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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Rhabarber

Foto: Schöpke

Mehr Elan für den Darm

Ursula Sellerberg, Berlin

Der Rhabarber ist eines der ersten Frühlingsgemüse aus dem heimischen Garten. Seine Stammpflanze, Rheum rhabarbarum L., wurde im 18. Jahrhundert in Europa eingeführt. Mit dem Medizinalrhabarber, Rheum palmatum L., verbindet ihn die gemeinsame Heimat China, jedoch nicht die Wirkung. Die Wurzeln von Rheum palmatumwerden als Abführmittel eingesetzt, aber immer nur kurzfristig. Geringer dosiert wirken alkoholische Auszüge aus der Wurzel adstringierend und helfen bei Entzündungen der Mundschleimhaut.

Rhabarberwurzel, Rhei radix (Ph. Eur.), gehört zu den klassischen Abführmitteldrogen. Die Arzneidroge stammt von Rheum palmatum L., Rheum officinale L. oder Bastarden dieser beiden Arten aus der Familie der Knöterichgewächse (Polygonaceae). Der deutsche Name für Rheum officinale ist Südchinesischer Rhabarber, Rheum palmatum wird Medizinalrhabarber genannt.

Bei Rheum officinale erreichen die Stängel der kräftigen Staude zwei bis drei Meter Höhe. Hauptanbaugebiete und damit auch -lieferanten der Droge sind neben China Russland und Europa. Ins Auge fallen die großen Blätter der Pflanzen: Bei Rheum officinale erreichen sie einen Durchmesser von bis zu 70 cm und bei Rheum palmatum sogar von 90 cm. Die Blätter sind rundlich-herzförmig gelappt, drei bis fünfnervig und an der Oberseite etwas rau.

Die kleinen Blüten blühen von Mai bis Juni. Sie sind weißlich, grünlich oder rosa und stehen in hohen, beblätterten, aufrechten Rispen. Die Droge besteht aus den geschälten, getrockneten unterirdischen Organen, vor allem den rübenförmigen Wurzeln mit vielen kleinen Rhizomen. Die Bezeichnung »Rhizoma Rhei« in älteren Lehrbüchern ist botanisch nicht korrekt.

Rhabarberwurzel enthält 3 bis 12 Prozent Anthrachinon-Derivate. Als Aglyka kommen Rheum-Emodin, Aloe-Emodin, Rhein, Chrysophanol und Physcion vor, die mit verschiedenen Zuckern Glykoside bilden. Daneben enthält die Rhabarberwurzel 5bis 10 Prozent Gerbstoffe.

Teufelskreis vermeiden

Außer in Rhabarber sind Anthraglykoside auch in Aloe, Faulbaumrinde und Sennesblättern enthalten. Der Wirkungsmechanismus dieser dickdarmwirksamen Laxantien ist gleich: Im Dickdarm spalten Bakterien die Anthraglykoside in den Zuckeranteil und das Aglykon. Die Aglyka werden danach teilweise reduziert zu den eigentlich wirksamen Verbindungen, die die Darmschleimhaut reizen. Sie steigern die Schleimproduktion und die Darmbeweglichkeit. Die Darmpassage wird dadurch beschleunigt.

Zusätzlich beruht die abführende Wirkung darauf, dass die Rückresorption von Wasser und Elektrolyten, unter anderem Kalium, im Dickdarm gehemmt wird. Verliert der Körper allerdings zu viel Kalium, kann dies die Darmmuskulatur lähmen. Die Verstopfung aufgrund des Kaliummangels »behandeln« die Patienten wiederum mit dem gleichen Abführmittel. Da das Laxans einen Teil seiner Wirksamkeit eingebüßt hat, erhöhen die Betroffenen in der Folge die Dosis. Um diesen Teufelskreis zu vermeiden, sollten PTA oder Apotheker Patienten mit Verstopfung darauf hinweisen, Anthrachinon-haltige Abführmittel nur kurzfristig einzusetzen. Ohne ärztliche Empfehlung sollten diese Laxantien nicht länger als ein bis zwei Wochen nehmen.

Je nach Dosis abführend oder stopfend

In der Gruppe der Anthrachinon-haltigen Abführmittel nimmt Rhabarber eine Sonderstellung ein: Je nach Dosierung wirkt die Wurzel abführend durch die Anthrachinone oder adstringierend durch die Gerbstoffe. Dies bezeichnen Pharmakologen auch als sich kreuzende Dosis-Wirkungs-Kurve. Gegen Verstopfung helfen 1 bis 2 Gramm (1 bis 2 Teelöffel) der Droge oder 10 bis 15 mg Anthrachinone (berechnet als Rhein). Gegen Durchfall reichen bereits 0,1 bis 0,2 Gramm aus. Gerbstoffreiche Extrakte werden auch lokal bei Entzündungen des Zahnfleischs und der Mundschleimhaut angewendet (zum Beispiel Pyralvex®). In der täglichen Praxis spielt die Droge als Adstringens aber nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Volksmedizin empfiehlt wegen des bitteren Geschmacks der Anthraglykoside den alkoholische Auszug in kleinen Mengen getrunken als appetitanregendes Mittel und bei Magen-Darm-Katarrhen.

Positive Bewertung erhalten

Für die kurzzeitige therapeutische Verwendung bei Verstopfung erhielt Rhabarberwurzel von der Kommission E eine -Positiv-Monographie und auch von der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) eine positive Bewertung. Daher bekam Rhabarberwurzel eine Standardzulassung als Arzneidroge gegen Obstipation und für eine leichte Darmentleerung, etwa nach Operationen am Darmausgang oder bei Menschen mit Hämorrhoiden. Die Wirkung setzt nach acht bis zwölf Stunden ein. Im Beratungsgespräch können PTA oder Apotheker deshalb den Patienten die Einnahme kurz vor dem Schlafengehen empfehlen. 

Auch die Standardzulassung berücksichtigt die dosisabhängige Wirkung der Droge: Für die Teezubereitung wird ein Teelöffel Droge mit 150 ml heißem Wasser übergossen, der Tee muss 10 und 15 Minuten ziehen. Steht die abführende Wirkung im Vordergrund, soll der Anwender ein bis zwei Tassen des Tees über den Tag verteilt oder abends trinken. Gegen Durchfall soll er mehrmals täglich einen Esslöffel des Tees einnehmen.

Rhabarberwurzel wird vor allem als Teedroge verwendet. Der relativ unangenehme Geschmack des Tees lässt sich durch Zusatz von Ingwer, Pfefferminze oder Zimt mildern. Derzeit ist in Deutschland kein allopathisches Fertigarzneimittel mit Rhabarberextrakten gegen Verstopfung im Handel. 

Abführmittel nicht überdosieren

Im Beratungsgespräch sollten PTA oder Apotheker Kunden, die in der Selbstmedikation ein Abführmittel kaufen möchten, darauf hinweisen, dass der Stuhl lediglich erweicht werden soll. Wässriger Durchfall kann ebenso wie krampfartige Beschwerden im Magen-Darm-Bereich Zeichen einer Überdosierung sein. Nach Absetzen des Laxans können einige Tage zum nächsten »normalen« Stuhlgang vergehen. Dies ist durch die weitreichende Entleerung des Darms bedingt und kein Anzeichen einer erneuten Verstopfung. Noch ein weiterer Hinweis für die Kunden: Da die Anthrachinone in den Urin übergehen können, verfärbt sich dieser leicht gelb- oder rotbraun.

Ebenso wie andere Anthraglykosid-haltige Abführmittel darf Rhabarberwurzel nicht bei Darmverschluss eingesetzt werden. Auch Schwangere und Stillende sollten die Droge nicht einnehmen, denn die Wirkstoffe könnten die Gebärmutter erregen oder in die Muttermilch übergehen. Kinder dürfen keine Anthranoid-haltigen Abführmittel einnehmen. Kinder mit anhaltender Verstopfung sollten grundsätzlich einem Arzt vorgestellt werden. Bei welchen Symptomen PTA oder Apotheker den Patienten von der Selbstmedikation abraten und den Arztbesuch empfehlen sollten, zeigt der Kasten.


Grenzen der Selbstmedikation

Symptome, die einen Arztbesuch erforderlich machen

  • krampfartige Bauchschmerzen mit Erbrechen, Fieber oder Übelkeit,
  • Schleim oder Blut im Stuhl,
  • abwechselnd Verstopfung und Durchfall,
  • dünner, bleistiftartiger oder harter, schafskotartiger Stuhl,
  • kein vollständiger oder gar kein Stuhlgang.


Falls die Einnahme einer ausreichenden Menge eines Anthranoid-Laxans nicht innerhalb von zwei Tagen zum Stuhlgang führt, muss der Betroffene unbedingt den Arzt aufsuchen.

Bei Überdosierung der Droge ist ein erhöhter Verlust von Kalium möglich. Diese Gefahr besteht ebenso, wenn die Patienten entgegen der Empfehlung die Droge zu häufig oder zu lange einnehmen. Auch andere Medikamente wie Thiazid-Diuretika, Süßholzwurzel oder Nebennierenrindenhormone können zu Kaliumverlust führen. Der Kaliummangel wiederum kann die Wirkung von Herzglykosiden verstärken. Auf diese mögliche Wechselwirkung sollten PTA oder Apotheker Patienten unter Digitalis-Therapie hinweisen.

Im Unterschied zum Medizinalrhabarber werden Extrakte des Sibirischen Rhabarbers (Rheum rhaponticum) bei Wechseljahresbeschwerden eingesetzt. Die Wurzeln von Rheum rhaponticum enthalten nur geringe Mengen an Anthrachinonglykosiden, dafür aber Estrogen-artig wirksame Stilbenderivate wie Rhaponticin.

Gemüse und kein Obst

Eine der ersten einheimischen »Obstsorten« im Jahr ist der Gemüse- oder Gartenrhabarber, Rheum rhababarum L.. Die mehrjährige Pflanze gehört ebenfalls zur Familie der Knöterichgewächse. Verzehrt werden die fleischigen Stängel, deshalb gilt der Gartenrhabarber im engeren Sinne als Gemüse, nicht als Obst. Das Gemüse ist kalorienarm und reich an Vitamin C und Fruchtsäuren. Die Stängel werden von April bis Juni geerntet und auf vielen Wochenmärkten angeboten.

Die herbe Säure des Rhabarbers ist nicht jedermanns Sache. Wie sauer der Rhabarberstängel ist, kann man an der Farbe erkennen: Je grüner die Schale und das »Fruchtfleisch«, desto mehr Säure ist enthalten. Wer es milder mag, sollte eher rote Stängel auswählen. Abführende Anthrachinone sind nur in sehr geringen Mengen enthalten.

Nach dem Verzehr von Rhabarber werden die Zähne »stumpf«. Ursache dafür ist die reichlich enthaltene Oxalsäure. Oxalsäure reagiert mit Calcium, beispielsweise aus Milchprodukten, zu Calciumoxalat, das an den Zähnen haftet. Dieser Effekt lässt nach, wenn die Stängelstücke vor der Weiterverarbeitung kurz in kochendes Wasser getaucht oder blanchiert werden. Da vor allem die Schale der Stängel Oxalsäure enthalten, sollte man ihn schälen. Das Calcium aus Calciumoxalat kann der Körper nicht verwerten, deshalb gilt Rhabarber auch als »Calciumräuber«. Die Oxalsäure kann außerdem den Magen oder Darm reizen. Menschen mit Magen- und Nierenerkrankungen und solche, die zu Durchfall neigen, sollten ihn nicht in großen Mengen essen. Allerdings muss niemand den Rhabarber ganz vom Speiseplan streichen. Die größte Menge der Oxalsäure sitzt in den ungenießbaren Blättern.


Rhabarber-Bananen-Marmelade

700 g Rhabarber und 250 g Bananen in kleine Stücke schneiden. Mit Gelierzucker im Verhältnis 2:1 mischen und einige Minuten sprudelnd kochen lassen. Noch heiß in Gläser füllen.


 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13 A
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