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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Efeu



Foto: Sertürner

Vom Hochzeitsgeschenk zum Hustenmittel

von Ulrich Meyer, Berlin

Während sich die Pflanzenwelt im Herbst und Winter zurückzieht, kommen zwei Baumbewohner nun erst recht zur Geltung: Hoch oben in den Wipfeln prangt die Mistel, deren Kugelbüsche bald reiche Früchte tragen. An den Baumstämmen, aber auch Mauern und Hauswänden windet sich der Efeu hoch. Schon der lateinische Artname Hedera helix spielt auf dieses Klettern an, denn Helix bedeutet Spirale.

Der Efeu erweist sich wie die Mistel als botanischer Sonderling, der einen ganz eigenen Lebensrhythmus pflegt. Er blüht erst nach vielen Jahren des Wachstums im Herbst, bildet im Winter grüne Früchte und bringt diese im Frühjahr zu Reife; die schwarzen Beeren dienen in der Zeit der Futternot vielen Tieren als willkommene Nahrung.

Treuegeschenk für die Bräute der Antike

Der eigenwillige Efeu zeigt sich trotz seines unzeitgemäßen Blühens und Fruchtens als sehr zählebig: 200 bis 300 Jahre alte Exemplare mit dicken Stämmen sind keine Seltenheit. Dem Christentum galt und gilt die immergrüne Pflanze daher als Zeichen ewigen Lebens. Efeu ist auf Friedhöfen, an Klöstern und Kirchen häufig anzutreffen. Im Unterschied zur Mistel besitzt Hedera helix keine Saugwurzeln, die das Wasserleitgewebe eines Wirtes anzuzapfen vermögen. Der Efeu hält sich vielmehr mit einer Unzahl kleiner Haftwurzeln wie ein Tausendfüßler selbst an glattesten Flächen fest. Diese "Anhänglichkeit" ließ ihn in der Antike zum Symbol weiblicher Treue und Anlehnung werden. So überreichte der griechische Priester dem jungen Brautpaar bei der Eheschlieþung eine Efeuranke.

Efeu-Extrakt löst Schleim und Krampf

Junge Paare, oder um genau zu sein, junge Eltern wissen den Efeu auch heute zu schätzen. Zubereitungen aus den Blättern haben sich in der Behandlung von Husten und Bronchitis besonders bei Kindern sehr bewährt. Efeu-Extrakten kommt eine schleimlösende und expektorierende Wirkung zu, die der von Ambroxol durchaus entspricht. Besonders hervorzuheben ist im Unterschied zu anderen Sekretolytika die gleichzeitig vorhandene krampflösende Wirkung, die an Bronchospasmolytika wie Fenoterol erinnert und sich auch in der Lungenfunktionsprüfung bestätigen lässt. Dieser Effekt ist bei der unterstützenden Behandlung des Keuchhustens und bei chronisch-obstruktiven Bronchialerkrankungen von Nutzen.

Für die Wirksamkeit des Efeus sind Triterpensaponine hauptverantwortlich, doch tragen wahrscheinlich auch andere Extrakt-Bestandteile wie Flavonoide und diverse Pflanzensäuren zum therapeutischen Effekt bei. Die Anwendung kann peroral in Form von Saft, Tropfen, Brause- beziehungsweise Filmtablette oder bei entsprechend höherer Dosierung als Suppositorium erfolgen. Die abendliche rektale Gabe erweist sich besonders dann als hilfreich, wenn die Kinder mit nächtlichen Hustenanfällen kämpfen und der Schlaf - oft der ganzen Familie! - unter diesen Attacken leidet. Gelegentlich werden Efeu-Tropfen nach entsprechender Verdünnung auch zur Aerosol-Therapie mittels Kaltluftvernebler eingesetzt. Als Teedroge spielt Efeu heute keine Rolle mehr, definierten Extrakten ist eindeutig der Vorzug zu geben! Gegenanzeigen sowie Neben- und Wechselwirkungen konnte die Kommission E für Efeu-Zubereitungen in der Literatur nicht feststellen.

Eine botanische Rarität

Obwohl die ganze Zeit von "den" Efeu-Blättern die Rede war, gibt es "die" übrigens nicht. Bei genauerer Betrachtung stellt man bald fest, dass auf einer Pflanze zwei Blattformen zu Hause sind. Der Efeu ist das klassische Beispiel für die Heterophyllie, die Verschieden-Blättrigkeit: Während seine jungen Blätter die uns bekannte und "typische" drei- bis fünffach gelappte Form und weiße Adern zeigen, sind seine Altersblätter ganzrandig, oval zugespitzt und einheitlich grün. Letztere treten nur an den blühenden Trieben auf, die der Efeu erst nach acht bis zehn Jahren ausbildet und die dem Licht zustreben. Auch eine scheinbar vertraute Allerweltspflanze wie der Efeu lohnt also einen zweiten Blick - gerade im Herbst, wenn seine halbkugeligen Blütendolden an warmen und sonnigen Tagen letzte Insektennahrung bieten! Genaue Naturbetrachtung spricht auch aus folgendem Gedicht, das von einem Bischof stammt:

Beständig kriecht es
Durch den Wald
Mit langen, grünen Trieben,
An jedem Baume macht es halt,
An manchem ist's geblieben;
Bis hoch hinauf zum Wipfel fast
Mit ungezählten Sprossen
Hat es den Stamm und jeden Ast
Ins grüne Netz geschlossen.
Der Efeu ist's! Sein Laub so blank
Zeigt vielerlei Gestalten.
Erst spät im Jahr wird sein Gerank
Den Blütenschmuck entfalten...

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



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