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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Fingerhut

Foto: Mies

Der Klassiker für das Herz

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Der Rote Fingerhut wird seit 200 Jahren zur Behandlung von Herzerkrankungen eingesetzt. Seine Dosierung war immer schon problematisch, da nur eine geringe Differenz zwischen wirksamer und toxischer Dosis liegt. Die modernen Digitalis-Präparate enthalten reine Glykoside und sind unverzichtbar in der Herztherapie.

Den alten Griechen und Römern war der Fingerhut nicht bekannt. Erstmals ist er unter dem Namen "foxes glofa" in einer walisischen Sammlung von Rezepten, die bis ins 6. Jahrhundert zurückreicht, erwähnt. Im 13. Jahrhundert fasst Rhiwallon, der Leibarzt eines Prinzen aus Wales, diese Rezepte zu dem Arzneibuch Meddygon Myddvai zusammen. Er beschreibt darin die äußerliche Anwendung von Fingerhutblättern, als Brei angerührt gegen Schwellungen und Abszesse, sowie den innerlichen Gebrauch, vor allem gegen Kopfschmerzen. In Mitteleuropa wird der Fingerhut unter dem volkstümlichen Namen Fuchskraut (englisch heute noch "fox glove") erstmals um 1460 in der "Wündth-Ertznei" des Heinrich von Pfalzpaint beschrieben, allerdings nur die äußerliche Anwendung.

Der Name Fingerhut ist älter als die Bezeichnung "Digitalis". Die Blütenform erinnert an das vom Schneider beim Nähen benutzte Handwerkszeug. Erst der Botaniker Leonhart Fuchs führt in seinem Kräuterbuch von 1542 den Namen Digitalis ein, indem er schreibt: "Nennen wir sie deshalb Digitalis, wobei wir auf den deutschen Namen Fingerhut anspielen - Dies möge als Benennung benutzt werden, bis uns oder anderen eine bessere einfällt." Digitus (lateinisch) bedeutet Finger. Weder die Deutschen noch andere Europäer hatten aber eine neue Idee, und so fand die Bezeichnung Digitalis bald Eingang in die romanischen Sprachen (italienisch: digitale, spanisch: digital und französisch: digitale). Fuchs hat auch Angaben zu ihrer Wirkung gemacht.

Aufgrund des intensiv bitteren Geschmacks vergleicht er den Fingerhut mit dem Enzian und setzt ihn als Amarum und Brechmittel ein. Viele nachfolgende Kräuter- und Arzneibücher übernehmen diese Indikation, vereinzelt gibt es auch Belege für seine entwässernde Wirkung. Hinweise auf seine Giftigkeit fehlten, bis 1748 ein Bericht vor der Académie Française darauf aufmerksam macht.

William Withering, Arzt am Allgemeinen Krankenhaus im englischen Birmingham, befasste sich im 18. Jahrhundert intensiv mit den Wirkungen des Fingerhuts. Er erforschte die Wirksamkeit von Digitalis-Infusen bei Ödemen infolge von Herzschwäche und legte die Grundlage zu einer medizinisch fundierten Digitalis-Therapie. Parallel verlief die Aufklärung der wirksamen Inhaltsstoffe. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnten Wissenschaftler das Glykosid Digitoxin isolieren und 1915 auch die Struktur aufklären. Der Einsatz reiner Herzglykoside machte die Therapie mit Digitalis wesentlich sicherer.

Zierde für manchen Garten

Der Rote Fingerhut, mit botanischem Namen Digitalis purpurea L. gehört zur Familie der Rachenblütler (Scrophulariaceae). Die zweijährige, bis zu 120 cm hohe krautige Pflanze wächst in lichten Wäldern und besonders gerne auf Kahlschlägen mit sandigen Lehmböden, häufig auch in Gebirgslagen. Sie ist in Mitteleuropa heimisch und breitete sich mit der Zeit bis weit in den Osten und den amerikanischen Kontinent aus. Als Zierpflanze bereichert sie manche Gärten. Aus der im ersten Jahr entwickelten Blattrosette wächst im zweiten Jahr ein aufrechter, unverzweigter und graufilziger Stängel, an dem sich die einseitswendigen Blütentrauben bilden. Von Juni bis in den August leuchten die purpurroten, selten weißen, glockigen Blüten, deren Innenseite rotgefleckt ist. Die eiförmigen, unterseits filzigen Blätter stehen wechselständig, die unteren sind langgestielt und breit, nach oben werden sie schmaler und sitzend. Im Herbst bilden sich zweifächrige braune Kapseln, die zur Reife aufspringen und viele winzige Samen verstreuen.

Alle Pflanzenteile des Roten Fingerhuts sind stark giftig, schon zwei bis drei getrocknete Blätter können einen Erwachsenen töten. Dennoch sind schwere Vergiftungsfälle selten, weil die Pflanze sehr bitter schmeckt und sofort Erbrechen auslöst. So wird die Resorption größerer Giftmengen verhindert. Die Glykoside des Fingerhuts zählen zu den stärksten Pflanzengiften. Wegen ihres therapeutischen Nutzens für das Herz werden sie auch Herzglykoside oder Cardenolide genannt. Sie gehören zur Gruppe der Steroide und variieren sehr in ihrer Zusammensetzung und ihrem Gesamtgehalt. Der mittlere Glykosidgehalt in den Blättern beträgt etwa 0,2 Prozent. Der Hauptvertreter der Cardenolide des Roten Fingerhuts ist das Digitoxin, dessen Zuckeranteil ausschließlich die in Digitalis-Arten vorkommende Digitoxose bildet.

Der wollige Verwandte

Neben dem Roten Fingerhut ist noch eine zweite Digitalis-Art von medizinischer Bedeutung: der Wollige Fingerhut, "Digitalis lanata Ehrh." Seine Blüten sind weißlich und wollig behaart; aber vor allem unterscheidet er sich von Digitalis purpurea in der Zusammensetzung und dem Gehalt der Glykoside. Digitalis lanata wirkt etwa zweieinhalbmal stärker, sein Hauptglykosid das Digoxin wird aber schneller vom Körper ausgeschieden, was durchaus von therapeutischem Nutzen sein kann. Das DAB 10 führt in den Monographien beide Digitalis-Arten: Digitalis purpureae folium und Digitalis lanatae folium.

Wegen der Schwierigkeit, die Drogen zu standardisieren, werden sie nur noch als Ausgangsmaterial zur Glykosidgewinnung benutzt. Zu diesem Zweck wird überwiegend Digitalis lanata aufgrund des höheren Gehaltes und günstigeren Glykosidprofils angebaut. Das Homöopathische Arzneibuch (HAB 1, 2.Nachtrag) schreibt dagegen die frischen Blätter von Digitalis purpurea als Ausgangsware vor. Der Anbau beider Arten erfolgt in Mittel- und Südeuropa. Im September werden die im ersten Kultivierungsjahr gebildeten Blattrosetten geerntet, bei 30 bis 50 °C sorgfältig getrocknet und der Extrakt hergestellt.

Wirkmechanismus erforscht

Digitalis wird schon seit über 200 Jahren zur Behandlung von Herzerkrankungen eingesetzt, aber erst in den letzten 20 Jahren wurden die Wirkmechanismen genauer untersucht. Die im Fingerhut enthaltenen herzwirksamen Glykoside steigern die Kontraktionskraft des Herzmuskels (= positiv inotrope Wirkung) und senken seine Schlagfrequenz (= negativ chronotrope Wirkung). Dadurch verringert sich der Sauerstoffbedarf des Herzens. Zugrunde liegt eine Enzymhemmung (der Na+/K+-ATPase), wodurch sich der Gehalt an Calciumionen im Inneren der Herzmuskelzelle erhöht. Infolgedessen zieht sich die Zelle stärker zusammen, und das Herz pumpt mehr sauerstoffreiches Blut in den Kreislauf. Diese Phase der Kontraktion des Herzmuskels heißt Systole. Die Ausdehnungsphase des Herzmuskels, die Diastole, ist verlängert, der venöse Blutdruck sinkt, und in Ödemen gespeichertes Wasser wird ausgeschwemmt.

Digitalis-Präparate werden folglich vor allem bei fortgeschrittener Herzinsuffizienz mit Ödembildung angewendet. Die heute überwiegend verordneten Medikamente enthalten Digoxin und Digitoxin. Beide Substanzen, als Tablette eingenommen, werden im Darm fast vollständig resorbiert. Sie unterscheiden sich vor allem in der Wirkungsdauer. Bei Digoxin tritt die Wirkung schon 60 bis 90 Minuten nach der Einnahme ein, bei Digitoxin erst nach 3 Stunden. Da sich Digoxin im Körper schneller abbaut, ist die Gefahr einer Kumulation geringer als bei Digitoxin-haltigen Medikamenten.

Die Empfindlichkeit des Herzens gegenüber Digitalis-Glykosiden ist stark vom Grad seiner Schädigung abhängig. Deshalb muss der verordnende Arzt in jedem Falle die standardisierten Medikamente individuell dosieren. Außerdem ist die therapeutische Breite der Herzglykoside sehr gering, bereits eine Überdosierung von 60 Prozent kann zu toxischen Erscheinungen führen, was immer wieder beobachtet wird. Folglich sollte der Patient bei der Abgabe eines Digitalis-Präparates darauf hingewiesen werden, auf keinen Fall die Dosis eigenmächtig zu ändern, sondern nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt. Ebenso muss er den Einnahmezeitpunkt gewissenhaft einhalten.

Auch auf Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sollten PTA oder Apotheker den Patienten aufmerksam machen. Zur Hilfestellung für die Beratung führt die Rote Liste 2004 im orangefarbenen Signaturverzeichnis unter H 25 Gegenanzeigen, Anwendungsbeschränkungen, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Intoxikationen der Herzglykoside auf. Zum Beispiel erhöhen Laxantien und Diuretika, die zu Kaliumverlusten führen, die Herzglykosid-Wirkung. Dagegen mindert die Einnahme von Aktivkohle die Wirksamkeit.

van Gogh unter Digitalis

Über Nebenwirkungen klagen durchschnittlich 10 Prozent der Patienten. Schon in therapeutischen Dosen können Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen auftreten. Höhere Dosen verlangsamen den Puls, so dass er kaum noch fühlbar ist, und verstärken die Symptome der Herzinsuffizienz. Sie können Psychosen mit Halluzinationen bis hin zum Delirium hervorrufen. Auch wurden Störungen des Farbsehens wie Gelbsehen und unscharfes Sehen beobachtet, beispielsweise sehen die Betroffenen Höfe um helle Lichtquellen. Es wird vermutet, dass Vincent van Gogh unter dem Einfluss von Digitalis purpurea einige seiner berühmtesten Bilder malte. Van Gogh erhielt Digitalis gegen Depressionen, was zu seiner Zeit durchaus üblich war.

Toxische Dosen lassen den Puls extrem schnell ansteigen, schädigen die Reizleitung und führen zum Herzstillstand. Als Erste-Hilfe-Maßnahme bei einer Digitalis-Vergiftung gilt, Erbrechen auszulösen; selbst bei geringen Mengen muss der Betroffene umgehend einen Arzt oder eine Klinik aufsuchen. Bei schweren Vergiftungen steht ein Digitalis-Antidot mit Digitalis-Antitoxin vom Schaf zur Verfügung, das die Digitoxinmoleküle mit höherer Affinität bindet als die Rezeptoren am Herzen.

Auch Homöopathen verordnen Digitalis ab D4 bei Herzschwäche und Migräne. Die von der Homöopathie bekannte Erstverschlimmerung ist jedoch ungefährlich. Trotz neu entwickelter Arzneimittel gegen Herzinsuffizienz ist die Verordnung von Digitalis-Glykosiden auch noch 200 Jahre nach Witherings Erfolgen gerechtfertigt. Darüber hinaus ist sie relativ preiswert.

 

Anschrift der Verfasserin:
Monika Schulte-Löbbert
Mozartstraße 1
41564 Kaarst



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