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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Zimt

Foto: Truw

Vom Gewürz zur Arzneipflanze

von Mathias Schmidt, Harsewinkel 

Zimt ist ein Lorbeergewächs aus Südostasien. Die heute verwendeten Zimtarten werden in China, Sri Lanka, Indien, aber auch auf Madagaskar angebaut. Zimt hat eine lange und bewegte Geschichte als Gewürz und Arzneipflanze. 

Alle bekannten Hochkulturen schätzten Zimt (Cinnamomum spec.) gleichermaßen, so unter anderem im alten China, dem ägyptischen Pharaonenreich, dem alten Israel, in Mesopotamien, im antiken Griechenland und in Rom. Aus pharmazeutischer Sicht ist die in der Bibel (Salomo 7, Vers 16 bis 18) erwähnte Verwendung als Aphrodisiakum interessant. Salomo erzählt dabei die Geschichte einer Ehebrecherin, die ihr "Opfer" auf offener Straße mit den Worten umgarnt: "Ich wollte Dich schon immer kennen lernen. Da bist Du nun! Ich habe mein Bett mit weichen, bunten Tüchern aus Ägypten bezogen, mit Essenzen von Myrrhe, Aloe und Zimt habe ich es besprengt. Komm mit! Wir lieben uns die ganze Nacht bis morgen früh, wir wollen einander genießen! Der Mann ist nicht zu Hause, er macht gerade eine lange Reise." 

In China, einem der wichtigsten Herkunftsländer von Zimt, datiert die Verwendung mindestens in die Bronzezeit (2000 bis 500 Jahre v. Chr.) zurück. Die Chinesen brachten Zimt mit Langlebigkeit in Verbindung. Schon früh war Zimt als Exportgut sehr begehrt. Die Ägypter benötigten ihn zum Beispiel als Bestandteil der Zubereitungen für die Mumifizierung. Weil Zimt zu den wertvollen Importartikeln gehörte, verschleierten die Händler bewusst seine Herkunft. Tatsächlich wurde Zimt in der Antike vermutlich mit Schiffen über Madagaskar nach Afrika und dann auf dem Landweg in den Norden Afrikas transportiert. Den arabischen Zwischenhändlern gelang es, bei den griechischen Endabnehmern den Eindruck zu erwecken, Zimt sei in Arabien heimisch. Die Griechen der Antike versetzten ihre Räuchermischungen in den Tempeln mit Zimt - vermutlich auch deshalb, um den Gestank brennender Fleischopfer zu überdecken. Auch sie setzten Zimt als Liebesdroge und für Zubereitungen in der Wundbehandlung ein. 

Ein königliches Geschenk 

Besonders seit der Eroberung Ägyptens durch die Araber im Jahr 651 wurden die Zimtlieferungen aus Nordafrika immer spärlicher. So gelangte Zimt erst im Mittelalter mit den Kreuzzügen nach Nordeuropa. Es wird berichtet, dass König Richard I von England im Jahr 1194 seinem schottischen Kollegen anlässlich eines Besuchs jeden Tag 2 kg Zimtrinde schenkte. Ein wahrhaft königliches Geschenk angesichts des Zimtpreises zu jener Zeit. Damals stand die pharmazeutische Verwendung im Vordergrund: Zimt galt als probates Mittel bei der Behandlung von Erkältungen und Fieber, Verdauungsbeschwerden und Menstruationsstörungen. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts überstieg die Zimtnachfrage das Angebot. Daher fanden sich höchst phantasievolle Verfälschungen auf dem Markt. 

Nach der Eroberung Ceylons, heute Sri Lanka, forderten die Portugiesen von der dortigen Bevölkerung einen Tribut von 125 Tonnen Zimt pro Jahr, schon damals eine unerhört hohe Menge. Noch stammte Zimt aus Wildsammlungen. Das änderte sich auch nach 1632 nicht, als die Holländer die Portugiesen von Sri Lanka vertrieben. Der Hauptgrund für die Übernahme der Insel dürfte das lukrative Zimtgeschäft gewesen sein: Zimt war zehnmal so teuer wie schwarzer Pfeffer. Als eine der ersten Maßnahmen erhöhte die neue Regierung die Exportraten, und bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verkauften die Holländer jährlich 200 Tonnen Zimt, was den Einzug des Gewürzes in die spätmittelalterliche Küche ermöglichte. Das verbesserte Angebot führte dazu, dass fast alle Speisen mit Zimt gewürzt wurden, sogar Fleisch und herzhafte Pasteten. Die pharmazeutische Verwendung trat in den Hintergrund, bis man schließlich im 18. Jahrhundert den übermäßigen Zimtgenuss leid war, und Zimt - ähnlich wie heute - nur sehr sparsam einsetzte, zum Beispiel zum Würzen von feiner Schokolade. 

Pech für England, das 1796 seinerseits die Holländer von Ceylon vertrieb, und so unter anderem die Kontrolle über den Zimthandel gewinnen wollte. Im Gegensatz zu den Portugiesen nahmen die Holländer Zimtpflanzen von Ceylon mit in ihre Kolonialgebiete in Indonesien. Trotz des erweiterten Anbaus sank die Nachfrage und damit auch der Preis. 

Im 19. Jahrhundert verordneten Mediziner Zimt gegen gastrointestinale Beschwerden. Außerdem diente das Gewürz zur Maskierung des schlechten Geschmacks pharmazeutischer Zubereitungen. Noch immer hing Zimt der Ruf des Liebesgewürzes an. 

Blutzucker senkende Effekte 

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts untersuchten Pharmakologen eingehend die Effekte des Zimts. Nachgewiesen wurden so eine antibakterielle und fungistatische, Krampf lösende, entzündungshemmende, antioxidative und, in jüngster Zeit, auch eine antidiabetische Wirkung. Anders als bei der Verwendung als Gewürz basieren die Effekte der neuesten Untersuchungen nicht auf den aromatischen ätherischen Ölen, sondern auf den wässrigen Auszügen der Zimtrinde. 

Erst vor wenigen Monaten erschien das Ergebnis einer klinischen Doppelblindstudie, in deren Rahmen pulverisierte Zimtrinde an insgesamt 60 Patienten mit Typ-2-Diabetes getestet wurde. Die Patienten wurden dabei in sechs Gruppen eingeteilt, die 40 Tage lang täglich entweder 1, 3 oder 6 Gramm Zimtrinde oder Placebo erhielten. Nach den 40 Behandlungstagen waren die Blutzuckerspiegel in der Verumgruppe um 18 bis 29 Prozent gesenkt worden. Die Autoren fanden aber auch einen Rückgang der Cholesterinspiegel um 12 bis 26 Prozent, und der Triglyceride um 23 bis 30 Prozent. In der Placebogruppe waren dagegen keine signifikanten Veränderungen zu verzeichnen. 

Insulinwirkung verstärkt 

Bereits zuvor war mit Extrakten aus der Zimtrinde in Tierversuchen und in Modellen mit isolierten Zellen eine deutliche Verstärkung der Insulinwirkung - teilweise auf über das 10-fache - aufgefallen. Bei der Suche nach dem Wirkmechanismus konnte der Angriffspunkt auf den Insulinrezeptor entschlüsselt und die für den Effekt verantwortlichen Inhaltsstoffe isoliert werden. Eine dieser Verbindungen wurde als das Polyphenol Methylhydroxychalcon-Polymer (MHCP) identifiziert, eine Verbindung, die auch in isolierter Form den Glucoseabbau stimuliert. 

Die neuesten, in der Literatur veröffentlichten Erkenntnisse basieren auf den Versuchen von Wissenschaftlern der Nagoya Universität in Japan, die den Einfluss von Zimtextrakt auf die Zuckerverwertung bei Ratten prüften. Die mit Zimtextrakt behandelten Tiere zeigten eine Normalisierung des Glucosestoffwechsels. Zimtextrakt verhinderte die Entstehung einer Insulinresistenz, wie sie für Typ-2-Diabetes typisch ist. 

Standardisierter Extrakt 

Wie jede Arzneipflanze ist auch Zimt in seiner Qualität natürlichen Schwankungen unterworfen. Während die genannten Studien mit Zubereitungen aus handelsüblichem Gewürzzimt durchgeführt wurden, steht in Deutschland nunmehr ein nach einem standardisierten Verfahren hergestelltes Extraktpräparat mit reproduzierbarer Zusammensetzung zur Verfügung. Die Kapseln enthalten 112 mg wässrigen Zimtextrakt; das entspricht 1 Gramm Zimtpulver. 

Um die Übertragbarkeit der bekannten Daten auf dieses speziell für die Ernährung von Diabetikern konzipierte Präparat zu überprüfen, wurde am Institut für pharmazeutische und medizinische Chemie der Universität Münster mit dem Prüfpräparat Diabetruw® ein Versuch mit Ratten durchgeführt. Bei den Ratten führte der Zimtextrakt zu einer Steigerung des verfügbaren Plasma-Insulins um über 200 Prozent gegenüber der Kontrolle (Publikation in Vorbereitung). 

Erhöhte Blutzuckerspiegel wurden innerhalb von 15 Minuten reduziert und innerhalb von einer Stunde sogar normalisiert, während bei den Kontrolltieren zu diesem Zeitpunkt die Glucoseblutspiegel immer noch um mehr als 50 Prozent erhöht waren. Eine Kontrollgruppe erhielt das orale Antidiabetikum Glibenclamid. Das Arzneimittel bewirkte einen ähnlichen Glucosespiegelverlauf wie Zimtextrakt. Allerdings gestattet der Versuchsaufbau keinen direkten Dosis-Wirkungsvergleich, diese Frage bleibt weiteren Untersuchungen vorbehalten. 

Catechin im wässrigen Auszug

Die Forschungsergebnisse der letzten 13 Jahre sind viel versprechend und weisen in die gleiche Richtung: Verantwortlich für den Effekt ist das MHCP, ein Polyphenol vom Typ procyanidiner Catechine, das im wässrigen Zimtextrakt enthalten ist. Die unerwünschten Wirkungen des wässrigen Extrakts scheinen gering zu sein: So kann isoliertes MHCP offenbar nicht überdosiert werden. Ein akuter Zuckermangel, eine der häufigsten und gefährlichsten Nebenwirkungen von Antidiabetika, tritt mit Zimtextrakt offenbar nicht auf. Die seltenen, in der Literatur beschriebenen Fälle von Allergien sind in erster Linie auf Bestandteile des ätherischen Öls zurückzuführen. Das ätherische Öl, das als probates Mittel bei Verdauungsbeschwerden gilt, ist im wässrigen Zimtrindenextrakt nicht enthalten. Der gezielte Einsatz von Zimtextrakt kann als diätetische Maßnahme zu einer Regulation der Stoffwechsellage in Richtung normaler Blutzuckerspiegel bei Diabetikern beitragen. 

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Mathias Schmidt
Im Westfeld 29
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