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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Traubensilberkerze

Foto: Sertürner

Silberkerze erhellt die Wechseljahre

von Ulrich Meyer, Berlin 

Nicht zum ersten Mal wurde in den vergangenen Monaten die Estrogen-Gestagen-Behandlung klimakterischer Beschwerden kontrovers diskutiert. Selbst in der Tagespresse waren Beiträge zu finden, die über ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko durch Einnahme von Hormonen berichteten. Verunsicherte, bisweilen verängstigte Patientinnen fragen in der Apotheke nach Alternativen. In der Offizin kann der wissenschaftliche Streit sicher nicht entschieden werden, doch kompetente und seriöse Information über die phytotherapeutische Behandlung klimakterischer Beschwerden darf die Kundin zurecht erwarten.  

Das Spektrum der zur Verfügung stehenden Pflanzen ist im Vergleich zu anderen Indikationsgebieten relativ klein: Extrakte aus den Wurzeln des Rhapontik-Rhabarbers (Rheum rhaponticum) enthalten estrogen wirksame Stilben-Derivate, unterliegen aber der Verschreibungspflicht und kommen somit ohne Rezept für eine Empfehlung nicht in Frage. Soja-Zubereitungen, die reich an ebenfalls estrogenartigen Isoflavonen sind, firmieren im "grauen Markt" der Nahrungsergänzungsmittel und werden überwiegend durch Reformhäuser vertrieben. Für die beratungsgestützte Selbstmedikation empfiehlt sich Cimicifuga racemosa, die Traubensilberkerze.  

Schon die Indianer verwendeten die Wurzel

Die Staude bildet einen dekorativen Blütenstand aus und wird bis zu zwei Meter hoch. Sie gehört zur Familie der Hahnenfußgewächse und stammt aus dem östlichen Nordamerika. Etliche Indianerstämme nutzten den Wurzelstock als Heilpflanze, doch lässt die Überlieferung keine Indikation eindeutig hervortreten. Die Wirkung von Cimicifuga bei klimakterischen Beschwerden mag auch deshalb übersehen worden sein, weil die Lebenserwartung der Indianer-Frauen nicht allzu hoch gewesen sein dürfte. Hier zeigt sich eine interessante Parallele zu der von den nordamerikanischen Indianern ebenfalls "verkannten" Sabal-Palme, die bei der Prostata-Vergrößerung des Mannes, einem typischen Altersleiden, eingesetzt wird.  

Erst beliebt und dann vergessen

Cimicifuga fand bald Eingang in den Arzneischatz der nordamerikanischen Siedler, und 1849 empfahl die sehr einflussreiche American Medical Association erstmals den Einsatz bei gynäkologischen Erkrankungen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm das Interesse an Cimicifuga jedoch wieder ab, 1936 wurde die Monographie aus dem amerikanischen Arzneibuch gestrichen, und schließlich fristete die Traubensilberkerze nur noch in der Homöopathie Amerikas und Europas ein bescheidenes Dasein. Eine erste Renaissance der Cimicifuga leitete 1944 in Deutschland eine Untersuchung des Wissenschaftlers Gizyckis ein, der estrogene Effekte der Droge im Tierexperiment nachweisen konnte. In den fünfziger und sechziger Jahren wurden Cimicifuga-Zubereitungen dann vielfach bei klimakterischen Beschwerden wie Hitzewallungen, Schweißausbrüchen, Stimmungsschwankungen und Schlaflosigkeit eingesetzt, auch wenn diese infolge einer operativen Entfernung der Gebärmutter auftreten.  

Nach der Einführung der Pille und dem Siegeszug der synthetisch hergestellten Estrogene erlahmte das Interesse an Cimicifuga in den siebziger Jahren völlig. Weder klinische, noch Labor-Untersuchungen erbrachten neue Aspekte. Durch die steigende Nachfrage nach Phytopharmaka setzte dann seit Anfang der achtziger Jahre eine intensive Erforschung der Droge ein. Die Wirksamkeit im Klimakterium konnte in kontrollierten Studien nachgewiesen werden: Durchschnittlich 80 Prozent der Frauen erfuhren eine ausreichende Besserung ihrer Beschwerden unter einer Cimicifuga-Therapie und benötigten keine weitere Medikation.  

Einfluss auf Knochen und Herz untersucht 

Als wesentliche Inhaltsstoffe gelten heute Triterpen-Glykoside, wobei sich die Gelehrten über deren Wirkungsmechanismus noch streiten: Gingen sie früher von einer rein estrogenen Wirkung aus, so wird nunmehr - ähnlich dem zur Osteoporose-Therapie eingesetzten Raloxifen - eine selektive Estrogen-Rezeptor-Modulation (SERM) postuliert: Eine ideale SERM würde positive Effekte am Skelett, ZNS und dem kardiovaskulären System entfalten; das heißt, die Wirkstoffe aus Cimicifuga würden der Osteoporose und dem Herzinfarkt vorbeugen und könnten eine depressive Verstimmung beheben. Gleichzeitig würde die selektive Veränderung der Estrogen-Rezeptoren auf Grund einer estrogen-antagonistischen Wirkkomponente Zellwucherungen (Hyperplasien) beziehungsweise Karzinome an Gebärmutter-Schleimhaut und Mamma unterbinden. Inwieweit sich das SERM-Konzept für Cimicifuga als tragfähig erweist, wird die Zukunft zeigen. Erste tierexperimentelle Befunde deuten auf eine positive Beeinflussung des Knochen-Stoffwechsels hin. 

Leiden die Frauen besonders ausgeprägt unter Depressionen, kann Cimicifuga auch zusammen mit Hypericum gegeben werden. Aus Compliance-Gründen bietet sich eine fixe Kombination an - ein doppelter Lichtblick für Körper und Seele. 

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin 



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