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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Wilde Malve

Foto: Schöpke

Schleimstoff für die Schleimhaut

von Gerhard Gensthaler

Schon vor 5000 Jahren sollen die Chinesen die Malve gekannt haben. In vielen Gräbern aus der jüngeren Steinzeit finden sich Reste dieser Pflanze als Grabbeigabe. Genutzt werden ihre Blüten und Blätter. Heute gilt sie als wichtige Arzneipflanze bei Katarrhen der oberen Atemwege.

Die Wilde Malve (Malva sylvestris L.) gehört zur Familie der Malvengewächse (Malvaceae). Sie zählt zu den ältesten bekannten Nutzpflanzen. 700 v. Chr. erwähnt der griechische Geschichtsschreiber und Dichter Hesiod die Pflanze zum ersten Mal schriftlich. In der Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. empfahl der griechische Arzt Pedanus Dioskorides, ebenfalls griechischer Arzt, die Malve äußerlich bei Gebärmutterleiden, Darmträgheit, Brandwunden und Insektenstichen.

Die alten Römer bauten sie bereits als Gemüse- und Heilpflanze an. Auch in seiner Verordnung »Capitulare de villis« gibt Kaiser Karl der Große (747 bis 814 n. Chr.) detaillierte Anweisungen für den Anbau der Wilden Malve, die damals als Heilmittel bei verstopftem Magen verwendet wurde. Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179 n. Chr.) kennt die Malve unter dem Namen »Babela« und empfiehlt ebenfalls, sie bei »krankem Magen« zu essen.

Zahlreiche Volksnamen spiegeln die vielseitige Nutzung der Wilden Malve wider, beispielsweise Käslikraut, Katzenkäse, Hasenpappel, Johannispappel, Pissblume und Rossmalve. Der deutsche Name Große Käsepappel hat nichts mit dem Pappelbaum zu tun, sondern bezieht sich auf die schleimhaltigen Früchte, die einem Käselaib ähneln und aus denen die Mütter früher Kinderbrei, sogenannten Papp, zubereiteten. Engländer nennen die Malve mallow, Franzosen mauve sauvage, Italiener malva riondela und Spanier schlicht und einfach malva.

Malvenrost befällt die Blätter

Die zwei- bis mehrjährige krautige Pflanze wächst 30 bis 120 cm hoch. Sie besitzt eine spindelförmige, fleischige Pfahlwurzel, die tief ins Erdreich hineinreicht. Der abgerundete bis kantige Stängel ist mit zahlreichen rauen Büschelhaaren besetzt und wächst normalerweise aufrecht, manchmal auch über den Boden kriechend. In Bodenhähe verholzen die äußeren Teile. Die grasgrünen Blätter sind beidseitig weich behaart und stehen wechselständig an langen Stielen. Auch ihr Stiel ist rau behaart. Das einzelne Blatt ist rundlich bis herzförmig geformt und drei- bis siebenfach gelappt, der Blattrand deutlich gekerbt. Die unteren Stängelblätter sind meist rundlich, tiefer eingeschnitten und fünffach gelappt. Die Blätter weisen oft bräunliche Flecken auf, die von einem schmarotzenden Pilz, dem Malvenrost, verursacht werden.

Die Wilde Malve blüht zwischen Mai und September. Ihre rosavioletten Blüten sind 2,5 bis 5 cm groß. Als besonders charakteristisch fallen dem Betrachter die feinen Längsnerven auf den fünf schmalen Kronblättern auf, deren Färbung etwas dunkler als die restliche Blüte ist. Die Farbe der Blüten beruht auf wasserlöslichen Anthocyanen. Die Blüten der Wilden Malve wachsen meist zu Büscheln in den Laubblattachseln, seltener auch einzeln. Der zwei- bis dreiblättrige Außenkelch wird von lanzettförmigen, schmalen, grünen Blättern gebildet. Innen folgen fünf Kelchblätter. Die Kronblätter überragen den Kelch um das drei- bis vierfache. Sowohl der innere Kelch als auch der Außenkelch sind zottelig behaart. 

Die Wilde Malve bildet zahlreiche Staubblätter. Aus den langen, zu einer Röhre verwachsenen Staubfäden ragt der Griffel heraus. Aus dem Fruchtknoten entsteht eine etwa 1 cm große, scheibenförmige, in der Mitte etwas vertiefte Spaltfrucht. Diese besitzt rings um die Längsachse gleichmäßige Linien. Ist die Frucht ausgereift, zerfallen die Spaltfrüchte an den Scheidewänden in neun bis elf nierenförmige Teilfrüchte. Diese enthalten wiederum nierenförmige Samen.

Besonders charakteristisch für die Malve ist die Verbreitung ihrer Teilfrüchte. Sie hängt davon ab, dass es heftig regnet. Durch die Nässe nimmt der Kelch viel Wasser auf, quillt und öffnet sich. Die herunterfallenden Regentropfen reißen die Teilfrüchte mit, trennen sie voneinander und verbreiten sie. Aufgrund ihres hohen Schleimgehalts quellen auch die Teilfrüchte bei Nässe auf und bleiben am Fell verschiedener Tiere kleben und werden so zu anderen Orten transportiert. 

Die sehr ähnliche Weg-Malve (Malva neglecta WALLR.) unterscheidet sich von der Wilden Malve durch die Farbe der Kronblätter. Die Blüten der Wegmalve sind hellrosa bis fast weiß.

Oft als Unkraut angesehen

Ursprünglich stammt die Wilde Malve aus Asien und Südeuropa. Heute wächst sie in ganz Süd- und Mitteleuropa bis in Höhenlagen von 1800 Meter und kommt sogar in Mittelschweden und Südnorwegen vor. Auch in Amerika, Australien und Südafrika verbreiteten die Menschen diese alte Heilpflanze. Malva sylvestris bevorzugt sonnige Plätze mit trockenem, stick- und nährstoffreichem Boden, vor allem an Wegrändern und in lichten Wäldern. Die Droge stammt hauptsächlich aus dem Anbau in Südosteuropa, doch auch in Indien wird sie kultiviert.

Als Droge werden die getrockneten Blätter (Malvae folium) oder die Blüten (Malvae flos) gesammelt. Gelegentlich wird auch Blattmaterial von der Weg-Malve (Malva neglecta WALLR.) verwendet. Schwarze Malvenblüten (Malvae arboreae flos) stammen dagegen von der Stockrose (Alcea rosea), die nicht zur Familie der Malvengewächse gehört. 

Malvenblüten werden mit dem Kelch jedoch ohne den Stängel während der Blütezeit in den Monaten Juni bis Oktober gesammelt. Die Blätter werden dagegen von Juni bis Anfang September bei trockenem Wetter geerntet. Die Blüten und auch die Blätter müssen danach sofort und sorgfältig an einem luftigen und schattigen Ort getrocknet werden. Beim Trocknen verfärben sich die Blüten dunkelblau. Die Droge (Malvae flos) ist geruchlos, schmeckt schleimig und sollte vor Luftfeuchtigkeit geschützt aufbewahrt werden.

Die frischen Malvenblätter aber auch die zarten Stängel sind eine besondere Köstlichkeit im Wildkräutersalat oder als Gemüse. Wegen ihres Schleimgehaltes werden sie gelegentlich auch zum Andicken von Suppen und Soßen verwendet. Zusätzlich eignen sich Malvenblüten hervorragend zum Dekorieren von Speisen.  

Blüten und Blätter genutzt

Malvenblüten enthalten bis zu 10 Prozent Schleimstoffe, Gerbstoffe und Flavonoide, darunter das Anthocyan Malvin. Der Anthocyangehalt der Blüten ist mit etwa 7 Prozent recht hoch. Dazu gehören außer Malvin noch Malvidin-3-glucosid und Cyanidin-3-glucosid.

Der Schleimstoffanteil in den Malvenblättern beträgt ebenfalls circa 10 Prozent. Durch Hydrolyse liefern sie verschiedene Zucker wie Galactose, Glucose, Arabinose Xylose und Rhamnose sowie etwa 24 Prozent Galacturonsäure. Außerdem enthalten die Blätter Flavonoide, meist als Flavonolsulfat, sowie geringe Mengen an Gerbstoffen (Rosmarinsäure). 

Die Droge wirkt entzündungshemmend, erweichend, reizlindernd und adstringierend. Die Kommission E beim ehemaligen Bundesgesundheitsamt bewertete 1989 die beiden Drogen, Malvenblätter und -blüten, positiv zur Anwendung bei Schleimhautreizungen des Mund- und Rachenraumes, bei Katarrhen des Respirationstraktes und trockenem Reizhusten. 1,5 bis 2 Gramm getrocknete Malvenblüten (etwa 1 bis 2 Teelöffel) werden mit etwa 150 ml kaltem Wasser angesetzt, ganz kurz aufgekocht und nach 10 Minuten abgeseiht. Ein- bis zweimal täglich und abends vor dem Schlafengehen soll eine Tasse frisch bereiteten Tees eventuell mit etwas Honig getrunken werden. Außerdem wird die Droge angewendet bei Entzündungen im Mund, Rachen und der Atemwege sowie äußerlich bei eitrigen Verletzungen und Geschwüren wie Nagelbettentzündungen oder Furunkeln. Aufgrund ihrer krampflösenden Wirkung wird die Pflanze auch bei Magen- und Darmkoliken sowie bei leichten Durchfällen eingesetzt. 

Für Malvenblüten existiert eine Monographie in der 6. Ausgabe der Pharmacopoeae Europeae von 2008 mit dem Titel Malvae sylvestris flos. Zur Hustenlinderung sind die Blüten Bestandteil vieler Brust- und Hustentees, zum Beispiel im Brust- und Hustentee NRF 4.10, Nr. II und Nr. VII. Der Wirkmechanismus beruht auf den enthaltenen Pflanzenschleimen, die mit Wasser eine visköse Lösung ergeben, die die Oberfläche der Bronchialschleimhaut abdeckt und so reizlindernd wirkt. Auch Entzündungen klingen unter diesem Schutzmantel schneller ab. Der Effekt ist rein physikalisch. Schleimstoffdrogen sollten nach Professor Dr. Heinz Schilcher nicht zusammen mit Arzneimitteln geringer therapeutischer Breite, zum Beispiel mit herzwirksamen Glykosiden, eingenommen werden, da die Schleimstoffe deren Resorption vermindern können. Sicherheitshalber sollten die Patienten daher ein Abstand von mindestens einer Stunde zwischen dem Trinken des Malventees und der Einnahme anderer Arzneimittel einhalten. Aufgrund des Anthocyangehaltes wurden Malvenblüten früher industriell als Färbemittel eingesetzt, besonders in der Lebensmittelindustrie.


Rezeptur für Species emollientes

Rp. Malvenblätter 10,0
Fenchelfrüchte
Anisfrüchte ana 5,0
M.f.Species
D.S. 2 Teelöffel zum heißen Aufguss


Bei den Malvenblättern macht man sich ihre leicht adstringierende Wirkung zu Nutze. Dieser Effekt beruht auf den Anthocyanen und deren antioxidativen Eigenschaften. In der Hauptsache werden die Blätter bei Schleimhautreizungen im Mund- und Rachenraum sowie im Magen-Darm-Bereich verwendet. Wer aus den Malvenblättern einen Tee bereiten möchte, nimmt 3 bis 5 Gramm (etwa 2 bis 3 Teelöffel). Die Zubereitung ist die gleiche wie bei den Blüten. Bei Katarrhen der oberen Luftwege, insbesondere bei Laryngitis und Pharyngitis, wird die Droge in der traditionellen Medizin meist zusammen mit milden Expektorantien eingesetzt, wobei eine Tageshöchstmenge von 5 Gramm Droge einzuhalten ist. Der Ergänzungsband zur 6. Ausgabe des Deutschen Arzneibuches enthält eine Vorschrift für Species emollientes (erweichende Kräuter) mit Malvenblättern als Bestandteil. 

Äußerlich weichen Malvenblätter in Form von Kompressen oder Breiumschlägen entzündete Hautstellen auf und fördern die Heilung. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch sind keine unerwünschten Wirkungen bekannt.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
gerhard.gensthaler(at)t-online.de



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