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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Echte Schlüsselblume

Foto: Schöpke

Mildes Expektorans bei Husten und Bronchitis

Gerhard Gensthaler, München

Die Gattung der Schlüsselblumen ist sehr artenreich, weltweit wachsen mehr als 600 Spezies in gemäßigten Zonen bis zu 1700 Metern Höhe und sogar im Himalaja. In Europa kommen weit über 30 verschiedene Arten vor. Während die Menschen im Mittelalter die Heilpflanze gegen zahlreiche Beschwerden wie Gicht, Gliederschmerzen oder zur Herzstärkung einsetzten, hat sich bis heute ihre Wirkung als mildes Expektorans bewährt.

Die Echte Schlüsselblume (Primula veris L.) gehört zur Gattung der Primulaceae und hieß früher Primula officinalis. Der botanische Name stammt aus dem Lateinischen: »Primula« ist eine Verkleinerungsform von prima (= die erste), »veris« leitet sich von ver (= der Frühling) ab, somit lautet die wörtliche Übersetzung also »Frühlingserstling«. Noch heute heißt die Echte Schlüsselblume vielfach auch Wiesen-Schlüsselblume oder Wiesen-Primel. Darüber hinaus existieren viele ältere und mundartliche Bezeichnungen für Primula veris, so zum Beispiel Arznei-Primel, Himmelsschlüssel, Auritzel, Allelujableaml, Maiblümel, Petriblume und Fünfwundenblume. Die Engländer nennen sie Cowslip, die Franzosen Primevère officinale oder coucou und die Italiener Primavera. 

Schon im Mittelalter erwähnten zahlreiche Heilkundige die Schlüsselblume als Arzneipflanze und empfahlen sie unter anderem zur Wundbehandlung, als Herztonikum, bei Kopf- und Gliederschmerzen sowie bei Gicht und Ohnmacht. Im Kräuterbuch des Arztes, Apothekers und Botanikers Jacob Theodor Tabernaemontanus (1522 bis 1590) steht eine interessante Zubereitung der Schlüsselblume: »… Etliche Artzte nehmen die Wurtzel von den Schlüsselblumen / thun darzu Calmus und Eysopwurtzel / und schwartzen Pfeffer / zerschneiden und zerstossen solche stück / binden sie in ein seiden Tüchlein / und henckens zwen und drey tage in Brandtenwein oder in andere AQUAS VITAE, darnach vermischen sie solchs mit Schlüsselblumen und Endivienwasser / geben davon dem Krancken drey oder vier loth zu trincken ... «

Schlüssel für den Frühlingshimmel

Die Echte Schlüsselblume ist eine mehrjährige, krautige Pflanze, die mit einem Rhizom überwintert. Sie wird etwa 10 bis 30 cm hoch und wächst in kleineren bis größeren Gruppen. Die länglichen und gestielten Laubblätter stehen in einer grundständigen Rosette und werden bis zu 15 cm lang. Die dunkelgrüne Blattoberseite ist runzelig, ihre hellgrüne Unterseite kann weich behaart oder auch kahl sein. Der wellige Blattrand besitzt eine unregelmäßige Zähnung und rollt sich bei jungen Blättern nach unten ein. Eine vielblütige, endständige und immer nach einer Seite hängende Dolde schließt den blattlosen, behaarten Stängel ab. Die fünf dottergelben Kronblätter der einzelnen Blüte sind an ihrer Basis zu einer Röhre verwachsen.

Primula veris entwickelt innerhalb der gleichen Art zwei unterschiedliche Griffellängen. Dieses Phänomen unterschiedlicher Blütenformen innerhalb einer Pflanzenart nennen Botaniker Heterostylie. Es dient dazu, Selbstbestäubung zu vermeiden und Fremdbestäubung zu unterstützen. Nur Insekten mit einem langem Rüssel wie Hummeln oder Falter können die Pflanze bestäuben. Die Röhre aus den Kronblättern wird außen von einem fünfzipfeligen, verwachsenen Kelch umhüllt. Aus dem Fruchtknoten entwickelt sich eine 5 bis 10 mm lange, vom Kelch umgebene, ovale Kapselfrucht. In der Reife öffnen sich zehn Kapselzähnchen und entlassen die zahlreichen Samen. Die Kapselzähnchen reagieren sehr sensibel auf ihre Umgebung: Bei feuchtem Wetter schließen sie sich und geben den Samen erst wieder bei Trockenheit frei. 

Die Echte Schlüsselblume dient mehreren Schmetterlingsraupen als Futterpflanze, darunter der Raupe des Schlüsselblumen-Würfelfalters, dessen Bestand gefährdet ist. Enge Verwandte des ersten Frühlingsboten sind die Hohe Schlüsselblume (Primula elatior (L.) HILL.) und die Stängellose Schlüsselblume (Primula vulgaris HUDS). Die drei Arten sind jedoch in Blütenfarbe und Wuchshöhe verschieden. Von der Hohen Schlüsselblume unterscheidet sich die Echte Schlüsselblume durch ihre dottergelben, stark duftenden Blüten mit ihren fünf orangefarbenen Flecken (Saftmal) kurz oberhalb der Kronröhre. Die Blüten der Hohen Schlüsselblume sind fahlgelb und ohne Saftmal. Beide Arten blühen von April bis Juni.  

Die Echte Schlüsselblume bildet mit der Stängellosen Schlüsselblume Hybride, Primula x variabilis genannt. Diese kalkliebende Pflanze kommt in ganz Europa und Vorderasien vor, sogar bis in Höhen von 1700 Metern, nur im Süden der Mittelmeerländer und im äußersten Norden wächst sie nicht. Als Standorte bevorzugt sie trockene und sonnige Wiesen, lichte Wälder, Waldränder und Waldeinschläge.

Blüten und Wurzeln sowohl der Echten als auch der Hohen Schlüsselblume werden als Droge genutzt. Der Teeaufguss wirkt schleimlösend und expectorierend. Die Wurzeln enthalten 5 bis 10 Prozent an Triterpensaponinen, die als Glykoside vorliegen, und außerdem Phenolglykoside wie Primulaverin und Primverin. Bei Verletzung der Wurzel werden die Glykoside enzymatisch gespalten und es entsteht Methoxymethylsalicylat mit seinem typischen Geruch. 

Die Blüten enthalten geringe Mengen, bis 2 Prozent, an Saponinen in den Kelchblättern, dafür mehr Flavonoide wie Rutin, Quercetin und Gossypetin sowie Carotinoide.

Drei Monographien im Arzneibuch 

Das Europäische Arzneibuch kennt drei Drogenarten, die von Primula veris L. und/oder Primula elatior (L.) HILL. stammen:

  • Primulae flos cum calycibus, die getrockneten, ganzen Blüten mit Kelchen.
  • Primulae flos sine calycibus, die Schlüsselblumenblüten ohne Kelch, also die nach Entfernung des Kelches sorgfältig getrockneten Blüten.
  • Primulae radix, den getrockneten Wurzelstock mit Wurzeln.

Da im Spätherbst der Saponingehalt und auch das Gewicht am höchsten sind, werden die Wurzeln zu diesem Zeitpunkt geerntet und schonend getrocknet. Die Blüten müssen in den Monaten April bis Mai geerntet werden. Die getrockneten Blüten sind grün, wohlriechend und schmecken süßlich, der Wurzelstock dagegen kratzend.

Wegen des Saponingehaltes werden die Rhizome einschließlich der Wurzeln (Primulae radix) als Expectorans bei Bronchitis, Bronchialkatarrh und Erkältungskrankheiten verwendet. Saponine wirken auf den Nervus vagus in der Magenschleimhaut und fördern in den Bronchien reflektorisch die Wassersekretion. Daraus ergibt sich der sekretolytische und hustenstillende Effekt, der für die meisten saponinhaltigen Drogen charakteristisch ist. Die Salicylsäure-Derivate wirken entzündungshemmend. 

Die Arzneipflanze hat sich gerade bei festsitzendem Husten bewährt. Sie wirkt besonders gut bei älteren Menschen (Altershusten) und entlastet gleichzeitig den Kreislauf, da sie die Wasserausscheidung verstärkt. Aus diesem Grund findet die Schlüsselblume auch Anwendung bei Rheuma, Gicht und Neuralgien. 

Sowohl die Kommission E als auch die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapie) empfehlen Primulae radix bei Katarrhen der Luftwege. Die ESCOP bewertete 1997 zusätzlich den Einsatz bei produktivem Husten und chronischer Bronchitis positiv. Die Einzeldosis beträgt 0,5 g Droge, die Tagesdosis 1 g.

Wer aus der Wurzeldroge einen Tee herstellen möchte, muss eine Teelöffelspitze (nur 0,5 g) der Droge grob zermahlen und mit kaltem Wasser ansetzen. Danach lässt man den Aufguss kurz sieden und fünf Minuten ziehen. Die Patienten sollen davon mehrmals täglich 1 Tasse heiß trinken.

Die Primelblüten werden ebenfalls als Expectorans bei Husten und Erkältung genutzt. Auch zu dieser Droge liegt eine positive Monographie der Deutschen Kommission E sowie der ESCOP vor. Die Blüten wirken viel milder als die Wurzeln. Als mittlere Tagesdosis werden 3 g Droge angegeben. Für einen Tee übergießt der Patient etwa 2 g (1 Teelöffel) Blüten mit heißem Wasser und lässt 5 Minuten ziehen. Von dem Tee trinken Erkältete oder Menschen mit Husten am besten ein bis drei Tassen täglich. Die Primelblüten sind häufiger Bestandteil von Asthma-, Bronchial- und Hustentees, die Wurzel ist nur in wenigen Mischungen enthalten, zum Beispiel in Instant-Tees. Sehr häufig kommt die Droge auch als Tinktur mit derselben Indikation zum Einsatz. Von der Tinktur nehmen die Patienten je nach Intensität der Beschwerden ein- bis dreimal täglich 10 bis 50 Tropfen. Als Tagesdosis gelten 7,5 g Tinktur. Bei Überdosierung kommt es zu Erbrechen und Durchfall. Wechselwirkungen oder Vergiftungen sind bisher nicht bekannt. 

Auch Homöopathen setzen die Schlüsselblume ein. Im homöopathischen Arzneibuch (HAB) steht die Monographie der frischen, blühenden Pflanze unter Primula veris HAB 34. Bewährte Indikationen sind Hautausschläge und Kopfschmerzen.

Wildsammlung verboten

Die schon seit dem Mittelalter bekannte Primelwurzel wurde zeitweise durch die Überseedroge Radix Senegae, die Klapperschlangenwurzel, verdrängt. Diese Pflanze ist in den mittleren und westlichen USA heimisch und wurde gegen Katarrhe der Atemwege sowie als Expectorans bei Bronchitis eingesetzt. Als im Ersten Weltkrieg die Senegawurzel nicht mehr aus Übersee geliefert wurde, gewann die Primelwurzel ihre Bedeutung zurück und hieß vorübergehend Radix Senegae germanicae. 

Die oberirdischen Teile aller Primula-Arten haben aufgrund ihres Gehaltes an Primin eine starke Sensibilisierungspotenz. Daher können sehr empfindliche Menschen durch Berührung der Pflanze einen juckenden Ausschlag bekommen. Die Rhizome der Schlüsselblume wurden früher auch als Niespulver verwendet, die  Blüten eignen sich zum Ostereier färben. Da die Deutsche Bundesartenschutzverordnung die ganze Pflanze als besonders geschützt bezeichnet, ist das Sammeln allerdings verboten.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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