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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Weißdorn

Foto: Schöpke

Pflanzenkraft für schwache Herzen

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Nach altem Volksglauben zählte der Weißdorn zu den magischen Pflanzen: Diese sollten Hexen und Dämonen abwehren. In der mitteleuropäischen Naturmedizin spielt der Weißdorn erst seit dem 14. Jahrhundert eine Rolle. Seine positive Wirkung auf das Herz bestätigten Wissenschaftler im vergangenen Jahrhundert.

Der Weißdorn hat verschiedene volkstümliche Namen wie Hagedorn, Heckendorn oder Zaundorn. Hagedorn leitet sich vom althochdeutschen "Hag" ab und bedeutet Einfriedung. Schon die Germanen schützten ihr Land und ihre Weidetiere mit Weißdornhecken vor wilden Tieren, Hexen und bösen Geistern. Über der Stalltür angebrachte Weißdornzweige sollten Verhexung und Krankheiten abwehren. Aus dem harten Holz fertigten die Menschen im Altertum Werkzeuge und Waffen. Das Wurzelholz des Weißdorns diente wegen seiner schönen Maserung auch zur Herstellung von Schalen und anderen Gefäßen für Haushalt und Küche.

Die erste schriftliche Erwähnung des Weißdorns als Heilmittel findet sich in der "Materia medica" des griechischen Arztes Dioskurides aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. Im heilkundlichen Schrifttum nördlich der Alpen ist die medizinische Anwendung des Weißdorns als Herz stärkendes Mittel erst seit dem 14. Jahrhundert belegt. Der Leibarzt des französischen Königs Heinrich IV. (1589 bis 1610) wandte Weißdorn in Form eines Fruchtsirups bei Herzbeschwerden an. Alte Kräuterbücher wie das "New Kreütterbuch" des Hieronymus Bock (1498 bis 1554) und das "Contrafayt Kreuterbuch" des Otto Brunfels (1488 bis 1534) erwähnen den "Hagedorn" auch bei anderen Beschwerden, besonders bei nervös bedingten und psychischen Störungen. Die Früchte galten als schnell wirksames Mittel gegen Durchfall. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernahm der irische Arzt Thomas Green den Weißdorn aus dem französischen Arzneimittelschatz in die Homöopathie und setzte ihn zur Behandlung von Herzerkrankungen ein. In Deutschland schätzten ihn zu jener Zeit vor allem Homöopathen.

1896 erschien im New York Medical Journal ein erster wissenschaftlicher Bericht über die Herz schützenden Eigenschaften des Weißdorns. Der Durchbruch zum modernen Arzneimittel gelang ihm aber erst in den 1960er Jahren, als Wissenschaftler die für das Herz wichtigen Substanzen identifizierten. Sie isolierten Wirkstoffe aus Blüten, Blättern und Früchten und reicherten sie in Zubereitungen gezielt an.

Aber keine Einzelsubstanz erwies sich als so wirksam wie der Gesamtextrakt. Wirksamkeitsbestimmend sind zwei Stoffgruppen: Flavonoide und oligomere Procyanidine. Die übrigen Substanzen haben keine pharmakologische Bedeutung. Das Wirkprofil des Weißdorn-Extrakts ist sehr vielfältig: Flavonoide verbessern die Durchblutung der Herzkranzgefäße, dadurch wird das Herz mit mehr Sauerstoff versorgt und so die Kontraktionskraft des Herzmuskels gesteigert. Das wiederum senkt die Herzfrequenz und in Folge den Blutdruck. Zudem verfügen Flavonoide über antioxidative Eigenschaften und schützen das Herz vor dem Angriff freier Radikale. Die Procyanidine beugen der Verkalkung der Herzkranzgefäße vor, indem sie die Oxidation der Blutfette (Lipide) hemmen. Nur die oxidierten Lipide lagern sich an den Gefäßwänden ab und bilden damit die Grundlage der Schädigung und Verengung bis hin zum Verschluss. Auf Grund dieser Wirkungen verordnen Ärzte Weißdorn vorzugsweise beim so genannten "Altersherz" und beginnender Herzinsuffizienz. Die Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes empfiehlt Weißdorn-Extrakte bei nachlassender Leistungsfähigkeit des Herzens entsprechend den Stadien I und II der New York Heart Association (NYHA, siehe Tabelle). Die arzneilich ebenfalls verwendeten Früchte sind in der Monographie der Kommission nicht erfasst, es gibt nur einen Hinweis auf eine traditionelle Anwendung zur Stärkung des Herzens.



Stadien der Herzinsuffizienz nach der New York Heart Association (NYHA)

Stadium   Müdigkeit, Atemnot, Herzjagen   körperliche Leistungsfähigkeit 
NYHA I   erst bei starker Belastung   keine Einschränkung 
NYHA II   bei normaler Belastung   leichte Einschränkung 
NYHA III   schon bei leichter Belastung  deutliche Einschränkung 
NYHA IV   bereits in Ruhe   keine körperliche Tätigkeit ohne erhebliche Beschwerden 


Rosengewächs der Gattung Crataegus

Weißdorn ist ein Rosengewächs (Rosaceae) der Gattung Crataegus. Die artenreiche Gattung ist in ganz Europa, Teilen Asiens und Nordafrika beheimatet. Der Name Crataegus leitet sich vom griechischen Wort "krataios" ab, was stark oder fest bedeutet und sich auf die Härte des Holzes bezieht. Die bis zu zehn Meter hohen Sträucher wachsen bevorzugt an lichten Waldrändern sowie in Gebüschen und Hecken. Das Weiß der üppigen Blütenpracht und die zahlreichen spitzen Sprossdornen gaben der Pflanze ihren Namen. Ihr unangenehmer Geruch rührt von Trimethylamin her.

Die kurzgestielten, meist drei- oder fünflappigen, fein gezähnten Blätter haben eine glänzend-grüne Ober- und eine matt-grüne Unterseite. Im Herbst bereichern die leuchtend roten, hagebuttenähnlichen Scheinfrüchte den Speisezettel der Vögel. Die mehlige Konsistenz dieser Früchte gab dem Weißdorn auch den volkstümlichen Namen "Mehlbeere" oder "Mehldorn". Als billiges Obst kochten es die Menschen in Notzeiten zu Marmelade oder Mus für den Winter ein.

Zu den arzneilich genutzten Crataegus-Arten gehören die beiden in Deutschland heimischen Arten Zweigriffliger (Crataegus laevigata oder oxyacantha) und Eingriffliger Weißdorn (C. monogyna). Neben diesen beiden lässt das Europäische Arzneibuch (Eu AB 4. Ausgabe 2002) als Lieferant der Arzneidroge noch folgende, in Ost- und Südost-Europa beheimateten Crataegus-Arten zu: Crataegus pentagyna, nigra und azarolus. Die genannten Arten sind auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden. Zu den Bestimmungsmerkmalen gehören beispielsweise die Anzahl der Griffel, die Behaarung der Blütenteile sowie die Form der Blätter.

Die Arzneidroge enthält sowohl die getrockneten Blättern als auch die Blüten: Gemeinsam sind sie als Monographie unter dem Namen "Weißdornblätter mit Blüten" (Crataegi folium cum flore) im Europäischen Arzneibuch beschrieben. Dieses führt in einer eigenen Monographie daneben auch "Weißdornfrüchte" (Crataegi fructus) auf. Auch das Homöopathische Arzneibuch enthält eine Monographie der Früchte. Im DAC finden sich Monographien über "Weißdornblüten" (Craetaegi flos) und "Weißdorntinktur aus Blättern und Blüten" (Crataegi tinctura e foliis cum floribus).

Droge vor allem aus Osteuropa

Die Droge stammt überwiegend aus Osteuropa sowohl aus Wildsammlungen als auch aus Kulturen. Blüten und Blätter werden in der Zeit der Hauptblüte von Mai bis Juni geerntet, die reifen Früchte im Oktober. Nach einer schonenden Trocknung der Blüten und Blätter bei Zimmertemperatur bleiben die wertvollen Inhaltsstoffe zu 80 Prozent erhalten.

Das Europäische Arzneibuch fordert für Weißdornblätter mit Blüten einen Gehalt von mindestens 1,5 Prozent Flavonoiden, berechnet als Hyperosid, und für die Früchte einen Gehalt von mindestens 1 Prozent Procyanidinen, berechnet als Cyanidinchlorid. Diese Werte garantieren eine gleich bleibende Qualität der Drogen und der daraus hergestellten Extrakte. Zahlreiche klinische Studien belegen die sehr gute Wirkung am Herzen.



Hochdosierte Fertigarzneimittel mit Weißdorn-Extrakt (Auswahl)

  • Crataegus Stada®
  • Crataegus Verla®
  • Crataegutt® novo 450
  • Faros® 300 mg/600 mg
  • KORO-NYHADIN®
  • Kytta-Cor® novo
  • SE Weißdorn
  • Weißdorn-ratiopharm®



Bevor Apotheker und PTA einem Patienten Weißdorn-Präparate empfehlen, sollte ein Arzt organische Ursachen für die Herzbeschwerden ausgeschlossen haben. Wie viele andere Phytopharmaka wirkt Weißdorn mittel- bis langfristig. Deshalb müssen Patienten bei der Beratung darauf hingewiesen werden, dass sie frühestens nach sechswöchiger Einnahme eine Besserung der Herzbeschwerden erwarten dürfen. Neben seiner sehr guten Verträglichkeit ist Weißdorn frei von Risiken und Nebenwirkungen. Auch Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt, daher eignet sich der Weißdorn-Extrakt sehr gut zur Behandlung von älteren Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen müssen. Selbst nach jahrelanger Einnahme ist keine Gewöhnung oder Abschwächung der Wirkung zu befürchten.

 

Ein monographiekonformes Weißdorn-Präparat sollte als Wirkstoff einen standardisierten Trockenextrakt enthalten. Dieser wird durch Extraktion mit 45-prozentigem Ethanol oder 70-prozentigem Methanol hergestellt. Im Beipackzettel muss sowohl das Droge-Extrakt-Verhältnis (DEV) als auch das verwendete Extraktionsmittel angegeben sein. Klinische Studien zeigten, dass die zweimal tägliche Gabe von 450 mg zuverlässig wirkt. Einige wenige zugelassene Weißdorn-Präparate enthalten einen mit Ethanol hergestellten Fluidextrakt mit dem DEV 1:1. Eine Alternative zu Fertig-Arzneimitteln ist die Teezubereitung: Ein Teelöffel (circa 1,8 g) der fein zerschnittenen Droge wird mit kochendem Wasser übergossen und nach 15 Minuten abgeseiht. Den Tee sollen Patienten drei- bis viermal täglich über mehrere Wochen kurmäßig trinken. Bleiben die Krankheitssymptome über sechs Wochen unverändert oder bildet sich Wasser in den Beinen, müssen sie dringend einen Arzt konsultieren, ebenso bei auftretenden Herzschmerzen, die in die Arme, den Oberbauch oder in die Halsgegend ausstrahlen.

Erfolge auch bei Angst und Stress

Weißdorn hilft nicht nur dem Herzen, sondern stärkt auch die Psyche. Mediziner berichten über gute Erfolge bei nervösen Herzbeschwerden, Angstneurosen und Stress. Weißdorn beruhigt den überaktiven Sympathikus, indem er die Ausschüttung der Stresshormone senkt. Damit sediert und kräftigt er die Nerven, stärkt und entlastet den Herzmuskel. Klinische Studien zeigten, dass sich mit Weißdorn behandelte Patienten sowohl körperlich als auch seelisch belastbarer fühlten.

 

Anschrift der Verfasserin:
Monika Schulte-Löbbert
Mozartstraße 1
41564 Kaarst



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