Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Chinarinde

Foto: Mies

Das bittere Pulver der Jesuiten

von Ursula Sellerberg, Berlin

Chinarinde stammt - anders als der Name vermuten lässt - nicht aus China, sondern aus dem nördlichen Südamerika und heißt daher auch Perurinde. Das altperuanische Wort Kina für Rinde führte zu der irreführenden Bezeichnung. 

Die Chinarinde stammt vom Chinabaum, Cinchona pubescens, auch Cinchona succirubra genannt. Der Baum gehört zur Familie der Rötegewächse oder Rubiaceaen. Früher wurden die verschiedenen Arten der Chinarinde in die rote "Apothekerrinde" und die gelbe "Fabrikrinde" eingeteilt. Die Stammpflanze der gelben Rinde ist Cinchona calisaya oder Cinchona ledgeriane. Sie enthält weniger wirksame Alkaloide als die rote. Im Juli 2002 wurden auch die Fabrikrinden offizinell in das Europäische Arzneibuch aufgenommen. 

Die europäischen Eroberer Südamerikas entdeckten den auffallend bitteren Geschmack der Rinde. Diese Beobachtung dürfte die Verwendung gegen Fieber und die Fieberanfälle bei Malaria angestoßen haben, denn seit der Antike stellten die Europäer einen Zusammenhang zwischen bitterem Geschmack und Fieber senkender Wirkung her. Es ist unwahrscheinlich, dass bereits die südamerikanischen Ureinwohner die Chinarinde gegen Malaria einsetzten, da diese Krankheit vermutlich erst von den Europäern nach Südamerika eingeschleppt wurde. 

Die deutsche Bezeichnung Chinarinde stammt von dem altperuanischen Wort Kina = Rinde. Mit Kina-Kina war ursprünglich die Rinde des Baums Myroxylum balsamum gemeint, der den begehrten Perubalsam lieferte. Kina-Kina bedeutet "besonders geschätzte Rinde". Seit dem 17. Jahrhundert verwendeten die Europäer den Perubalsam. Die geschätzte Perubalsam-Rinde wurde in betrügerischer Absicht mit Chinarinde vermischt, da die reine Droge sehr teuer war. Der Verschnitt wirkte dadurch Fieber senkend und war bald mehr wert als die reine Myroxylonrinde. Auf diese Weise erhielt die Chinarinde ihren Namen. In Europa wurde sie vor allem durch die Jesuiten als "Jesuitenpulver" verbreitet. 1687 taucht die Droge erstmals in einer deutschen Arzneitaxe auf. Bis zur Erforschung der Malaria und der Entdeckung des Erregers im Jahr 1880 galt sie als Mittel der Wahl gegen verschiedene Formen von Fieber. 

Anbau in Tropengebieten

Heute wird Chinarinde in allen tropischen Regionen der Erde angebaut. Die Hauptanbaugebiete sind Indonesien, Malaysia und Zaire. Der Chinabaum wird bis zu 30 Meter hoch und ist immergrün. Er hat einen schlanken Stamm und eine dichtbelaubte, rundliche Krone. Die Blätter sind stumpfkantig, eiförmig und dünn, etwa 20 Zentimeter lang und 12 Zentimeter breit. Die Zweige sind dicht behaart, die rötlichen Blüten stehen dicht gedrängt in Rispen und die Rinde ist mit einer rotbraunen, stark rissigen Borke bedeckt. Um die Rinde für pharmazeutische Zwecke zu gewinnen, wird sie zunächst ringförmig und senkrecht eingeschnitten. Die so abgeteilten Rindenstücke können vom Stamm gelöst werden. Anschließend werden sie in der Sonne und danach bei 80 Grad Celsius in Anlagen getrocknet. 

Die wirksamen Bestandteile der Chinarinde sind die China-Alkaloide. Ihr Gehalt beträgt mindestens 6,5 Prozent. Neben den beiden Hauptalkaloiden Chinin und Chinidin enthält die Rinde etwa 30 weitere Alkaloide, außerdem Gerbstoffe, Bitterstoffe und Spuren von ätherischem Öl. Ihr bitterer Geschmack beruht auf den Alkaloiden und den Triterpen-Bitterstoffglykosiden. 

Gegen Malaria und Wadenkrämpfe 

Die Chinarinde wurde berühmt, weil aus der Droge der erste Wirkstoff gegen Malaria, das Chinin, gewonnen werden konnte. Heute wird Chinin synthetisch hergestellt. Chinin beeinflusst die Vermehrung des Erregers der Malaria, Plasmodium falciparum. Zur Malariatherapie werden eine Woche lang vier bis fünf Tabletten eingenommen, das entspricht 1 bis 1,25 Gramm Chinin. Chinin wird heute auch gegen nächtliche Wadenkrämpfe eingesetzt, zum Beispiel in Limptar®N. Es setzt die Erregbarkeit der Muskulatur direkt herab. Um Muskelkrämpfen vorzubeugen, müssen die Betroffenen zwei bis drei Wochen lang abends eine Tablette nach dem Abendessen einnehmen, in schwereren Fälle kann eine zweite vor dem Schlafengehen nötig werden. Weitere Behandlungsmöglichkeiten bei Wadenkrämpfen sind Magnesium-haltige Präparate und Dehnübungen. Das mit dem Chinin verwandte Alkaloid Chinidin wird als Antiarrhythmikum verwendet. Es hemmt die Reizweiterleitung am Herzen, seine Erregbarkeit und das Zusammenziehen des Herzmuskels. 

Geschmacksstoff in Getränken 

Das bittere Chinin wird auch manchen Erfrischungsgetränken als Geschmacksstoff zugesetzt. Tonicwater und Bitterlemon enthalten Chinin in Konzentrationen von 40 bis 80 Milligramm pro Liter. Zum Vergleich: Eine Tablette gegen Malaria enthält 250 Milligramm Chinin. Ab drei Gramm kann ein so genannter Chinin-Rausch auftreten. Zuerst kommt es zu Übelkeit und Erbrechen, anschließend stellt sich ein Erregungszustand mit Ohrensausen, Schwindelgefühlen und Ohrgeräuschen ein. Tonic-Liebhaber müssen allerdings keine Vergiftungen befürchten. Die tödliche Dosis bei Erwachsenen liegt bei 8 bis 15 Gramm Chinin. 

Als Bittermittel regt Chinarinde den Appetit an und fördert die Magensäuresekretion. Chinarinde gehört zur Gruppe der zusammenziehenden Bitterstoffdrogen. Sie wirkt daher gegen Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden wie Blähungen oder Völlegefühl. Dauern die Beschwerden länger als eine Woche oder kehren sie periodisch wieder, sollte ein Arzt die Ursache klären.


Die vier Arten der Amarae

Die Bitterstoffdrogen (Amara) werden in vier Gruppen eingeteilt.

  • Einfache Bittermittel (Amara pura) haben keinen Begleitgeschmack; Beispiele sind Enzianwurzel oder Tausendgüldenkraut.
  • Aromatische Bittermittel (Amara aromatica) enthalten zusätzlich ätherische Öle; Beispiele sind Angelikawurzel, Pomeranzenschale und Wermutkraut.
  • Zusammenziehende Bittermittel (Amara adstringentia) besitzen zusätzlich Gerbstoffe. Neben der Chinarinde gehört auch die Kondurangorinde in diese Gruppe.
  • Scharfe Bittermittel (Amara acria) enthalten zusätzlich Scharfstoffe. Hierzu gehören Paprikafrüchte, Cayennepfeffer und Ingwerwurzel.

Die Chinarinde wird häufig mit anderen Bitterstoffdrogen wie Enzianwurzeln, Pomeranzenschalen oder Wermutkraut kombiniert.


Ein Tee aus Chinarinde wird wie folgt bereitet: Einen halben Teelöffel der fein geschnittenen Droge mit kochendem Wasser übergießen und zehn Minuten ziehen lassen. Diesen Tee muss man eine halbe Stunde vor dem Essen trinken, wenn er den Appetit anregen soll. Bei Verdauungsbeschwerden wirkt er hingegen besser nach der Mahlzeit. 

Nur Kombinationen im Handel  

Der Extrakt der Droge ist in einigen Fertigarzneimitteln enthalten, Einzelpräparate sind nicht im Handel. Daher bestimmt die gesamte Zusammensetzung des Produkts die Anwendungsgebiete. Kombinationsarzneimittel mit Chinarinde werden zur Behandlung von Magen-Darm-Beschwerden und Gallenwegserkrankungen angewendet. Volksmedizinisch wird die Chinarinde auch gegen grippale Infekte eingesetzt. 

Chinarinde kann die Blutungsneigung erhöhen, indem sie die Anzahl der Blutplättchen vermindert. In der Standardzulassung wird daher als Wechselwirkungen erwähnt, dass Chinarinde die Wirkung von blutgerinnungshemmenden Medikamenten verstärken kann. Bei Auftreten dieser Nebenwirkungen sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden. Eine Schwangerschaft sowie Magen- und Darmgeschwüre gelten als Kontraindikationen.  

Vor oder nach dem Essen

Der Bitterwert des Extrakts ist sehr groß: Ein Glas Wasser schmeckt bereits dann bitter, wenn es 20 Tropfen enthält. Die verwendeten Extrakte werden unter anderem durch ihren Bitterwert charakterisiert. Der bittere Geschmack aktiviert den Vagusnerv, dadurch wird mehr Magensaft produziert und die Verdauung angeregt. Die verdauungsfördernde Wirkung bitterer Pflanzenauszüge wissen auch die Liebhaber von Kräuterlikören oder -schnäpsen zu schätzen. Nach einem fettigen oder schwer verdaulichen Essen trinken sie gerne ein Gläschen "Kräuterbitter".



Beispiele für Fertigarzneimittel mit Chinarinde und Chinin (nach Roter Liste 2003)

Fertigarzneimittel mit Chinarinde   
Magen-Darm-Mittel   Majocarmin mite 
  Amara-Tropfen-Pascoe® 

Homöopathische Kombinationspräparate
mit Potenzen von Chinarinde
 
 
Antihypertonika und Herzmittel   Conva-cyl Kreislauf-Complex 
  Ho_Len Complex® 
  Coradol® 
  Municor® 
Analgetika/Antirheumatika   Infi-Symphytum Tropfen 
  Restructa® forte ST 
  Rheuma-Pasc® Liquidum 
  Nettinerv® S 
Antitussiva   Monapax® 
  Pertudoron® 1/-2 
Grippemittel und Mittel gegen Erkältungen   Arnika Oligoplex 
  Infigripp® 
  ebro-cyl Entzündungs-Infekt-Complex Ho-Len-Complex® 
  Mato Erkältungstropfen 
  toxi-loges® 
Immunstimulantien   Apo-INFEKT® spagyrische Tropfen 
  Hanotoxin N 
Magen-Darm-Mittel   Ventrigutt® N 
  Nux vomica Oligoplex 
Allopathische Chinin-Präparate   Chininum hydrochloricum 0,25 g 
  Limptar® N 

Homöopathische Kombinationen mit Chinin   
  Agnus castus injekt-Hevert® 
  Gelsemium Oligoplex 
  Hewethyreon 
  Lycoaktin® 
  Mandelo-katt® 
  Oto-cyl Ohr-Complex Ho-Len-Complex® 
  Schwörocor® A 


Chinarinde und Homöopathie

Der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, entdeckte durch die Chinarinde das Ähnlichkeitsprinzip. Er erlitt heftige Fieberanfälle, nachdem er als Gesunder Chinarinde eingenommen hatte. Mit Chinarinde heilte man damals aber auch Fieberkranke. Daraus folgerte Hahnemann, dass Homöopathika gegen die Symptome wirken, die sie in nicht homöopathischen Konzentrationen bei Gesunden verursachen. Homöopathische Potenzen der Chinarinde heißen China. Sie werden beispielsweise bei Schwächezuständen, gegen periodische Kopfschmerzen, Herzjagen oder Magenbeschwerden eingesetzt. Aktuell enthalten wesentlich mehr homöopathische als allopathische Arzneimittel Extrakte aus der Chinarinde. 

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13A
10405 Berlin



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=43