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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Schafgarbe

Foto: Schöpke

Die Schwester der Kamille

Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Die Schafgarbe ist schon seit Jahrhunderten als Arzneipflanze bekannt. In alten Kräuterbüchern wird sie als Herba militaris bezeichnet, da sie früher verwundeten Soldaten zur Blutstillung gegeben wurde. Heute ist das Kraut Bestandteil von Fertigarzneimitteln gegen Magen-Darm-Beschwerden und wird ähnlich wie die Kamille angewendet.

Die Schafgarbe ist eine typische Wiesenpflanze und gehört zur Familie der Asteraceae (Korbblütler). Sie ist über ganz Europa, Nordamerika und Nordasien verbreitet. Besonders wohl fühlt sie sich an sonnigen und trockenen Standorten. Nässe und feuchte Böden meidet sie, sonst ist sie recht anspruchslos. Auch unterschiedlichen klimatischen Bedingungen passt sie sich an, denn selbst in extremen Höhen ist die genügsame Pflanze noch zu finden. Je nach Standort erreicht sie Wuchshöhen bis zu 80 Zentimetern.

Aus dem kriechenden Rhizom der mehrjährigen Pflanze sprießt im Frühjahr zunächst eine Blattrosette. Erst später entwickelt sich der kerzengerade Blütentrieb. Er ist außen behaart und enthält innen ein helles Mark. Die charakteristischen, länglich-schmalen und mehrfach gefiederten Laubblätter sind grün bis graugrün. Die unteren Blätter sind meist gestielt, die oberen sitzend mit basal vergrößerten Fiedern, die als Öhrchen bezeichnet werden. Am Ende der Sprosse stehen die Blüten in dichten, rispigen Scheindolden. Die einzelnen kleinen Blütenkörbchen setzen sich zusammen aus fünf weißen oder rosa Zungenblüten mit einigen gelben Röhrenblüten im Zentrum. Ein Hüllkelch aus drei Reihen dachziegelartig angeordneten, grünen Blättern umgibt die Blüten. Schafgarbe blüht von Anfang Juni bis oft in den November hinein. Aus den Blüten reifen im Spätherbst kleine Achänen heran.

Als Heilpflanze werden das Kraut und die Blüten der Gemeinen Schafgarbe, Achillea millefolium L., verwendet. Der Gattungsname Achillea geht auf Achilles, den sagenhaften Helden des trojanischen Krieges zurück. Der griechischen Sage nach heilte Achilles die Wunde des Königs Telephos mit Schafgarbe. Deshalb erhielt die Pflanze damals auch den Namen »Achilleios«. In einer anderen Sage heißt es, dass beim Kampf ein Pfeil die Ferse des Achilles verwundete, genau an der Stelle, die heute noch als Achillessehne bezeichnet wird. Dieser Sage zufolge gab die Göttin Aphrodite ihm den Rat, seine Verletzung mit der Schafgarbe zu heilen. Der Artname »millefolium« verweist auf die vielen (tausend = mille) fein zerteilten Blätter. Der deutsche Name »Schafgarbe« spielt darauf an, dass Schafe besonders gerne die zarten grünen Blättchen fressen, das Wort »garbe« leitet sich vom althochdeutschen »garvan« ab und bedeutet »heilen«.

Bei Verletzungen beliebt

Über Jahrhunderte nutzten die Menschen die wundheilende und blutstillende Wirkung der Schafgarbe. Die zahlreichen volkstümlichen Namen wie Soldatenkraut, Blutkraut, Zimmermannskraut oder Beilhiebkraut bringen dies zum Ausdruck. Auch Hildegard von Bingen, die große Heilkundlerin des Mittelalters, empfahl das Kraut äußerlich zur Wundheilung, aber ebenso bei inneren Verletzungen. Bis in die jüngere Vergangenheit schätzten Naturheilkundige die Schafgarbe als vielseitige Heilpflanze. So lautete eine Empfehlung vom Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897): »Schafgarb im Leib tut wohl jedem Weib«. 

Als »Mutterkraut« oder »Jungfrauenkraut« wurde sie bei vielen Frauenkrankheiten eingesetzt. Die Bezeichnung »Bauchwehkraut« weist auf die krampflösenden und entzündungshemmenden Eigenschaften der Schafgarbe hin. Der Teeaufguss linderte Bauchschmerzen und Blähungen. Die hohe Wertschätzung der Schafgarbe in der Volksmedizin zeigt auch der alte Brauch der Kräuterweihe zu Mariä Himmelfahrt. Zu den am 15. August in der Kirche gesegneten Kräutern gehört die Schafgarbe. Der Strauß soll anschließend dem Haus und seinen Bewohnern Glück und Gesundheit bringen.

Im alten China, etwa um 1000 v. Chr., dienten die Stängel der Schafgarbe der Weissagung. Bei dem so genannten Schafgarbenorakel zogen die Wahrsager aus einem Bündel von Schafgarbenstängeln nach einem komplizierten Verfahren 50 heraus und legten diese nach einem bestimmten System so aus, dass sie aus den entstandenen Hexagrammen die Zukunft ablesen konnten.

Ätherisches Öl als Hauptinhaltsstoff

Das für die Drogenherstellung benötigte Pflanzenmaterial stammt zum größten Teil aus Wildbeständen südost- und osteuropäischer Länder. Von Juni bis September wird das blühende Kraut gesammelt und anschließend getrocknet. Nach der Monographie des Europäischen Arzneibuchs (Ph. Eur. 5. Ausgabe, Grundwerk 2005) besteht die Droge Schafgarbenkraut/Millefolii herba aus den ganzen oder geschnittenen, getrockneten, blühenden Triebspitzen von Achillea millefolium L.. Als Mindestgehalt an ätherischem Öl fordert das Arzneibuch 0,2 Prozent mit mindestens 0,02 Prozent Proazulenen. Nicht alle oberirdischen Pflanzenteile enthalten gleich viel ätherisches Öl: Der Gehalt nimmt in der Reihenfolge Blütenstände, Blätter und Stängel ab. Deshalb darf der Anteil an dickeren Stängelstücken höchstens 5 Prozent betragen. Reine Schafgarbenblüten führt nur noch der Ergänzungsband des sechsten Deutschen Arzneibuchs (EB 6) unter Flores Millefolii.

Da die Inhaltsstoffe von Achillea millefolii mit denen der Kamillenblüten weitgehend identisch sind, ergeben sich auch ähnliche Indikationen für die Anwendung der beiden Drogen. Der Schafgarbe fehlt allerdings das angenehme Aroma, das die Kamille für die äußere Anwendung so geeignet macht. In Notzeiten diente die Schafgarbe als Kamillenersatz.

Die Zusammensetzung und der Gehalt der Inhaltsstoffe variieren bei der Schafgarbe stark, da die Stammpflanze Achillea millefolium aus morphologisch und zytogenetisch sehr vielgestaltigen Kleinarten besteht. 

Als Hauptinhaltsstoff gilt das ätherische Öl, das aus Mono- und Sesquiterpenen, Proazulenen sowie weiteren Komponenten zusammengesetzt ist. Insgesamt identifzierten Forscher über 100 Verbindungen. Außer dem ätherischen Öl enthält die Schafgarbe Bitterstoffe, Flavonoide, Gerbstoffe und Cumarine sowie Mineralstoffe, vor allem Kalium. Die vielfältige Wirkung der Droge ist sicherlich nur durch das Zusammenspiel der verschiedenen Inhaltsstoffe zu erklären. Wegen des ätherischen Öls und der Bitterstoffe dient die Schafgarbe als Aromaticum bei Appetitlosigkeit und leichten Gallenbeschwerden. Insbesondere die Bitterstoffe regen die Produktion der Verdauungssäfte an. Die Proazulene wirken spasmolytisch, antiphlogistisch sowie karminativ. Schafgarbenkraut hilft außerdem bei dyspeptischen oder leichten krampfartigen Beschwerden im Magen-Darm-Bereich. 

Für diese Indikation erhielt Achillea millefolium 1990 von der Kommission E eine Positiv-Monographie. Soweit nicht anders verordnet, gelten als Tagesdosis entweder 4,5 Gramm Schafgarbenkraut, 3Teelöffel Frischpflanzenpresssaft oder 3 Gramm Schafgarbenblüten. 

Zur Teebereitung wird ein Teelöffel fein geschnittene Droge mit kochendem Wasser übergossen, nach 10 bis 15 Minuten wird der Aufguss durch ein Teesieb gegeben und mehrmals täglich zwischen den Mahlzeiten getrunken.

Auch als Fertigpräparat

Schafgarbe ist auch Bestandteil einiger Fertigarzneimittel gegen Magen-Darm-Beschwerden wie Amara-Tropfen, Floradix Multipretten® Kräuter-Dragees N, Hevert® Stoffwechsel-Tee N, Kamillan® Tropfen, Sedovent® Verdauungstropfen und Ventrigutt® N Mischung. Daneben sind konfektionierte Teemischungen als Magen-, Leber/Galle-, Stoffwechsel- oder Frauen-Tees mit Schafgarbe im Handel.

Bei krampfartigen Schmerzen, zum Beispiel bei Menstruationsbeschwerden, können Bäder die innerliche Anwendung von Achillea millefolii unterstützen. Die Kommission E empfiehlt deshalb Schafgarbenkraut auch zu Sitzbädern bei funktionellen Unterbauchbeschwerden der Frau (Pelvipathia vegetativa). Zur Herstellung von Sitzbädern werden 100 Gramm Schafgarbenkraut mit ein bis zwei Litern heißem Wasser übergossen und nach 20-minütigem Ziehen abgeseiht. Dieser Ansatz wird dem Bad beigegeben.

Außerdem ist die Schafgarbe als Adjuvans in Präparaten anderer Indikationsgebiete enthalten, so zum Beispiel in den verschiedenen Darreichungsformen des Antiphlogistikums Traumeel® S oder in dem Venenmittel Venokatt Tabletten, die beide zu den Homöopathika gehören.

Die Volksmedizin schätzt die Schafgarbe ähnlich wie die Kamille in Form von Umschlägen oder Spülungen bei entzündlichen Haut- und Schleimhauterkrankungen, da das ätherische Öl antibakteriell wirkt. Die Droge wird auch vielfach aufgrund ihrer adstringierenden Eigenschaften als Hämostyptikum bei Hämorrhoidenblutungen verwendet.

Vorsicht bei bekannter Allergie

Risiken oder Nebenwirkungen sind bei vorschriftsmäßiger Anwendung nicht bekannt. Die Droge besitzt allerdings eine schwache bis mittelstarke Sensibilisierungspotenz. Patienten mit bekannter Allergie gegen Korbblütler sollten auf die Anwendung von Schafgarbe verzichten. Bei empfindlichen Personen kann der Kontakt mit dem Saft der Frischpflanze zu einer Hautentzündung (Wiesendermatitis) führen. Auch Schwangere sollten kein Schafgarbenkraut anwenden. 

Neben dem Einsatz als Phytotherapeutikum wird die Schafgarbe auch industriell zu Magenbittern und Kräuterlikören verarbeitet. Ihre appetitanregenden, cholagogen und spasmolytischen Eigenschaften als »amarum aromaticum« können auch in der Küche genutzt werden. Die zarten, jungen Blättchen bereichern im Frühjahr Suppen oder Salate aus Wildkräutern. Sie haben ein mild-würziges Aroma. Die älteren Blätter sind kräftiger und intensiver im Geschmack. Sie eignen sich gut als Gewürz, sollten aber sparsam verwendet werden, da sie recht bitter sind. Kräuterbutter, Suppen, Salate und Dips lassen sich mit ihnen verfeinern.

E-Mail-Adresse der Verfasserin: schulte-loebbert@t-online.de



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