Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Eisenkraut



Foto: Schöpke

Das heilige Kraut der Römer befreit verstopfte Nasen

von Monika Schulte-Löbbert

Noch im Mittelalter galt Eisenkraut als wichtige Heil- und Kultpflanze und wurde gegen eine Vielzahl von Erkrankungen eingesetzt. Danach geriet die Pflanze lange Zeit in Vergessenheit. Heute schätzen Menschen mit einer Entzündung der Nasennebenhöhlen ihre sekretolytische Wirkung.

Das Echte Eisenkraut mit dem botanischen Namen Verbena officinalis L. gehört zur artenreichen Familie der Eisenkrautgewächse (Verbenaceae). Zu den meist in tropisch-subtropischen Gebieten verbreiteten etwa 230 Arten zählt auch der Teakbaum. In Mitteleuropa sind nur zwei Arten heimisch, darunter das Echte Eisenkraut. Weltweit wächst die Pflanze eher in den gemäßigten Zonen, außer im Norden und Westen Deutschlands, kultiviert wird sie selten. 

Verbena officinalis ist eine ein- bis mehrjährige krautige Pflanze, die sonnige geschützte Lagen mit mäßig nährstoffreichen und schwach sauren, sandigen Lehm- und Tonböden liebt. Die unauffällige, bis zu 70 Zentimeter hohe Pflanze bevorzugt Wegränder sowie Ufer von Bächen und Flüssen. Auch auf Schuttplätzen, an Zäunen, Mauern und auf Weiden ist sie anzutreffen. Ihre spindelförmige, verzweigte Wurzel reicht bis zu 60 Zentimeter tief in den Boden. Typisch ist der harte vierkantige, nach oben verzweigte Stängel mit Rillen in Längsrichtung und rauen Haaren, vor allem an den Kanten. Die gegenständigen, sitzenden oder nur kurz gestielten Blätter sind tief fiederförmig gelappt, der Blattrand ist grob gekerbt bis gezähnt. Auch an der Oberfläche der Blätter sitzen borstige Haare, besonders über den Blattnerven.

Das Eisenkraut blüht von Juni bis Oktober, manchmal noch bis zum ersten Frost. Die zahlreichen in einer lockeren, lang gezogenen Ähre angeordneten blassrosa- bis lilafarbenen Blüten stehen in der Achsel von Hochblättern. Aus den Blüten reifen kleine braune Spaltfrüchte heran, die in vier Nüsschen zerfallen.

Viele andere Namen des Eisenkrauts weisen auf seine große Bedeutung in der Volksmedizin hin, beispielsweise Heiligkraut, Taubenkraut, Katzenblutkraut, Sagenkraut oder Wunschkraut. Die Bezeichnung Eisenkraut geht vermutlich auf die im Volksglauben verankerte Meinung zurück, die Pflanze eigne sich als Schutz vor Verletzungen durch Eisenwaffen. Lange Zeit galt Eisenkraut als Wundermittel gegen durch Eisen hervorgerufene Wunden. Nach anderen Spekulationen bezieht sich der Name auf den harten Stängel des Krautes. Wahrscheinlicher aber ist die Entwicklung aus dem im Mittelalter gebräuchlichen Namen »Isenkraut«, denn im alten Ägypten war das Eisenkraut der Göttin Isis geweiht. Bereits die Menschen der Antike verwendeten Eisenkraut für verschiedene Heilzwecke und benutzten es für zahlreiche Rituale. Schon der römische Geschichtsschreiber Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) erwähnt das Eisenkraut in seiner »Naturalis historia«. Er schreibt: »Kein Kraut hat bei den Römern mehr Ansehen als das heilige Kraut, von anderen auch Taubenkraut und bei uns Verbenaca genannt.«

Als Friedensstifter geschätzt

Neben seiner Wirkung als Heilmittel wurden ihm auch magische Kräfte und eine friedensstiftende Wirkung zugeschrieben. So nahmen die römischen Gesandten zur Aushandlung von Friedensverträgen Eisenkraut mit. Auch zur Ehre Jupiters lagen auf dessen Altar immer ganze Bündel von Eisenkraut.

Der griechische Arzt Dioskurides, der im ersten Jahrhundert n. Chr. lebte, beschreibt die Heilkraft des Eisenkrautes in seiner »Materia Medica«. Er sprach der Pflanze  unter anderem eine heilende Wirkung gegen Fieber zu. Außerdem sollte sie magische Kräfte besitzen, zum Beispiel helfen, die Freundschaft anderer Menschen zu erringen.

Bei den Kelten galt das Eisenkraut neben der Mistel als heilig und gehörte zu den Druidenkräutern. Ihre Priester, die Druiden, nahmen Eisenkraut zu sich, um größere seherische Fähigkeiten zu erlangen und ihre Zauberkraft zu stärken. Die Kelten verwendeten Eisenkraut  als Arzneipflanze und zum Schutz vor allerlei Unheil. Sie legten sich zum Beispiel geflochtene Kränze aus Eisenkraut auf den Kopf. Nach ihrer Vorstellung wurden Kopfschmerzen durch bösen Zauber hervorgerufen, den das Eisenkraut vertreiben sollte.

Im Mittelalter gehörte Eisenkraut vor allem zum Arzneischatz der Klöster. Oftmals mit Wein zubereitet, wurde es zur Behandlung vielerlei Beschwerden eingesetzt. Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) empfahl es bei Entzündungen der Mundhöhle, als Kompresse bei Geschwüren und als Halswickel bei einer Mandelentzündung.

Seine Bedeutung für die Klostermedizin zeigt auch der berühmte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (1515). Auf einem Flügel des geöffneten Altars, der den Besuch des Heiligen Antonius beim Einsiedler Paulus darstellt, lässt der Maler neben Breit- und Spitzwegerich das Eisenkraut zu Füßen des Heiligen Antonius wachsen. Der Bettelorden der Antoniter behandelte mit Eisenkraut das Antoniusfeuer, eine verheerende Seuche des Mittelalters. Diese Krankheit wurde durch den Getreidepilz Claviceps purpurea ausgelöst, der an den Ähren das sogenannte Mutterkorn bildet. Durch den Verzehr infizierten Getreides verfärbten sich die Glieder der Erkrankten zunächst unnatürlich feuerrot, später blauschwarz und starben ab. 

In der Volksmedizin wurde das Eisenkraut auch zur Behandlung von Unfruchtbarkeit, Nieren- und Blasensteinen sowie bei Gallenbeschwerden eingesetzt.

Anerkannte Arzneibuchdroge

Mit dem neu erwachten Interesse an der Phytotherapie schenkten die Arzneipflanzenforscher auch dem altbekannten Eisenkraut wieder Aufmerksamkeit. In den 1980er-Jahren entdeckten Wissenschaftler neue Inhaltsstoffe und klärten die Struktur der schon bekannten auf. Moderne Analyseverfahren ermöglichten erstmals den Nachweis einzelner Inhaltsstoffe, und so konnten Richtwerte für die Qualität der Droge festgelegt werden. 

Die Monographie »Eisenkraut, Verbenae herba« wurde neu in den 6. Nachtrag zum Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur. 5.6) aufgenommen. Dadurch entfiel die Monographie im Deutschen Arzneimittel-Codex (DAC): Der DAC 2008 führt keine Eisenkraut-Monographie mehr. 

Das  Drogenmaterial stammt aus dem osteuropäischen Anbau oder aus Wildvorkommen Südeuropas. Zur Blütezeit werden die oberirdischen Teile von Verbena officinalis gesammelt und in Bündeln zum Trocknen aufgehängt. Die Temperaturen dürfen dabei nicht zu hoch sein, da sich bei unsachgemäßer Trocknung die Blätter dunkel verfärben. 

Eisenkraut enthält im Wesentlichen drei Stoffgruppen: die Iridoide mit dem für die Gattung Verbena typischen Verbenalin, Kaffeesäurederivate mit Verbascosid und Spuren von Flavonoiden. Das Arzneibuch fordert für die Droge einen Gehalt von mindestens 1,5 Prozent Verbenalin, bezogen auf die getrocknete Droge. Weiterhin wurden geringe Mengen ätherisches Öl sowie Bitter- und Schleimstoffe gefunden. Für die medizinische Wirkung des Eisenkrauts ist vor allem das Verbenalin verantwortlich. Seine schon länger bekannte sekretolytische Eigenschaft konnte in einer neuen wissenschaftlichen Untersuchung bestätigt werden. Das ebenfalls untersuchte Verbascosid erwies sich als Hemmstoff verschiedener Enzyme mit antibakterieller Potenz. Extrakte aus Verbena officinalis wirkten in vitro auch antiviral und immunstimulierend. Außerdem soll Eisenkraut entzündungshemmende, hustenreizstillende und harntreibende Effekte besitzen. 

In der Volksmedizin wird die Arzneipflanze bei Verdauungsstörungen, rheumatischen Erkrankungen, bei Beschwerden im Klimakterium, unregelmäßiger Periode und als Mittel zur Förderung der Milchsekretion (Galaktagogum) eingesetzt, äußerlich bei schlecht heilenden Wunden, Geschwüren und Brandwunden. 

Die Kommission E des früheren Bundesgesundheitsamts bewertete nur die sekretolytische Wirkung des Eisenkrauts als positiv. Daher ist die Arzneipflanze in pflanzlichen Kombinationspräparaten gegen Katarrhe der oberen Luftwege enthalten, zum Beispiel in dem Rhinologikum Sinupret®. Sinupret® hilft bei akuten und chronischen Entzündungen der Nasennebenhöhlen sowie der Atemwege und erhielt als erste Fünffach-Kombination im September 1997 die Neuzulassung.

Als Teedroge ist Eisenkraut wenig gebräuchlich, allenfalls als Bestandteil von Stilltees. Es soll die Milchbildung unterstützen und die Rückbildung der Gebärmutter fördern. Zu den Stilltees mit Eisenkraut gehören zum Beispiel Hevert® Milchbildungs-Tee und H&S® Bio-Müttertee (Stilltee). Schwangere sollten kein Eisenkraut, auch nicht als Tee, anwenden, da es vorzeitig Wehen auslösen kann. In einer Studie an der Frauenklinik in Rotenburg an der Wümme erwies sich ein Cocktail aus Eisenkraut, Rizinusöl und einigen Geschmackskomponenten bei der Indikation »überschrittener Geburtstermin« als ebenso wirksam wie die sonst übliche Prostaglandinbehandlung. Eisenkraut zur Geburtseinleitung gehört allerdings in die Hände des Gynäkologen.

Auch in der sogenannten alternativen Heilkunde hat Eisenkraut seinen Platz. Die Blüten werden zur Herstellung einer Bach-Blüten-Essenz verwendet, die in der Apotheke unter der Bezeichnung »Vervain«, dem englischen Namen für Eisenkraut, erhältlich ist. Vervain eignet sich fürinnerlich ruhelose und angespannte Menschen. Homöopathen setzen Verbena officinalis vor allem zur Behandlung von Nieren- und Gallensteinen, aber auch bei Epilepsie, nervösen Beschwerden und Schlafstörungen ein.

Zitronenverbene

Die nach Zitrone duftenden Eisenkraut-Tees und ätherischen Eisenkrautöle stammen nicht von Verbena officinalis, sondern von der Echten Verbene, auch Zitronenverbene genannt. Sie gehört ebenfalls zur Familie der Verbenaceae und hat den botanischen Namen Lippia citriodora (syn. Lippia triphylla). Die Echte Verbene ist in Südamerika heimisch und wurde erst im 18. Jahrhundert in Europa als Tee- und Zierpflanze eingeführt.

Im Unterschied zum Eisenkraut enthält sie reichlich ätherisches Öl mit hohem Citralgehalt und duftet beim Zerreiben intensiv nach Zitrone. Auch das Inhaltsstoffspektrum unterscheidet sich von dem des Eisenkrauts. Zitronenverbene ist als Geschmackskorrigens Bestandteil von Tees, zum Beispiel Sidroga Bio Säuglings- und Kindertee oder Weleda Stilltee. Ihr ätherisches Öl wird in der Aromatherapie eingesetzt. Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Echte Verbene, bedingt durch den hohen Gehalt an Verbascosid, ebenfalls eine interessante Arzneipflanze sein dürfte.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
schulte-loebbert(at)t-online.de



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=620