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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Fenchel

Foto: Mies

Gut zu Magen, Darm und Bronchien

von Christina Paulson, Aachen

In den Ländern rund um das Mittelmeer kennen die Menschen seit langem eine Pflanze, die durch ihren besonders angenehmen, aromatischen Geruch auffällt: Fenchel. Hausfrauen und Köche bereiten aus seiner Knolle feine Salate und Gemüse. Ärzte und Pharmazeuten schätzen dagegen die Wirkung seiner Früchte.

Die ätherischen Öle vor allem sind es, die so manche Speise geschmacklich bereichern und sie bekömmlicher machen; ihre medizinischen Wirkungen nutzten Heilkundige seit dem Altertum. Die ältesten Berichte über die Verwendung des Fenchels stammen aus der Zeit um 3000 vor Christus und kommen aus Mesopotamien. Später setzten die griechischen Ärzte Hippokrates und Dioskurides die Pflanze unter anderem ein, um stillenden Frauen zu helfen, die zu wenig Muttermilch bildeten. Gut sei das Fenchelkraut "wider die Gebrechen der Nieren und Blasen, dieweil es nämlich den Harn treibt", schrieb Dioskurides, und "mit kaltem Wasser getrunken sänftiget es den Unwillen und die Hitze des Magens".

Schon die Römer kultivierten mehrere Fenchelsorten und verwendeten ihn als Gewürz in fast allen Gerichten bis hin zu Fleischbrühen und Wildbret, dem täglichen Brot, dem Essig oder eingemachten Oliven verlieh er eine besondere Note. Sie nannten ihn foeniculum, wahrscheinlich weil sein getrocknetes Kraut dem Heu (lateinisch: foenum) ähnelt. Funde von Fenchelfrüchten in einer ehemaligen Römersiedlung in Xanten am Niederrhein beweisen, dass die römischen Eroberer die Gewürz- und Heilpflanze bereits vor etwa 2000 Jahren nach Mitteleuropa importiert hatten.

Karl der Große (742 bis 814), heißt es, schätzte sie so sehr, dass er sie per Erlass in den Krongütern und den Klostergärten seines Reiches anbauen ließ. Der Benediktinerabt Walahfrid Strabo pries um 840 in seinem Gartengedicht "Hortulus" den Fenchel und beschrieb darin die wichtigsten noch heute bekannten Anwendungen. Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) behandelte im zwölften Jahrhundert Kranke mit verschleimten Atemwegen, Magen- und Verdauungsproblemen oder Augenleiden mit Fenchel.

Gelbe Dolden, bläuliche Stängel

Fenchel (Foeniculum vulgare) ist eine zwei- bis mehrjährige, an die zwei Meter hoch wachsende Staude aus der Familie der Doldengewächse (Apiaceae). Zu ihr gehören andere aromatische Arznei- und Gewürzpflanzen wie Anis, Kümmel oder Dill. Die maximal 15 cm breiten Dolden bilden bis zu 25 kleinere Döldchen mit den zahlreichen kleinen, sattgelben Einzelblüten. Blütezeit ist von Juli bis August. Der Stängel des Fenchel ist gerillt, innen markig und im oberen Drittel bläulich bereift. Seine Blätter sind zwei- bis dreifach gefiedert mit fein zerteilten, drei bis sieben Zentimeter langen und kaum einen Millimeter schmalen Zipfeln.

Heute wird Fenchel verschiedener Provenienzen überall in Südeuropa, seit einigen Jahren auch in klimatisch geeigneten Gebieten Mitteleuropas, dazu in Ägypten, Teilen Südamerikas, in Asien bis nach China und in Indien angebaut. Drogenimporte kommen aus Bulgarien, Ungarn, Ägypten, Russland und China. Je nach Erntemethode werden zwei verschiedene Qualitäten unterschieden: Die "Kammware" zeichnet sich durch eine hohe Homogenität aus, die Früchte werden genau zum Reifezeitpunkt mit Spezialwerkzeugen, so genannten Kämmen, geerntet. Weniger aufwändig wird der "Strohfenchel" geerntet: Die Pflanzen trocknen nach dem Mähen in Bündeln und werden anschließend gedroschen.

Wilder, Süßer und Gemüsefenchel

Der Gartenfenchel (Foeniculum vulgare ssp. vulgare) existiert in drei verschiedenen Varietäten: der var. vulgare = Wilder Fenchel oder Bitterfenchel, der var. dulce = Süßer, Römischer oder Gewürzfenchel und der var. azoricum = Gemüse- oder Zwiebelfenchel. Die bis zu 10 cm dicke und 15 cm lange, wohlschmeckende Knolle des Gemüsefenchels entsteht durch Verdickung der Blattscheiden an der Pflanzenbasis. Zu medizinischen oder Heilzwecken werden jedoch nicht die Knollen genutzt , sondern die getrockneten Früchte des Wilden oder Bitterfenchels (Foeniculi amari fructus) und, seltener, die des Süßen Fenchels (Foeniculi dulcis fructus). Die für die Medizin nutzbaren Pflanzen stammen ausschließlich aus Kulturen, denn die Wildsorten enthalten meist zu viel karzinogenes Estragol.

Nach dem Arzneibuch geprüfte Drogen dürfen maximal 5 Prozent dieser Substanz im Ölanteil aufweisen. Die empfohlene Dosis von 7 g Droge pro Tag sollte wegen des toxikologisch problematischen Estragols nicht überschritten werden. Dies entspricht etwa drei bis fünf Tassen Tee.

Die Samen der Pflanzen reifen im September und Oktober in kümmelähnlichen 0,5 bis 1 cm langen Spaltfrüchten. In deren Schale verlaufen der Länge nach die so genannten Ölstriemen; dies sind Drüsengänge, die das beim Zerreiben der Früchte frei werdende, intensiv duftende ätherische Fenchelöl (Foeniculi aetheroleum) enthalten.

Süßliches Anethol, bitteres Fenchon

Fenchelöl wirkt Schleim und Krampf lösend, Auswurf fördernd, blähungs- und Harn treibend sowie entzündungshemmend. Den süßlichen, anisartigen Geschmack des Bitterfenchels bedingt zum größten Teil das im ätherischen Öl enthaltene Anethol. Anethol ist zu 50 bis 70 Prozent im Bitterfenchelöl enthalten und soll sekretolytisch und spasmolytisch wirken. Das bittere, kampherartig riechende Fenchon verleiht dem Fenchel seine typische Geschmacksnote. Auch das Fenchon ist bis zu 15 Prozent Bestandteil des ätherischen Öls und wirkt wachstumshemmend auf Bakterien und Pilze. Ferner sind fettes Öl, Phenolcarbonsäuren, Cumarine, Flavonoide und Sterole enthalten.

Ein Aufguss aus Fenchelsamen macht blähende Speisen bekömmlicher und mindert Völlegefühl. Fenchelfrüchte sind daher Bestandteil zahlreicher Abführtees. Bei dyspeptischen Beschwerden fördert das Fenchelöl die Magen- und Darmbewegungen (Motilität). In höherer Dosierung wirkt es spasmolytisch, das heißt Krampf lösend auf die glatte Muskulatur von Magen und Darm. Auf die Atemwege wirkt Fenchelöl dreifach: Es lockert die Bronchialmuskulatur, regt sekretomotorisch die Bewegung der Flimmerhärchen in den Atemwegen an und verdünnt zudem sekretolytisch den Flüssigkeitsfilm, auf dem der zähe Schleim abtransportiert wird.

In Teemischungen oder Filterbeuteln verflüchtigt sich das ätherische Öl allerdings rasch, wenn die Hersteller die Fenchelfrüchte bereits zerkleinert verpacken. Der Verbraucher sollte entweder auf lösliche Instanttees zurückgreifen, denen das Öl mikroverkapselt zugesetzt wird (auf den Zuckergehalt achten); er kann die Früchte aber auch unmittelbar vor der Zubereitung in einem Mörser anstoßen oder auf einer festen Unterlage mit einer Gabel anquetschen. Zur frischen Zubereitung reicht ein Teelöffel der auf diese Weise zerkleinerten Fenchelfrüchte (etwa 2,5 g), aufgegossen mit circa 150 ml siedendem Wasser. Zehn bis 15 Minuten zugedeckt stehen lassen. Bei Katarrhen der Atemwege sollten die Patienten täglich zwei bis fünf Tassen trinken, bei Verdauungsproblemen jeweils eine Tasse, beliebig gesüßt und nach den Mahlzeiten.

Nicht nur im Tee, sondern auch als Sirup, Honig und in Bonbons hilft der Fenchel gegen Katarrhe und Husten. Er lindert selbst die Schmerzen eines unter Koliken leidenden Säuglings. Hustenbonbons mit Fenchel regen außerdem die Speichelbildung an.

Nebenwirkungen sind beim Fenchel nicht bekannt, und wegen ihres angenehmen Geschmacks sind Fencheltee und -honig vor allem in der Kinderheilkunde beliebt. Der Teeaufguss für Kleinkinder und Säuglinge kann der Milch oder der Breinahrung zugegeben werden. Kleine Wunder bewirken ein Löffel Fenchelhonig in warmer Milch oder mit Fenchelsamen aufgekochte Milch, die mit normalem Honig gesüßt wird.

Fenchelöl bei Säuglingen verdünnen

Eltern können Blähungen ihrer Säuglinge und Kleinkinder auch äußerlich mit "Windsalben" oder "Windölen" behandeln, die Fenchel-, Kümmel-, Anis- oder Korianderöl enthalten: Salbe oder Öl werden sanft im Uhrzeigersinn auf dem Bauch einmassiert. Das entspricht dem Verlauf des Dickdarms und unterstützt die Wirkung der Behandlung. Wichtiger Abgabehinweis: Kleinkinder, Säuglinge und auch Schwangere sollten Fenchelöl immer nur stark verdünnt anwenden, da Fenchon in höherer Dosierung akute Atemnot und Erregungszustände hervorrufen kann. Epileptiker oder Patienten mit Sellerieallergie sollten es gänzlich meiden. Risiken und Nebenwirkungen muss der Patient nicht befürchten, wenn er sich an die vom Arzt oder dem Apotheker vorgeschriebene Dosierung hält. Allergische Reaktionen sind äußerst selten.

In der Volksheilkunde wird Fencheltee als Mittel zur Förderung der Milchbildung stillender Mütter eingesetzt. Außerdem sollen Breiumschläge aus Blättern und Blüten, in einem Mörser zubereitet, gegen Milchstau in den Brüsten helfen. Die gleiche Wirkung schreibt die Aromatherapie Einreibungen mit einer Ölmischung zu, die unter anderem Anis- und Fenchelöl enthält.

Als Gemüse und Gewürz beliebt

Zu guter Letzt bereichert die Fenchelknolle auch die deutsche Küche. Industriell wird das aus den Früchten gewonnene Anethol in Bonbons, Zahncremes, Seifen, Süßwaren und Parfums verarbeitet. In Hamburg gehört Fenchel in die berühmte Aalsuppe; in Thüringen, Bayern und Tirol verwenden Bäcker die Früchte als Brotgewürz. Bis heute aber sind die Italiener die wahren Liebhaber des "finocchio" geblieben. Sie füllen mit ihm und anderen aromatischen Kräutern Spanferkel und Kaninchen, sie würzen Lammgerichte und eine ihrer besten Salamis, die besonders in der Toskana beliebte Finocchiona.

 

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