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Häusliche Pflege

Das richtige Maß finden


Von Diana Haß / Derzeit leben in Deutschland rund 2,5 Millionen Pflegebedürftige. 70 Prozent von ihnen werden zu Hause betreut. Meist übernehmen Angehörige diese Aufgabe. Doch sollten Pflegende dabei immer auch auf ihre eigenen Grenzen achten.

 

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Ein Sturz, ein Schlaganfall, die Diagnose Alzheimer. All das verändert das Leben der Betroffenen in hohem Ausmaß. Aber oft nicht nur ihres, sondern auch das ihrer Angehörigen. Zumindest dann, wenn sich diese entschließen, auf Dauer die Pflege zu übernehmen. Diese Entscheidung treffen viele Menschen, denn zwei Drittel der häuslichen Pflege wird ausschließlich von Angehörigen geleistet. Fachkreise nennen sie zu Recht »den größten Pflegedienst der Nation«.




Foto: Fotolia/Photographee.eu


Wer einen Verwandten oder nahe stehenden Menschen pflegt, leistet eine Menge. Auch für die Gesellschaft. Gäbe es die pflegenden Angehörigen nicht, würde das Gesundheits- und Sozialsystem zusammenbrechen. Doch häufig zahlen pflegende Angehörige einen hohen Preis für ihren Einsatz. Pflege belastet – emotional und körperlich. Folgen der Überlastung sind folglich fast an der Tagesordnung.

Pflege belastet

Eine aktuelle Studie, die das Wissenschaftliche Institut der Techniker Krankenkasse (TK) in Auftrag gegeben hat, liefert verlässliche Daten zur Situation pflegender Angehöriger in Deutschland. Insgesamt wurden dabei mehr als 1000 Betroffene zu Gesundheit, Befinden, Belastungen und Unterstützung befragt. Das Ergebnis ist alarmierend: Fast zwei Drittel der Befragten fühlen sich durch die Situation gesundheitlich belastet. Drei von zehn Befragten geben sogar an, die Pflegesituation greife ihre eigene Gesundheit an.

Die Symptome sind vielfältig. »Der eine leidet unter chronischen Kopfschmerzen, der andere schreit herum oder hat Schlafstörungen. Wieder andere klagen über psychosomati­sche Beschwerden wie Durchfälle oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten«, erläutert Heike Senge, Geschäftsfüh­rerin der Pflegeakademie Niederrhein. Wenn die Pflege eines Angehörigen über die eigenen Grenzen geht, sprechen Experten von einem »Selbstpflegedefizit«. Dann wird es Zeit, die Notbremse zu ziehen. Wer das versäumt, muss mit immer gravierenderen Folgen für seine Gesundheit rechnen. Besteht das Überlastungssyndrom längere Zeit, ist der Weg nicht weit zu einer Depression, zu Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, eventuell sogar zum körperlichen Zusammenbruch. »Pflege fühlt sich immer zuständig und setzt keine Grenzen«, weiß Senge. In einem Workshop für pflegende Angehörige bei der Messe Rehacare 2014 stellte die psychosoziale Beraterin klar: »Das richtige Maß von Bewegung und Ruhe ist wichtig.«

Doch für Augenmaß und Besonnenheit ist meist keine Zeit, wenn ein Ange­höriger zum Pflegefall wird. Fast immer geschieht das plötzlich – und überrumpelt so alle Beteiligten. Pflegenden Angehörigen fehlt die Zeit, in die neue Aufgabe hineinzuwachsen. Die Entscheidung für die häusliche Pflege ist in der Regel keine Vernunftentscheidung. Sie wird aus dem Bauch oder mit dem Herzen getroffen. Fast die Hälfte der Befragten der TK-Studie nennt Pflichtgefühl und Familienzusammenhalt als Beweggründe, die Pflege zu übernehmen.

Pflichtgefühl überwiegt

Je älter die Pflegenden sind, desto stärker motiviert sie ihr Pflichtgefühl. Vor allem Ehepartner fühlen sich an ihr Eheversprechen gebunden. Sie wollen dem Partner auch in schweren Zeiten zur Seite stehen. Ein mögliches Problem: Insbesondere ältere Menschen bürden sich körperliche und psychische Belastungen auf, denen sie nicht gewachsen sind.

Wenn jüngere, berufstätige Angehörige die Pflege übernehmen, fühlen sie sich meist durch die vielfältigen Aufgaben überfordert, die die Fami­lienpflichten einerseits und die Berufstätigkeit andererseits mit sich bringen.




Vollzeit­beschäftigung: Einen Pflegebedürftigen zu betreuen, nimmt meist sehr viel Zeit in Anspruch.

Foto: Fotolia/Photographee.eu


»Pflegeaufgaben zu übernehmen, wirkt sich auf das Berufsleben aus«, stellt der TK-Pflegeexperte Wolfgang Flemming fest. Das zeigt auch die Pflegestudie: Fast jede dritte erwerbstätige Frau reduzierte aufgrund der Pflegetätigkeit ihre Arbeitszeit. Bei den Männern war es jeder Vierte. Die Studie kommt zu dem Schluss: »Pflege ist ein Vollzeitjob. Knapp zwei Drittel der Pflegenden sind täglich im Einsatz. Ein Viertel kümmert sich vier bis sechs Tage in der Woche um den Pflegebedürftigen.«

Gesetzliche Unterstützung

Wer pflegt, hat Anspruch auf Unterstützung. Der Gesetzgeber macht zahlreiche Angebote für »den größten Pflegedienst der Nation«. Das beginnt mit einem Anspruch auf umfassende Beratung, führt über eine Vielzahl von Hilfsangeboten und endet beim Anspruch auf »Urlaub von der Pflege«. Mit dem Pflegestärkungsgesetz, das zum 1. Januar 2015 in Kraft trat, hat die Politik weitere Verbesserungen für die pflegenden Angehörigen geschaffen. Ein wichtiger Baustein ist die zehntägige Auszeit, die sich berufstätige Angehörige im sogenannten »Akutfall«, also beim Eintritt der Pflegebedürftigkeit, nehmen können. Der Lohnausfall wird dabei durch das Pflegeunterstützungsgeld aufgefangen. Auch die sogenannte Familienpflegezeit wird immer mehr abgesichert. Sie bedeutet, dass pflegende Angehörige ihre Arbeitszeit reduzieren können. Angebote gibt es also reichlich, doch die Realität sieht anders aus. »Die Unterstützungsleistungen der Pflegeversicherung sind zwar bekannt, werden aber trotzdem wenig genutzt«, heißt es auch als Fazit der TK-Studie.

Viele Praktiker bestätigen, dass Angehörige sich häufig schwer tun, Hilfe anzunehmen. »Angehörige warten oft, bis ihr Leidensdruck sehr groß ist. Manchmal auch, bis sie fast selbst zusammen brechen«, weiß auch Helga Kassebom zu berichten. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Hildesheim und Vorsitzende der »Freiwilligeninitiative für demenzkranke Menschen und ihre pflegenden Angehörigen« (FRIDA e.V.). Aus ihrer eigenen Erfahrung als pflegende Angehörige ist Kassebom jedoch überzeugt, dass Pflege ohne Unterstützung von außen nicht funktionieren kann.

Psychische Herausforderung

»Bei der Entscheidung, die Pflege eines Angehörigen zu übernehmen, werden gerade die seelischen Anforderungen häufig unterschätzt. Dabei können sie den Pflegealltag enorm belasten«, schreibt der Diplom-Psychologe Dieter Best im Vorwort der Broschüre »Entlastung für die Seele – Ein Ratgeber für pflegende Angehörige«. Pflege ist ein steter persönlicher Balanceakt: Einerseits muss man für den Hilfsbedürf­tigen Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen, andererseits muss man darauf achten, dass er trotzdem seine Autonomie und Würde behält. Und dann gilt es auch noch, die eigenen Ansprüche und Grenzen mit den Pflegeaufgaben in Einklang zu bringen. Nicht selten leben in der angespannten Situation ungelöste Familienkonflikte oder alte Verhaltensmuster wieder auf – und belasten zusätzlich.




Damit Pflegebedürftige möglichst lange in ihrem vertrauten Umfeld bleiben können, freuen sie sich über jede praktische Unterstützung im Alltag.

Foto: Fotolia/Photographee.eu


Außerdem muss der Pflegende lernen, mit der neuen Beziehung zu dem pflegebedürftigen Angehörigen umzugehen und Veränderungen zu akzep­tieren. Partner, Großvater oder Mutter sind in einer ungewohnten Rolle: Wer früher den Ton angeben hat, verhält sich in der neuen Situation unsicher, möglicherweise sogar kindisch. Gerade wer Demenzkranke pflegt, steht vor großen Herausforderungen. Zur Symptomatik der Erkrankung gehören Verhaltensveränderungen. Der Umgang mit Demenzkranken ist oft sehr anstrengend, da sie sich häufig völlig unberechenbar benehmen und ständig beaufsichtigt werden müssen.

»Häufig folgen Kranke ihrem pflegenden Ehepartner auf Schritt und Tritt. Noch nicht einmal ins Bad kann er allein. Manche wiederholen immer und immer wieder dieselbe Frage. Oder sie bestehen darauf, das Haus zu verlassen, weil sie es nicht mehr als ihr Zuhause erkennen«, führt Kassebom als Beispiele auf. Sie machen deutlich: Das ist schwer zu ertragen. Ablehnende Gedanken und Aggression sind in solchen Situationen eine natürliche Reaktion, die bedeutet: »Das ist mir zu viel!« Doch kaum ein pflegender Angehöriger gesteht sich solche Gedanken ohne Schuldgefühle ein.

Austausch mit anderen

Der Austausch mit anderen Betroffenen oder das offene Gespräch mit einer unbeteiligten Person entlasten bei Schuldgefühlen und Aggressionen sehr. Selbsthilfegruppen haben sich deshalb bewährt. Hier begegnen die pflegenden Angehörigen Menschen, die mit ihrer Situation vertraut sind. Im Gegensatz zu Außenstehenden können sie die Lage der Pflegenden nachvollziehen und bringen dafür Verständnis auf. Viele Pflegende fühlen sich in der Gruppe aufgehoben, wenn sie sich einmal offen aussprechen können. »Selbsthilfegruppen finde ich total wichtig. Es ist hilfreich, etwas zu teilen. Ich habe immer wieder erlebt, dass sich die Pflegenden in Gruppen gegenseitig stützen«, unterstreicht auch Heike Senge von der Pflegeakademie Niederrhein.


Hilfen für pflegende Angehörige

www.bagso.de

Die Broschüre »Entlastung für die Seele – Ein Ratgeber für pflegende Angehörige« ist über die Bundesarbeits­gemeinschaft der Senioren-Organisationen e. V. (BAGSO) zu beziehen.

www.pflegen-und-leben.de

Das Forum bietet Online-Beratung für pflegende Angehörige.

www.deutsche-alzheimer.de

Die lokalen Alzheimer-Gesellschaften ver­mitteln Angehörigen von Demenzkranken Kontakt zu Selbsthilfe­gruppen.

www.pflegenetz.net

Wer sich im Internet mit anderen pflegenden Angehörigen austauschen möchte, findet hier ein Forum.


Am besten ist, wenn Pflegende schon frühzeitig ein soziales Netz weben, das sie in ihrer neuen Situation stützt. Wer beispielsweise eine Schulung zur Pflege besucht, lernt ungezwungen schon zu Beginn der häuslichen Pflege andere Betroffene kennen. Zudem erhält er dort auch handfeste Tipps für den täglichen Umgang mit dem Pflegebedürftigen. Informationen über Angebote erhalten Interessierte beispielsweise in Pflegestützpunkten, bei den Kranken- und Pflegekassen und über Seniorenbüros. Wer ein vertrauensvolles Verhältnis zu seiner Apotheke hat, kann auch von PTA oder Apotheker Informationen bekommen, die in der jeweiligen Situation weiterhelfen.

Niemand schafft die Pflege ganz allein. Da sind sich alle Experten einig. Auszeiten, in denen man sich um die eigenen Bedürfnisse kümmert, sind für jeden wichtig. Während dieser Auszeit sind zentrale Fragen zur Selbstpflege zu klären. Dies sind laut Senge: »Wofür bin ich tatsächlich zuständig? Was erwarte ich? Wo sind meine Grenzen?« Wer es schafft, sich ehrliche Antworten auf diese Fragen zu geben, ist auf einem guten Weg.




Pflegende Angehörige tun sich oft schwer, Hilfe von außen anzunehmen und gelangen aus falsch verstandenem Pflichtgefühl schnell ans Ende ihrer Kräfte.

Foto: Shutterstock/Alexander Raths


Entspannungs- und Präventions­kurse wie Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Yoga oder Tai Chi helfen, den eigenen Akku wieder aufzuladen. Freunde treffen, ein Hobby ausüben, ein Kinobesuch – was immer ein Mensch zum Auftanken braucht, Pflegende brauchen es erst recht. Und sie sollten sich dafür Freiräume schaffen.

Freiräume entstehen beispielsweise dadurch, dass einige Stunden am Tag ein Besuchsdienst kommt oder dass der Pflegebedürftige in einer Tages- oder Nachtpflege betreut wird. Hilfreich ist, wenn beispielsweise ein Demenzkranker einen oder mehrere Nachmittage in der Woche eine Gruppe besucht. Doch all diese Angebote werden eher verhalten angenommen. Lediglich 7 Prozent der Befragten der TK-Studie beispielsweise nutzten die Nachtbetreuung. Spitzenreiter bei den Unterstützungsangeboten ist der ambulante Pflegedienst. Diesen beauftragen laut Befragung fast 60 Prozent derjenigen, die einen pflegebedürftigen Angehörigen zu Hause betreuen.

Verhinderungspflege

Wer nicht nur im Alltag einmal durchatmen möchte, sondern neue Kraft tanken und sich grundlegend erholen will, der kann »Urlaub von der Pflege« beantragen. Bis zu insgesamt sechs Wochen im Jahr können pflegende Angehörige die sogenannte Verhinderungspflege in Anspruch nehmen. In der Regel werden die Pflegebedürftigen während der Verhinderungspflegezeit beziehungsweise der Abwesenheit ihres Pflegenden in einer stationären Einrichtung, einem Heim, betreut. »Das Loslassen fällt den Angehörigen in einer solchen Situation oft schwerer als den Pflegebedürftigen selbst«, berichtet Elisabeth Mechelhoff, Direktorin einer Seniorenpflegeeinrichtung nahe Hannover.

Der Altenheim-Direktorin ist klar: Noch schwerer als die Entschluss zur Verhinderungspflege fällt die Entscheidung, dass ein Verwandter dauerhaft in eine Altenpflegeeinrichtung umzieht. »Es gibt aber Situationen, da ist das der beste Weg«, sagt Mechelhoff. »Ich habe oft schon Angehörige gesehen, die nach einer häuslichen Pflege fast am Ende ihrer Kräfte waren.«

Die Frage, welche Form der Pflege die jeweils richtige ist, muss jeder Pflegende individuell beantworten. Kein Pflegefall gleicht dem anderen. Zwischen der achtsamen Pflege zu Hause und der heillosen Überlastung verläuft meist nur ein schmaler Grad. Viele Menschen erleben die Pflege zu Hause jedoch auch als Chance und sinnvolle Aufgabe wegen der menschlichen Nähe und der Verbundenheit mit dem Pflegebedürftigen. /


Pflegefall in der Familie

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