Je nach Lage und Witterung erscheinen zwischen April und Juni die unscheinbaren männlichen und weiblichen Blüten auf getrennten Pflanzen. Erst drei Monate nach der Bestäubung wachsen die drei obersten Schuppenblätter der weiblichen Blüte zu einem kugelförmigen Beerenzapfen zusammen.

Für die weitere Reifung lässt der Wacholder sich viel Zeit. Die Beerenzapfen sind im ersten Herbst noch grün und hart. Im Sommer des zweiten, manchmal erst des dritten Jahres reifen sie zu den reifen, blauschwarzen Beeren mit dem typischen Wachsüberzug heran. So treten an derselben Pflanze noch unreife grüne und die reifen blauen Beeren auf. Botanisch sind Wacholderbeeren gar keine Beeren, sondern fleischig verwachsene Zapfen. Sie enthalten meist drei sehr harte kantige Samen, die von Vögeln und Ameisen verbreitet werden. Besonders beliebt sind die Beeren bei Drosseln, Amseln und Krähen.

Zwei Monographien offizinell

Die Ernte der reifen Beeren erfolgt von Ende August bis Mitte September. Sie werden bei Raumtemperatur getrocknet und durch Siebe von Blatt- und Stängelrückständen getrennt. Die Handelsware mit der Bezeichnung »italienische Droge« besteht aus besonders großen, gleichmäßig dunkelblauen, ausgelesenen Beeren, die nicht unbedingt aus Italien stammen.

Wacholderbeeren riechen würzig-aromatisch und schmecken anfangs süß, dann pfeffrig bis bitter. Je nach Herkunft und Reifegrad der Beeren enthält die Droge 0,8 bis 2 Prozent ätherisches Öl. Seine Hauptbestandteile sind die Monoterpene a- und b-Pinen, Sabinen, Myrcen und Terpinen-4-ol, etwa 30 Prozent Invertzucker, Gerbstoffe, Spuren an Flavonoiden sowie harz- und wachsartige Verbindungen.

Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 5. Ausgabe, Grundwerk 2005 ) führt zwei Wacholder-Monographien: »Wacholderbeeren – Juniperi pseudo-fructus« und »Wacholderöl – Juniperi aetheroleum«. Wacholderbeeren sind die getrockneten, reifen Beerenzapfen von Juniperus communis L.. Die Droge muss mindestens 1 Prozent ätherisches Öl enthalten, berechnet auf die wasserfreie Droge. Sie stammt aus Wildvorkommen und wird überwiegend aus Kroatien, Italien und Albanien importiert. Wacholderöl wird durch Wasserdampfdestillation aus den reifen, unvergorenen Beerenzapfen von Juniperus communis L. gewonnen. Das DAB 6 beschrieb noch drei weitere Wacholder-Monograhien: Wacholdermus, Wacholderspiritus und Wacholderteer. Diese Zubereitungen sind heute obsolet. Auch das Wacholderholz im Ergänzungsband zum DAB 6 wird nicht mehr medizinisch genutzt.

Wacholderbeeren wirken appetitanregend und verdauungsfördernd, indem sie die Darmperistaltik unterstützen und Spasmen des Darms lösen. Wacholderbeeröl soll in sehr hohen Dosen auch den Gallefluss steigern. Wacholderbeeren fördern die Wasserdiurese (Aquarese), die Ausscheidung von Salzen sollen sie nicht erhöhen. Die Aquarese wird hauptsächlich dem Terpinen-4-ol zugeschrieben, das im Gegensatz zu anderen Terpenen nicht die Nieren schädigt. Als Diuretikum sollten deshalb nur Drogen und Öle mit einem hohen Gehalt an Terpinen-4-ol und einem geringen Pinengehalt verwendet werden. Die diuretische Wirkung wurde in Tierversuchen nachgewiesen.

Seit 1997 als Diuretikum empfohlen

Der Einsatz von Wacholderbeeren als Diuretikum wurde vorerst von Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Ein Argument: Toxische Nierenreizungen könnten nicht sicher ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund hat sich die Kommission E 1984 entschlossen, Wacholderbeeren nur bei dyspeptischen Beschwerden und nicht als Diuretikum zu empfehlen.

Untersuchungen aus den 1990er Jahren konnten eine Nierentoxizität allerdings nicht bestätigen. Neben der Anwendung als Dyspeptikum empfahl die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) 1997 Wacholderbeeren zusätzlich zur Erhöhung der renalen Wasserausscheidung.

Als Tagesdosis werden zwei bis zehn Gramm getrocknete Beeren oder 20 bis 100 Milligramm ätherisches Öl empfohlen. Wechselwirkungen sind nicht bekannt. Wegen der nicht endgültig geklärten Nierenreizung dürfen Schwangere und Menschen mit entzündlichen Nierenerkrankungen keine Wacholderbeeren einnehmen. Um Nierenschäden zu vermeiden, sollten sie auch nicht länger als sechs Wochen angewendet werden.

Wacholderbeeren sind Bestandteil einiger fertiger Teemischungen, so beispielsweise von Urologika, Stomachika oder Karminativa. Die wenigen Monopräparate wie die apothekenpflichtigen Roleca®-Wacholder extra stark 100 mg Kapseln und die nicht apothekenpflichtigen Wacholderbeer-Öl-Kapseln enthalten Wacholderöl und dienen der Entwässerung. Die Mehrzahl der Fertigarzneimittel sind homöopathische Kombinationspräparate, die als Harnwegstherapeutikum, als Digestivum oder bei Gicht und Rheuma Anwendung finden.

Öl in Bädern und Einreibungen

Der Zusatz von Wacholderbeeröl zu Externa ist nicht ganz unproblematisch. Die hyperämisierenden Eigenschaften fördern zwar die Durchblutung, können aber auch die Haut reizen und sogar allergische Reaktionen auslösen. Daher empfiehlt die Kommission E flüssige und feste Darreichungsformen ausschließlich zur oralen Anwendung.

Auch in der Volksmedizin spielt der Wacholder eine wichtige Rolle. Sein Anwendungsspektrum reicht von Husten, Appetitlosigkeit, Durchfällen, Leber- und Galleleiden bis hin zu entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege, Gicht und Arteriosklerose.

Auch in der Küche beliebt

Die Wacholderbeeren sind nicht nur ein traditionelles Heilmittel, sie geben auch vielen Gerichten den besonderen Pfiff. Als Gewürz sind sie unentbehrlich in der Wildküche, Fleischmarinaden und Fischsud verleihen sie ein besonderes Aroma. Wintergemüse wie Sauerkraut und Rotkohl sind mit Wacholderbeeren gewürzt einfach besser verträglich. Noch ein Tipp: Die Beeren vor der Zugabe zerdrücken, dann wird das ätherische Öl rascher freigesetzt.

Wacholderbeeren spielen auch eine große Rolle bei der Herstellung von Spirituosen. Ihr hoher Zuckergehalt ermöglicht das Vergären der Beeren mit anschließender Destillation. Je nach Hersteller, Land und Region heißen die Wacholderschnäpse Gin, Genever, Borowiezka, Machandel, Doornkaat oder Steinhäger.

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