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ARZNEIPFLANZENPORTRÄT

Ginseng

Foto: FloraFarm

Asiatische Wurzel als Lebenselixier

von Ursula Sellerberg, Berlin

Die Ginsengwurzel hat in der traditionellen chinesischen Medizin seit etwa 2000 Jahren einen festen Platz. In Europa ist sie seit dem 17. Jahrhundert als Heilpflanze bekannt. Sie erhöht die Widerstandsfähigkeit gegen Stress und kann die körperliche und geistige Leistung verbessern.

Der in schattigen Gebirgswäldern Ostasiens beheimatete Ginseng (Panax ginseng C. A. Meyer) ist eine mehrjährige Staude aus der Familie der Efeugewächse (Araliaceae). Die Pflanze kann angeblich bis zu 100 Jahre alt werden und erreicht eine Höhe bis zu 80 Zentimetern. Die Blätter sind dunkelgrün und fünfzählig gefingert. Die gelblich-weißen bis weiß-grünlichen 15- bis 30-blütigen Dolden entwickeln sich erst, wenn die Staude mindestens drei Jahre alt ist. Aus den Blüten entstehen scharlachrote beerenartige Steinfrüchte mit je zwei Samen.

Der botanische Gattungsname "Panax" verweist auf die griechische "allheilende" Göttin Panacea, eine Tochter des Äskulap. Der Artname "Gin-seng" leitet sich aus dem chinesischen ab und bedeutet "Menschenwurzel", da sie mit etwas Fantasie der menschlichen Gestalt ähnelt. Die etwa 15 cm lange und circa 2 cm dicke, zylinder- bis spindelförmige Hauptwurzel ist häufig geteilt und mit zahlreichen Nebenwurzeln versehen, wobei sich der Wurzelhals deutlich absetzt. Auf ostasiatischen Märkten sind menschenähnlich gewachsene Ginsengwurzeln besonders begehrt und auch teurer als die Nebenwurzeln.

Wild kommt Ginseng in seiner ostasiatischen Heimat heute fast nicht mehr vor. Er wird aber bereits seit etwa 800 Jahren kultiviert. Die Kultur ist sehr aufwändig: Die Ginseng-Anbauer müssen die schattenliebende Waldpflanze in Kulturen durch niedrige Strohdächer vor direkter Sonneneinstrahlung schützen, und erst nach vier bis sechs Jahren können sie die ersten Wurzeln ernten. Nach der Ernte müssen sie den Boden 10 bis 15 Jahre lang mit anderen Pflanzen bestellen oder brach liegen lassen. Würden sie sofort wieder Ginseng anbauen, so könnte ihn die Wurzelfäule vernichten. Das bedeutet, auf demselben Feld ist frühestens alle 14 Jahre eine neue Ginsengernte möglich. Dies erklärt den relativ hohen Preis von ginsenghaltigen Arzneimitteln. Drogenlieferant ist vor allem Südkorea, das Land produzierte 1998 circa 11.500 Tonnen.

Weiße und rote Ginsengwurzel

Im Handel sind weiße und rote Ginsengwurzeln, deren unterschiedliche Farbe nur durch den Verarbeitungsprozess bedingt ist. Die Monographie des Europäischen Arzneibuches (Ph. Eur. 4. Ausgabe) definiert Ginsengwurzel (Ginseng radix) als ganze oder geschnittene, getrocknete Wurzeln der Stammpflanze Panax ginseng. Ginsengwurzeln, die zum Konservieren vor dem Trocknen mit Wasserdampf behandelt werden, verfärben sich rot und werden hart. Die Färbung ist eine Folge der so genannten "Maillardreaktion", bei der sich - wie beim Braten von Fleisch - aus Zuckern und Aminosäuren durch die Temperaturerhöhung braune Produkte bilden.

Rote und weiße Wurzeln stammen daher von derselben Pflanze und unterscheiden sich nur in ihrer Verarbeitung, kaum hingegen in ihren Inhaltsstoffen oder ihrer Wirkung. Andere Ginsengarten wie der kanadische oder der japanische Ginseng (Panax quinquefolius oder Panax japonicus) sind ebenso wie die rote Ginsengwurzel nicht offizinell.

Die wertbestimmenden Inhaltsstoffe der Ginsengwurzel sind die zu den Saponinen gehörenden Ginsenoside, die vor allem in der Wurzelrinde enthalten sind und in keiner anderen Pflanze vorkommen. Ihr Gehalt steigt mit zunehmendem Alter der Pflanze. So enthält eine vier Jahre alte Ginsengwurzel etwa 1,5 Prozent, eine sechs Jahre alte hingegen etwa 8 Prozent Ginsenoside. Die Ph. Eur. fordert einen Gehalt von mindestens 0,4 Prozent einer Mischung aus Ginsenosid Rg1 und Ginsenosid Rb1. Da der Rindenanteil bei den dünnen Nebenwurzeln größer ist als bei den dickeren Wurzeln, enthalten diese wesentlich mehr Ginsenoside, jedoch mit anderen Wirkungen. Daher werden die Nebenwurzeln nicht von der Ph. Eur. verwendet.

Stärkendes Lebenselixier

Extrakte aus der Ginsengwurzel steigern nachgewiesenermaßen die Abwehrkräfte gegen körperlichen, geistigen und seelischen Stress. Sie dienen nicht der Heilung einer Krankheit. Ginseng wirkt zentral aktivierend, tonisierend und stimuliert die für das Immunsystem wichtigen B-Zellen und T-Helferzellen. Außerdem führt Ginseng zur vermehrten Bildung von Interferon. In verschiedenen Studien an gesunden Menschen zeigten sich nach mehrwöchiger Einnahme vielschichtige Wirkungen: Ginseng stimulierte in belastenden Situationen mild. Zum Beispiel erleichterte er körperliches Ausdauer- und Rehabilitationstraining, da unter anderem die roten Blutkörperchen besser Sauerstoff binden konnten. Spitzensportler ermüdeten nicht so schnell, bei Schichtarbeitern verkürzten sich die Erholungszeiten nach der Arbeit. Auch die geistige Ermüdung verringerte sich, da Ginseng zentral aktivierend wirkt und die Tätigkeit der Hirnrinde erhöht. Außerdem steigerte er das Konzentrationsvermögen, die Aufmerksamkeit und verbesserte die Reaktionszeit und die Koordinationsfähigkeit. Durch eine unspezifische Immunstimulierung wird die Anfälligkeit gegen banale Infekte verringert.

Die bessere Anpassung an Stresssituationen wird auch als adaptogene Wirkung bezeichnet, also als die unspezifische Erhöhung der körpereigenen Abwehr gegen Stressfaktoren verschiedener Art. Dies äußerte sich beispielsweise in der schnelleren Rekonvaleszenz nach Operationen. Manche Autoren bezeichnen Ginseng auch als Phyto-Geriatrikum, also als pflanzliches Mittel gegen das Altern. Bei  gesunden, nicht gestressten Menschen steigert Ginseng die körperliche Leistungsfähigkeit allerdings nicht. Volksmedizinisch gilt Ginseng als Mittel gegen kalte Gliedmaßen, niedrigen Blutdruck, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Impotenz und Unfruchtbarkeit.

Im Handel sind getrocknete Extrakte in Form von Kapseln und Dragees und auch flüssige Zubereitungen. Die Anwendung der frischen Wurzel ist nicht gebräuchlich. Die gemahlene Droge wird auch als Tee zubereitet.

Ausreichend dosieren

Die Kommission E empfiehlt Ginseng als Tonikum zur Stärkung und Kräftigung bei Müdigkeits- und Schwächegefühl, bei nachlassender Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie in der Rekonvaleszenz. Die Dosierung soll laut Monographie der Kommission täglich ein bis zwei Gramm Droge oder mindestens zehn Milligramm Ginsenoside im Extrakt betragen. Diese Dosis entspricht der Drogenmenge, die Chinesen und Japaner zur Prophylaxe einsetzen. Die traditionelle chinesische Medizin sieht in Ausnahmefällen Dosierungen von bis zu sechs Gramm Droge pro Tag vor.

Auf Grund vermuteter hormonartiger Wirkungen empfiehlt die Kommission E die Einnahmedauer der Ginsengwurzel zunächst auf drei Monate zu begrenzen und vor einer erneuten Anwendung eine Pause von etwa drei Monaten zu machen. Wissenschaftler nehmen an, dass Ginsengwurzel unter anderem auf das Zusammenspiel der Hormondrüsen Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde wirkt. Diese steuern unter anderem die Freisetzung der Glucocorticoide, deren bekanntester Vertreter das Kortisol ist. Auf Grund mangelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse sollten Schwangere und Stillende keine Ginsengpräparate einnehmen.

Sinnvolle Kombinationen der Ginsengwurzel mit anderen Drogen sind nicht bekannt. Deshalb sollten PTA und Apotheker Kunden Monopräparate wie Ginsana® G 115 oder Ginseng Twardypharm® empfehlen und informieren, dass die Wirkung erst nach einiger Zeit einsetzt. Außerdem sollten sie darauf hinweisen, dass ginsenghaltige Nahrungsergänzungsmittel aus Drogerien und Supermärkten oder Kombinationspräparate in der Regel unterdosiert und daher nicht empfehlenswert sind.

Als Ersatz für die teure Ginsengwurzel verwenden manche Arzneimittelhersteller die Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus), auch Sibirischer Ginseng genannt. Sie stimuliert vor allem das Immunsystem und stärkt erst in zweiter Linie die Abwehrkräfte gegen Stress.

Alle Studien zu Ginseng betonen seine "Nebenwirkungsarmut", auch die Kommission E nennt für den weißen Ginseng keine Nebenwirkungen. In der Literatur wird das so genannte "Ginsengmissbrauchsyndrom" erwähnt, das in der Kombination mit Coffein auftreten soll. Es macht sich unter anderem durch Bluthochdruck, Schlaflosigkeit, Ödeme und morgendlichen Durchfall bemerkbar. 



Ginseng aus der Nähe bestaunen

PTA-Forum  Deutschlands einzige Ginsengfarm liegt in Niedersachsen: Seit über zwanzig Jahren wächst in den Gärten der FloraFarm hochwertiger Ginseng. Mit interessanten Führungen, Videopräsentationen, Kunstausstellungen, Veranstaltungen, einem Café und Shop ist die FloraFarm ein beliebtes Ausflugsziel der Region Walsrode geworden.

Landwirt Heinrich Wischmann hat die Gärten angelegt. "Etliche Jahre hat es gedauert, bis wir das richtige Saatgut und die geeigneten Wachstumsbedingungen zusammengebracht hatten", betont Wischmann: "Ginseng verlangt lockeren, humusreichen Boden, viel Licht und Luft, aber keine Sonne. Erst nach sechs Jahren erreichen die Wurzeln ihren optimalen Gehalt an Ginsenosiden, und erst dann werden sie geerntet."

Die Ginsengwurzeln werden direkt und als Extrakt in Kapseln vermarktet. Die Firma bietet auch eine Kosmetikserie an, die gerade um weitere Produkte für Hautprobleme, zum Beispiel Schuppenflechte oder Neurodermitis, ergänzt wurde.

Von Mai bis September öffnet die FloraFarm ihre Pforten zu den Ginseng-Gärten. Zahlreiche Besucher informieren sich in einer fachkundigen Führung über Wirkung und Qualität des Ginseng. Eine günstige Gelegenheit, einmal den charakteristischen Geschmack der Ginsengwurzel zu testen! Wer die Welt des Ginseng auf eigene Faust erkunden möchte, folgt dem Ginseng-Pfad, der vom Hof in die Gärten führt. Samstags und sonntags werden im Stundenrhythmus für die Besucher des Cafés Einzelführungen angeboten.

Gruppenführungen gibt es auf Voranmeldung auch in der Woche. Öffnungszeiten des Ginseng-Cafés sind von Mai bis September täglich von 14 bis 18 Uhr, Verkauf und Beratung montags bis samstags von 8 bis 18 Uhr.

 

FloraFarm GmbH
Bockhorn 1
29664 Walsrode
Tel. (0 51 62) 13 93
E-Mail: info(at)florafarm.de
www.florafarm.de



Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ursula Sellerberg
Wörther Straße 13 A
10405 Berlin



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