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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Gelber Enzian

Foto: Schöpke

Bittere Wurzel unterstützt Magen und Darm

von Ursula Sellerberg, Berlin

Blau, blau, blau blüht der Enzian im Schlager und vielfältig in der Natur. Pharmazeutisch spielt allerdings nur der Gelbe Enzian eine Rolle, der sich bei Verdauungsstörungen und Appetitlosigkeit bewährt hat. Seine Wurzel ist die bitterste einheimische Arzneidroge.

Der Gelbe Enzian heißt botanisch Gentiana lutea und gehört zur Familie der Enziangewächse (Gentianaceae). Der Gattungsname Gentiana stammt ab vom sagenhaften König Gentis oder Gentium, der die Staude gegen die Pest empfahl. Lutea ist lateinisch und heißt gelb. Die Pflanze wird seit der Zeit der römischen Kaiser als Bittermittel verwendet. Der große Arzt des Altertums, Galen von Pergamon (129 bis 199 n. Chr.) empfahl sie gegen Gicht und bescheinigte ihr große Reinigungskraft, die die kranken Säfte "verzehre" und die Verstopfung "öffne". Die Volksheilkunde nutzte die Wurzel früher wie alle bitteren Drogen als Mittel gegen Fieber. Im Mittelalter galt der Gelbe Enzian als Universalheilmittel, denn damals war die Meinung verbreitet, bittere Medizin sei besonders wirksam.

Streng geschützte Gebirgspflanze

Der Gelbe Enzian wächst auf Bergwiesen, -weiden, Magerrasen und in Staudenfluren der mittel- und südeuropäischen Gebirge. Die stattliche, von Juni bis August blühende Staude wird bis zu 1,4 Meter groß. Ihre Pfahlwurzel bohrt sich bis zu einem Meter in den Boden. Die leuchtend gelben, trichterförmigen, fünf- bis sechszipfeligen Blüten sitzen in den Blattachseln und bilden Scheinquirle. Im nicht blühenden Zustand kann der Gelbe Enzian leicht mit dem Weißen Germer (Veratrum album), einer der gefährlichsten Giftpflanzen Europas, verwechselt werden. Der Weiße Germer wächst auf ähnlichen Standorten wie der Gelbe Enzian, manchmal in unmittelbarer Nachbarschaft. Ein bis zwei Gramm seines getrockneten Wurzelstocks gelten als tödlich. Das Unterscheidungsmerkmal: Die sitzenden, parallelnervigen und bis zu 30 Zentimeter langen, breitlanzettlichen Blätter des Gelben Enzians sind gegenständig angeordnet und kahl. Die sehr ähnlich aussehenden Blätter des Weißen Germers sind wechselständig und unterseits flaumig behaart.

Da der Gelbe Enzian wie andere Enzian-Arten früher sehr häufig zur Branntweinherstellung verwendet wurde, sind seine Bestände so stark dezimiert, dass er in vielen Regionen seines Verbreitungsgebiets von Frankreich über Spanien, den Balkan bis in die Türkei sehr selten oder vom Aussterben bedroht ist. In Deutschland ist er streng geschützt und darf nicht mehr gesammelt werden. Die Arzneidroge stammt deshalb meist aus süddeutschen und französischen Kulturen aber auch aus Wildsammlungen Spaniens und der Balkanländer.

Leicht zu erschmecken

Die Bitterwurzel ist auch als Droge leicht zu erkennen: Ein kleines Stück Enzianwurzel in den Mund genommen schmeckt sehr stark und anhaltend bitter. Dabei reicht es allerdings nicht, sie kurz mit der Zungenspitze zu berühren, denn die Geschmacksknospen für bitter befinden sich am hinteren Zungenende.

Die Wurzel enthält verschiedene bitter schmeckende Substanzen, unter anderem Amarogentin, das trotz seiner sehr geringen Konzentration den so genannten Bitterwert der Droge bestimmt. Amarogentin hat einen Bitterwert von 58 Millionen. Das bedeutet, dass ein Gramm dieses Stoffes etwa 58:000 Liter Wasser einen bitteren Geschmack verleiht. Die Gesamtdroge hat einen Bitterwert von 10:000: Ein Gramm Droge lässt zehn Liter Wasser gerade noch bitter schmecken. Zum Vergleich: Das zur gleichen Familie gehörende Tausendgüldenkraut, Centaurium erythraea, ist ebenfalls stark bitter, hat aber einen Bitterwert von nur 2000. Diese Zahlen verdeutlichen, warum Teemischungen meist nur geringe Mengen an Enzianwurzel enthalten: Der Tee wird sonst schnell ungenießbar, da er "gallenbitter" schmecken würde.

Sehr viele Drogen schmecken bitter. Einerseits enthalten viele Pflanzen Bitterstoffe, andererseits haben auch andere Inhaltsstoffe wie Alkaloide oder Herzglykoside einen bitteren Geschmack. Wenn die Hauptwirkung einer Droge auf ihrem bitteren Geschmack beruht, wird sie als Bittermittel oder Amarum bezeichnet. Enzian gehört zu den reinen Bittermitteln, den Amara pura. Bittermittel wie Wermutkraut, die auch ätherische Öle enthalten, heißen Amara aromatica.

Bitterstoffe regen den Geschmackssinn an. Wenn die Geschmacksnerven der Zunge den Reiz "bitter" registrieren, wird der Vagusnerv aktiviert. Dieser sorgt dafür, dass im Mund mehr Speichel fließt und im Magen mehr Säure und Gastrin produziert werden. Letzteres regt Galle und Bauchspeicheldrüse an, sodass Appetit und Verdauung verbessert und schwere, fettige Mahlzeiten verträglicher werden.

Fördert Appetit und Verdauung

Ärzte setzen Präparate mit Gelbem Enzian gegen Verdauungsbeschwerden, Appetitlosigkeit, Völlegefühl und Blähungen ein. Da die Wurzel kaum Gerbstoffe enthält, führt die Einnahme nicht zu unerwünschten Magenreizungen. Sie kann Patienten mit körperlichen und seelischen Schwächezuständen, chronischer Verdauungsschwäche und in der Rekonvaleszenz nach Infektionen helfen. Beruht die Appetitlosigkeit hingegen auf einer organischen Erkrankung wie Krebs, sind Bittermittel meist unwirksam. Als Nebenwirkung sind selten Kopfschmerzen möglich; Wechselwirkungen sind nicht bekannt. Patienten mit Magen- oder Zwölffingerdarmbeschwerden dürfen keine Bittermittel einnehmen. Auch wer an einem nervösen "Reizmagen" leidet, sollte alle Bittermittel, also auch Präparate mit Gelbem Enzian, meiden.

Die Enzianwurzel ist Bestandteil vieler pflanzlicher Magen-Darm-Mittel und kann auch als Tee zubereitet werden. Hierzu wird ein knapper Teelöffel mit etwa einem Gramm Droge pro Tasse mit siedendem Wasser überbrüht. Die Tagesdosis beträgt zwei bis vier Gramm. Für ein Kaltmazerat wird die Droge acht bis zehn Stunden mit kaltem Wasser angesetzt. Alternativ zum Tee sind auch Enziantinkturen empfehlenswert. Davon werden 20 bis 30 Tropfen in einem Glas Wasser verdünnt. Für Patienten, die den bitteren Geschmack nicht mögen, sind auch Kapseln mit Enzianextrakt im Handel. Deren Wirksamkeit zeigte eine Anwendungsbeobachtung mit 205 Patienten und dem Trockenextrakt-Präparat Enziagil®.

Als Appetitanreger müssen Tee oder verdünnte Tinktur etwa eine halbe Stunde vor der Mahlzeit getrunken werden, da es einige Zeit dauert, bis sich mehr Magensäure gebildet hat. Trotz des sehr bitteren Geschmacks müssen die Anwender mit Zucker sparsam sein, denn sonst bleibt die Wirkung aus. Bei Verdauungsbeschwerden hingegen wird die Enzianzubereitung nach dem Essen eingenommen.

Zur Kräftigung und als Schnaps

Enzianwurzel ist ebenfalls ein Bestandteil von Schwedenbitter-Rezepturen und gilt als Kräftigungsmittel. Auch einige Aperitifgetränke wie Alpenbitter enthalten Extrakte aus Gelbem Enzian.

Da die Droge vergärbare Kohlenhydrate enthält, eignet sie sich auch zum Brennen von Schnaps. Der "Enzler" aus den Alpen und dem Jura-Gebirge ist ein Enzian-Branntwein. Dazu werden frisch geerntete Wurzeln vergoren und anschließend destilliert. Die Bitterstoffe gehen nicht in das Destillat über.



Beispiele für Fertigarzneimittel (nach Roter Liste 2004)

  • Abdomilon® N Lösung

  • Amara-Pascoe Tropfen

  • Bad Heilbrunner Verdauungstee

  • Enziagil® Magenplus Kapseln

  • Enzian Magentonikum Flüssigkeit

  • Gastrosecur Magentropfen

  • Sern®-SL Hartkapseln

  • Sinupret® Dragees/Tropfen

  • Ventri-loges® N Tropfen



Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13 A

10405 Berlin



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