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Beifuss

Mutter aller Kräuter


Von Monika Schulte-Löbbert / Beifuß, der wilde Verwandte des bekannteren Wermuts, wurde in der Antike zu zahlreichen medizinischen und magischen Zwecken verwendet. Doch die einst hoch geschätzte Pflanze hat in der modernen Phythotherapie kaum noch Bedeutung. In der Küche dient Beifuß traditionell als Gewürz, das vor allem beim Gänsebraten nicht fehlen darf.

 

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Der Gewöhnliche Beifuß, Artemisia vulgaris L., gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Die Pflanze ist in den gemäßigten Klimaregionen Europas, Asiens und Nordamerikas weit verbreitet. Zur Gattung »Artemisia« zählen über 200 Arten, die hauptsächlich in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel vorkommen.




Foto: Ullrich Mies



Artemisia vulgaris gedeiht auf jedem Boden, bevorzugt aber sonnige, trockene Standorte. Wildbestände wachsen vor allem auf Brachflächen und Schutthalden, an Hecken, Böschungen und Bahndämmen. Die Arzneibuchdroge stammt überwiegend aus Wildvorkommen in Osteuropa.

Beifuß ist eine mehrjährige, tief wurzelnde Staude und kann bis über einen Meter hoch werden. Ihr aufrechter, kantiger Stängel ist leicht behaart und rot überlaufen. Die Oberseite der fieder­teiligen Laubblätter ist dunkelgrün und kahl, die Unterseite dagegen weißfilzig behaart. Die Pflanze blüht schon im ersten Vegetationsjahr von Juli bis September. Dann stehen viele Blütenkörbchen in einer endständigen Rispe zusammen. Die unscheinbaren, gelblich bis rötlichbraunen Blüten sind von filzig behaarten Hüllkelchblättern umgeben und werden durch den Wind bestäubt. Beifußpollen fliegen bereits frühmorgens ab sechs bis elf Uhr und sind als häufige Auslöser allergischer Reaktionen bekannt, besonders des Heuschnupfens.

Zur Fruchtreife ab September entstehen aus den Blüten winzige, dunkelbraune bis schwarze Achänen ohne Pappus (Haarkrone). Die Samen werden vom Wind und Kleinvögeln verbreitet.

Kraut der Artemis

Die zahlreichen volkstümlichen Namen für Beifuß spiegeln seine ehemals große Bedeutung wider, beispielsweise Besenkraut, Fliegenkraut, Gänsekraut, Johannesgürtelkraut, Jungfernkraut, Sonnenwendkraut und Weiberkraut. Schon in der Antike nutzten die Menschen Beifuß als Arzneipflanze. Plinius der Ältere (24 – 79 n. Chr.) empfahl, das als Artemisia bezeichnete Kraut um den Fuß zu binden, um Müdigkeit beim Laufen zu vertreiben. Dieser Aberglaube hat sich lange gehalten, sodass der deutsche Name vielleicht hier seine Wurzel hat.




Die Zeichnung zeigt wichtige Details der Pflanze.

Abb.: Köhlers Medizinal-Pflanzen, bearbeitet von Thomas Schöpke


Der botanische Gattungsname »Artemisia« geht vermutlich auf die Göttin Artemis zurück. Sie gilt in der griechischen Mythologie als Beschützerin der wilden Tiere und Göttin der Jagd. Außerdem ist sie die Schutzgöttin der Gebärenden und zuständig für Heilung und Fruchtbarkeit. Unter der Bezeichnung »Artemisia« beschrieb der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) erstmals die Wirkung und Anwendung von Beifuß. In seiner »De Materia Medica« empfahl er Beifuß als Sitzbad, um die Menstruation, vaginale Sekretion und die Nachgeburt zu fördern. Diese Anwendungen übernahmen später Heilkundler in ihren Kräuter­büchern und ergänzten weitere Indikationen, vor allem Verdauungsstörungen.

Über Jahrhunderte wurde Beifuß als »Mutter aller Kräuter« hoch geschätzt, besonders bei Frauenleiden. Volkstümlich wurde er bei Menstruationsbeschwerden zur Entspannung und Entkrampfung eingesetzt, aber auch um die Wehentätigkeit während der Geburt anzuregen. Deshalb sollten Schwangere Beifuß nicht anwenden. Neben seinem Einsatz bei Magen- und Darm­beschwerden zur Anregung der Verdauung schätzten die Heilkundigen Beifuß auch als Heilpflanze bei Neurosen und Schlaflosigkeit. Seine Wurzel sollte sogar gegen Epilepsie helfen, wie Christoph Wilhelm Hufeland in dem von ihm herausgegebenen »Journal der practischen Heilkunde« (1824) beschrieb. Folglich wurde Beifußwurzel im Jahr 1827 in die Preußische Pharmakopoe aufgenommen und musste somit in den Apotheken vorrätig sein.

Schutz vor Dämonen und Hexerei

Im Mittelalter galt Beifuß als sehr wirksames Kraut gegen Hexerei. Daher war er Bestandteil vieler sogenannter magischer Rezepturen. Die Germanen flochten den zu Johanni (24. Juni) gesammelten Beifuß zu einem Gürtel. Diesen Johannis- oder Sonnenwendgürtel trugen sie um den Körper, er sollte sie vor bösen Dämonen und Zauberei schützen. Am Dachfirst befestigte Beifußbüschel, deren Spitzen nach unten zeigten, sollten sogar Blitze abwehren und Krankheiten fernhalten. Das Kraut galt außerdem als wichtiges Räuchermittel zur Abwehr böser Mächte und zur rituellen Reinigung. Ein altenglischer Kräutersegensspruch aus dem 11. Jahrhundert beschreibt die Wirkung von neun wichtigen Kräutern. Gleich die erste Strophe lautet: »Erinnere dich, Beifuß, was du verkündet hast, was du bekräftigt hast bei der großen Verkündung (…vor Gott). Una (dem Urgott angehörig) heißt du, ältestes Kraut. Du hast Macht für drei und gegen dreißig. Du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung. Du hast Macht gegen das Übel, das über Land fährt.«

Bewährter Magenbitter

Bereits in der 7. Ausgabe des deutschen Arzneibuchs fehlt das Beifußkraut. Das Ergänzungsbuch zum Deutschen Arzneibuch, 6. Ausgabe (Erg.B.6) aus dem Jahr 1953 enthält noch eine Monographie »Herba Artemisiae«. Für die Arzneidroge werden die etwa 60 bis 70 Zentimeter langen, oberen Triebe während der Blütezeit geerntet. Die Droge enthält bis zu 0,3 Prozent ätherisches Öl, das sehr komplex und variabel zusammengesetzt ist. Die Hauptkomponenten sind Campher, Cineol und Thujon. Außerdem enthält das Kraut Flavonoide, Hydroxycumarine, Polyine und Triterpene. Die wichtigsten Inhaltsstoffe sind die stark bitteren Sesquiterpenlactone




Foto: Colourbox


In der modernen Phythotherapie hat Beifuß kaum noch Bedeutung. Seine Anwendung beschränkt sich auf den Einsatz als Magenbitter zur Behandlung von Verdauungsstörungen und Appetitmangel. Die Droge regt wie andere Bitterstoffdrogen die Magensaftsekretion an. Ihre Wirkung ist vergleichbar mit Wermutkraut, jedoch etwas schwächer. Beifußkraut kann als appetitanregendes Mittel bei anazider und subazider Gastritis oder bei dyspeptischen Beschwerden gegeben werden. Zur Teebereitung wird ein Teelöffel Droge (0,5 bis 2 Gramm) mit kochendem Wasser (150 ml) aufgegossen und nach fünf Minuten abgeseiht. Um ihren Appetit anzuregen können Betroffene täglich zwei bis drei Tassen Tee vor den Mahlzeiten trinken. Nebenwirkungen sind in therapeutischen Dosen nicht bekannt, vereinzelt können Allergien auftreten. Wegen der nicht belegten Wirkung für diese Indikationen befürwortet die Kommission E die therapeutische Verwendung jedoch nicht. Daher ist Beifußkraut nur noch ein Bestandteil von Präparaten, die nach § 109a Arzneimittelgesetz als »Traditionelle Arzneimittel« im Handel sind. Diese sollen innerlich die Verdauungsfunktion unterstützen und äußerlich die Hautdurchblutung (zum Beispiel in Melissengeist Vital).

Die Homöopathie verwendet die frischen, zu Beginn des Winters geern­teten, unterirdischen Teile von Artemisia vulgaris bei Krampfleiden und als Wurmmittel gegen Darmparasiten (HAB 2000).

Perfekt zu fettem Fleisch

Das aromatisch bis bittere Beifußkraut wird auch als Gewürz geschätzt. Für Gewürzzwecke dienen die Triebspitzen mit noch geschlossenen Blütenköpfchen. Sobald sie sich öffnen, werden die Blätter bitter und eignen sich nicht mehr zum Würzen. Da das Gewürz die Verdauung fördert, dient es besonders zum Würzen von fettem Fleisch wie Gänse-, Enten- oder Hammelbraten sowie von Fisch- und Hülsenfruchtgerichten oder Kohlspeisen. Zur Entfaltung des vollen Aromas sollte Beifuß bereits zu Beginn des Garens zugesetzt werden, am besten in Form der Triebspitzen, die dann vor dem Servieren wieder entfernt werden. Sehr gut eignen sich dazu auch frische Triebspitzen, die – in Plastiktüten verpackt – einige Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden können. /



 

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