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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Königskerze

Foto: Schöpke

Majestätische Heilpflanze und Wetterbote

von Gerhard Gensthaler

Traditionell gilt die Königskerze, auch Wollblume genannt, als Symbol für ein langes Leben. Im Mittelalter glaubten die Menschen fest daran, dass ihr Rauch sie vor bösen Kräften und Unholden schützen könne. Auch die Heilkräfte der Königskerze sind bereits seit langem bekannt. Über die Jahrhunderte bewährt hat sich der Einsatz ihrer getrockneten Blüten bei Katarrhen der oberen Atemwege.

Bereits Hippokrates, der bedeutendste griechische Arzt der Antike (450 v. Chr. bis Mitte 4. Jhd. v. Chr.), empfiehlt die Königskerze als Heilpflanze zur Wundbehandlung, bei Durchfällen und Augenentzündungen. Die gelehrte Klosterfrau Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) erwähnt die Königskerze unter den Namen »wullena« als Heilmittel für ein »traurig Herz«.

Da die Menschen die Königskerze früher zu sehr unterschiedlichen Anlässen eingesetzt haben, kennt der Volksmund viele Namen: Unholdskerze, Wollblume, Fackelblume, Himmelskerze, Brennkraut, Schafschwanz, Wetterkerze, Donner- und Blitzkerze. Die Bezeichnung »Wollblume« hat vermutlich zwei Ursprünge: Zum einen leitet sie sich von den behaarten Blättern ab und zum anderen von der Bezeichung »wullena« der Hildegard von Bingen. Der deutsche Botaniker Otto Brunfels (1489 bis 1534) führt den Namen Königskerze auf die Verwendung der Stängel als Fackel zurück. Denn: Im Mittelalter tauchten die Menschen die Stängel der Königskerze in Pech oder Harz und nutzen diese als langbrennende Fackeln. 

Die Wollblume oder Königskerze ist eine zweijährige Pflanze mit wollig behaarten graugrünen Blättern in grundständiger Rosette und spindelförmiger Pfahlwurzel. Die Pflanzen werden zwischen 50 cm und 2 m hoch. Die Grundblätter sind groß und länglich elliptisch; die wechselständigen Stängelblätter werden nach oben hin kleiner und spitzer. Viele feine Härchen bedecken die ungestielten Blätter, daher fühlen sie sich samtigweich an. Erst im zweiten Jahr entwickelt sich aus der Grundrosette ein langer, gelegentlich verzweigter Blütenstand mit dicht stehenden leuchtend gelben Blüten. Die Knospen öffnen sich von Juli bis September von unten nach oben. Die oberen Staubfäden sind rötlich und weißwollig behaart. Je zwei bis fünf Blüten stehen in achselständigen Büscheln in einer anfangs gedrungenen, später verlängerten Traube. Die Einzelblüten bestehen aus fünf sonnengelben Kronblättern mit circa 30 mm Durchmesser. Daraus entwickelt sich im Herbst eine braune Kapsel mit feinen Samen, die noch im selben Jahr auskeimen und zu neuen Grundrosetten heranwachsen. 

Die Gemeine Königskerze (Verbascum phlomoides, Linné) und die sehr ähnliche Großblütige Königskerze, Wollblume (Verbascum densiflorum, Bertollini) werden am häufigsten arzneilich verwendet. Auch die dritte Art, die Kleinblütige Königskerze (Verbascum thapsus, Linné), gilt als akzeptable Quelle für das Drogenmaterial. Alle drei gehören zur Familie der Braunwurzgewächse (Scrophulariaceae). Diese Gattung umfasst weltweit etwa 360 Arten. Zahlreiche Schmetterlinge, vor allem die Raupen des Königskerzen-Mönchs, nutzen die verschiedenen Königskerzen als wichtige Nahrungsquelle, ebenso viele Fliegen, Hummeln und Käfer. 

Die Pflanze ist in Mittel-, Ost- und Südeuropa, ferner in Kleinasien und Nordafrika verbreitet. Sie bevorzugt trockene und sonnige Stellen. In Deutschland wächst sie meist an Bahndämmen, Kahlschlägen und Kiesgruben. Zu kommerziellen Zwecken wird die Königskerze heute in Ägypten und Osteuropa angebaut. 

Bei katarrhalischen Infekten

Die getrocknete und geschnittene Droge Wollblumen (Verbasci flos) besteht aus den getrockneten Blumenkronen und Staubblättern von Verbascum densiflorum und/oder Verbascum phlomoides. Selten finden die Blätter (Verbasci folium) Verwendung. Die Kommission E empfiehlt die Droge bei Katarrhen des Respirationstraktes und formulierte 1990 eine Positiv-Monographie. 

Die Blüten werden während der Monate Juli bis August am besten an sonnigen Tagen von den Stängeln gezupft und schnell und schonend getrocknet. Sie müssen in luftdicht geschlossenen Gefäßen aufbewahrt werden, da sie Wasser anziehen. Eine Schicht aus ungelöschtem Kalk am Boden des Aufbewahrungsglases verhindert das Braunwerden der Blüten, indem der Kalk die Luftfeuchtigkeit aufnimmt. Braune Blüten müssen verworfen werden. Die Blüten riechen honigartig und schmecken schleimig. 

Die Droge enthält Triterpensaponine, darunter Verbascosaponin, ferner 3 Prozent Schleimstoffe, aus denen durch Hydrolyse vorwiegend Galactose, Arabinose und Uronsäuren abgespaltet werden, zusätzlich noch Iridoidglykoside wie Aucubin und Catalpol, bis zu 4 Prozent Flavonoide, vorwiegend Rutin und Hesperidin, und verschiedene Phenolcarbonsäuren.

Neben Eibisch und Malve ist die Königskerze die stärkste Schleimdroge. Sie hilft bei Atemwegskatarrhen, da die Saponine sekretolytisch und expektorierend wirken. Die Schleime lindern starken Hustenreiz. Ferner gilt die Königskerze als schweiß- und harntreibend. Die schwach diuretische Wirkung wird den Flavonoiden zugeschrieben. Außerdem hemmen die Iridoidglykoside Entzündungen. Zusätzlich soll die Droge antivirale Effekte besitzen. Wegen der Reiz lindernden und Auswurf fördernden Eigenschaften hat sich die Droge bei Husten, Grippe, Bronchitis und als Bestandteil von Kräuterteemischungen bewährt. 

Außerdem finden sich in der Literatur etliche traditionelle Indikationen, die allerdings nicht durch klinische Studien untermauert sind. Die verdünnte Tinktur soll bei Magen-Darm-Katarrh helfen und äußerlich wird die Arzneidroge, aber auch die getrockneten Blätter, zur Behandlung von Wunden und Hautleiden verwendet.

Als empfohlene Tagesdosis gelten 3 bis 4 Gramm Droge. Üblicherweise wird 1 Teelöffel (circa 1 g) Königskerzenblüten mit etwa 150 ml, das heißt einer Tasse kochenden Wassers, übergossen und 5 bis 10 Minuten ziehen gelassen. Ein wichtiger Hinweis für die Praxis: den Tee unbedingt abseihen, um die Haare, die nicht nur auf den Blättern, sondern auch auf den Staub- und Kelchblättern sitzen, zu entfernen. Die vielen kleinen Härchen könnten sonst den Hals und die Verdauungswege reizen. Drei- bis viermal täglich sollen Patienten mit Husten oder Bronchitis eine Tasse des frisch zubereiteten Tees trinken. Um den Reiz lindernden Effekt zu erhöhen, können sie die Wollblumen mit kaltem Wasser ansetzen, kurz zum Sieden erhitzen und dann abseihen. Auf diese Weise werden mehr Schleimstoffe extrahiert. Wegen ihrer milden Wirkung und ihres angenehmen Geschmacks eignen sich Wollblumen besonders in der Kinderheilkunde.

Zahlreiche Hustensirupe enthalten Wollblumenextrakte, ferner Salben und Öle zur Behandlung von Ohrenschmerzen, Hämorrhoiden, wunden Stellen und Furunkeln. Die homöopatische Urtinktur aus Königskerze wird aus den frischen, zur Blütezeit gesammelten oberirdischen Teilen ohne verholzte Stängel hergestellt. Einige Kombinationspräparate enthalten ebenfalls Wollblumenextrakte. 

In der Volksheilkunde werden die Blüten in einem guten Öl ausgezogen und zum Einreiben bei Schmerzen benutzt. Außerdem soll der Tee vorbeugend wahre Wunder gegen den berühmten Kloß im Hals bewirken.

Neben- und Wechselwirkungen der Arzneidroge sind nicht bekannt. Schwangere und Stillende sollten die Droge nicht ohne ärztlichen Rat anwenden. Empfindliche Personen können bei Hautkontakt allergische Reaktionen entwickeln.

Traditionelles Brauchtum

In Bayern bildet die Königskerze traditionell den auffälligsten Teil des Kräuterbuschens, der aus verschiedenen Heilpflanzen besteht und an Mariä Himmelfahrt (15. August) in der Kirche geweiht wird. Der Buschen dient vielen Bauern als kleine Hausapotheke, zum Beispiel mischten sie früher Teile des Buschens krankem Vieh ins Futter. Außerdem schätzen die Bauern die Königskerze als Wetterboten: Dichte Blätter am Boden der Blattrosette verheißen Schnee vor Weihnachten, dichte Blätter im oberen Teil der Pflanze dagegen Schnee erst zum Jahresanfang.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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