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Baclofen

Ist Alkoholsucht doch heilbar?


Von Inga Richter / Der französische Kardiologe Olivier Ameisen war davon überzeugt, mithilfe des Muskelrelaxans Baclofen sein Verlangen nach Alkohol erfolgreich bekämpfen zu können. Seine Erfahrungen beschrieb er in seinem Buch »Das Ende meiner Sucht«. In Frankreich erhielt das Medikament dieses Jahr eine Sonder­zulassung zur Behandlung der Alkoholkrankheit. In Deutschland können Ärzte diese Substanz nur »Off-Label« verschreiben.

 

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Das Verlangen eines Süchtigen nach seinem Suchtmittel ist wie der Hunger eines Verhungernden, schreibt Olivier Ameisen. Dieselben Hormone werden freigesetzt, dieselben Gehirnregionen aktiviert. Das Gehirn stuft Alkohol als lebensnotwendig ein. »Der Gedanke an das Suchtmittel kann sich in den ruhigsten Momenten in das Bewusstsein des Süchtigen einschleichen und schnell das ganze Denken ausfüllen«, so Ameisen. Vernunft, Scham und Selbsthass konnten ihn nicht aufhalten. Als würde ein anderer seinen Körper kontrollieren, zog er los und kaufte Schnaps.




Auch wenn manchen ihre Lage hoffnungslos erscheint: Es gibt Auswege aus der Sucht.

Foto: Photocase/Tinvo


»Das Craving, die Gier nach dem Suchtmittel trotz bekannter schädigender Auswirkung, ist wahrscheinlich das wesentliche Symptom einer Sucht­störung«, erklärt Dr. Cornelia Weigel vom SuchtHilfeZentrum Gießen. Dort bietet sie seit 2011 Sprechstunden an, in denen sie Fragen zur medikamentengestützten Behandlung der Alkohol­erkrankung mit Baclofen beantwortet. Dieser zerstörerischen Gier zu widerstehen – selbst nach vielen Therapieversuchen, bezeichnete Ameisen in einer Rede aus dem Jahr 2012 »als Tortur, welche in 90 Prozent zum Rückfall führt.«

»Die Alkoholabhängigkeit geht sowohl mit neuronalen als auch psychischen Veränderungen einher«, erklärt Weigel. Bier, Wein und Schnaps bringen das Gleichgewicht der Botenstoffe in Unordnung, die unser Befinden regulieren. Zunächst sorgen die Getränke für eine vermehrte Ausschüttung des »Glückshormons« Dopamin sowie von körpereigenen Opioiden.

Hochgefühle stellen sich ein, Ängste verschwinden. Eine bedeutende Rolle in diesem Zusammenhang spielt auch der wichtigste hemmende Neurotransmitter: die Gamma-Amino-Buttersäure (GABA). Bindet GABA an die GABA-Rezeptoren, erzeugt dies einen entspannten Zustand, ebenso wie Alkohol. Bei chronischem Alkoholkonsum jedoch hat sich das neuronale System an die Reizverstärkung gewöhnt. Ohne diese ist der Körper irgendwann nicht mehr in der Lage, die angenehme Gemütslage herzustellen. Im Gegenteil: Bleibt die Alkoholzufuhr aus, gewinnt der Gegenspieler von GABA, das Glutamat, die Oberhand. Glutamat wirkt erregend, die Betroffenen fühlen sich unruhig, sind nervös und ihre Hände beginnen zu zittern.

Der Arzneistoff Baclofen imitiert die Alkoholwirkung, allerdings ohne euphorisch oder süchtig zu machen. »Baclofen bewirkt eine verstärkte Ausschüttung von GABA über den GABA-B-Rezeptor«, so die Fachärztin.

Mehrfachwirkung belegt

Baclofen ist seit etwa 40 Jahren zugelassen als Muskelrelaxans für Patienten mit Spastiken und Multipler Sklerose. Schon 1976 ergaben sich erste Hinweise auf den Anti-Craving-Effekt der Substanz. Weitere Studien belegten, dass die Wirkung am GABA-B-Rezeptor nicht nur die Gier nach Alkohol verringerte, sondern auch die Entzugs­erscheinungen, Angststörungen und Depressionen.

Zwar hat Ameisen Baclofen nicht entdeckt, jedoch fügte er als erster die vorliegenden, verschiedenen Unter­suchungen in einer Art Behandlungsprotokoll zusammen. »Seit 20 Jahren wird Baclofen gegen Alkoholismus am Menschen erprobt«, sagte er 2012, »allerdings ohne bessere Wirkung als die Referenz-Medikationen«. Seine Folgerung: Die Dosierung von 30 mg sei zu gering. Er fand heraus, dass selbst bei Einnahme des Vierfachen der Höchstdosis von 75 mg keine irreversiblen Begleiterscheinungen auftraten.

Um Therapie gefährdende Nebenwirkungen zu vermeiden oder möglichst gering zu halten, muss das Medikament allerdings sehr langsam auf­dosiert werden. Mit diesem Wissen behandelte Ameisen sich selbst und erlangte so eine »völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Alkohol«.

Der Kardiologe schrieb sein Buch, »um Ärzte und Patienten wach zu rütteln und damit Leben zu retten.« In Frankreich ging die Strategie auf. 2008 erschien »Le dernier verre« (Das letzte Glas). Seitdem steigen dort die Verkaufszahlen von Baclofen rasant. Obwohl das Medikament für diese Indikation eigentlich nicht erstattungsfähig ist, verschrieben im Jahr 2012 laut Angaben der staatlichen Krankenver­sicherung (CNAMTS) trotz des Off-Label-Use etwa 10 000 französische Ärzte rund 50 000 Patienten Baclofen auf Kassenkosten. Vermutlich dürften Verordnungen auf Privatrezept noch häufiger erfolgt sein. Befürworter der Behandlung mit Baclofen halten die offiziellen Verordnungszahlen bei zwei Millionen Alkoholikern und sechs Millionen exzessiven Trinkern in Frankreich immer noch für zu gering. Als Grund sehen sie den Off-Label-Status an, der Ärzten die Verschreibung nur in Ausnahmefällen erlaube und für viele daher eine Hemmschwelle bedeute. Dadurch würde schwerstkranken Patienten eine wirksame Behandlung vorenthalten. Die Anhänger fordern die Marktzulassung von Baclofen als Medikament gegen Alkoholsucht. Eine Erweiterung der Zulassung bedarf jedoch wissenschaftlich anerkannter, teurer Studien und das für ein Arzneimittel, das laut Ameisen »nichts kostet und keinen Profit abwirft«.

Datenlage verbessert

Bislang bestand die Datenlage aus Erfahrungsberichten und kleineren Untersuchungen. Eine von vielen ist eine Dissertation an der Université Descartes aus dem Jahr 2011: Vor Beginn der Behandlung tranken die 132 Teilnehmer im Durchschnitt 182 g Alkohol täglich. Das sind 4,5 Liter Bier oder 1,8 Liter Wein. Bei Dosierungen von durchschnittlich 130 mg Baclofen waren nach einem Jahr 59 Prozent von ihnen abstinent, weitere 21 Prozent hatten ihren Konsum auf ein moderates Level verringert. Unter einem moderaten Konsum versteht die WHO bei Frauen weniger als 10 g Reinalkohol und bei Männern weniger als 20 g pro Tag. »Sehr ähnliche Ergebnisse zeigen sich sowohl in anderen Publikationen, im Gespräch mit behandelnden Kollegen sowie auch in unseren eigenen Untersuchungen«, sagt Weigel.

Die Suchttherapie scheint sich im Wandel zu befinden, wie auch deren Zielsetzung. Sahen Suchtmediziner bisher die Abstinenz als obersten und einzigen Endpunkt an, betrachten einige inzwischen auch den langfristig moderaten Konsum als Therapieerfolg. Ist Baclofen also eine Pille für kontrolliertes Trinken? »Definitiv nein«, sagt Weigel, »das sind zwei Paar Schuhe, die nur zu gern vermischt werden.« Menschen mit langer »Suchtkarriere« würde nach wie vor dringend die Abstinenz empfohlen.

Totaler Verzicht zu schwer

Dennoch hätten über 100 Jahre Abstinenzparadigma gezeigt, dass vielen der totale Alkoholverzicht auf Dauer nicht gelingt. Die Reduktion der Trinkmenge auf ein geringes Niveau verbessere jedoch immens den Gesundheitszustand und die Lebensqualität Alkoholabhängiger. »Das ist zwar auch kontrolliertes Trinken, aber nicht unbedingt das, was so mancher gerne hineininterpretieren möchte.«

In Frankreich ist es den Baclofen-Patientenvereinigungen und engagierten Ärzten letztlich gelungen, zwei klinische Studien mit der erforderlichen Evidenz durchzuboxen. Sie erfassten insgesamt mehr als 600 Patienten an über 40 Suchtzentren und wurden dieses Jahr abgeschlossen. Bei positiven Ergebnissen stünde einer regulären Marktzulassung nichts mehr im Wege. Das könnte »auch die Verschreibungspraxis in Deutschland erleichtern«, hofft Weigel. Zwar werden die Ergebnisse erst am 26. November dieses Jahres vorgestellt. Doch auch ohne diese normalerweise erforderlichen Ergebnisse abzuwarten, erhielt Baclofen im Nachbarland als erstes Arzneimittel eine vorgezogene, auf drei Jahre beschränkte Sonderzulassung für die Behandlung des Alkoholismus.

»Nach Analyse der bisher vorhandenen Daten führte auch eine Abwägung von Nutzen und Risiken dieses Medikaments unter gewissen Bedingungen zu einer positiven Beurteilung«, begründete die nationale französische Agentur zur Überwachung der Arzneimittelsicherheit (Agence nationale de sécurité du médicament et des produits de santé, ANSM) diesen Schritt in einer Pressemitteilung vom 14. März.

In der deutschen Presse übertönen die Stimmen der Kritiker nach wie vor die der Befürworter. Machen es sich die Süchtigen womöglich zu einfach? Schlucken sie eine vermeintliche Zauberpille, statt den beschwerlichen Weg einer Suchttherapie zu gehen? Weigel betont, Baclofen sei zwar ein sehr gutes Medikament, aber kein Wundermittel: »Ohne den festen Willen der Betrof­fenen, gegen ihre Abhängigkeit anzu­gehen, nutzt auch Baclofen nichts.« Es wirke unterstützend, sagt die Expertin und ergänzt, nur Patienten ohne Craving wären in der Lage, ihre Situation zu reflektieren und aus einer Therapie Nutzen zu ziehen. /


Vergleich der medikamentösen Therapien bei Alkoholismus

Medikament Wirkweise Nutzen 
Acamprosat (Campral®) Schwächt die Überreizung des Nervensystems durch Reduktion von Glutamat. NNT = 12 
Naltrexon (Nemexin®) Blockiert Opiatrezeptoren und hemmt die Freisetzung von Dopamin: Das Wohlbefinden durch Alkohol stellt sich nicht ein. NNT = 20 
Disulfiram (Antabus®) Hemmt den Alkoholabbau, sodass sich Acetaldehyd anreichert und in Kombination mit Alkohol zu starken Unverträglichkeitsreaktionen führt. variierende Studienergebnisse; nicht mehr zugelassen 
Nalmefen (Selincro®) siehe Naltrexon NNT = 5 
Baclofen Beruhigt das Nervensystem durch die Wirkung auf GABA-B Rezeptoren. NNT = 2 

Number needed to treat (NNT) bezieht sich auf die Zahl der Patienten, die von einer Behandlung profitieren, NNT = 12 bedeutet: Einer von zwölf Patienten profitiert von der Behandlung. Je nach Studie variieren die NNT-Werte leicht.



Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2014

 

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