Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Pomeranze

Foto: Sertürner

Goldener Apfel als Magenbitter

von Ulrich Meyer, Berlin

Würstchen, gebackene Bohnen und knusprig gebratener Speck - das typisch englische Frühstück stellt die Verdauung eines kontinental-europäischen Touristen vor eine ernste Herausforderung. Der erfahrene Urlauber wendet sich in dieser misslichen Lage einer zweiten britischen Spezialität zu, die auf der morgendlichen Tafel meist zu finden ist: Bitterorangen-Marmelade, reich an Schalen-Stückchen und dick aufs Toastbrot gestrichen, bringt die stockenden Verdauungssäfte wieder in Fluss.  

Der Reisende hat einen guten Griff getan: Die Bitterorange Citrus aurantium, besser bekannt als Pomeranze, zählt zu den Amara aromatica. Die aromatischen Bittermittel unterscheiden sich von den Amara pura (zum Beispiel Radix Gentianae) und den gerbstoffhaltigen Amara adstringentia (zum Beispiel Cortex Chinae): Bei den aromatischen Bittermitteln ist der bittere Geschmack durch eine angenehm aromatische Komponente eines gleichzeitig vorhandenen ätherischen Öles gemildert. In der Pomeranzenschale sind Flavonoide für den bitteren Geschmack verantwortlich; als flüchtige Bestandteile enthält die Droge Monoterpene mit Limonen als Hauptbestandteil.  

Bei Völlegefühl kann die Pomeranze als Tee oder Tinktur nach dem Essen gegeben, bei Appetitlosigkeit hingegen sollte sie etwa eine halbe Stunde vor der Mahlzeit eingenommen werden. Die Wahrnehmung des bitteren Geschmacks am Zungengrund führt zu einer Aktivierung des parasympathischen Nervus vagus, was die Sekretion von Speichel, Magensäure und Gallensaft stimuliert und die Motilität des Verdauungstraktes fördert. Amara sind außer bei Appetitlosigkeit in der Rekonvaleszenz hilfreich, bei Schwächezuständen und nervöser Erschöpfung wirken sie allgemein kräftigend. Bitterstoff-Drogen dürfen nicht eingesetzt werden bei ausgeprägter Übersäuerung des Magens, also einer Hyperazidität. Zudem sollten hellhäutige Personen bei Verwendung der Pomeranzenschale auf eine Photosensibilisierung durch die in der Droge enthaltenen Furanocumarine achten und pralles Sonnenlicht meiden. 

Kunden auf den bitteren Geschmack bringen  

Zubereitungen mit Bitterstoff-Drogen wie der Pomeranze können übrigens auch dann empfohlen werden, wenn ein Patient ohne Rezept nach dem verschreibungspflichtigen Magen-Darm-Mittel Metoclopramid verlangt. Der bittere Geschmack ist allerdings erklärungs- und gewöhnungsbedürftig, denn die Zeiten, in denen nur bittere Medizin als wirksam galt, sind lange vorbei. Der Kunde ist heute meist schon aus seinen Kindheitstagen an aromatisierte Zubereitungen wie Antibiotika mit Himbeergeschmack gewöhnt und empfindet Bittermittel zunächst als unangenehm bis abstoßend. Eine einschleichende Dosierung und eine leichte Süßung des Tees erleichtert sicher zu Beginn die Einnahme. Die empfohlene Tagesdosis der Pomeranzenschale (laut Monographie der für die Phytotherapie zuständigen Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt) beläuft sich auf vier bis sechs Gramm Droge, die als Infus zubereitet werden kann. Von der im DAB 7 beschriebenen Tinktur sind zwei bis drei Gramm, das entspricht 50 bis 75 Tropfen, pro Tag einzunehmen. Am besten werden die Dosen gleichmäßig auf die drei Hauptmahlzeiten verteilt.  

Blüten duften aus Kölnisch Wasser  

Neben der Schale finden auch die Blüten der Bitterorange pharmazeutische Verwendung. In der Volksmedizin wurden sie als mildes Sedativum bei Schlafstörungen und Nervosität eingesetzt, doch betrachtete die Kommission E die Belege für diese Indikation als unzureichend. Bedenken gegen einen Einsatz als Geschmacks- oder Geruchskorrigens bestehen aber nicht, so dass sich die Blüten der Pomeranze bis heute als Zusatz in manchem Beruhigungstee antreffen lassen. 

Das Wasserdampf-Destillat der strahlend weißen und stark süßlich duftenden Blüten liefert übrigens das ätherische Neroli-Öl, das in der Parfümerie vielfach Verwendung findet und besonders für die Komposition eines guten Kölnisch Wassers vonnöten ist. Aus jungen Trieben und unreifen Früchten hingegen gewinnt man das weniger kostbare Petitgrain-Öl. Als Unterart oder nahe Verwandte der Pomeranze gilt die Bergamotte. Das in diesem Fall aus der Fruchtschale gewonnene ätherische Öl spielt wie Neroli eine wichtige Rolle in der Parfümerie und wird ebenfalls für Kölnisch Wasser verwendet. Hier ist streng auf die Abwesenheit von Furanocumarinen wie Bergapten zu prüfen, die schwere phototoxische Reaktionen auslösen können. Bergamotte-Öl dient daneben auch zur Aromatisierung von Earl Grey-Schwarztee. 

Die Reise in die Orangerien Europas  

Die Pomeranze stammt - wie fast alle Citrus-Arten - aus China. Die Araber brachten sie über die Seidenstraße nach Westen, und für das Jahr 1002 ist der Anbau der bis zu zehn Meter hohen immergrünen Bäume auf Sizilien verbürgt. Die Kreuzzüge sorgten für die weitere Verbreitung der nicht nur bitteren, sondern auch recht sauren Früchte, lange bevor Apfelsine und Mandarine im Mittelmeerraum bekannt wurden. Die wohlschmeckenden Verwandten degradierten die einstmals geschätzte Pomeranze später zur robusten Pfropfunterlage, als die sie bis heute dient! Beim "“Veredeln" pfropfen die Gärtner ertragreiche und wertvolle Obstsorten auf den kräftigen Stamm einer weniger geschätzten Art. 

Im Mittelalter fand die Pomeranze ihren Weg nach Norden, wobei die Kultivierung der frostempfindlichen Pflanze die Gärtner vor Probleme stellte. Im Barock ließen die Fürsten vor allem für die Zitrusbäume prächtige Orangerien bauen, in denen die Hofapotheker die bitteren Früchte für pharmazeutische Zwecke ernten durften. Dort konnte auch das gemeine Volk die "goldenen Äpfel", die Poma aurantia bestaunen, was der Pomeranze schließlich ihren Namen eintrug. 

Goethe verehrte die Früchte des Südens  

Die Bewunderung dieser und anderer "goldener" Äpfel der Rutaceen war immer auch Ausdruck einer Sehnsucht nach Licht und Wärme, an denen es in nördlichen Breiten bekanntlich mangelt. Niemand hat das besser ausgedrückt als Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), der die Pomeranze sicher aus der Orangerie des Weimarer Schlösschens Belvedere kannte und drei Jahre vor seiner italienischen Reise im "Lied der Mignon" fragen ließ: 

"Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunklen Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst Du es wohl?
Dahin! Dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!" 

Goethe hatte als einer der wenigen seiner Zeit die finanziellen Mittel und die Muße, sich diesen Herzenswunsch zu erfüllen und sich nach Italien in das Land der Zitronen zu begeben. Seit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts folgten ihm Millionen deutscher Touristen, von denen wohl mancher bewusst oder unbewusst durch das "Lied der Mignon" inspiriert wurde.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=46