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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Taigawurzel

Foto: Ratiopharm

Eleutherococcus als Multitalent

von Gerhard Gensthaler, München

Weltweit werden schätzungsweise mehr als 20 Millionen Patienten pro Jahr mit der "Zauberwurzel" aus der Taiga behandelt. Sowjetische Olympiateams nahmen sie zur Leistungssteigerung, nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wurde sie an Tausende von Ukrainern und Russen verteilt, um Strahlenschäden zu minimieren.

Die Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus) wird in der chinesischen Medizin seit Jahrtausenden eingesetzt. Die erste bekannte Erwähnung im Schrifttum stammt aus dem "Shennung's Herbal" um 2000 v. Chr. Die Wurzel wurde traditionell zur Steigerung der Vitalität sowie zur Verhütung von Atemwegsinfektionen angewendet. In Russland wurde die Wurzel bei der Bevölkerung Sibiriens populär, weil sie die Leistungsfähigkeit steigerte und Infektionen verminderte. Russische Wissenschaftler entdeckten die alte Heilpflanze in den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder; sie sollte zunächst den teuren und in Russland knappen Ginseng (Panax ginseng) ersetzen.

Die aus der Kälte kommt

Die Taigawurzel wächst in Wäldern und an Waldrändern vorwiegend in Südostsibirien sowie in den mittleren Amurgebieten. In diesen Regionen bilden die Eleutherococcus-Sträucher ein ausgedehntes Buschwerk in den dichten Koniferenwäldern. Eleutherococcus senticosus ist ein mehrjähriger Strauch, der zwei bis drei Meter, selten bis zu sieben Meter hoch wächst. Er gehört zur Familie der Araliaceen und ist höchst widerstandsfähig. Die Gattung Eleutherococcus umfasst 30 Arten.

Der wissenschaftliche Name leitet sich von zwei griechischen Worten ab: eleuderos = frei und kokkus = Samen, Korn. Der Zusatz "senticosus" ist lateinischen Ursprungs und bedeutet dornenreich, was auf die circa fünf Millimeter langen, schräg nach unten stehenden Dornen an den Zweigen hinweist. Auf Grund dieser Dornen wird der Strauch auch Teufelsbusch, Teufelsbaum oder Stachelpanax genannt.

Die Blätter von Eleutherococcus senticosus sind ähnlich wie bei Rosskastanien fünfzählig gefingert. Die Pflanze ist zweihäusig: Der weibliche Strauch bringt gelbliche Blüten hervor, der männliche blauviolette Blüten in Dolden. Im September und Oktober reifen die schwarzen, etwa ein Zentimeter großen Beeren, die sechs abgeplattete Samen in sternförmiger Anordnung enthalten.

Aus Wurzel und Rhizom der in Russland nur aus kontrollierten Wildsammlungen gewonnenen Pflanzen wird im Durchflussverfahren mit 40-prozentigem Ethanol ein Fluidextrakt hergestellt. Dieser wird unter Zusatz von geeigneten Trägerstoffen eingedampft, anschließend sprühgetrocknet und homogenisiert. So erhält man den Trockenextrakt, der dann weiter verarbeitet wird. Der Gehalt an Droge muss nach Ph. Eur. 4. Ausgabe mindestens 6 Prozent betragen.

Bisher wurden aus den verschiedenen Pflanzenteilen mehr als fünfzig Inhaltsstoffe, überwiegend Glykoside, isoliert. Die Pflanze liefert in der Hauptsache Phenylpropane, Lignane, Cumarine, Flavone, Phytosterole und Triterpensaponine. Die Wurzeln enthalten vorwiegend Phenylpropane, während in den Stängel neben mindestens sieben Eleutherosiden hauptsächlich Flavone vorkommen. Der Wirkstoffgehalt schwankt jahreszeitlich bedingt. In der pharmazeutisch verwendeten Wurzel finden sich die höchsten Werte im Mai und Oktober, die niedrigsten im Juli.

Stress besser ertragen

Die Wirkung der Taigawurzel ist in mehreren hundert, meist russischen Originalarbeiten beschrieben worden. Neben eindrucksvollen Effekten auf das Immunsystem konnten in wissenschaftlichen Laboruntersuchungen auch antivirale Wirkungen nachgewiesen werden. Am umfassendsten belegt sind die immunmodulierenden beziehungsweise immunstabilisierenden Wirkungen, die neuroendokrinen Effekte, die adaptogenen und Stressresistenz verbessernden Wirkungen sowie die Steigerung der geistigen und physischen Leistungsfähigkeit.

Die adaptogene Wirkung (siehe Kasten) der Taigawurzel bei stressbedingten Belastungen des menschlichen Organismus wurde in mindestens 30 klinischen Studien, vorwiegend in Russland, geprüft. Insgesamt wurden mehr als 2100 Personen im Alter zwischen 19 und 72 Jahren verschiedenen Stressoren wie Hitze, Lärm oder erhöhten Leistungsanforderungen ausgesetzt. In den teilweise gegen Placebo kontrollierten russischen Studien vertrugen die Teilnehmer nach Gabe des Adaptogens Taigawurzel beispielsweise Lärm, Hitze oder Kälte besser, die toxischen Wirkungen etwa von Strahlenbehandlungen waren abgeschwächt und die Lebertoxizität von Alkohol verringert.



Was bedeutet adaptogen?

Als Adaptogene gelten Stoffe, die den Organismus in einen Zustand des unspezifisch erhöhten Widerstandes versetzen können und ihn damit befähigen, einwirkende Stressoren besser abwehren und sich außergewöhnlichen Belastungen besser anpassen zu können. Ein Adaptogen soll die allgemeine Widerstandskraft gegen physikalische, chemische und biologische Stressoren erhöhen, ungiftig sein und Körperfunktionen normalisieren.



In der Monographie von Hagers Handbuch sind klinische Daten aufgeführt, die die antiviralen Effekte von Taigawurzel in der Praxis bestätigen. In einer kontrollierten Doppelblindstudie wirkte Taigawurzel gegenüber Influenza-Virus-Infektionen und anderen akuten Atemwegserkrankungen prophylaktisch. Die Gabe erst nach Beginn der Influenza-Epidemie verringerte zwar nicht die Erkrankungsrate, wohl aber die typischen Komplikationen wie Lungenentzündungen, Erkrankungen der Bronchien und der Nasennebenhöhlen sowie Ohrenentzündungen. Insgesamt verlief die Infektion bei den meisten Menschen leichter.

Ausreichende Dosis nötig

Nach umfangreichen Studien wurde der Flüssigextrakt in der Sowjetunion ab 1962 in die medizinische Praxis eingeführt. Eleutherococcus-Extrakt ist dort als Teezubereitung, Sirup und Tropfen weit verbreitet. Insbesondere Kinder und ältere Personen nehmen ihn kurz vor oder mit Beginn der Infektion kurmäßig ein. Klinische Untersuchungen mit über 20.000 Personen ergaben keinen Hinweis auf eine akute Toxizität. Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht bekannt.

In Deutschland sind Extrakte aus der Taigawurzel in Form von Lösungen oder Dragees seit etwa zwanzig Jahren verfügbar. In Übereinstimmung mit Arzneibuchmonographien werden als Arzneimittel zugelassene Taigawurzel-Präparate zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeitserscheinungen und Schwächegefühl, nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie in der Rekonvaleszenz angewandt.

Als Gegenanzeige gilt Bluthochdruck. Ebenso sollten Schwangere in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten und Kinder unter 12 Jahren Präparate mit Taigawurzel mangels ausreichender Daten nicht einnehmen. Die Tagesdosis beträgt 2 bis 3 Gramm Droge. Die Dauer der Anwendung beträgt in der Regel bis zu drei Monaten. Eine erneute Anwendung ist nach einer Pause von zwei bis drei Wochen möglich.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Gerhard Gensthaler
Fafnerstraße 33
80639 München



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