Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Nelken in Aspik

Foto: Ostmann Gewürze

Für Mund, Mus und gegen Mücken

von Ulrich Meyer, Berlin

"Nelken in Aspik" hieß der einzige DDR-Spielfilm, der auf humoristische Weise die Arbeit einer Werbeagentur im real existierenden Sozialismus schilderte. Während die ostdeutschen Werbefachleute angesichts täglicher Lieferengpässe sicherlich besonders viel Phantasie entfalten mussten, erscheinen dagegen die Einsatzmöglichkeiten der Gewürznelken auch bei nüchterner naturwissenschaftlicher Betrachtung als wohl begründet.

Bei der Droge Flores Caryophylli handelt es sich um die noch nicht geöffneten Blütenknospen des Baumes Syzygium aromaticum. Der Baum wächst bis zu 20 Meter hoch und ist immergrün. Er zählt nicht etwa zur Familie der Nelkengewächse (Caryophyllaceae) - ein gefürchteter Fallstrick in der Drogenkunde-Prüfung! -, sondern zu den Myrtengewächsen (Myrtaceae). Der Baum war zunächst auf den zu Indonesien gehörenden Molukken-Inseln beheimatet, gedeiht heute aber weltweit im feuchtwarmen Klima tropischer Küsten. Zu Kolonialzeiten zählte auch die Insel Sansibar des Deutschen Reiches mit zu den Produzenten qualitativ besonders hochwertiger Gewürznelken. Doch tauschten die Deutschen 1890 die fruchtbare Insel gegen das in der Nordsee gelegene unwirtliche Helgoland ein. Als Trost für diesen militärstrategisch bedingten Umzug erhielten alle Beamten goldene Krawattennadeln in Form einer Gewürznelke!

Die Ernte der doldenartig angeordneten Blütenknospen erfolgt, sobald diese sich von weiß nach gelb verfärben. Die Knospen werden anschließend in der Sonne getrocknet. Von einem Baum lassen sich drei bis vier Kilogramm ernten, was einem Kilo Droge und 16.000 bis 18.000 einzelnen Knospen entspricht.

Da die getrockneten Blütenknospen an einen handgeschmiedeten Nagel erinnern, heißen sie auch Nägelein oder Gewürz-Nägelein. Die Droge ist sehr reich an flüchtigen Bestandteilen: Bei einem Gehalt von circa 20 Prozent ergeben ein Kilo Flores Caryophylli circa 150 Milliliter des ätherischen Öles. Neben dem zu 85 bis 90 Prozent dominierenden Phenol Eugenol enthält das Öl etwa 10 Prozent des Essigsäure-Esters Eugenolacetat. Diese Verbindung dient zur Identifizierung des reinen und besonders wohl duftenden Blütenöles, denn Eugenolacetat ist in den Blatt- und Stiel-Ölen der Gewürznelke in deutlich geringeren Anteilen vertreten. Nach Arzneibuch dürfen diese aber trotzdem durchaus legal zugemischt werden.

Von Zahnärzten empfohlen

Eugenol entfaltet starke antimikrobielle Aktivitäten gegen Bakterien, Pilze und sogar Viren, was die heutige Verwendung des Nelkenöles plausibel erklärt. So wird das Öl gerne bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhäute eingesetzt. Die Konzentration in Mundwässern sollte laut Monographie der Kommission E ein bis fünf Prozent betragen. In der Zahnheilkunde dient das pure Nelkenöl der lokalen Schmerzstillung im Sinne einer Ersten Hilfe: Es wird auf ein Wattestäbchen getropft und der schmerzende Zahn damit eingepinselt. In einer Mischung mit Zinkoxid bildet das Öl eine erhärtende Masse und wird vom Zahnarzt zur Bereitung von provisorischen Füllungen verwendet. Nelkenöl ist außerdem regelmäßiger Bestandteil von Melissen- und Karmelitergeistern.

Eine Waffe gegen Mücken

Wachsende Bedeutung gewannen die Nelken in den letzten Jahren als Repellent. Natürliche Insekten-Vertreibungsmittel auf der Basis ätherischer Öle kommen praktisch nie ohne die durchdringend riechende Nelken-Komponente aus.

Neben der Verwendung als Arzneimittel spielen Nelkenblüten als Gewürz in der Küche eine wichtige Rolle. So finden sie sich in Gewürzmischungen zur Herstellung von Glühwein und Lebkuchen. Aber auch schwer verdaulichen herzhaften Speisen wie Rotkohl und Sauerkraut werden Nelken zugesetzt, um Blähungen und Bauchkrämpfen vorzubeugen. Ferner profitieren Obstkompotte und Pflaumenmus von einer Prise Nelkenpulver.



"Nelken in Aspik" - eine filmische Werbegroteske

"Von Erfurt bis zum Pazifik / schenkt man sich Nelken in Aspik" - mit solchen und ähnlichen Sprüchen führte der 1976 in die DDR-Kinos gekommene Film das Werbeschaffen im Osten Deutschlands ad absurdum. Selbst dem SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" (ND) zollte die Satire nur bedingt Respekt: "Auch das ND macht jetzt publik: Vorwärts! Nelken in Aspik . . ."

Der mit Armin Müller-Stahl hervorragend besetzte Film lieferte die Rahmenhandlung für Simone Tippach-Schneiders 1999 erschienenes Buch "Messemännchen und Minol-Pirol", das einen unterhaltsamen Einblick in die Werbegeschichte, aber auch die Alltagskultur des ehemaligen ostdeutschen Staates gibt. Arzneimittelwerbung wird man in dem exzellent illustrierten Band allerdings vergeblich suchen. Seit Inkrafttreten des DDR-Arzneimittelgesetzes vom 5. Mai 1964 war Pharma-Werbung nur noch in Fachzeitschriften gestattet, das Laienpublikum hingegen galt als Objekt der "Gesundheitserziehung".

Gerade mit Blick auf manche "Blüten" der heutigen Arzneimittelwerbung erscheinen folgende Zeilen eines Film-Songs durchaus als zeitlos:

"Darum liebe Leute,
denkt doch mal dran,
ob man manche Werbung
sich nicht sparen kann".



Verfälschungen von Nelkenblüten spielen in der Praxis keine Rolle. Doch werden Drogenpartien angeboten, deren ätherisches Öl bereits weitgehend extrahiert wurde. Mit einer einfachen Prüfung lässt sich diese minderwertige Ware erkennen: Vom Öl befreite Gewürznelken schwimmen in destilliertem Wasser obenauf oder halten sich bestenfalls waagerecht unter Wasser; gute Droge sinkt zu Boden beziehungsweise die Nelkenstielchen schwimmen zumindest senkrecht im Wasser.

Zwei Namensvetter

Das aus den Blüten der "echten" Gartennelke extrahierte ätherische Öl ist übrigens auch im Handel erhältlich, im Vergleich zu dem der Gewürznelke jedoch geradezu sündhaft teuer. Der Preis wird verständlich, wenn man berücksichtigt, dass dieses Öl nur zu etwa 0,25 Prozent in den Blüten von Dianthus caryophyllus enthalten ist. Diese Pflanze zählt im Unterschied zur Gewürznelke wirklich zur Familie der Caryophyllaceae; ihr kostbares Öl dient nicht "profanen" kulinarischen oder medizinischen Zwecken, sondern wird Luxusparfüms beigemischt.

Schließlich ist noch die Nelkenwurz (Geum urbanum) zu erwähnen, wobei es sich hier um ein Rosengewächs (Rosaceae) handelt. Neben einem Eugenol-Glykosid enthält der Wurzelstock beträchtliche Mengen Gerbstoffe, was den Einsatz bei Durchfallerkrankungen erklärt. Während diese Wurzel früher häufiger in der Volksmedizin gebraucht wurde, ist Geum urbanum heute nur noch in der anthroposophischen Therapie von Bedeutung.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Ulrich Meyer
Hauptstraße 15
10827 Berlin



© 2017 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=63