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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Ginkgo

Foto: Schwabe Arzneimittel

Ein lebendes Fossil

von Ursula Sellerberg, Berlin

Der Ginkgo ist ein besonderer Baum. Möglicherweise haben schon die Dinosaurier von seinen Blättern gefressen. Denn: Die ältesten Versteinerungen von Ginkgoblättern entstanden vor 270 Millionen Jahren, 60 Millionen Jahre vor den Dinosauriern.

Ginkgo ist mit keiner anderen derzeit lebenden Pflanze verwandt. Deshalb sind die Blätter auch so einmalig. Der deutsche Name von Ginkgo biloba ist Fächer- oder Tempelbaum, üblich ist aber die botanische Bezeichnung. Der Name entstand durch einen Schreibfehler: Die Japaner nannten ihn "gin-kyo", "gin" bedeutet Silber, "kyo" Aprikose. Zusammen beschreiben diese Worte das Aussehen der reifen Samen. Die Artbezeichnung "biloba" spielt auf die zweilappigen Blätter an.

Samen faulen rasch

Ginkgo ist eine zweihäusige Pflanze mit männlichen und weiblichen Exemplaren. Im Alter von 20 bis 30 Jahren blühen die Bäume zum ersten Mal. Die männlichen Blütenstände sind gelb und buschig, ihre Pollen fliegen mit der Luft zu den eher unauffälligen weiblichen Blüten. Nach der Befruchtung entstehen Aprikosen-ähnliche Samen, die fälschlicherweise oft als Früchte bezeichnet werden. Den Samen umgibt eine fleischige Außenschicht, die sich wachsartig und fettig anfühlt. Sie fault rasch und riecht ranzig. Die beim Verwesen entstehenden Fettsäuren sind für den unangenehmen Geruch verantwortlich. Die Samen werden - geröstet oder in Gemüsebrühe gekocht - in Ostasien als Knabberei geschätzt.

Ginkgobäume tragen im Frühjahr hellgrünes Laub, das im Sommer nachdunkelt. Das Herbstlaub ist leuchtend gelb. Die Blätter fühlen sich weich-lederartig an und sind etwas dicker als die Blätter anderer Bäume hiesiger Breitengrade. Ginkgoblätter erinnern eher an Farne als an Laubbäume. Ihre Form ist ungewöhnlich dreieckig mit einer fächerförmigen Nervatur ohne Mittelrippe und Queraderung. An der Vorderkante sind sie gewellt bis eingebuchtet oder tief eingeschnitten. Die Blätter wachsen unterschiedlich: An den Langtrieben sind sie wechselständig, an den Kurztrieben zu mehreren gebündelt. Eine Besonderheit ist, dass sehr alte Bäume aus den Seitenästen Auswüchse bilden, die sich in die Erde eingraben und dort neue Wurzeln bilden. Ginkgobäume können sehr alt werden, in China finden sich einige knapp 4000 Jahre alte Exemplare.

Seine lange Existenz auf der Erde verdankt der Ginkgo seiner hohen Widerstandsfähigkeit. Das erste Grün nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima stammte vom Spross eines Ginkgobaumes. Um diesen Baum herum entstand ein Tempel als Mahnmal gegen die Atombombe. Ginkgo ist sehr resistent gegen Insekten oder andere Schädlinge wie Pilze sowie gegen Umweltschadstoffe. Deshalb wird er auch gerne als Alleebaum in Städten angepflanzt. Allerdings gilt dies nur für die männlichen Exemplare - die glitschigen Samen der weiblichen Bäume könnten die Autofahrer gefährden.

In Europa starb der Ginkgo in der Eiszeit aus. Überlebt hat er in Tempelanlagen Ostasiens. Von dort wurde er nach Europa importiert: 1730 wurde der erste Baum in einem botanischen Garten in den Niederlanden angepflanzt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts breitete er sich über ganz Europa aus und wurde wieder heimisch.

Spezialextrakte gut erforscht

Obwohl Ginkgo aus Asien stammt, gilt er mittlerweile als deutsche Spezialität. In keinem anderen westlichen Land wird er medizinisch so häufig eingesetzt. Therapeutisch verwendet werden die Extrakte der Blätter; Teezubereitungen sind nicht üblich. Die noch grünen Blätter werden im Spätsommer und Herbst geerntet, da sie zu diesem Zeitpunkt den höchsten Wirkstoffgehalt aufweisen. Die Kommission E, eine Expertengruppe zur Beurteilung von pflanzlichen Arzneimitteln, empfiehlt einen Spezialextrakt, der durch eine genau festgelegte Extraktion der Droge entsteht. Durch dieses Verfahren werden störende Inhaltsstoffe entfernt und die gewünschten angereichert. Beispielsweise liegt die Konzentration der unerwünschten Ginkgolsäuren in den Spezialextrakten unter der Nachweisgrenze von 5 ppm (ppm = parts per million = Teile auf eine Million anderer Teile). Ginkgolsäuren können allergische Reaktionen hervorrufen. Die für die Arzneimittelherstellung geeigneten Extrakte kürzen die Firmen oft mit Bezeichnungen wie "EGb 761" oder "LI 1370" ab.

Die Wirkungen des Ginkgos lassen sich nicht auf einzelne Wirkstoffe zurückführen, verantwortlich ist das Zusammenspiel verschiedener Substanzen. Zu den charakteristischen Inhaltsstoffen gehören die Ginkgolide, das Bilobalid und die Ginkgoflavonoide. Bei dem von der Kommission E positiv bewerteten Spezialextrakt ist das Droge-Extrakt-Verhältnis 35-67 : 1. Das bedeutet, dass ein Gramm Extrakt aus durchschnittlich 50 Gramm Droge gewonnen wird.

Die empfohlene Tagesdosis liegt bei 120 bis 240 Milligramm Trockenextrakt, verteilt auf zwei bis drei Einzelgaben. Als Nebenwirkungen können leichte Magenbeschwerden, Kopfschmerzen oder allergische Hautreaktionen auftreten. Dem Ginkgo widmen das Deutsche und das Homöopatische Arzneibuch je eine Monographie. Homöopatisch werden die Potenzen D 2 und D 6 gegen Mandelentzündungen, Kopfschmerzen und Schreibkrämpfe eingesetzt.

Ginkgoextrakt hemmt die Blutgerinnung. Deshalb sollten Ginkgo-haltige Phytopharmaka vor Operationen sicherheitshalber abgesetzt werden. Patienten mit einer erhöhten Blutungsneigung oder solche, die mit Thrombozytenaggregationshemmern oder Antikoagulantien behandelt werden, müssen vor der Einnahme von Ginkgo-Präparaten ihren Arzt befragen.

Ginkgo gegen Demenz

Das wichtigste Anwendungsgebiet des Ginkgos sind hirnorganische Leistungsstörungen. Als Ursache vermuten Hirnforscher eine im Alter fortschreitende Minderdurchblutung des Gehirns und Veränderungen an den Nervenzellen. Hauptsymptome sind

  • Vergesslichkeit
  • Sprachstörungen
  • Konzentrationsschwäche
  • Schwindel
  • Schnelle Ermüdbarkeit
  • Vermindertes Durchhaltevermögen
  • Schlafstörungen
  • Antriebsarmut
  • Kopfschmerzen
  • Depressive Verstimmungen

Die bekannteste Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit, die etwa die Hälfte aller Fälle ausmacht.

Die anerkannte Primärversorgung von Alzheimer-Patienten sind Acetylcholinesterasehemmer. Einige Fachgesellschaften empfehlen zusätzlich Ginkgo-Präparate zur Behandlung von Demenzen. Ginkgo-haltige Phytopharmaka sind auch in den Entwürfen zur Positivliste für Arzneimittel berücksichtigt. Ginkgoextrakt schützt die Nervenzellen und verbessert den Energiestoffwechsel im Gehirn, außerdem gleicht er einen Mangel an Botenstoffen, den so genannten Neurotransmittern, aus.

Kann Ginkgo auch Gesunde vor einer Demenz schützen? Erste Antworten gibt eine Studie aus dem Jahre 2001, bei der 34 Menschen zwischen 50 und 65 Jahren vier Wochen lang Ginkgoextrakte einnahmen. Der verwendete Spezialextrakt steigerte die geistige Leistungsfähigkeit und die Aktivität. Zur Zeit läuft mit der gleichen Fragestellung eine Untersuchung in den USA. 3000 Senioren, die noch nicht an einer Demenz leiden, erhalten zweimal täglich 240 Milligramm Spezialextrakt oder Placebo. Die Studie läuft vorrausichtlich bis zum Jahr 2007.

Ginkgo lindert Schaufensterkrankheit

Ginkgo verbessert die Durchblutung, wodurch das Gewebe besser mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt wird. Wenn die Arterien in den Beinen verengt sind, kommt es zur so genannten Schaufensterkrankheit, lateinisch "Claudicatio intermittens". Die Beine kribbeln und fühlen sich taub oder kalt an. Beim Gehen schmerzen nach kurzen Wegstrecken die Waden so heftig, dass die Patienten stehen bleiben. In Ruhe lässt der Schmerz nach. Erst wenn die Beine wieder ausreichend durchblutet sind, können die Betroffenen weiter gehen. Dieses Phänomen wird auch Schaufensterkrankheit genannt, weil die Patienten vor Schaufenstern stehen bleiben, als würden sie sich für die ausgestellten Waren interessieren. Doch statt dessen warten sie auf die nächste schmerzfreie Phase. Die Erkrankung birgt einen Teufelskreis: Der Betroffene neigt dazu, immer kürzere Strecken zu gehen und dadurch seinen Kreislauf immer weniger zu trainieren mit der Folge, dass die Schmerzen sich verschlimmern. Ginkgoextrakte durchbrechen diesen Teufelskreis, indem sie die Durchblutung verbessern.

Extrakt verdünnt das Blut

Ginkgoextrakt wird von der Kommission E auch zur Behandlung des Schwindels empfohlen, da er die Mikrozirkulation, also die Durchblutung in den kleinsten Gefäßen, verbessert. Dies gilt nicht nur in der Körperperipherie, sondern auch im Gehirn. Ein Teileffekt beruht auf den verbesserten Fließeigenschaften des Blutes, denn Ginkgo hemmt den Plättchen-aktivierenden Faktor (PAF). PAF wird in Entzündungszellen gebildet, er fördert das Zusammenhaften der Blutplättchen und den Abbau von Fetten aus der Zellmembran.

Jeder vierte Mensch über 60 und jeder zweite über 80 Jahren leidet an Schwindel. Er entsteht durch Durchblutungsstörungen oder altersbedingte Abbauprozesse. Typischerweise äußert sich der Schwindel durch Drehen oder Schwanken des Gesichtsfelds. Auch Benommenheit, Druck- oder Leeregefühle im Kopf sind möglich, ebenso Übelkeit und Koordinationsstörungen. Patienten mit Schwindel sollte prinzipiell zu einem Arztbesuch geraten werden, da er das Symptom einer schwerwiegenden Erkrankung sein kann. Neuere Untersuchungen zeigen, dass Ginkgo auch die Durchblutung des Auges verbessert. Dies könnte bei Augenschäden als Folge eines Diabetes interessant sein. Untersuchungen dazu laufen derzeit.

Bei Tinnitus einen Versuch wert

Chronische Ohrgeräusche, Tinnitus genannt, treten bei etwa zehn Prozent der Bevölkerung auf. Die Geräusche sind entweder permanent vorhanden oder äußern sich anfallsweise als Rauschen, Sausen oder Klingeln. Verursacher sollen auch hier Durchblutungsstörungen sein. Stress, Müdigkeit oder Schlafstörungen verschlimmern den Tinnitus. Auch Bluthochdruck oder Gefäßveränderungen können zum Tinnitus führen. Im Gegensatz dazu hilft Entspannung.

Untersuchungen zum Effekt von Ginkgoextrakt bei Tinnitus führten zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einige Studien bestätigten die Wirksamkeit, andere fanden keinen Effekt, der über das Placeboniveau hinaus ging. Eine Erklärung für das Versagen des Ginkgos könnte in der Krankheitsdauer liegen. Die Studien, in denen sich Ginkgo als unwirksam erwies, wurden mit Patienten durchgeführt, die seit mehr als zehn Jahren an den Ohrgeräuschen litten und als untherapierbar galten. Fazit für das Beratungsgespräch: Ein Versuch mit Ginkgo ist durchaus zu empfehlen, denn das Phytopharmakon besitzt so gut wie keine Nebenwirkungen. Vor einer Selbstbehandlung muss allerdings zuerst ein Arztbesuch erfolgen, damit dieser die Ursachen der Erkrankung abklärt. 

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Schwalbacher Straße 49
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