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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Faulbaum

Foto: Schöpke

Abführmittel für den Kurzzeitgebrauch

von Monika Schulte-Löbbert, Kaarst

Der Faulbaum ist kein Baum, sondern ein anspruchsloser Strauch. Seinen Namen erhielt er wegen des fauligen Geruchs der frischen Rinde. Bereits die Heilkundler des Mittelalters kannten ihre abführende Wirkung. Heute wird Faulbaumrinde als Laxans nur noch vereinzelt in Teemischungen verwendet.

Der Faulbaum liebt saure Böden in feuchten, lichten Laubwäldern. Deshalb wächst er häufig an Wasserläufen und in Mooren, oft gemeinsam mit Erlen. Heimisch und weit verbreitet ist er in ganz Europa, Nordwestasien und Nordamerika, von der Ebene bis in untere Bergregionen. In den Alpen gedeiht er noch in einer Höhe von 1000 Metern.

Der Faulbaum, mit botanischem Namen Rhamnus frangula L. oder auch Frangula alnus MILLER gehört zur Familie der Kreuzdorngewächse (Rhamnaceae). Aus dem griechischen Wort »rhamnos« für den Kreuzdorn leiten sich Familienname und die botanischen Namen ab. »Frangula« entstammt dem lateinischen Verb »frangere = brechen« und bezieht sich auf das brüchige, spröde Holz des Strauches, »alnus« auf die Ähnlichkeit der Blätter mit denen der Erle (Alnus). Außerdem gibt es für den Faulbaum noch eine Vielzahl an volkstümlichen Bezeichnungen wie Amselbaum, Hexendorn, Stinkboom, Hundsbeere und Purgierbeere.

Die recht unscheinbare Pflanze wächst als Strauch oder kleiner Baum, der eine Höhe von drei bis fünf Metern erreichen kann. Im Gegensatz zum Echten Kreuzdorn (Rhamnus catharticus) sind die Zweige des Faulbaums dornenlos. An der anfangs grünen, später graubraunen Rinde fallen die für die Pflanze charakteristischen quergestellten, grauweißen Lentizellen auf. Das leicht brüchige Holz hat einen leuchtend gelbroten Kern. Die meist ganzrandigen, wechselständigen Laubblätter sitzen bis zum Astende hin locker bis mäßig dicht. Sie sind etwa 3,5 cm lang, 5 cm breit und meist verkehrt-eiförmig mit einer dunkelgrünen Ober- und einer blassgrünen Unterseite. Ihre ausgeprägten Blattnerven sind nach vorne leicht gebogen. Die Raupen des Zitronenfalters ernähren sich übrigens bevorzugt von Faulbaumblättern. Im Frühling sind Zitronenfalter-Weibchen häufig in der Umgebung von Faulbäumen anzutreffen und legen ihre Eier an den Blättern und Triebspitzen ab.

Zur Blütezeit von Mai bis Juni verbreiten die Sträucher einen intensiv-süßlichen, angenehmen Duft. Die grünweißen, recht unscheinbaren, 3 bis 4 mm langen Blüten stehen gestielt in zwei- bis zehnblütigen, blattachselständigen Trugdolden. Sie entwickeln sich zu anfangs grünen, dann roten und im reifen Zustand schwarzvioletten, erbsengroßen Steinfrüchten. Da sie unterschiedlich reifen, tragen die Sträucher gleichzeitig rote und schwarze Früchte.

In der Heilkunde ist der Faulbaum schon seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Alte Kräuterbücher aus dieser Zeit erwähnen überwiegend seine abführende Wirkung. Der Botaniker und Arzt Jacobus Theodorus Tabernaemontanus (1522–1590) beschreibt in seinem 1588 erschienenen »New Kreuterbuch« sehr anschaulich die Verwendung des Faulbaums: »Viel brauchen die Rinden allein / gebens gedörrt und gepulvert ein / treibt oben und unten aus.« Zu äußerlichen Anwendung empfiehlt er: »Wann man diese Rinde in Essig beizet und den Leib damit bestreichet, soll ein gewisse Arzney sein wider die Krätze und Räudigkeit des Leibes.« Zur Mundspülung rät er »die Rinde mit Wein und Essig gesotten und den Mund damit gespühlet / heilet das faule Zahnfleisch und das Zahnwehe.«

Außer medizinisch nutzten die Menschen früher Faulbaumrinde und -früchte zum Färben der Haare und Textilien. Je nach Stoffart erzielten sie mit der Rinde gelbbraune bis rotbraune, mit den Früchten zitronengelbe bis senfgelbe Töne.

Schießpulver erfunden

Dem Freiburger Franziskanermönch Berthold Schwarz wird eine weniger friedliche Nutzung des Holzes zugeschrieben: Im Jahre 1353 soll er durch einen Zufall mit dem Holz des Faulbaums, das eine besonders aschearme Holzkohle ergibt, das Schießpulver erfunden haben. Bei einem alchemistischen Experiment zerstampfte der Mönch Salpeter, Schwefel und die Holzkohle des Faulbaums in einem Mörser, stellte diesen zusammen mit dem Pistill auf den Ofen und verließ anschließend den Raum. Kurze Zeit später hörten die Mönche eine Explosion. Sie eilten herbei und stellten fest, dass das herausgeschleuderte Pistill so fest in einem Deckenbalken steckte, dass es nicht einmal nach dem Berühren mit den Reliquien der Heiligen Barbara herausgezogen werden konnte. Nach der Überlieferung soll die Bezeichnung Schwarzpulver auf dieses Ereignis zurückgehen. Daher wird der Faulbaum auch »Pulverholz« genannt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts verlor mit der Einführung des Zellulosenitrats Faulbaumholz zur Herstellung von Schwarzpulver seine Bedeutung.

Faulbaumrinde gehört zu den dickdarmwirksamen Abführmitteln. Ebenso wie Rhabarberwurzel und Aloe enthält die Droge Anthranoide. In der frischen Rinde liegen die Wirkstoffe als Anthron- oder Dianthronglykoside vor. Da diese Substanzen die Haut und Schleimhäute stark reizen, kann die frische Rinde zu Übelkeit und Erbrechen mit Darmkoliken führen. Durch Trocknung und anschließende Lagerung von mindestens einem Jahr oder durch künstliche Alterung (Erhitzen der Droge im Luftstrom für einige Stunden auf 80 bis 100 °C) werden die Anthron- und Dianthronglykoside zu den verträglicheren Anthrachinonglykosiden oxidiert. Dabei entstehen hauptsächlich Glucofrangulin A, Glucofrangulin B sowie Frangulin A und B. Ferner enthält die Rinde Frangulaemodin, Gerbstoffe und geringe Mengen Peptidalkaloide.

Die Monographie »Faulbaumrinde – Frangulae cortex« ist im aktuellen Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur. 5. Ausgabe, 2005) enthalten. Zur Gewinnung der Droge wird die Rinde im Frühjahr, das heißt vor der Blüte, von den Ästen drei- bis vierjähriger Sträucher geschält. Die Arzneibuchdroge stammt vorwiegend aus Wildvorkommen in Osteuropa, insbesondere aus Polen. Die Ph. Eur. fordert einen Gehalt von mindestens 7,0 Prozent Glucofrangulinen, berechnet als Glucofrangulin A, bezogen auf die getrocknete Droge. Außerdem enthält das Europäische Arzneibuch die Monographie des Trockenextraktes unter der Bezeichnung »Eingestellter Faulbaumrindentrockenextrakt – Frangulae corticis extractum siccum normatum«. Der Extrakt wird aus der getrockneten und zerkleinerten Rinde mit Ethanol hergestellt. Das Arzneibuch fordert einen Gehalt von mindestens 15,0 und höchstens 30,0 Prozent Glucofrangulin A, bezogen auf den getrockneten Extrakt.

Nicht langfristig anwenden

Wie alle Anthrachinonglykosiddrogen wirkt auch Faulbaumrinde im Dickdarm antiabsorptiv und hydragog. Die Anthraglykoside passieren als Pro-Drugs den oberen Darmtrakt und werden erst im Dickdarm durch Bakterien und Enzyme hydrolysiert und in die wirksamen Anthrone und Anthranole umgewandelt. In dieser Form hemmen sie die Resorption von Wasser und Elektrolyten, indem sie die Na+/K+-ATP-ase in der Darmwand blockieren. Gleichzeitig steigern sie die Wassersekretion und den Einstrom von Natrium- und Kaliumionen in das Darmlumen, da sie die Permeabilität erhöhen. Dadurch nimmt das Darmvolumen zu, die Peristaltik wird verstärkt, und der Darminhalt passiert schneller den Dickdarm.

Faulbaumrinde wurde sowohl von der Kommission E , als auch von der European Scientific Cooperative on Phytotherapy, ESCOP, positiv beurteilt. Die Kommission E empfiehlt sie zur kurzfristigen Anwendung bei Obstipation, möglichst nicht länger als acht Tage, maximal zwei Wochen. Faulbaumrinde eignet sich besonders bei Erkrankungen, die eine leichte Defäkation mit weichem Stuhl erfordern, zum Beispiel bei Analfissuren, Hämorrhoiden und nach operativen Eingriffen im Analbereich. Die Droge ist kontraindiziert bei Darmverschluss, akut-entzündlichen Erkrankungen des Darms und Schmerzen im Bauchraum mit unbekannter Ursache. Sie darf ebenfalls nicht angewendet werden während der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter zwölf Jahren.

Nichts für den Supermarkt

Anthranoidhaltige Drogen und deren Zubereitungen wurden in Deutschland im Jahr 1990 der Apothekenpflicht unterstellt, um die unkontrollierte Anwendung zu unterbinden. PTA und Apotheker sollten daher den Kunden bei der Abgabe von Faulbaumrinde immer auf mögliche gesundheitliche Risiken hinweisen. Vorschlag für eine Patienteninformation: Dieses Präparat enthält unter anderem Faulbaumrinde. Arzneimittel mit Faulbaumrinde sind gut wirksame Abführmittel. Aufgrund seiner speziellen Wirkweise und möglicher Nebenwirkungen ist das Mittel nicht für den Langzeitgebrauch bestimmt.

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch treten keine Nebenwirkungen auf, eine mögliche Rotfärbung des Urins ist harmlos. Falls der Patient nach der Einnahme unter krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden leidet, muss er die Dosis verringern. Auch eine Verfärbung der Dickdarmschleimhaut (Pseudomelanosis coli) beurteilen Experten als unbedenklich, sie bildet sich nach Absetzen des Präparates zurück. Bei langfristigem Gebrauch beziehungsweise Missbrauch kann es zu Störungen des empfindlichen Wasser- und Elektrolythaushaltes kommen, vor allem zu Kaliumverlusten. Kaliummangel führt zu Muskelschwäche, die eine Obstipation verstärkt und die Herzfunktion beeinträchtigt. Aufgrund der laxierenden Wirkung kann die Droge die Resorption gleichzeitig eingenommener Arzneimittel verringern. Missbrauch kann infolge des Kaliummangels zu einer Verstärkung der Wirkung von Herzglykosiden und Diuretika führen.

Die Inhaltstoffe der anthranoidhaltigen Laxantien stehen seit einiger Zeit in der Diskussion, genotoxische Risiken zu bergen. In In-vitro-Versuchen ließen sich solche Effekte zum Teil nachweisen. Auch die Frage, ob die langfristige Anwendung von Anthracendrogen die Wahrscheinlichkeit von Dickdarmkarzinomen erhöht, ist noch nicht völlig geklärt. Neuere Untersuchungen lassen keinen sicheren Zusammenhang erkennen. Auf jeden Fall müssen PTA oder Apotheker die Patienten im Gespräch darauf hinweisen, dass sie Faulbaumrinde nur kurzfristig anwenden dürfen. Eine Langzeiteinnahme sollte nur nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen.

Das kontrovers diskutierte karzinogene Risiko führte dazu, dass die Hersteller Fertigarzneimittel mit Faulbaumrinde praktisch vollständig vom Markt nahmen. Die Rote Liste führt nur das Mono-Präparat Legapas® als Tabletten und Tropfen auf. Das Fertigpräparat enthält allerdings keinen Extrakt aus Cortex Frangulae, sondern den Trockenextrakt aus der amerikanischen Faulbaumrinde, der Cascararinde (Rhamni purshiani cortex). Die Rinde aus Rhamnus purshianus enthält Hydroxyanthracenderivate, die der Wirkung und den Risiken der Anthranoide des Faulbaums sehr ähnlich sind.

Tee richtig zubereiten

Für die Teebereitung werden etwa zwei Gramm feingeschnittene Droge, das entspricht einem halben Teelöffel, mit 150 ml Wasser übergossen und nach 10 bis 15 Minuten durch ein Teesieb gegeben. Die Tasse Tee frisch zubereitet vor dem Schlafengehen trinken. Die Wirkung setzt nach acht bis zwölf Stunden ein. Bei krampfartigen Magen-Darm-Beschwerden sollte der Betroffene die Dosis reduzieren, gegebenenfalls reicht eine halbe Tasse Teeaufguss aus. Wegen der kleinen, schwer messbaren Menge sollten PTA oder Apotheker den Patienten besser Teebeutel einer gebrauchsfertigen Mischung aus der Apotheke empfehlen. Prinzipiell gilt der Grundsatz: Die Droge in kleinstmöglicher Dosis, die zur Darmentleerung mit einem weichgeformten Stuhl nötig ist, anwenden und auf wenige Tage begrenzen.

Auch Homöopathen schätzen Faulbaumrinde bei Verdauungsproblemen mit Neigung zu Durchfall. Gebräuchlich sind Potenzen ab D3. Im akuten Fall nehmen die Patienten alle 30 bis 60 Minuten 5 Tropfen, 1 Tablette, 10 Globuli oder 1 Messerspitze Verreibung ein, bei chronischen Fällen dieselbe Dosis ein- bis dreimal täglich.

Vergiftungen bei Mensch und Tier

Da alle Pflanzenteile des Faulbaums sehr unangenehm bis bitter schmecken, kommt es ganz selten zu ernsthaften Vergiftungen. Schon der Verzehr der frischen Rinde oder weniger Früchte kann zu Erbrechen, Koliken, blutigen Durchfällen, ja sogar zu Kollaps führen. Bei Kindern, die mehr als fünf Faulbaumfrüchte gekaut und verschluckt haben, ist zwar keine lebensbedrohliche Intoxikation zu befürchten. Dennoch sollten sie sicherheitshalber ärztlich behandelt werden.

Auch bei Rindern und Pferden wurden heftige Vergiftungssymptome beobachtet, nachdem sie vom Faulbaumstrauch gefressen hatten. Bei Wildtieren dagegen vermuten Wissenschaftler, dass sie absichtlich einige Blätter des Faulbaums äsen, um ihre Verdauungsprobleme zu regulieren.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
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