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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Gemeiner Stechapfel

Foto: Schöpke

Teufelskraut gegen Reiseübelkeit und Krämpfe

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Pflanzen mit berauschender Wirkung faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden. Neben Bilsenkraut und Tollkirsche ist der Stechapfel ein klassisches Hexenkraut. Er diente und dient noch heute vielen Völkern als Rauschdroge in religiösen und magischen Riten. Als Biodroge mit Kick entdeckten ihn Jugendliche in den letzten Jahren neu. Aber Vorsicht: Alle Pflanzenteile des Stechapfels sind stark giftig, vor allem Wurzel und Samen.

Weltweit existieren etwa 25 Arten des Stechapfels (Datura). Alle gehören zur Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae), sind in den tropischen bis gemäßigt temperierten Vegetationszonen der Erde verbreitet und sehr stark giftig.

Die Heimat des einjährigen Gemeinen oder Weißen Stechapfels (Datura stramonium L.) liegt vermutlich in Westasien. Heute ist Datura stramonium auf der gesamten Nordhalbkugel und auch in Südamerika verbreitet. Die einjährige, buschig wachsende Pflanze erreicht eine Höhe von 120 Zentimetern, unter günstigen Bedingungen sogar von zwei Metern. Wild wächst der Gemeine Stechapfel nur noch selten. 

Der Stängel der krautigen Pflanze ist kahl, aufrecht und gabelartig verzweigt. Die etwa handgroßen dunkelgrünen Blätter sind eiförmig zugespitzt und unregelmäßig gelappt oder gezähnt. Ihr unangenehm betäubender Geruch lässt beim Trocknen etwas nach.

Von Juni bis September erscheinen die weißen und daher in der Nacht gut sichtbaren Blüten. Sie stehen einzeln, aufrecht und kurz gestielt in den Verzweigungen des Sprosses. Die trompetenförmige Blütenkrone ist fünfzipfelig und öffnet sich erst zum Abend. Dann lockt ihr betörender Duft die Nachtfalter an, vor allem langrüsslige Arten wie die Schwärmer.

Ebenso dekorativ wie die Blüten sind die walnussgroßen, stacheligen, viergeteilten Fruchtstände des Stechapfels, die von Juli bis Oktober heranreifen. Sie sitzen aufrecht in den Achseln der Stängel und erinnern aufgrund ihrer gleichmäßig verteilten Stacheln an die Früchte der Rosskastanie. Bei Einsetzen der Reife öffnet sich die Kapsel von oben an den vier Teilungsnähten und gibt  hunderte von blauschwarzen, winzigen nierenförmigen Samen frei. Eine einzelne Pflanze kann bis zu 20.000 Samen hervorbringen. 

Während der deutsche Name »Stechapfel« auf das Aussehen der stacheligen Frucht verweist, bezieht sich die botanische Bezeichnung »Datura stramonium« auf die giftigen Inhaltsstoffe. Alle Pflanzenteile, besonders die Samen, enthalten die giftigen Tropanalkaloide Hyoscyamin und Scopolamin. Der Gattungsname Datura soll von dem altindischen Sanskrit-Wort »dhattura« stammen. Dhattura bezeichnete ein Gift aus Datura metel, einer indischen Stechapfelart. Der Artname »stramonium« ist vermutlich eine Zusammenfassung aus den griechischen Worten strychnon manikon, was in etwa »rasend machendes Gift« bedeutet. Zu den volkstümlichen deutschen Namen zählen Stechapfel, Kratzkraut, Stachelnuss und Teufelsapfel. Auf die »teuflische« Wirkung des Stechapfels spielen auch der französische Name »Pomme du diable« und die spanische Bezeichnung »Herba del diabolo« an. 

Speergift und Liebestrank

Schon die Menschen der Antike kannten die tödliche Wirkung des Stechapfels. So warnt der griechische Philosoph und Naturforscher Theophrast um 300 v. Chr. vor den Folgen einer Überdosierung, indem er schreibt: »dass schon, wer weniger als ein Gramm zu sich nimmt, sich fühlen wird, als hätte er den Teufel im Leib; bei doppelter Dosis käme es zu Halluzinationen; bei dreifacher Menge verliere man den Verstand und beim Verzehr der vierfachen Menge erfolge der Tod«. Der römische Schriftsteller Plinius berichtet über die Verwendung der Pflanze als Speergift. Die Heilkundigen des Mittelalters setzten Datura gegen Geisteskrankheiten ein. Außerdem war die Pflanze damals wichtiger Bestandteil von Hexensalben und Liebestränken. Räuber und Diebe betäubten mit Auszügen aus Stechapfel ihre Opfer, beispielsweise indem sie ihnen Datura-Saft in den Wein träufelten, um sie anschließend besser ausrauben zu können. Auch die Zigeuner verwendeten den Stechapfel als Zauber- und Orakelkraut sowie als halluzinogene Droge. Dazu verbrannten sie Stechapfelsamen über glühender Kohle und versetzten sich durch Einatmen des Rauches in einen euphorischen Rauschzustand. 

Neben dem zahlreichen Einsatz als magisch-rituelle Rauschdroge nutzten viele Völker die Datura-Arten auch als Arzneipflanze. In Mexiko diente der Stechapfel zur Behandlung von Ohrenkrankheiten, Fieber und Schmerzen nach Verletzungen und chirurgischen Eingriffen. Wann Datura stramonium in Europa eingeführt wurde, ist nicht bekannt. In einem deutschen Kräuterbuch wird der Stechapfel erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt. Der Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs beschreibt ihn in seinem »New Kreüterbuch« von 1543, gesteht aber: »von den Stechenden äpffeln haben wir noch kein sondere erfahrung / darumb wir von irer würckung nichts künden anzeygen«. Die Menschen fürchteten seine starke Giftigkeit und nutzten Datura als Heilmittel zunächst wenig. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden Stechapfel-Zubereitungen zur Betäubung, bei Entzündungen, rheumatischen Beschwerden, Krämpfen und Verbrennungen eingesetzt. Wegen seiner krampflösenden Wirkung war der Stechapfel besonders bei Bronchialerkrankungen beliebt und hieß daher im Volksmund auch »Asthmakraut«. Aus den getrockneten Blättern drehten die Asthmakranken „Asthma-Zigaretten“. 

Zwei Arzneibuchmonographien

Von Datura stramonium L. sind vier Varietäten bekannt, die sich im Aussehen der Früchte und der Farbe der Blüten unterscheiden. So besitzt zum Beispiel Datura stramonium var. godronii violette Blüten und stachellose Kapseln. Das Europäische Arzneibuch (5. Ausgabe, Grundwerk 2005) lässt in der Monographie »Stramoniumblätter – Stramonii folium« alle vier Varietäten zu. Danach besteht die Droge aus den getrockneten Blättern oder aus den getrockneten Blättern mit blühenden und gelegentlich Früchte tragenden Zweigspitzen von Datura stramonium L. und seinen Varietäten. Zur Drogengewinnung werden die Blätter oder das Kraut während der Blütezeit überwiegend aus Kulturen geerntet und rasch bei etwa 100 °C getrocknet. Für Stramonii folium fordert das Arzneibuch einen Mindestgehalt von 0,25 Prozent Gesamtalkaloiden, berechnet als Hyoscyamin. Zusätzlich führt das Europäische Arzneibuch noch die Monographie »Eingestelltes Stramoniumpulver – Stramonii pulvis normatus«, das aus -pulverisierten Stramoniumblättern gewonnen wird. 

Der Gemeine Stechapfel enthält in allen Teilen die stark giftigen Tropanalkaloide, vor allem L-Hyoscyamin und L-Scopolamin. In den Blüten und Samen ist der Alkaloidanteil mit etwa 0,65 Prozent am höchsten. Schon das tiefe Einatmen des Blütenduftes kann leichte Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Die Zusammensetzung des Alkaloidgemisches schwankt je nach Alter und Art erheblich: Junge Stechapfel-Pflanzen enthalten vorwiegend Scopolamin, in den älteren überwiegt der Hyoscyamin-Anteil.  

Die Tropanalkaloide gehören zu den Parasympatholytika, da sie Muscarin-Rezeptoren blockieren. Somit erhöhen sie die Herzfrequenz und vermindern die Drüsensekretion. Unter ihrem Einfluss erschlafft die glatte Muskulatur der Bronchien, des Magen-Darm-Traktes, der Gallenwege und der Harnblase. Außerdem erweitern sie die Pupillen durch Lähmung des Musculus sphincter pupillae, verbunden mit einer Erhöhung des Augeninnendrucks.

Die therapeutische Breite des Stechapfels ist äußerst gering, bereits Mengen ab 0,3 Gramm gelten als toxisch. Für Kinder kann der Verzehr von vier bis fünf Gramm der frischen Blätter oder von circa 100 Samen tödlich sein. Wegen der nicht ausreichend belegten Wirksamkeit und des hohen toxikologischen Risikos lehnt die Kommission E die Anwendung der Droge ab. Daher werden Stramoniumblätter und das eingestellte Stramoniumpulver aus dem Ph. Eur. praktisch nicht mehr verwendet. Nur noch wenige homöopathische Arzneimittel enthalten den Stechapfel, Datura stramonium in homöopathischer Verdünnung, zum Beispiel A-Bonin Tropfen oder Astmavowen®-N Mischung. Homöopathen verordnen diese Präparate zur unterstützenden Behandlung von Asthma bronchiale. Allgemein empfiehlt die Homöopathie Datura ab der Potenz D4 entsprechend dem Arzneimittelbild bei Krampfzuständen, fieberhaften Infektionen, Psychosen und als Augentropfen bei Augenentzündungen.

Pflaster gegen Reisekrankheit

Moderne allopathische Arzneimittel enthalten statt des Drogenextrakts das reine Scopolamin. Vom Atropin unterscheidet es sich pharmakologisch dadurch, dass es nur zentraldämpfend wirkt. Als Mydriatikum zur Pupillenerweiterung ist es in den Augentropfen Boro-Scopol® N enthalten. Eine weitere gebräuchliche Anwendung sind die transdermalen therapeutischen Systeme (Scopoderm TTS®) als Antiemetikum bei Reisekrankheiten. Bei der Abgabe des Scopoderm-Pflasters sollten PTA oder Apotheker den Patienten auf die Nebenwirkungen hinweisen. Häufig tritt vorübergehende Mundtrockenheit auf. Zu verschwommenem Sehen infolge Pupillenerweiterung kommt es vor allem dann, wenn Wirkstoffreste mit den Händen in die Augen gewischt werden. Deshalb ist gründliches Händewaschen nach Anbringen und Entfernen des Pflasters dringend zu empfehlen!

Ein halbsynthetisches Derivat des Scopolamins, das N-Butylscopolaminiumbromid (Buscopan®), hat sich als Spasmolytikum für den Gastrointestinal- und Urogenitaltrakt bewährt. N-Butylscopolaminiumbromid wirkt nicht zentral, da es die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann. 

In jüngster Zeit häufen sich Berichte über Vergiftungen mit Stechapfel beziehungsweise seiner Verwandten, der Engelstrompete (Datura suaveolens Humb. et Bonpl.), die als Zierstrauch in vielen Gärten vorkommt. Die strauch- und baumförmigen Datura-Arten werden heute in die Gattung Brugmansia gestellt. Vermehrt konsumieren Jugendliche die vermeintlich harmlose Pflanze in der Hoffnung auf einen preiswerten LSD-ähnlichen Trip. Je nach Dosis kommt es zu den typischen Zeichen einer Blockade des Parasympathikus wie Hautrötung, Pupillenerweiterung, Trockenheit der Schleimhäute und Herzrasen sowie zu Unruhe- und Verwirrtheitszuständen, die in Halluzinationen gipfeln. Diese treten zwei bis vier Stunden nach der Einnahme auf und können über mehrere Tage bestehen.

Rauschmittel mit hohem Risiko

Oft folgen Angst, Panik und Entsetzen. Höhere Dosen führen zur Bewusstlosigkeit und letztendlich durch Lähmung des Atemzentrums zum Tod. Neben dem Risiko, sich zu vergiften oder im Rausch zu verunglücken, können Konsumenten je nach Veranlagung eine dauerhafte Psychose oder andere psychische Erkrankungen entwickeln. 

Mittlerweile wird die Droge über das Internet verkauft, und die Anwender tauschen hier ihre Erfahrungen aus. Sachliche Aufklärung über die Gefahren dieser vermeintlich harmlosen Biodroge ist dringend nötig. Diesem Zweck dient zum Beispiel die Website www.drugcom.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, »Halluzinogene« anklicken.

Mit Stechapfel wurden auch Giftanschläge und Morde verübt. So mischte laut einer Meldung vom 4. März 2008 eine 44-jährige Frau Stechapfel-Samen in Schoko-Muffins, die sie ihrer Mutter zu essen gab. Die 86-Jährige schöpfte wegen des bitteren Geschmacks allerdings Verdacht und aß nur ein Drittel des Muffins. Sie überlebte zwar den Giftanschlag, kämpfte allerdings mit den Symptomen der Vergiftung.


Die Geschichte des Butylscopolamins

Seit vielen Jahrzehnten verändern Forscher die Molekülstruktur zahlreicher hoch wirksamer Pflanzeninhaltsstoffe mit dem Ziel, nebenwirkungsärmere Arzneistoffe herzustellen. Das gilt auch für das Scopolamin, einen der Hauptinhaltsstoffe von Datura stramonium. 1950 gelang es Professor Dr. Franz Adickes von Boehringer Ingelheim, das tertiäre Stickstoffatom im Scopolamin in ein quartäres und damit elektrisch geladenes umzuwandeln sowie daran einen Butylrest anzuhängen. Dadurch kann der neue Wirkstoff weiterhin Muskarin-Rezeptoren blockieren, nicht aber die Blut-Hirn-Schranke überwinden. 

Basis für die Gewinnung von Scopolamin ist heutzutage Duboisia, eine Artverwandte der Datura. Duboisia ist eine Pflanzengattung mit vier bekannten Arten aus der Familie der Nachtschattengewächse. Die Duboisia-Arten sind kleine Sträucher (D. hopwoodii) von 1,5 bis 4 Metern Höhe oder Bäume (D. myoporoides, D. leichhardtii) mit bis zu 24 Metern Höhe. Die Pflanze ist in Australien beheimatet und enthält Scopolamin sowie Hyoscyamin, also dieselben Alkaloide wie Datura, ist aber einfacher zu kultivieren. Für die Wirkstoffgewinnung wird Duboisia auf Plantagen in Australien und Südamerika angebaut. 


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